Aber ich bin laut


«And all life’s fears could invade my ears.
I can handle it.»
The Chameleons



«Schiri, wir wissen wo dein Auto steht.»
Unbekannt



1

«Geh! Das bist du», schreit ein Typ neben mir, obwohl wir uns nicht kennen.
Ich will ihn fragen, ob das mein Name war. Aber ich habe Angst vor der Antwort. Ich hoffe, ich habe mir meinen Namen falsch gemerkt.

Jetzt ist er wieder da. Mein Name. Laut und schief klammert er sich an mich, mit der Stimme meines Lehrers. Herr Schmandra erklärt mich schon wieder zum Sieger.

«Geh‘, Lu», höre ich immer lauter neben mir. «Geh!»
Jetzt gehe ich. Ich geh‘ ja schon.

Meine Mitschüler machen mir Platz. Es ist, als würde ich ihnen Muskeln zeigen, von denen ich selbst noch nichts weiß. Vorhin, beim 1000-Meter-Lauf, sind mir alle davongerannt. Jetzt bin ich der Einzige, der sich noch bewegen darf. Das ist falsch, denke ich. Die können mich nicht einfach aufs Podest lassen. Da gibt es doch sicher ein Naturgesetz dagegen.

Trotzdem steige ich mühelos aufs Treppchen. Von dort oben sehe ich sie. Da stehen alle, die besser waren als ich. Es müssen Hunderte sein.

«Der?», höre ich jetzt. «Wieso der?»
Ich kann die Frage nicht beantworten. Ich kann sie nur hören. Immer wieder.
«Wieso der?»

Ich sehe meinen besten Freund Kneter in der Menge. Wir sehen uns an. Ich warte auf ein geheimes Signal von ihm. Er sieht von dort doch viel besser, was ich machen soll, aber ich merke, dass auch er es denkt: «Wieso der?»

Jetzt bricht Jubel aus. Diesmal hört er sich echt an. Mit dem Gesicht eines Spielverderbers beobachte ich, wie der Zweit- und der Drittplatzierte auf mich zukommen. Sie steigen das Treppchen hoch und stellen sich links und rechts neben mich. Sie winken. Sie lachen. Sie tun so, als könnte man sich hier oben bewegen. Entsetzt bemerke ich jetzt, was sie mit ihrer Fuchtelei anrichten: Sie locken Schmandra an. In seiner Hand baumeln Medaillen. Ich will keine davon. Ich will, dass Schmandra diese Show endlich beendet. Aber er macht weiter. Als wäre ich eine Hausaufgabe, die er vergessen hat. Und weil er der Lehrer ist, weiß er, dass ihn niemand dabei erwischt. Ehrfürchtig hängt mir Schmandra die Medaille um. Wie schwer die ist. Fast kippe ich um, weil mich das Gewicht so überrascht. Vielleicht sollte ich jetzt jubeln. Vielleicht macht das alles leichter. Aber meine Lippen zittern. Sie fühlen sich an wie meine Arme, als ich mal den Kühlschrank tragen musste. Ich glaube, die Medaille wiegt genauso viel. Ich glaube, gleich knackst etwas. Wie damals beim Kühlschrank. Ich versuche zu hören, ob mein Körper noch da ist. Aber die Medaille sperrt mich aus. Sie hängt an mir wie ein nasser Fleck aus Pisse. Und ich kann sie da nicht wegheben. Wenn ich jetzt nach ihr greife, ist das, als würde ich mir vor allen Leuten an den Schwanz fassen. Ich glaube, es dauert Stunden, bis Schmandra die Veranstaltung beendet. Das ist also ein Sieg, denke ich. Ich will nie wieder irgendwas gewinnen.



2

«Die haben dir also 1000 Punkte zu viel gegeben.» Kneter sieht mich vorwurfsvoll an. Vielleicht glaubt er, ich habe mir das alles ausgedacht. Seit meiner Gefangenschaft auf dem Podest frage ich mich, ob andere sehen können, was ich denke. Kneter verstärkt diesen Verdacht: «Ich hab‘ dir zugeschaut, als du da oben warst…» Er sagt das, als wüsste ich es nicht. «… du hast ausgesehen, als hättest du das Denken verlernt.»
«Hat man gesehen, dass ich da nicht rauf gehöre?», frage ich. Ich spüre die Antwort, bevor Kneter was sagt. Und Kneter sagt sofort etwas: «Jeder hat gesehen, dass du da nicht raufgehörst.»
Ich würde jetzt gerne gehen. Aber wir sind immerhin an unserem Lieblingsort: dem Boden in einer Seitengasse der Altstadt. Also bleibe ich. Kneter setzt sein Bier an und trinkt. Als er die Flasche wieder abstellt, erinnere ich mich, wie ich vom Podest heruntergestiegen bin. Es waren nur zwei Schritte, aber die waren anstrengender als das ganze blöde Sportfest.
«Was hat Schmandra dir eigentlich im Büro gesagt?», fragt Kneter.
«Er hat gesagt: ‚Das hätte nie passieren dürfen.‘ Das war wohl ein IT-Fehler.»
«Mich wundert das nicht», giftet Kneter. «Da hat einfach ein krankes System versagt. Selbst wenn du wirklich gewonnen hättest. Was ist das schon? 1000 Punkte bei einem Sportfest. Glaubst du, irgendjemand interessiert sich für Punkte?»
«Jetzt interessiere ich mich dafür», gebe ich zu.
«Das ist aber jetzt nicht wichtig! Wir sind wegen einer Aktion hier. Sind wir doch, oder?»
«Von mir aus.»
«Also. Da helfen uns deine Punkte nicht.»
«Was willst du machen?», frage ich.
«Ich würde sagen: Auf Kommando stehen wir auf. Faust ballen. In die Luft strecken. Dann die Parole und dann durch die Altstadt.»
«Welche Parole?»
«Es muss was sein, was jeder kennt.»
«Wieso brauchen wir überhaupt ne Parole?»
«Weil wir damit Druck erzeugen wollen. Also denk‘ dir mal was aus.»
«Was wollen wir eigentlich?»
«Wir wollen hier raus», sagt Kneter.
«Ok, ich will wirklich hier raus.»
«So wörtlich meinen wir das nicht. Eigentlich wollen wir es hier nur besser haben als vorher. Verstehst du?»
«Ich will trotzdem hier weg.»
«Wo willst du denn hin?», fragt Kneter.
«Weiß nicht. Alles ist besser als hier zu bleiben. Aber keine Angst, ich helf‘ dir schon beim Schreien.»
«Ich will nicht hier weg …» Kneter sieht mich erhaben an. «… hier gibt’s Bier und wir sind ungestört. Wie lange sitzen wir jetzt schon hier, hm? Und hast du da schon einen Menschen vorbeikommen sehen?»
«Eben. Wann sieht man hier schon mal Menschen?»
«Wenn wir schreiend durch die Straße laufen, sehen wir Menschen.»
«Aber die will ich nicht sehen! Und ich will nicht, dass die mich sehen! Dann schrei‘ ich lieber nicht.»
«Du schreist!», ordnet Kneter an.
«Dazu müsste ich erstmal wissen, was…»
«Schrei einfach.»
«Keine Parole?»
«Stimmbänder ölen!»
Diese Stimme. Wie laut der ist.
«Und jetzt raus!»



3

Das war mal meine Welt. Jetzt klopf‘ ich mit dem Hammer drauf rum. Immer auf die gleiche Stelle. Mein Baumhaus ist morsch geworden. Bald wird es einstürzen, hat mein Vater gesagt. Deshalb bauen wir es jetzt selber ab. Ich glaube nicht, dass es einstürzt. Aber ich kann nicht erklären, wieso ich das glaube. Meistens glaubt mir mein Vater nur, wenn ich gute Erklärungen habe. Und mein Gefühl ist keine Erklärung. Jetzt sitzen wir hier zu dritt und klopfen, so laut wir können. Die Musik hilft uns beim Zerstören. Mein Vater hat sie aufgedreht. Die Bässe hämmern stärker ins Holz als ich. Kneter zieht jetzt Nägel aus der Decke. Er sieht aus, als würde ihm das Spaß machen. Er zieht einen Nagel nach dem anderen ab. Ich will, dass mein Baumhaus stehen bleibt. Ich will einen Weg finden, den Verfall zu stoppen. Mir fällt etwas ein: Ich zerstöre nur die kleine Stelle, auf die ich jetzt klopfe. Den Rest lass‘ ich ganz. Ich klopfe einfach gegen die Zerstörung an. Ich halte den Hammer ganz fest, als könnte ich meinen Vater und Kneter damit beeindrucken, wie vertraut mir das Werkzeug ist. Aber ich merke, dass mir der Hammer nicht gehorcht. Ich haue neben die Stelle, auf die ich gezielt habe. Mein Handballen schlägt auf dem Boden auf. Ein Splitter bohrt sich in meine Hand. Das ist ein Teil von meinem Baumhaus. Es schlüpft in mich rein. Der Splitter sticht wie ein Insekt, das sich in mich eingräbt. Wie warm sich der Schmerz anfühlt. Ich beschütze ihn. Er darf da jetzt für immer bleiben. So wie ich damals in meinem Baumhaus. Ich sehe, wie mein Vater die Balken hoch drückt. Jetzt ist die Decke geknackt. Mein Vater dreht sich. Das Brett dreht sich mit ihm. Es ist so leicht. Es klatscht auf die Wiese wie ein nasses Stück Stoff.

Jetzt sitze ich auf den Trümmern im Gras. Die Reste meines Baumhauses verteilen sich um mich. Ich habe den Hammer gegen eine Säge getauscht. Meinen Griff ändere ich nicht. Ich drücke fest auf die Säge. Ich will diesen Schmerz behalten. Während ich säge, schaue ich auf die Ruine. Die Wand ist jetzt offen. Das Dach ist weg. Die Musik dröhnt ungebremst ins Freie. Kneter wütet da oben einfach weiter herum. Wieviel Energie der hat. Ich hätte das verhindern müssen. Aber wann? Und wie?

«Hey Lu, träumst du?»
Ich schrecke auf. Bea. Meine große Schwester steht neben mir. Sie dreht die Musik leiser.
«Sorry, dass ich’s nicht eher geschafft habe. Ihr seid ja schon ziemlich weit», sagt sie.
«Geht.»
«Kann ich noch was helfen?»
«Nein, die kriegen’s hin.»
«Was machst du denn?»
«Klopfen und sägen.»
«Haben sie dich rausgeschmissen?»
«Wie kommst du denn da drauf?»
«Du wirkst so, als wärst du rausgeschmissen worden.»
«Ich bin freiwillig hier», versuche ich mich rauszureden.
«So wie bei der Siegerehrung? Oh mein Gott! Ich hab dich da oben auf dem Podest gesehen!»
Ich will das jetzt nicht hören, also schaue ich weg.
«Dass die nicht vorher gemerkt haben, dass das nicht stimmen kann», sagt Bea.
«Du hast mich nicht werfen sehen», protze ich. «So groß sind die Unterschiede da nicht.»
«Lu, pass einfach auf, dass du dir nicht weh tust beim Sport.»
«Ich passe immer auf, dass ich mir nicht weh tue!»
«Dann muss dir die Schule ja ziemlich weh tun.»
«Das weißt du doch.»
«Ich wusste nicht, dass du sie schmeißen willst.»
«Wissen das jetzt schon alle?»
«Mama hat erzählt, dass du nach diesem Jahr abbrechen willst.»
«Ich will einfach arbeiten! Das liegt mir viel mehr als die ganze Theorie», gebe ich an. Ich spreche das entschlossen aus, als könnte ich Bea damit zeigen, wie durchdacht alles ist, was ich mache.

Jetzt sehe ich, dass auch die Wände meines Baumhauses weg sind. Wenn ich es weiter aus den Augen lasse, verschwindet es vielleicht, ohne dass ich mir merken kann, wie das alles zerstört wurde. Kneter und mein Vater arbeiten so gut zusammen, als wären sie seit Jahren ein Team, das meine Welt vor meinen Augen auseinander nimmt.

«Du und arbeiten», stichelt Bea weiter.
«Was soll das denn heißen?»
«Ich hab dich noch nie arbeiten sehen.»
«Eben. Dann wird’s Zeit.»
Ich fühle mich überrumpelt. Wirklich eilig habe ich es eigentlich gar nicht, mit der Arbeit. Aber ich will endlich frei sein. Ich weiß, dass ich es nie auf die Uni schaffen werde. Trotzdem sehe ich eine Chance, hier raus zu kommen: Supermärkte. Die gibt es überall. Ich muss nur die Ausbildung überstehen, dann kann ich mir die Stadt aussuchen, in der ich lebe und arbeite. Per Edeka ad astra. Oder so. So gut habe ich in Latein aufgepasst, um zu wissen, was das heißt. Ich sehe Bea gnädig an. Ich gebe ihr noch eine Chance, mich zu verstehen. Dieser Blick muss dafür vorerst reichen.



4

Ich sitze auf der Fensterbank und sehe in die Nacht. Ich höre alte Musik. Sonic Youth. Als «Schizophrenia» zu Ende ist, schiebe ich das Youtube-Video zum Anfang zurück. Ich wüsste jetzt gern, ob ich traurig bin, aber da ist niemand, den ich fragen kann. Alle sind woanders. Alle liegen verstreut herum: meine Eltern und Bea in ihren Betten, die Einzelteile meines Baumhauses im Gras. Ich bin das einzige Teil in dieser Konstruktion, das noch nicht an seinem Platz ist. Jetzt bleibe ich einfach wach, bis ich die Konstruktion verstehe. Ich bleibe wach, bis ich weiß, wie ich mich fühle.

Mein Handy vibriert. Ohne aufs Display zu sehen, weiß ich, wer das ist. Ich schaue zum Haus auf der anderen Straßenseite. Dort, im zweiten Stock, sitzt Kneter im Fensterrahmen. Im Licht der Straßenlaterne ist nur ein Umriss von ihm zu erkennen. Aber ich weiß genau, dass er mich jetzt anschaut. Ich will wegsehen, aber ich schaue aufs Display.

Kneter schreibt: Was los bei dir?
Ich schreibe: Nichts. Bisschen Musik. Bei dir?
K: Nur Musik?
Ja
K: Wie bist du denn drauf? Komm mal rüber. Bei mir is keiner da.
Heute nicht. Ich geh gleich pennen
K: Immer pennen
Ich bin echt platt von der Arbeit
K: Du hast doch kaum was gemacht
Ja, bin das einfach nicht gewöhnt
K: Komm auf ein Bier vorbei und lass drüber quatschen.
Bin echt müde, Sorry
K: Schon klar. Wie geht das?
Wie geht was?
K: Müde sein

Ich habe keine Lust mehr zu antworten. Ich überlege, wie ich jetzt sensibel und bestimmt das Gespräch beenden kann, aber ich weiß, dass Kneter einfach immer weiterschreiben wird. Ich bewundere ihn für seine Entschlossenheit. Ich will ihm das erklären, aber ich merke, dass ich keine Energie mehr zum Tippen habe. Ich stelle den Chat stumm und gehe ins Bett.

Liegen fühlt sich anders an, seit der Siegerehrung. Ich denke, ich bin so untalentiert, dass ich sogar hier auf meiner Matratze etwas falsch mache. So seitlich wie ich jetzt liege, kann das nicht gesund sein. Wahrscheinlich hole ich mir ein krummes Kreuz, wenn ich so bleibe. Ich dreh‘ mich lieber auf den Rücken. Mist. Jetzt sind meine Gelenke zu angespannt. Das war doch schon mal anders. Ich hab‘ doch irgendwann mal gedacht, dass ich was richtig mache. Aber das einzige, was mir einfällt, ist das Quiz im Musikunterricht. «Smalltown Boy». Seitdem nennen die mich so. Nur, weil ich ein Lied richtig erraten habe. Das hat sie wirklich erstaunt, dass ich das weiß. Dabei war die Antwort so leicht. Ich hab‘ mich fast geschämt, dass ich der einzige war, der das wusste. Die wissen einfach nicht, wie oft ich hier liege und Musik aus der Vergangenheit höre. Als könnten die Toten mich trösten. Ok. Zum Glück leben die noch. Und ihre Musik erst. Wie machen Musiker das? Die gehen auf Bühnen und lassen sich feiern. Das Podest bei diesem Scheiß Sportfest war meine Bühne. Vielleicht die einzige, auf die ich es jemals schaffe. Und selbst da hab ich mich raufgeschlichen. Weil mein Lehrer meinen Namen gesagt hat. Mein Gesicht. Wie starr das noch immer ist. Ich will aus dieser Visage raus.

Immerhin funktioniert mein Handy noch. Ich mach‘ die Playlist an.

«There is no end to this». New Order. Ich bin bei «Procession» hängen geblieben. «Alone, alone, alone». Dieses Wort. Es liegt vor mir, wie ein Selbstporträt. Ich mag das Gesicht darauf viel lieber als das von vorhin. Mein Gesicht. Eigentlich sollten da irgendwelche klugen Antworten rauskommen. Oder zumindest Zeichen, dass ich am Leben bin. Aber mein Gesicht ist wie ein nutzloser Vorhang. Und jeden Tag wickele ich mich wieder darin ein. Jetzt ist das Teil weg. Als käme da, wenn ich Play drücke, ein Hausmeister, der mich befreit und den Stoff einfach zur Seite schiebt. Jetzt sehe ich das, was ich wissen will. Die einzigen Fragen, die mich wirklich interessieren: Wie berühre ich jemanden? Wie berühre ich jemanden wirklich? Wie halte ich jemanden, ohne ihn festzuhalten? Wie lasse ich mich fallen, ohne jemand anderen fallen zu lassen? «It’s a problem, you know», sagt der Song. Ich weiß! Ich weiß das doch, denke ich. Dann starte ich das Lied von vorn.



5

Als seriöser Kaufmann habe ich die Beine übereinandergeschlagen. Die Bügelfalte meiner Hose ist akkurat. Mein Jackett sitzt locker, genau wie die Krawatte, die ich mir selbst gebunden habe. Mir gegenüber sitzt Herr Woigl. Er ist Marktleiter. Ich habe ihm eine unwiderstehliche Bewerbung geschrieben. Ich will Verkäufer werden. Jetzt sofort.
«Also, deine Noten sind schon ein bisschen problematisch», sagt er.
Deswegen sitze ich hier und nicht in der Schule, denke ich. Und sage nichts.
«Aber dein Anschreiben hat mir gefallen. Du bist motiviert. Das mögen wir hier.»
Stundenlang habe ich an dem Anschreiben herumgedoktert. Konzipiert war das als Manifest, in dem alles steht, was ich in meiner Lehrzeit zu sagen beabsichtige. Ich merke, dass mein Vorsprung jetzt schon dünn wird.
«Was reizt dich denn am Berufsbild des Verkäufers?» fragt Herr Woigl.
«Die Arbeit mit Menschen», wiederhole ich die Worthülse, die ich auch in meinem Anschreiben großzügig verwendet habe.
«Ja, das ist ein angenehmer Teil unseres Berufs.»
‚Unser‘ Beruf. Wie schön das klingt. Das zu hören freut mich mehr, als ich mir eingestehen will.

«Ich denke, der Beruf könnte dir Spaß machen. Du kannst bei uns ein bisschen Selbstbewusstsein aufbauen.»
Woher weiß der, dass ich Selbstbewusstsein brauche? Bevor ich los bin, habe ich extra nochmal in den Spiegel geschaut. Heute habe ich keine einzige Schwachstelle finden können. Ich rücke mich zurecht. Ich halte für eine Sekunde Blickkontakt, dann schiele ich auf den Kugelschreiber neben dem Laptop.
«Wo soll ich unterschreiben?» frage ich energisch.
«Du kannst auch erst mal einen Probetag hier arbeiten, wenn du magst.»
«Einen Probetag?»
«Da bekommst du nochmal einen genaueren Einblick in das Berufsbild.»
Ich mag das Berufsbild auch so, denke ich. Ich mag alles, was ich darüber gelesen habe. Ich dachte, er kann das spüren. Aber er sieht mich an und erwartet offenbar eine Antwort.
«Ich schaue mal, wann ich Zeit habe», biete ich ihm großzügig an.
«Jetzt gleich würde auch gehen.»
«Jetzt gleich?» Dieser Druck hier. Mir wird heiß. «Äh, ein Freund wartet draußen auf mich.»
«Tja, daran wird er sich gewöhnen müssen, wenn du hier anfängst», sagt Herr Woigl und zuckt die Schultern.
«Also, was meinst du?»
«Klar», antworte ich so sicher, wie ich kann. «Ich will alles über unseren Beruf wissen. Am liebsten jetzt gleich.»

Unser Beruf. Er macht mir Spaß. Dauernd passiert etwas. Überall gibt’s was Neues zu sehen. Ganz schön spannend, so ein Becher. Was da alles drauf steht: Calcium unterstützt die Muskelfunktion und trägt zur Erhaltung von Knochen und Zähnen bei. Und hier! Noch besser: Enthält biologisch aktive Biogarde-Markenkulturen mit Lactobacillus acidophilus und Bifidobakterien. Wie flüssig sich das liest. Das sind Worte, die alles erklären können. Mal schauen, was da noch alles steht.
«Willst du das auswendig lernen?» Herr Woigl kniet neben mir und schaut mich von der Seite halb streng, halb schmunzelnd an. Ich sehe, dass er gleichzeitig sprechen und im Zeitraffer Joghurt ins Kühlregal räumen kann. Ich will ihm zeigen, wie lernfähig ich bin und stelle sorgfältig die Buttermilch ins Regal.
«Erst die alte Ware raus, dann die Neue rein», erklärt Herr Woigl. Ich habe gar nicht gesehen, dass er die alten Sachen ausgeräumt hat. Ist das Schikane oder hab‘ ich nicht aufgepasst? Ich konzentriere mich jetzt. Ich nehme den Becher wieder raus. Eigentlich interessiert es mich wirklich, was da noch drauf steht.
«Wichtig ist, dass wir bei den Molkereiprodukten schnell sind, da müssen wir auf die Kühlkette achten, verstehst du?»
Ich bin schnell, denke ich. Die Zeit auf dem Siegertreppchen soll nicht umsonst gewesen sein. Irgendwas Gutes muss ich von da oben doch mitgenommen haben. Jetzt sehe ich die Gläser in dem Karton. Eingepfercht stehen sie da. Diese Enge da drin. Die erinnert mich an die ganzen Leute, die beim Sportfest um mich herum standen. Vorsichtig pflücke ich die Gläser da raus. Als könnte ich so für mehr Luft für uns alle sorgen. Sanft stelle ich sie ins Regal. Ganz Sanft. Das Zeug ist zerbrechlich.

Auf einmal sehe ich Kneter. Er irrt durch den Gang. Er sieht aus, als hätte er etwas verloren. Irgendwas Großes. Ich frage mich, ob er mich erkennt. Ich habe mein Sakko gegen einen weißen Kittel getauscht. Ich bin jemand anderes geworden, seit ich hier am Kühlregal stehe. Jetzt treffen sich unsere Blicke. Kneter zögert einen Moment. Dann kommt er entschlossen auf mich zu.
«Was‘ mit deinem Handy los?» fährt er mich an.
«Lautlos», sage ich gedämpft. «Ich muss mich hier konzentrieren.»
«Du hättest Bescheid sagen können, dass du länger brauchst.»
«Ging alles ziemlich schnell», sage ich. Ich merke, dass sich Herr Woigl neben uns aufrichtet. «Für einen ersten Eindruck reicht das jetzt auch. Kommst du nochmal kurz mit ins Büro?», fragt er. Kneter und ich sehen uns an. Mir wird mulmig. Ich habe mich schon wieder unterbrechen lassen. Das hätte nicht passieren dürfen. Ich brauche den Job. Sonst komme ich nie aus diesem Sumpf raus, in den ich mich in der Schule manövriert habe.

30 Minuten später bin ich wieder im Sakko. Es ist zum Sakko eines Arbeiters geworden. Ich habe unterschrieben. Der Vertrag ist sicher in meinem Rucksack verstaut. Der Rucksack fühlt sich so leicht an, als wäre darin jetzt alles, was ich jemals brauchen werde. Ich fühle mich frei. Diesmal habe ich wirklich alle abgehängt. Und ich musste nicht mal Rennen dafür. Für meinen Triumph war nur nötig: ein Supermarkt, ein paar Gläser und ein weißer Kittel, der mir gar nicht so schlecht steht. Ich bewege mich endlich wieder aus eigener Kraft. Das spüre ich.
«Was hat er gesagt?» fragt Kneter, der vor dem Laden auf mich gewartet hat. Jetzt schlendern wir die Straße hinunter.
«Wir kriegen das schon hin.»
«Sonst nichts?»
«Sonst kaum was», untertreibe ich. «Du musst noch sehr viel lernen», hat er noch gesagt. Und: «Wir müssen noch ein bisschen arbeiten, wenn das was werden soll, aber zum Arbeiten sind wir ja hier.» Und: «Ein bisschen skeptisch bin ich schon. Aber wir brauchen dringend Leute, das sag‘ ich dir ganz ehrlich.» Ich habe genickt. Zu allem. Dann habe ich unterschrieben. Jetzt weiß ich endlich, wer ich bin: Ich bin ein Arbeiter. Einer von denen, die zupacken und auch ein Sakko ausfüllen können. Ich flöße mir fast schon selbst Respekt ein.
«Hast du dir mal überlegt, was ich den ganzen Tag machen soll, wenn du bis acht im Supermarkt rumhängst?», fragt Kneter.
«Ich hänge nicht rum. Ich arbeite. Du kannst ja auch dort anfangen.»
«Danke, ich mach‘ Abi.»
«Guter Plan. Du packst das auf jeden Fall.»
«Natürlich pack‘ ich das. Kein Plan, wieso du dich so angestellt hast.»
«Zum Glück ist das jetzt vorbei.»
«Und ich dachte, du willst weg von hier», sagt Kneter.
«Das geht ja auch ohne Abi.»
«Bin ich gespannt.»
«Und was willst du mit Abi, wenn du sowieso bleiben willst?», frage ich.
«Ich will den Idioten hier beweisen, dass ich was kann», sagt Kneter.
«Das will ich auch», sage ich. «Ich will beweisen, dass ich was kann. Ich will beweisen, dass ich arbeiten kann.»
«Wir müssen jetzt erstmal an uns selbst arbeiten, und nicht dauernd für andere», sagt Kneter.
«Das gehört doch alles zusammen», gebe ich undurchsichtig zurück, weil ich hoffe, dass diese Aussage Kneter zum Nachdenken anregt. Ich merke, dass sie das tut, aber anders, als ich mir vorgestellt habe.
«Lass‘ mal die Aktion von letztens zu Ende bringen», sagt Kneter.
«Jetzt?»
«Natürlich jetzt! Wir sind eh schon spät dran.»
«Ich kann nicht. Ich bin platt von der Arbeit.»
«Nicht dein Ernst. Du hast gerade mal 20 Minuten Probe gearbeitet!»
«Die Zeit fühlt sich da ganz anders an», prahle ich, aber Kneter zeigt sich unbeeindruckt: «Wenn du als Arbeiter keine Energie mehr zum Protestieren hast, wirst du ausgebeutet», rattert er staatstragend herunter.
«Morgen hab‘ ich wieder Energie dafür.»
«Morgen», schnaubt er verächtlich.
Kneter ist viel zu alarmiert. Ich will die Situation neutralisieren. Versöhnlich halte ich ihm die Flasche hin. Ein Friedensangebot, das er nie ausschlägt. Wir stoßen an und trinken. Wir sehen uns um, als könnten wir hier etwas finden, das wir noch nicht kennen. Ich nehme gleich noch einen Schluck, weil ich so während des Gehens in den Himmel schauen kann. Da sieht es immer so aus, als wäre mehr los als hier. Ich trinke, bis das Bier leer ist. Die Flasche stelle ich auf einem Stromkasten ab. Irgendjemand geht an uns vorbei. Ich habe nicht auf ihn geachtet, aber ich habe eine Idee: «Krass!», flüstere ich aufgeregt. «Hast du den gesehen?»
«Wen?», fragt Kneter.
«Das war Bernard Sumner», erfinde ich.
«Wer?»
«Der Sänger von New Order.» Ich weiß, dass Kneter sich nicht für Musik interessiert. Aber weil er immer so alarmiert ist, will er auch immer wissen, was hier passiert, also habe ich seine Aufmerksamkeit sicher. «Da läuft er», sage ich und deute zu dem Mann, der jetzt um die nächste Ecke biegt.
«Keine Ahnung, wer das war», sagt Kneter.
Ich will mit meinem Gefühl von der Arbeit alleine sein. Ich will es richtig einordnen, dazu brauche ich einen Moment für mich. Jetzt spüre ich, dass ich da ran kommen kann:
«Komm, wir finden’s raus!»
Bevor Kneter antworten kann, sprinte ich los. Nach ein paar Metern weiß ich: Ich habe ihn abgehängt. Kneter war einer der wenigen, die bei den Bundesjugendspielen noch langsamer waren als ich. Obwohl der Abstand jetzt schon groß ist, renne ich einfach weiter. Jetzt laufe ich ganz anders als im Wettkampf. Ich fühle mich, als würde ich zum ersten Mal laufen. Als hätte ich endlich gelernt, worum es da geht. Ich keuche das Geheimnis meiner neuen Geschwindigkeit raus, wie eine Vokabel, die ich mir gemerkt habe und stolz präsentiere. Jetzt höre ich die Lautstärke um mich herum. Mechanischer Krach begleitet mich. Ich merke, dass ich ihn selbst erzeuge. Ich schnaufe so laut, dass es in mir ganz still wird. Jetzt habe ich alle Geräusche aus meinen Körper gekeucht. Ich erinnere mich, dass der Gleichgewichtssinn in den Ohren ist. Aber ich glaube, ich habe keine Ohren mehr. Also auch kein Gleichgewicht. Ich verknote mich. Ich bin zu schnell für meinen Körper geworden. Ich kann nicht mehr. Ok. Bremsen. Stehenbleiben. Zum Glück sieht niemand, dass ich aufgebe. Ich gehe in die Hocke und schnaufe durch. Leicht überfordert blicke ich mich um. Wo bin ich? Mist. Da drüben am Brunnen sitzen welche. Die sehen mich an. Schnell weg. Ich gehe weiter. Ich weiß ganz genau, wer da sitzt. Es sind Milena und Rike, zwei Mädchen aus meiner Parallelklasse. Sie haben mich nie beachtet, also gehe ich einfach vorbei, als wäre nichts. Obwohl ich noch immer viel zu laut schnaufe, fühle ich mich sicher. Sie nehmen mich nicht wahr. Ich bin ein Geist. Ich muss mich nicht mal verstecken. Ich kann sie einfach unbemerkt anschauen. Milena mit ihrer Jungsfrisur und der hellen Jeansjacke, die so gut zu ihrer blassen Haut passt. Rike, die in ihrem schlabbrigen Sommerparka fast verschwindet.
«Übst du schon für die nächsten Spiele?», höre ich. Irritiert bleibe ich stehen und drehe mich zu ihnen um.
«Irgendwie schon», sage ich zu Milena, weil sie so schräg grinst.
«Gratulation zum Sieg», sagt Rike. Ich kann keine Ironie hören. Sie scheint das ernst zu meinen.
«Was sind schon Siege?», winke ich ab und versuche, cool auszusehen.
«Wir haben gefeiert, dass du dich da einfach raufgestellt hast», sagt Milena.
Das war ein Irrtum, will ich sagen. Das war nicht mein Sieg, will ich sagen. Aber ich sage nichts. Das kranke Schweigen, das nun entsteht, wird von einem Keuchen unterbrochen, das langsam näher kommt. Ich drehe mich um. Kneter. Schwer atmend stellt er sich neben mich und stützt die Hände in die Hüften. Er ist zu platt, um was zu sagen.
«Haben wir jetzt die halbe Stadt aufgescheucht?», fragt Milena.
«Hey, wir sind die ganze Stadt!» ringt sich Kneter laut schnaufend ab.
Rike vergräbt sich tiefer in ihren Parka. «Das befürchte ich auch.»
«Habt ihr Bernard Sumner gesehen?» frage ich.
«Wen?»
Die beiden sehen sich an. Sie grinsen. Ich sehe, dass sie nicht antworten werden. Ich sehe, dass das keine Frage war, die uns jemand in unserer Welt beantworten kann. Jetzt sehen sie uns an wie zwei Außerirdische. Aber irgendwas in mir sagt mir, dass sie Außerirdischen nicht feindlich gestimmt sind.



6

Ich bin euphorisch. Heute war mein letzter Schultag. Neun Jahre lang habe ich gelernt. Jetzt sitze ich schlau geworden im Wohnzimmer von Kneters Eltern. Ich hocke mit einer Flasche Wein auf dem Teppich und lehne mich an die Couch. Endlich frei, denke ich. Alle Fesseln sind weg. Stark waren die. Aber ich bin stärker. Ein befreiter Entfesselungskünstler bin ich. Und jetzt hab‘ ich Zeit für alles. Endlich Zeit. Kneter sitzt mir gegenüber. Er ist abwesend. Vertieft spielt er auf seinem Handy rum. Dann schaut er mich plötzlich an.
«Wieso bist du gestern einfach so davon gelaufen?», fragt er.
Meine Flucht gestern. Die hatte ich schon ganz vergessen. Kneter offensichtlich nicht. «Weißt du, wie sich das anfühlt, wenn einfach jemand davon rennt?» Kneter sieht mich streng an. Verletzt sieht er aus. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich weiß, dass es keine gute Idee war, einfach wegzurennen. Weit sind wir beide nicht gekommen.
«Sorry, das war einfach ein Impuls», sage ich.
«Ok», sagt er milde. Ich bin erstaunt, dass das so schnell für ihn erledigt ist, dann sagt er: «Jetzt schuldest du mir einen.»
«Was?»
«Das war dein Impuls. Und jetzt kommt meiner.»
«So rechnet man das doch nicht.»
«Was verstehst du schon vom Rechnen?»
«Nicht viel», gebe ich zu, obwohl ich weiß, dass das alles jetzt nichts damit zu tun hat.
«Dieser Typ gestern. Wie hieß der?»
«Bernard Sumner.»
«Wir werden nie rausfinden, ob der das wirklich war», sagt Kneter.
«Ja, wahrscheinlich.»
«Stört dich das nicht?
«Was?»
«Dass wir nie wissen, was hier alles passiert.»
«Hier passiert doch nix.»
«Hier passiert was!», beharrt Kneter.
«Was denn?»
Er tippt auf seinem Handy herum und richtet die Kamera auf mich. Ich sehe woanders hin. Das fühlt sich an, als würde mich etwas an die Wand drücken. Mir bleibt die Luft weg.
«Weißt du, warum hier nichts passiert?», fragt Kneter.
«Mach‘ mal die Kamera aus», sage ich genervt.
«Weil wir nichts machen.»
Kneter drückt auf dem Handy rum. Ich glaube, er zoomt.
«Wir sind da.»
«Na und? Wen interessiert das!?», sage ich lauter, als ich will. Er hat mich. Ich schaue aufgewühlt zurück. Mitten in die Kamera. Dorthin, wo er mich haben will. Ich fühle mich noch immer zu gefesselt, um aus dem Bild zu gehen.
«Dir ist das wirklich unangenehm», sagt er überrascht und nimmt die Kamera runter.
«Ja», sage ich.
Ich lösche das gleich, denke ich. Ich stehe jetzt auf und lösche das alles. Und ich stehe wirklich auf, aber nur um aufs Klo zu gehen, ohne zu müssen.

Schmal sehe ich aus. Die Augen eingefallen. Der Blick glasig vom Wein. Die Lippen verkniffen, als würden sie torkeln, sobald ich sie bewege. Wenn ich jetzt sterbe, wird Kneters Video mein letztes Lebenszeichen sein. Das muss ich unbedingt verhindern. Aber wieso steigere ich mich da so rein? Ich war da nicht ich selbst. Das hat alles nichts mit mir zu tun. Das trifft mich nicht. Oder hat er mich erwischt, wie ich wirklich bin? Der Spiegel hilft mir nicht weiter. Ich schaue mich einfach nur an, als würde ich jetzt selbst eine Kamera auf mich richten. Der Spiegel nervt. Ich klappe ihn zur Seite und öffne das, was dahinter ist: den Arzneimittelschrank. Ich sehe ein Blutdruckmessgerät. Ein paar Packungen Tabletten. Ein Fieberthermometer. Das sieht vertrauenswürdig aus. Ich glaube, das kann mir was geben. Irgendeinen Wert. Ich stecke mir das Thermometer in den Mund und warte bis es piepst. 37,8 steht auf dem Display. Ich tippe die Zahl in die Suchleiste meines Handys und erschrecke: Subfebrile Temperatur. Irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich glaube, Kneter hat ein Fieber in mich reingefilmt. Am liebsten würde ich jetzt nach Hause gehen und mich gesund schlafen, aber heute beginnt mein freies Leben, also muss ich durchhalten. Ich stecke das Thermometer in meine Hosentasche. Das beruhigt mich. Es ist wie ein Attest, das mich von allem befreien kann. Vielleicht hilft es sogar gegen Kneters Kamera. Gleich wollen wir in den «Abstieg», den einzigen Club hier in der Gegend. Wir sind noch nie reingekommen. Entweder waren wir zu jung, oder zu betrunken. Heute sind wir beides nicht. Ich klappe den Spiegelschrank zu und sehe mich an. Ich spüre jetzt, dass ich nüchtern bin und dass ich heute nichts mehr daran ändern kann, egal, was ich in mich reinschütten werde.



7

Es ist heiß. Alle um mich herum tanzen. Ich stehe daneben, als würde ich die Musik bewachen. Kneter hat uns in den Abstieg geschleust. Ganz ohne Ausweis. Seine Selbstsicherheit hat gereicht. Er ist einfach am Türsteher vorbei. In seinem Schatten hat er mich mitgeschmuggelt. Jetzt stehe ich im Schatten der Tänzer. Zwischen uns ist etwas. Eine Verbindung. Wir ergänzen uns gut: Die Tänzer befreien sich. Ich lehne erstarrt an der Wand. Wir nutzen alle die Musik dafür. Das ist das einzige, was noch zu mir durchdringt. Ich erinnere mich an eine Zeile, die ich gestern gehört habe: «Your heart beats you day and night». Mein Herz. Eigentlich würde es mir reichen, wenn es nur ein paar Stunden am Tag schlägt. Wenn ich mir den Rest aufheben könnte. Ich würde mir einen Herzvorrat anlegen. Für irgendwann, wenn ich ihn brauche. Jetzt benutze ich mein Herz überhaupt nicht. Trotzdem ist es hyperaktiv. Und ich weiß nicht, wieso. Mein Herz ist wie ein Handy, das dauernd vibriert. Aber ich drücke jeden Anruf weg. Hier drin würde ich sowieso nichts hören. Hier habe ich nicht mal Netz. Und überhaupt: wer sollte anrufen? Der einzige, zu dem ich wirklich Kontakt habe, ist Kneter und der ist hier irgendwo. Wahrscheinlich sieht er mich grade viel besser, als ich ihn. Ich glaube, mein Herz spinnt. Wenn es vibriert, obwohl ich nicht erreichbar bin, obwohl da niemand ist, der mich anrufen könnte, dann spinnt es. Ich muss es neu programmieren. Ich muss es vom Netz nehmen. Jetzt gleich. Einmal auf Pause stellen und dann die ganze Energie so nutzen, wie ich sie brauche. Ich muss meinen Puls an mein Tempo anpassen. Zum Glück habe ich das Thermometer. Ich muss jetzt dringend irgendwo sein, wo mich niemand stört.

Zwei Zeichen. Fuck. Eins davon ist für mich. Ich bin so schnell dran. Wenn ich jetzt bremse, sehen die, dass ich mich nicht auskenne. Wieso schreiben die nicht «Frauen» und «Männer» an die Türen? Wieso sind da keine Bilder? Wieso ist alles so kompliziert geworden? Ich wusste doch mal, was die Zeichen bedeuten. Ok. Ruhig. Nochmal genau hinschauen. Zwei Kreise. Bei einem hängt was runter. Das soll sicher ein Penis sein. Dann ist das die Männertoilette. Ja, das muss sie sein. Doch noch geknackt, das Rätsel. Kurz umdrehen. Passt. Hinter mir ist niemand. Tür auf. Rein. Thermometer raus. Fuck! Das ist Milena. Sie will da raus. Sie ist direkt vor mir. Sie sieht mich. Wie finster die schaut. Ist sie sauer oder erschrocken? Jetzt bemerkt sie auch noch das Ding in meiner Hand. Sie schaut genau auf meine wunde Stelle. Ich halte das Thermometer wie einen schlaffen Penis. Ich bin durch diese Tür gegangen und ein nacktes Monster geworden. Umdrehen. Schnell zurück zur Tanzfläche. Ich muss jetzt dringend irgendwo sein, wo mich niemand stört.

«Das ist der Money-Shot. Schau‘ dir das an.»
Kneter hält mir sein Handy hin. Ich schaue es mir an. Ich sehe, wie ich die Tür zur Frauentoilette öffne und Milena gegenüberstehe.
«Dich erkennt man kaum.» Kneter sagt das mehr enttäuscht als tröstend. «Immerhin sieht man, dass du einfach ins Frauenklo rennst. Hätt‘ ich nicht gedacht, dass du dich sowas traust.» Ich reiße ihm das Handy aus der Hand und tippe wild auf dem Display herum. Wütend und präzise eliminiere ich das Video. Dann reißt Kneter sein Handy wieder an sich.
«Was ist los mit dir?!», fragt er, so laut, dass ich die Musik für einen Moment nicht mehr höre.
«Das sollte ich dich fragen!»
«Ich hab‘ das sowieso in der Cloud gespeichert», erklärt Kneter. Ich drehe mich weg, um nach meiner endgültigen Verteidigung zu suchen. Dabei bemerke ich, dass Milena und Rike an der Bar stehen. Unsere kleine Handgreiflichkeit hat sie aufmerksam gemacht. Milena beugt sich zu Rike. Sie sagt ihr etwas, dann deutet sie auf mich. Rike lacht laut auf. Ich muss jetzt dringend irgendwo sein, wo mich niemand stört.

Kneter hat vorher schon genau hingeschaut. Seit er die Kamera benutzt, bemerkt er alles. Er hat sich multipliziert. Und ich bin ein Faktor geworden, den er für das Endergebnis braucht. Kneter hat uns in ein Gespräch mit Rike und Milena verwickelt. Ich glaube, Rike hat mich etwas gefragt. Ich habe es nicht genau mitbekommen, weil ich auf die Tanzfläche schaue. Noch bin ich nicht bereit für das Gespräch. Ich merke jetzt, dass sich das auch nicht bessert, wenn ich die Tanzenden anstarre. Ich kann mich hier einfach nicht konzentrieren. Kneter ist viel lauter als meine eigenen Gedanken. Ich weiß gar nicht genau, was er sagt. Aber ich glaube, das muss ich gar nicht. Seine Lautstärke ist auch ohne schlüssige Sätze vertrauenswürdig. Er passt hier rein, weil er mit seiner Stimme den Lärm der Musik unterdrücken kann. Kneter weiß das. Vielleicht hat er das gespürt, als er mir die Aufnahme gezeigt hat. Da ist er auf einmal mutig geworden. Er ist einfach zu Milena und Rike gegangen, noch während sie über uns gelacht haben. Jetzt stürzt einer seiner Sätze wie ein stiller Zauber in den Club: «Wir sind alle fremdbestimmt.» Kneter sagt das ergriffen. Als würde er jetzt gleich die Weltformel nachliefern. Rike denkt scheinbar an was ganz anderes. Und das hat mit mir zu tun: «Was hattest du da vorhin eigentlich in der Hand?», fragt sie mich. Ich weiß nicht, was sie meint. Ich benutze meine Hände nicht, will ich sagen. Ich weiß eigentlich gar nicht, wofür ich die habe, will ich sagen. Jetzt dreht sich auch noch Milena zu mir.
«War das ein Fieberthermometer?»
«Ja, was war das? Ich hab‘ das auch nicht erkannt, auf dem Video», mischt sich jetzt auch noch Kneter ein. Ich hole das Thermometer raus und drücke es ihm in die Hand.
«Das gehört dir», sage ich.
Fremdbestimmt. Vielleicht hat Kneter ja doch Recht. Ich muss aus diesem Zustand raus.
«Ich geh‘ dann mal», sage ich leise, weil ich hoffe, dass dann niemand widerspricht. Aber ich bin laut. Ich glaube, alle hier drin können mich hören. Milena, Rike und Kneter starren mich an. So verstört, als hätte ich geschrien.
«Was laberst du?» fragt Kneter. Er sieht erst das Thermometer, dann mich an. Ich muss einsehen, dass das Thermometer hier drin einfach nicht funktioniert.
«Ich muss mal los», antworte ich geheimnisvoll.
«Wieso musst du los?», hakt Kneter nach.
«Ich muss noch was vorbereiten.»
«Was denn?»
Mir fällt nichts mehr ein, was ich antworten kann, also gehe ich einfach. Innerhalb von zwei Schritten bin ich weg. Das ist so leicht, dass ich mir sogar merken kann, was ich denke, während ich durch die Menge drängle: Wenn ich mir selbst fremd bin, dann ist alles was ich entscheide fremdbestimmt. Das ist nicht die Weltformel, aber immerhin eine, die mich hier rausbringt.

Ich bin schon fast an der Tür, als ich einen Griff an der Schulter spüre. Ich drehe mich um. Kneter. Sanft schüttle ich ihn ab, dann bin ich draußen. Kneter kommt mir nach.
«Was los mit dir, Mann!?», poltert er. Ich bleibe stehen. Wir schauen uns an. Ich sehe Kneter an, wie enttäuscht er ist.
«Wir waren grade mitten in einem geilen Gespräch!»
«Ich weiß», muss ich ihm zustimmen.
«Ich check‘ dich wirklich nicht mehr.»
«Ach, nicht schlimm.»
«Das ist dir also egal, ob ich dich checke.»
Diese Dynamik. Da ist sie wieder. Egal was ich sage: gleich öffnet sich ein Strudel, gegen den ich nichts machen kann. Kneter holt sein Handy raus. Er aktiviert die Kamera. Er hält sie auf mich.
«Das ist einfach alles absurd geworden, findest du nicht?»
«Willst du jetzt alles filmen, was du nicht verstehst?»
«In letzter Zeit willst du dauernd abhauen vor mir.»
«Nicht vor dir. Vor allem», gebe ich zu, weil ich zu unruhig bin, um was zu erfinden.
«Das ist spannend», sagt Kneter. Mist. Wenn ich jetzt reagiere, stimme ich ihm zu, obwohl ich das nicht will und wenn ich ihm widerspreche, bestätige ich erst recht seinen Grund, mich zu filmen. Diese Dynamik. Wie schafft er das immer? Ich glaube, er schafft das, weil ich ihm helfe. Irgendwie helfe ich ihm dabei. Aber wie? Jetzt kann ich das unmöglich im Detail erkennen.
«Öffne dich doch einfach mal!» höre ich. Kneter filmt meinen Gesichtsausdruck. Das macht mir nichts. Jetzt bin ich mir selbst wieder so fremd, dass ich gar nicht weiß, wen er da aufnimmt. Im Gegensatz zu mir scheint Kneter aber genau zu wissen, wer ich bin. Jetzt merke ich es auch: Ich bin, was er im Club gesagt hat: Fremdbestimmt. Mir fällt mein Gedanke wieder ein. Es kommt mir vor, als wäre es der Erste, den ich jemals hatte und da ich vermutlich auch keinen weiteren mehr haben werde, schleudere ich ihn mit voller Wucht in die Kamera:
«Wenn ich mir selbst fremd bin, ist einfach alles was ich mache fremdbestimmt!»
«Weiter!» höre ich Kneter begeistert.
Aber da das mein einziger Gedanke war, schaue ich einfach nur stumpf zurück.



8

Kneter und ich sitzen auf einer Bank am Rand der Altstadt. Sie fühlt sich an wie ein Kraftfeld, das alle Ereignisse dieses Universums für immer ausklammern kann. Ruhe überwältigt uns. So radikal, dass wir uns wehren müssen. Kneter spielt mit seinem Feuerzeug rum. Ich sehe, dass er neben der Bank etwas bemerkt hat. Er macht Licht. Er beugt sich nach unten und hebt etwas auf. Grinsend präsentiert er mir, was er hat: Es ist ein toter Frosch. Er ist schon ganz starr. Vielleicht ist er auch einfach ins Kraftfeld dieser Bank geraten, denke ich. Vielleicht passiert uns das auch, wenn wir zu lange hier sitzen. Eigentlich wollen wir nur kurz nachdenken und dann zurück in den Abstieg. Aber jetzt sitzen wir hier. Kneter sucht nach der rettenden Idee, die er filmen kann und ich grüble, wie ich endlich an meine Körpertemperatur herankomme.
«Der ist scheiß trocken. Kein Plan, woran der verreckt ist», murmelt Kneter vor sich hin. Er hält das tote Tier genauso wie sein Handy vorhin. Kneter dreht sich zu mir. Ich schaue auf seine Hände und weiß: Er wird alles gegen mich richten, was da drin landet. Er hält mir die offene Hand mit dem Frosch hin.
«Ich will, dass du ihn frisst», sagt er.
«Bist du irre!?»
«Was stellst du dich so an?»
«Warum sollte ich das tun?»
«Warum nicht?»
«Leck mich.»
«So wird das nie was mit dir.»
«Als ob du so viel weiter bist.»
Kneter holt sein Handy aus der Tasche. Er gibt es mir.
«Ok, nimm auf», sagt er.
«Was denn?»
«Nimm einfach nur auf.»

Ich sehe alles, aber ich bin in Sicherheit, wie unbeteiligt. Ich zoome auf Kneter. Er kotzt noch immer. Kneter hat in den Frosch gebissen. Dann hatte er nichtmal mehr Zeit, sich wegzudrehen. Er hat einfach vor sich hingereiert. Kneter krümmt sich. Sein Würgen klingt seltsam. Als hätte er die Seele des Frosches freigebissen und einfach hinuntergeschluckt. Jetzt wütet diese Seele in Kneter. Vielleicht will der Frosch durch ihn zurück ins Leben. Er hat es schon fast in Kneters Stimme geschafft. Aber dieses Würgen tötet einfach alles ab. Ich glaube, wir sind alle verloren. Jetzt erst merke ich, dass die Kamera noch läuft. Ich will Kneter, mir selbst und der ganzen Welt diesen zerstörten Anblick ersparen. Ich drehe mich mitsamt der Kamera weg. Obwohl Kneter noch immer röchelnd neben mir kauert, bemerkt er, dass ich mich abwende.
«Nimm das weiter auf», keucht er. «Das ist genau der Content, den wir brauchen.» Kneter würgt konzentriert weiter. Es klingt wie die Klage des Frosches, weil er nichtmal tot seine Ruhe vor uns hat. Ich stoppe die Aufnahme.

«Wenn du im Club einfach stehen geblieben wärst, wär‘ das alles nicht passiert», sagt Kneter. Ich weiß, dass das nicht stimmt, aber ich widerspreche nicht, denn vorläufig sind wir uns einig: Wir fühlen uns beide besiegt und wissen nicht genau, wovon. Wir wissen nur, dass wir so nicht nach Hause können. Ich bin zu müde, um allein zu sein. Kneter ist zu unbefriedigt. Deshalb suchen wir jetzt auf dem menschenleeren Weg zwischen Kirche und Abstieg nach einem Erfolgserlebnis. Wie leicht es war, aus dem Kraftfeld der Bank zu entkommen, denke ich. Vielleicht sind wir stärker, als ich dachte. Vielleicht können wir wirklich was beeinflussen. Ich denke an den Wunsch, den ich jetzt spüre: Ich will Milena sehen. Ich will ihr zeigen, dass ich auch etwas anderes kann, als immer nur abzuhauen. Als der Gedanke zu Ende gedacht ist, erschrecke ich: Ich sehe Milena und Rike auf uns zukommen. Das kann nicht sein. Das. Ist. Magie! Und sie kommt von mir. Sie sind es. Milena und Rike. Wir gehen uns direkt entgegen. Jetzt sehe ich: Der Zauber war zweitklassig. Milena und Rike sind nicht allein. Cox ist mit ihnen unterwegs. Kneter und ich kennen ihn flüchtig. Cox ist der Sohn unseres Lehrers Schmandra und der einzige Punk der Stadt. Er ist ein paar Jahre älter als wir. In den vergangenen Monaten war er angeblich in Südostasien unterwegs. Jetzt ist er wieder da, ob durch meinen Zauber oder weil er einfach einer der wenigen Menschen ist, die es hier gibt. Ungebremst kommen die drei auf uns zu. Cox bemerkt uns. Ich sehe, dass er gleich etwas sagt. Und egal was das sein wird: Ich weiß, dass wir ihm zuhören werden.



9

Wir sitzen bei Kneter. Wir sind live gegangen. Mitten im Wohnzimmer. Kneter hat Milena, Rike und Cox eingeladen. Er hat sie einfach gefragt, ob sie mit uns kommen wollen. «Wir haben ein Haus für uns allein», hat er mit seiner Clubstimme gesagt. Als hätte es die Froschstimme nie gegeben. Jetzt sitze ich hier und schaue, als hätte ich die Froschstimme, wenn ich versuche, was zu sagen. Das kann man sich alles Live auf Twitch ansehen. Also eigentlich sieht man mich nur blöd rumsitzen. Kneter hat alle gefragt, ob es ok für sie ist, gefilmt zu werden. Cox und Milena haben «Nein» gesagt. Milena, weil sie nicht gefilmt werden will. Cox, weil er uns filmen will. In Asien hat er viel mit seiner GoPro aufgenommen. Jetzt fuchtelt er ganz profesionell mit der Kamera vor Rike, Kneter und mir herum. Das macht mich ein bisschen paranoid. Ich frage mich, ob er meine Gedanken mit seinen Bewegungen so kitzelt, dass sie für alle sichtbar werden. Oder ist meine Körpersprache einfach so offensichtlich, dass darin jeder sofort alles lesen kann? Jeder, außer ich selbst. Ich hätte «Nein» sagen können. Aber ich hatte das Gefühl, nicht gefragt worden zu sein. Obwohl Kneter mich gefragt hat. Das ist nur irgendwie nicht bei mir angekommen. Jetzt sitze ich da, starre in die Kerze, um die wir uns verteilen und versuche meine Körperhaltung in ein permanentes «Ja» zu drücken. Es kommt mir vor, als müsste ich tausende Kilos verschieben. Sogar meine Hände schwitzen, so echt fühlt sich der Kraftaufwand an. Sie haben nicht geschwitzt, als ich beim Sportfest gerannt bin. Jetzt sitze ich und sie triefen, als würde ich seit Stunden Sport machen. Ich will aus dem Bild, denke ich. Ich will jetzt gleich hier weg. Ich greife nach der Kerze und drücke die Flamme aus.
«Fuck! Was machst du?!» höre ich. Ich sehe, dass mich alle anschauen. Cox zoomt auf meine Finger. Ich glaube, er vermutet da jetzt eine Wunde. Aber da ist keine. Meine Finger schwitzen so stark, dass ich die Flamme einfach löschen kann, wenn ich sie anfasse. Kneter zündet die Kerze wieder an.
«Kannst du das nochmal machen?», sagt er. Ich sehe, dass er die Flamme auch gerne ausdrücken würde. Ich sehe, dass er das für einen guten Trick hält. Ich schwitze nur, will ich sagen. Ich weiß nicht, was mit mir los ist, will ich sagen. Aber ich nehme die Flamme einfach wieder zwischen Daumen und Zeigefinger und drücke zu.
«Irre», sagt Kneter.
«Ja, krass. Hast du dir Bier auf die Hände gekippt?», fragt Cox.
«Schwitzt du?», fragt Milena. Wir sehen uns an. Jetzt fange ich noch mehr an zu schwitzen. Aber meine Finger bewege ich lieber nicht mehr zum Feuer. Milena hat mein Geheimnis durchschaut. Sicher verbrenne ich mich, wenn ich’s nochmal versuche. Ich merke, dass auch Kneter mich jetzt anschaut. Anders als vorher. So, als hätte er mich grade persönlich entzaubert.
«Lu?», sagt er sanft.
«Hm?»
«Kannst du mir nen Gefallen tun?»
«Was denn?»
«Holst du mir ein Bier?»
«Wieso das denn?»
«Du sitzt grad‘ so günstig.»
«Hol’s dir doch einfach selber.»
«Ich kann grade nicht.»
«Wieso denn?»
«Ich kann grade nicht aufstehen.»
«Dann solltest du vielleicht auch kein Bier trinken.»
«Das würde mir jetzt helfen.»
«Dann hol dir eins.»
«Was ist denn jetzt dein Problem?»
«Was ist dein Problem?»
Ich merke, dass Rike und Milena uns betreten bei dieser Nonsens-Diskussion zusehen. Vielleicht fragen sie sich längst, wo sie da hingeraten sind. Cox filmt uns noch immer. Er hält die Kamera auf Kneter, der sich grade erst in Stimmung gebracht hat.
«Ich würd‘ das auch für dich machen», sagt er.
«Sowas würd ich nie von dir verlangen», antworte ich und sehe, dass Kneter nicht dran denkt, mich so einfach in Ruhe zu lassen.
«Dir ist echt alles egal», stichelt er.
«Mir ist alles egal, weil ich dir kein Bier holen will?»
«Ok, du musst mir keins holen.»
«Sehr gnädig von dir.»
«Ich fänd’s gut, wenn wir uns auf was einigen.»
«Auf was denn?»
«Auf ein Wort.»
«Ok?»
«Das steht für ein Gefühl. Dann weißt du genau, was ich meine.»
«Welches Wort denn?»
«Bee.»
«Hä?»
«Wenn ich ‚Bee‘ sage, meine ich damit: hol mir bitte ein Bier.»
«Leck‘ mich.»
«Ich mein‘ das nicht böse. Das ist einfach nur ein Code dafür, wie’s mir grade geht.»
«Das klingt krank», sagt Rike. Ich freue mich, dass sie dazwischengrätscht, aber Kneter ist nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen.
«Ok, wir machen abwechselnd. Erst tust du mir nen Gefallen, dann ich dir», bietet er mir an.
Schweigen. Ich sehe wie konzentriert Cox die Kamera auf Kneter richtet. Ich spüre, wie sie sich gegenseitig bestätigen. Sie sind sich einig: Sie spüren etwas ähnliches. Ich glaube, das ist ein uneinholbarer Vorsprung für die beiden. Gestärkt sieht sich Kneter im Raum um. «Wir wollen alle doch einfach nur sagen können, wie wir uns fühlen.»
«Ja», stimmt Cox ihm zu.
«Und wenn ich ‚Bee‘ sage, dann ist das mein pures Gefühl.»
«Und weiter?», fragt Rike.
«Dann ist es draußen. Kommt’s euch so vor, als könntet ihr oft zeigen, wie ihr wirklich seid?»
Kneter sieht mich eindringlich an. Er weiß, dass er meinen schwachen Punkt getroffen hat. «Nein», gebe ich zu.
«Na also, darum geht es: ich will ernst genommen werden. Wenn ich ‚Bee‘ sage, bin ich einfach ich selbst. Vielleicht ist das radikal, aber ich steh‘ dazu. Ich will meine Gefühle einfach nicht mehr einsperren, versteht ihr?» Kneter hat das zwar uns alle gefragt, aber er sieht mich an. Und er schaut nicht aus, als würde er seinen Blick in den nächsten Stunden woanders hin bewegen wollen.
«Ich versteh‘ dich», sagt Cox.
«Danke.»
Keiner rührt sich. Kneter nimmt einen Schluck Bier. Die Flasche ist leer. Er stellt sie ab. Kneter hat mich noch immer fest im Blick. Obwohl ich den Blick erwidere, sehe ich, wie sich seine Lippen bewegen. Sie formen nur ein einziges Wort: «Bee!» Jetzt verwandelt sich der Raum. Das Gefühl ist draußen. Es gehört nicht mehr nur Kneter. Jetzt gehört es uns allen.
«Mein Bier ist eigentlich auch leer», sagt Cox in die Stille. Kneter lächelt ihm zu. Dann höre ich eine Stimme hinter mir. Sie ist laut. Sie ist hart.
«Bee!», höre ich. Und dann gleich wieder: «Bee!»
Kneter und ich sehen uns an. «Bee!», stupst er mir grinsend zu.
«BEE!» dröhnt Cox hinter mir.
«BEE! BEE! BEE! BEE!», höre ich und sage:
«Mich stört es nicht, wenn ihr schreit!»
«BEE! BEE! BEE!», höre ich. Das Geschrei drückt sich an mich, wie mein schwitziger Finger vorhin an die Flamme. Ich stehe einer schmerzlosen und zielsicheren Macht gegenüber, die es auf mich abgesehen hat. «BEE! BEE! BEE! BEE!», höre ich. Ich höre es so oft, dass ich mir fremd werde. Als wäre «Bee» mein Name und ich hätte ihn so lange mantraartig vor mich hin gesagt, bis ich nicht mehr weiß, wer ich bin. Dann stoppt der Krach.
«Alter, dann geh‘ ich halt selbst», sagt Kneter. Er dreht sich zu Cox. «Willst du auch ein Bier?»
«Klar, gern», höre ich.
Kneter schleicht aus dem Zimmer.
Jetzt bin ich alleine mit den anderen. Alleine auf Twitch. Jetzt fühlt es sich an, als wäre Geschrei die einzig mögliche Lautstärke. Aber niemand benutzt es, weil es sich erst wieder aufladen muss. Ich sehe mich verlegen im Raum um, in der Hoffnung die Geräuschquelle zu finden und sie unbemerkt abzutöten. Doch es dröhnt einfach weiter. Es hilft mir jetzt nichtmal mehr, wenn ich auf die Kerze drücke. Kneter hat sie mit seinem Geschrei ausgepustet. Sie ist weg, obwohl sie noch brennt. Kneter hat einen Scheiß-Wettbewerb aus dem Bild gemacht, in dem wir sitzen. Wie schnell sich die Situation verwandelt hat.
Mit zwei Flaschen Bier kommt Kneter zurück.
«Hast du eigentlich auch was ohne Alkohol?» fragt Milena.
«Klar, hol‘ dir einfach was im Keller. Fühl‘ dich ganz wie zuhause», sagt Kneter gönnerhaft.
«Danke.» Milena steht auf. Sie geht an uns vorbei, dann dreht sie sich nochmal um: «…äh…wo genau?»
«Ich helf‘ dir suchen», sage ich und stehe auch auf. Milena sieht mich überrascht an, so als würde sie sich jetzt doch lieber wieder hinsetzen, aber irgendwie auch, als würde sie sich freuen, dass ich aufgestanden bin. Gemeinsam gehen wir in den Keller. Ich bin überrascht: Da war kein Widerstand, als ich aufgestanden bin. Ich habe einfach gesagt, was ich sagen wollte. Und niemand hat mich aufgehalten. Ich frage mich, ob ein seltenes kosmisches Zusammenspiel das begünstigt hat, oder ob das immer so leicht ist.

«Ganz schön groß für zwei Leute hier», sagt Milena, während wir die Treppen runter gehen.
«Soll ich dir zeigen, wo das Wasser ist?» frage ich, in der Hoffnung sie damit zu beeindrucken, dass ich mich hier auskenne. Milena knipst das Licht an. Der Wasserkasten ist sofort zu sehen. Er steht direkt neben uns in der Ecke. Meinen Wissensvorsprung hat sie schnell eingeholt. Sie zieht eine Flasche heraus.
«Ich hab’s schon.»
«Willst du schon wieder hoch?», frage ich.
«Ja?»
«Das ist ein ganzes Haus hier.»
«Das hab‘ ich auch schon bemerkt», sagt sie kühl.
«Wir könnten bisschen rumschauen.»
Sie zweifelt. Ich sehe, dass sie zweifelt. Ich stelle mir vor, was sie denkt: Der hat doch mehr Angst als ich, wenn wir zu zweit sind, denkt sie bestimmt. Ja, das stimmt, denke ich zurück und offensichtlich funktioniert es.
«Klar. Sehen wir uns mal bisschen um», sagt Milena. Sie öffnet die Tür neben sich. Ich sehe ihr zu, wie sie im Zimmer verschwindet. Als ich in den Raum trete, sehe ich eine Tischtennisplatte. Daneben steht ein Sofa. Milena setzt sich. Sie nimmt einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche. Das ist ein Zeichen, denke ich. Das bedeutet was. Irgend etwas tiefgründiges. Ich setze mich neben sie. Wie gut sich das anfühlt. Ich kann sogar hören, wie sie atmet, wie die Kohlensäure im Wasser prickelt. Fuck, macht mich das nervös.
«Schade, dass es hier so still ist», sage ich.
«Du kannst ja was sagen.»
Ich will nichts sagen, ich will dich einfach küssen, denke ich. Meine Hände. Sie schwitzen noch immer. Als wären sie für die Flamme von vorhin gemacht und nicht für menschliche Haut. Ich kann Milena diese Finger nicht zumuten. Selbst wenn ich sie jetzt bewegen könnte: sowas hat sie nicht verdient.
«Wieso hast du dich vorher eigentlich nicht gewehrt?», fragt Milena.
Sie hat das gesehen. Mist. Natürlich hat sie’s gesehen. Wieso fragt sie das jetzt? Sowas kann doch niemand spontan beantworten. Mir muss jetzt gleich was einfallen. Fuck. Das dauert schon zu lang. Ich sage einfach irgendwas: «Hm…kennst du das? Wenn dir ein guter Spruch einfällt, aber die Situation nicht passt?», frage ich.
«Ja, denke schon.»
«So ging es mir vorhin. Mein Spruch hat einfach nicht gepasst.»
«Dann sag‘ doch einfach, was du denkst», sagt sie.
«Ich glaub‘, ich hab‘ andere Talente.»
«Ich kann mir das bei dir auch gar nicht vorstellen.»
Das ist gut, denke ich. Wenn ich bei irgendwas unfähig bin, heißt das doch: ich habe viele Reserven. Ich muss das alles nur ordnen. Das ist leicht. Wie soll ich das nur machen?
«Denkst du oder träumst du vor dich hin?», fragt sie.
«Ich glaube, wir suchen uns das alles gar nicht aus», sage ich, weil ich ihr zeigen will, wie wichtig es ist, dass ich jetzt schweige, wie kompliziert die geistige Aufgabe ist, die ich grade lösen muss. Ich schweige nicht wegen dir, will ich sagen. Ich schweige, weil es mir so viel Wert ist, hier mit dir zu sein und weil ich dieses Gleichgewicht mit meinem Gewäsch nicht stören will.
«Was suchen wir uns nicht aus?», fragt Milena. Ich habe meinen Satz vergessen. Ich habe vergessen, worüber ich geredet habe. Ich muss mich retten. Zum Glück weiß ich wie: «Wir sind einfach so», sage ich bedeutsam. Wow, das klang jetzt gut. Das kann ja wirklich alles heißen.
«Aha.» Sie nimmt einen Schluck Wasser. «Weißt du, was ich mich gefragt habe?», sagt sie. Ich spüre die Energie, die hinter dieser Frage ist. Ich will mehr davon. Viel mehr.
«Nein?», sage ich und hoffe, dass ihre Frage etwas mit mir zu tun hat.
«Ich hab‘ mich gefragt, wo die Schläger sind.»
«Oh.» Ich sehe, was da vor uns ist. Ich sehe die Tischtennisplatte. Ich sehe die Schläger in der Zimmerecke. Und da ist niemand, der sie jetzt versteckt. Milena steht auf. Mit den Schlägern kommt sie zurück. Sie drückt mir einen in die Hand.
«Vielleicht finden wir ja jetzt dein Talent», sagt sie.



10

Ich habe eine Zwiebel in der Hand. Ich drücke das Messer hinein und teile sie in zwei Hälften. Keine Kamera der Welt sieht das jetzt. Nur Rike und Cox, die mit mir an der Arbeitsplatte in der Küche von Kneters Eltern stehen. Milena hat mich im Tischtennis besiegt. Jetzt spielt sie gegen Kneter. Ich dachte, Kneters Keller wäre ein Ort, an dem ich nichts mehr leisten muss. Ich dachte, Milena und ich alleine: das ist das Ziel. Aber sogar den Platz in Kneters Keller muss ich mir mit Leistung verdienen. Ich glaube, andere können ihren Erfolg einfach überall anpassen und ich verstehe nicht mal die Zwiebel, die vor mir liegt. Immerhin habe sie schonmal erfolgreich halbiert.
«Ich will hier einfach nur wieder weg», reißt mich Cox aus den Gedanken.
«Ja, ich auch», sage ich und freue mich, dass wir das ähnlich sehen.
«Ich hab‘ gehört, du fängst ne Ausbildung im Supermarkt an», steigt Rike auf mich ein.
«Ja.»
«Ehrliche Arbeit», sagt sie, ohne dass ich ein Gefühl dafür bekomme, ob sie das als Kompliment meint.
«Da kommst du nie wieder raus», sagt Cox.
«Wieso?»
«Weil das die Hölle ist.»
«Das Zeug, das du gleich isst, kommt auch aus dieser Hölle», sagt Rike.
«Es kommt von einem Feld», sagt Cox. «Wir sollten das lieber alles selbst anbauen.»
«Und wie soll das gehen?»
«Ich weiß schonmal, wie man Jackfrüchte erntet.»
«Was bringt dir das denn hier?»
«Nichts, deshalb will ich ja zurück. Das war alles erst der Anfang.»
«Wie lange warst du eigentlich unterwegs?» fragt Rike.
«Sieben Monate.»
«Wo überall?»
«Thailand, Myanmar, Laos.»
«Wow, ich will auch sofort los, wenn ich das höre.»
«Versteh‘ ich», sagt Cox. «Eigentlich bin ich nur hier, weil mir das Geld ausgegangen ist.»
«Fang im Supermarkt an», schlage ich ihm vor.
«Höchstens in ner Gärtnerei.» Cox schiebt mir die nächste Zwiebel zu. Ich bin bei der Ersten noch gar nicht weitergekommen. Immerhin weine ich nicht. Was haben die alle? Keiner wollte Zwiebeln schneiden. Jetzt weiß ich endlich, was ich kann: Ich kann Kerzen ausdrücken und ich kann Zwiebeln schälen, ohne zu weinen. Das ist viel mehr, als ich dachte. Wie ein Naturtalent drücke ich das Messer in die Zwiebelhälften.
«Wie schneidest du denn bitte?!», höre ich. Rike und Cox sehen mir zu, mit einer Mischung aus Spott und Entsetzen. «Hier, damit kannst du üben.» Cox schiebt mir noch eine Zwiebel zu. Ich sehe jetzt, wie unförmig die Stücke sind, die ich geschnitten habe. Alles ist krumm. Alles was ich anfasse, wird schief. Aber ich weiß, wie ich mich retten kann. Ich visiere die nächste Zwiebel an. Jetzt muss der Schnitt sitzen. Wenn ich die Zwiebel jetzt gut schneide, sehen Rike und Cox, dass sie sich vollkommen übertrieben in etwas reingesteigert haben. Sie haben einfach gedacht, ich könnte keine Zwiebeln schneiden. Die haben viel zu früh ein Urteil gefällt. Ich steche zu. Treffer. Jetzt fahre ich mit dem Messer durch die Zwiebel. Sie zerfällt in genau die Scheiben, die ich mir vorgestellt habe. Ich stochere weiter. Bis ich einen Schmerz in meinem Finger spüre. Mein Fingernagel. Ich hab ihn mit dem Messer erwischt. Ich stecke ihn in den Mund, um die Blutung zu stoppen. Und auch, um mein Missgeschick zu vertuschen. Dabei kommt der Saft der Zwiebel ganz nah an meine Augen. Sie zucken. Sie verkrampfen. Jetzt fühlt es sich an, als hätte mir jemand Glasscherben in die Pupillen geschleudert. Die Zwiebeln. Das haben die also gemeint.
«Komm‘ ich erlös‘ dich», höre ich Cox. Er nimmt sich das Messer und schneidet meine Reste klein. Ich kann nicht sehen, wie er das macht, aber es hört sich akkurat an, als wäre ein Gourmetkoch am Werk.
«Hast du das auch unterwegs gelernt?», wendet sich Rike bewundernd an ihn.
«Klar», sagt Cox. Er erzählt weiter von seiner Reise. Ich gehe weg. Ich kann meine Augen nicht mehr öffnen. Zum Glück kenne ich Kneters Haus so gut, dass ich mich auch halb blind zurecht finde. Ich steuere ins Wohnzimmer und will mir die Augen reiben, aber ich habe nur eine Hand zur Verfügung, weil ich an der anderen die Blutung stoppen muss. Vom Keller höre ich Kneter und Milena Tischtennisspielen. Sie lachen. In der Küche höre ich die Stimmen von Cox und Rike. Sie lachen. Ich presse die Augen fest zusammen. Mit der Zunge drücke ich die Blutung an meinem Finger ab. Das ist er also: Der Ort an dem mich keiner stört.



11

Cox sieht aus wie sein Vater. Obwohl ich die beiden vorher schon ein paarmal gesehen habe, fällt es mir heute erst so richtig auf. Cox versteckt diese Ähnlichkeit. Er versteckt sie unter seinem Bart und unter der Bräune, die er sich in Asien geholt hat. Er versteckt sie sogar unter seinem Iro. Aber Cox ist Schmandra. Daran ändert kein Iro was, auch nicht, wenn er ihn sich in Myanmar selbst rasiert. Schmandra sitzt in der Küche meiner Eltern. Schon wieder in einer Küche, mit jemandem aus Cox‘ Familie. Und auch wenn es jetzt meine eigene ist, fühle ich mich fremd, als wäre ich der Gast.
«Bald geht es ja bei dir los», sagt Schmandra. Seine Stimme klingt, als würde er noch immer meinen Stundenplan kontrollieren.
«Ja, am Montag», sage ich.
«Bist du schon aufgeregt?»
«Nein», lüge ich. Natürlich bin ich aufgeregt. Bald muss ich arbeiten. Härter als Schmandra jemals gearbeitet hat. Da bin ich mir sicher. So gemütlich wie er jetzt bei uns kann ich dort sicher nicht herumsitzen. Eigentlich ist Schmandra gar nicht wegen mir hier, sondern wegen meiner Schwester. Er hat mich einfach mit wach geklingelt. Schmandra will über Zeit reden. Beas Zeit. Sie war so verrückt, in den Sommerferien bei einem Sportprogramm mitzumachen. Da ist sie allen davon gerannt. Ihre Zeit über 400 Meter war die Schnellste, die jemals in unserem Landkreis gelaufen wurde. Wenn ihr die Zeit einen Vorsprung gebracht hat, ist er jetzt weg: Schmandra hat sie eingeholt. Jetzt ist ihm Bea so wichtig, dass er sogar in seiner Freizeit hier her kommt. Ihr Glanz färbt sogar ein bisschen auf mich ab.
«Gut siehst du aus», sagt Schmandra. «Erholt.»
«Echt?», frage ich überrascht. Er sieht das Pflaster offenbar nicht, mit dem ich seit Tagen die Wunde an meinem Finger verbinde. Sie ist längst verheilt, aber ich schütze die Stelle lieber noch.
«Ja, gesund siehst du aus», wiederholt Schmandra. Ich vermute, dass es die Situation ist, die ihn das sagen lässt. Er ist hier in meiner Welt. Er ist Gast und er will ein guter Gast sein, weil er in allem immer gut sein will, also macht er mir Komplimente. Aber mit Komplimenten kann ich nichts anfangen, schon gar nicht, wenn es nicht klar ist, wofür ich sie bekomme. Wenn er es gut findet, dass ich gesund aussehe, würde er mich dann dafür kritiseren, wenn ich krank aussehe? Ich will ihn das fragen, aber sage nichts.
«Ich hatte den Eindruck, dass bei dir bald der Knoten platzt», sagt Schmandra.
Ich will das nicht hören. Das klingt, als wäre jeder erstmal eingesperrt. Als wären wir Gefangene, solange der Knoten nicht platzt. Welchen Knoten auch immer er damit meint.
«Vielleicht wird’s ja mit dem zweiten Bildungsweg noch was bei dir», schiebt er nach. «Wenn du mit den Gedanken nicht immer woanders wärst, würde es dir leicht fallen.» Bevor ich widersprechen kann, öffnet sich die Tür. Meine Mutter und Bea kommen herein. Endlich. Sie setzen sich. Ich sehe, dass meine Mutter sich über den hohen Besuch freut. Es macht sie Stolz, dass ihre Tochter so gut rennen kann. Wenigstens ein Kind leistet hier etwas Außergewöhnliches. Bea sieht aus, als hätte sie genauso viel Bock auf Schmandra, wie ich. Hinter ihr kommt jetzt auch noch unser Vater. Ich bin da in irgend etwas offizielles hinein geraten. Sie setzen sich alle und rücken an den Tisch heran. Ich habe die Chance verpasst, da rauszukommen. Aber mich beachtet jetzt eh keiner mehr. Herr Schmandra erzählt von Beas Leistung. Wir hören ihm alle zu. Er hat große Pläne. Bea kann ein Sportstipendium bekommen. Sie muss dafür nur an einigen Wettkämpfen teilnehmen und trainieren. Mit Schmandra trainieren. Unsere Mutter strahlt. Bea sieht Schmandra an, wie ich Kneter angesehen habe, als er mir den Frosch hingehalten hat. Nächste Woche soll Beas Training losgehen. So früh wie möglich. Da sind sich alle einig. Eigentlich wollte ich Mitleid mit Bea empfinden, weil sie Schmandra jetzt auch in ihrer Freizeit aushalten muss. Aber ich spüre wie schön es klingt, wenn alle im Raum etwas gemeinsam wollen, wenn das, was jemand sagt, etwas bewirkt. Ich warte auf einen Moment, in dem ich ihnen sagen kann, dass ich zustimme. Aber sie reden so schnell und viel, dass ich ganz müde davon werde, auf den richtigen Moment zu warten.



12

«Wir haben Fans», sagt Kneter. Auf seinem Laptop öffnet er die Insights unseres Youtube-Kanals. Er hat ihn «Knetflix» genannt. Sein Video mit dem Frosch wurde 534 mal angeklickt. Es hat 22 Daumen nach oben bekommen und 2 nach unten. Als einzigen Kommentar hat jemand drei Kotzsmileys gepostet.

«Wie kommst du drauf, dass wir Fans haben?», frage ich Kneter.
«Haben dir vorher schonmal mehr als 500 Leute bei irgendwas zugesehen?», fragt er zurück.
Ich denke an das Sportfest. So will ich nie mehr angesehen werden, schon gar nicht durchs Internet.
«Das ist sowas wie eine offizielle Bestätigung», schwärmt Kneter.
«Wofür?»
«Dass wir auf dem richtigen Weg sind.»
«Abneigung ist das. Die geilen sich dran auf, dass es uns schlechter geht, als ihnen.»
«Ja, das ist pure Emotion.»
«Aber keine gute.»
«Jede Emotion ist gut.»
«Das glaube ich nicht.»
«Du weichst ihnen ja auch aus.»
«Das stimmt nicht. Ich weiche einfach aus, wenn mir was in die Quere kommt», sage ich.
«Wie willst du dich da mal durchsetzen, wenn du allem ausweichst, was dir in die Quere kommt?»
«Erst lerne ich, wie man ausweicht, dann, wie man da bleibt.»
«Auf dem Video machst du beides. Da weichst du aus und bist da. Das kann man schön sehen.»
«Schön ist das nicht.»
«Deutlich. Deshalb ist es schön.»
«Deutlich für irgendwelche Trolle auf Youtube.»
«Unterschätze die mal nicht. An jedem Kommentar ist was Wahres dran», sagt Kneter.
«Wieviel denn?»
«Mindestens 1 Prozent.»
«Und wie sollen wir die von den 99 anderen unterscheiden?»
«Ja, das müssen wir genau analysieren.»
Kneter startet das Video von vorne. Ich sehe mich auf YouTube. Wir stehen vor dem «Abstieg». Kneter redet auf mich ein. Seine Stimme. Wie schräg die klingt. So hab‘ ich da also ausgesehen. Man sieht mir überhaupt nicht an, wie ich mich gefühlt habe. Das sieht aus, als hätte ich einfach gehen können. Wenn ich das jetzt so sehe, denke ich, dass sich Kneter wie ein Idiot aufgeführt hat und noch schlimmer: ich habe ihn dabei gefördert, weil ich mich seinen Machtspielchen untergeordnet habe.
«Ich komme mir da drin falsch vor», sage ich.
«Weißt du, was ich gedacht habe, als ich dich auf dem Video gesehen habe?», fragt Kneter, ohne auf meinen Kommentar einzugehen.
«Nein.»
«Dass du echt voll telegen bist. Du siehst da viel besser aus als ich. Deshalb sollten wir die Rollen so lassen. Ich filme. Du spielst.»
«Ich spiele nicht.»
«Du weißt schon, wie ich meine.»
«Was sollen das überhaupt für Videos werden?»
«Ein Vlog über uns. Kein Assi-Content. Eher sowas wie ein Kammerspiel. Das passt zu deiner verklemmten Hysterie.»
«Verklemmte Hysterie?»
«Ich war echt bisschen sauer, dass du dich besser auf dem Bildschirm machst. Schau. Hier.»
Kneter spult. Ich sehe mich in der Mitte des Wohnzimmers auf dem Boden sitzen. Aus dem Off schallt es: «BEE! BEE! BEE!» Ich sitze da wie eine Puppe, die jemand vergessen hat. Meine Körperhaltung ist wie ein Witz, über den ich als einziger lache. Aber Kneter will mich nicht verarschen. Das höre ich. Der meint das ernst. Ich höre seine Stimme im Video. Obwohl mehrere Leute schreien, höre ich es deutlich. BEE! BEE! BEE! schreit Kneter. Und ich höre zu. Jetzt sehe ich, was er meint: ich höre ihm konzentriert beim Schreien zu, als wäre da noch mehr als die abgehackten Brocken, die er mir hinwirft. Ich glaube an ihn, das sehe ich. Egal, was er absondert, ich glaube, dass das alles einen Wert hat, auch wenn ich nichts von diesem Wert für mich beanspruche. Kneter und ich haben eine Grenze gemeinsam. Aber der einzige, der sich dort aufhält, ist er.
«Also hast du Bock auf das Projekt?», fragt er.
Das Video läuft jetzt wieder von vorne. Kneter beisst in den Frosch. Jetzt fällt mir ein, wie sie ihn früher in unserer Klasse genannt haben: Kröter. Das hat nichtmal gepasst. Das ist weder ein originelles Wortspiel, noch passt es irgendwie zu ihm. Aber sie haben ihn immer wieder so genannt, bis es sich rumgesprochen und verselbständigt hatte. Kröter. Ich war der einzige, der ihn nicht so genannt hat. Nicht, weil ich moralisch weiter gewesen wäre als andere. Ich habe einfach keinen Sinn darin gesehen. So haben wir uns angefreundet.
«Hey, hast du Bock auf das Projekt?» wiederholt Kneter.
«Wir brauchen einen guten Namen», sage ich, dann sehen wir uns an. Wir halten den Blick.
«Wir haben einen guten Namen», sagt Kneter «… und was noch viel wichtiger ist: ich hab‘ paar neue Ideen. Das reicht.»



13

Ich ziehe mir den Kittel über und schreite neben Herrn Woigl in den Laden. Das erste, was ich von meiner neuen Welt sehe, ist eine Konservendose mit Auberginen, die am Boden vor dem Regal liegt. «Da kannst du dich gleich um die Feinkost kümmern», sagt Herr Woigl und zeigt auf die Dose. Feinkost also. Ich hebe die Dose an wie einen Pokal und positioniere sie im Regal wie in einer Vitrine. Meine erste erfolgreiche Tat. «Wenn du sowas siehst: immer sofort erledigen», ordnet Herr Woigl an.

Bis zur Mittagspause lerne ich. Ich lerne den Beruf und ich lerne schnell. Die Feinkost habe ich in zehn Minuten abgefertigt. Jetzt bin ich zurück an einer vertrauten Stelle: bei den Bechern. Und jetzt weiß ich, wie ich sie berühren muss. Ich kann sogar dabei lesen. Ich kann alles lesen, was da drauf steht. Alle Werbeversprechen die so schön und wahr klingen. Als würden sie die Welt erklären. Die Welt. Beim Einräumen der Molkereiprodukte fällt mir auf, dass der Supermarkt der internationalste Ort hier in der Stadt ist. Butter aus Irland. Käse aus Italien. Kefir aus Russland. Ich habe es in die Welt geschafft. Genau da wollte ich doch hin.
«Das darf ruhig noch schneller gehen», höre ich hinter mir. Herr Woigl. Er hat mich kurz in die Regalpflege eingewiesen und mich dann mit dem vollen Rollcontainer alleine gelassen. Ich hatte gehofft, das würde die einzige Anweisung heute sein, aber mein Chef ist scheinbar hartnäckig. «Das ist wichtig, dass es schnell geht», erklärt er streng. «Die Lieferung darf nie zu lange draußen stehen.»
«Wegen der Kühlkette?»
«Weil wir sie verkaufen wollen. Aber gut, dass du auch an die Kühlkette denkst.»
«Natürlich», sage ich ernst. Ich schaue auf den vollgepackten Rollcontainer hinter mir. Das Zeug da drauf wird einfach nicht weniger. Als ich angefangen habe, das einzuräumen war das Regal schon erschlagend voll. Wieso muss da immer noch mehr Zeug rein? Und wieso muss das auch noch schnell da rein? Ich sehe hier jetzt keine Kunden. Ich sehe keine anstürmende Menge. Es ist doch schon längst alles da. Ich frage mich, wie Herr Woigl das meint, mit dem Verkaufen. Ich mache konzentriert weiter, weil ich hoffe, vielleicht selbst drauf zu kommen. Am meisten faszinieren mich aber noch immer die Verpackungen. Ich will neue Orte darauf entdecken. Ich will mir vorstellen, wo ich jetzt sein könnte. So nah bin ich der Freiheit in der Schule schon lange nicht mehr gekommen. Vielleicht hätten die mir da auch einfach mal einen Joghurtbecher in die Hand drücken sollen. Oder liegt es an meinen Bewegungen? Wie ein Roboter wiederhole ich alles, als wären meine Bewegungen ein Fluchtweg in die Welt da draußen, den mir eine geheime Kraft mechanisch einflüstert. Drehen. Greifen. Strecken. Drehen. Greifen. Strecken. Drehen. Drehen. Drehen. Als der Rollcontainer fertig verräumt ist, ist mir schwindelig. So groß ist die Welt hier gar nicht. Zumindest nicht bei den Molkereiprodukten. Das meiste Zeug, das ich eingeräumt habe, stammt hier aus der Gegend. Irgendwo hier muss mehr von allem sein. Viel mehr. Der Laden ist riesig.

In meiner allerersten Mittagspause sitze ich mit Cox und Kneter am Hintereingang auf dem Boden. Die beiden haben mich abgeholt. Auf einmal waren sie da. «Lebensmittelkontrolle», hat Kneter gescherzt, als er auf einmal hinter mir aufgetaucht ist. Ich hab‘ uns drei Ayran besorgt. Jetzt sitzen wir an der Wand neben dem Müllraum. Wir trinken, rauchen und schauen auf den Waldweg, über dem der Supermarkt wie ein Schloss thront, das ein uninspirierter Schüler entworfen hat.

«Wie viel von dem Zeug landet hier eigentlich auf dem Müll?», fragt Cox.
«Viel», sage ich. «Ich muss jetzt dann gleich noch was aussortieren»
«Diese Wichser. Kriegst du keinen Hass, wenn du siehst, was die verschwenden?»
«Ich seh‘ das doch erst heute Nachmittag», verteidige ich mich.
«Dann schau‘ dir mal die Schwachstellen an.»
«Die Schwachstellen?»
«Ja, darum geht es. Darum geht es überall», erklärt Cox. Kneter sagt nichts. Es läuft keine Kamera. Cox war von Anfang an begeistert von Kneters Filmplänen. Jetzt kennt er auch das Froschvideo. «Ein Meisterwerk», hat er gesagt und ist jetzt inspiriert, eigene Filme zu drehen. Die Videos seines Kanals «20th Century Cox» sollen zu denen von «Knetflix» passen, aber eigenständig sein. Jetzt sind sich beide noch nicht einig, in welche Richtung ihr Content gehen soll. Und so lange das so ist, wird nichts gefilmt. Ich genieße diese schöpferische Pause. Trotzdem sehe ich, dass sich um uns herum dauernd etwas bewegt. Zwei Leute laufen auf dem Waldweg, zu dem wir sehen können. Sie sind schnell. Ich erkenne sie: Es sind Schmandra und Bea. Seit ein paar Wochen sind sie gemeinsam im Training. Krass, wie Bea sprintet. Von hier sieht es so aus, als würde ihr Schmandra hinterher keuchen. Ich drehe mich zu Cox. Auch er hat seinen Vater erkannt. Düster starrt er ihn an.
«Deine Schwester», durchbricht Kneter die Stille.
«Das ist deine Schwester?», fragt Cox.
«Ja.»
«Ihr seht euch ja nicht sehr ähnlich.»
«Das wirkt nur so, durch die Entfernung», sage ich.
«Die sollte sich mal lieber von diesem Typen fern halten», murmelt Cox vor sich hin. Ich schaue auf die Uhr. Gleich ist meine Pause vorbei. Ich drücke die Kippe aus und frage mich, wie erholsam das jetzt war. Selbst in meiner Pause sind überall Wettkämpfe: Schmandra und Bea. Kneter und Cox. Alle wollen sich durchsetzen. Alle wollen dauernd ihren Willen behaupten. Zum Glück bin ich gleich wieder zurück im Laden. Da hab‘ ich wenigstens das Kühlregal im Griff.



14

Es gibt einen Grund zum Feiern. Also für unsere Eltern: Bea ist noch viel besser, als Schmandra erwartet hatte. Mit ihrer Rennerei spült sie eine neue Perspektive ins Haus. Und ich habe die ersten Wochen meiner Ausbildung überstanden. Bisher ist nichts eskaliert. Deshalb sitzen wir jetzt entspannt mit unseren Eltern im Wohnzimmer. Entspannt heißt: meine Eltern kiffen und wir sehen ihnen dabei zu. Sie bieten uns zwar immer an, auch mitzurauchen, aber wir verzichten beide freiwillig. Bea und ich können nichts mit dem Zeug anfangen. Ein paarmal haben wir es probiert. Zusammen mit meinen Eltern. Als sie jung waren, waren sie Grunger. Mein Vater hat mir mal erklärt, was das ist. Ich habe es mir so gemerkt, dass sie sich nicht entscheiden konnten, ob sie Hippies oder Punks sein wollten. Jetzt merkt man ihnen manchmal immer noch nicht an, was sie sein wollen. Einmal pro Woche sitzen sie mit Weed und Nirvana in der Playlist im Wohnzimmer. Und ich glaube, sie denken, dass es super wertvoll ist, wenn sie uns bei all dem dabei haben. Und ich glaube das auch. Ich mag es, einfach so mit meinen Eltern hier zu sitzen, Musik zu hören und passiv was von ihrem Gras abzubekommen. Aber ich weiß, das alles hält nicht lange. Ich weiß: Sobald wir über etwas reden, wird es geprüft und bewertet. Sogar wenn «I hate myself and want to die» aus den Boxen dröhnt. Ich bin nicht anfällig fürs Kiffen. Damit kriegen sie mich nicht. Aber ich bin anfällig für die Bands, die meine Eltern hören. Ich frage mich, was die härtere Droge ist. Wahrscheinlich die Musik, denn die knipst immer alles in mir an, so sehr, dass es weh tut. Das Weed dröhnt einfach ein bisschen. Es berührt mich nicht, es findet den Schmerz nicht, vor dem ich mich selbst verstecke. Ich sammle mich, weil ich die Playlist kenne, die jetzt läuft. Ich weiß, dass es weich wird, dass ich gleich getroffen werde. «Plush». Stone Temple Pilots. Warum ausgerechnet jetzt? Ich kann mich nicht gegen dieses Lied wehren. Nie. Ich höre immer zu. Ich lausche jeder Zeile. Jetzt: «And i see that these are lies to come / So would you even care?» Alle hier im Wohnzimmer sprechen einfach weiter, als wäre nichts, als würden sie nicht hören, dass jemand eine wichtige Frage gestellt hat. Ich sehe zu, wie sich meine Eltern und Bea unterhalten, aber ich kriege nicht mit, was sie sagen. Ich muss das Lied irgendwie ausblenden. «And i feel it / And i feel it.» Ach so. Jetzt. Wir spielen etwas. Ich wusste es. So enden diese Abende immer. Stadt. Land. Fluss. Das spielen wir also jetzt. Das kenn ich. Wir spielen das Spiel verrückt, aber trotzdem immer gleich: Es gibt nur unsere eigenen Kategorien. Jeder darf eine vorschlagen. Ich sage: «Krankheit». Mein Vater sagt: «Das habe ich gerade vorgeschlagen. Hörst du überhaupt zu?»
«Oh.» Ab jetzt höre ich wirklich zu. Die Kategorie meiner Mutter ist: «Jugendwort». Bea entscheidet sich für: «Ausrede». Ich greife nach dem ersten, was mir einfällt: «Ok: Band.»
«Das ist fies», beschwert sich Bea.
«Ist das schon deine Ausrede für D?», frage ich.
«Vielleicht fällt dir was Kreativeres ein», ermutigt mich meine Mutter.
«Stadt», sage ich.
«Langweiler.» Mein Vater pustet eine dicke Spur Rauch aus und sieht mich fragend an.
«Ok: Name für einen Planeten, den ihr entdeckt habt.»
«Da kann man ja jeden Scheiß hinschreiben», echauffiert sich Bea.
«Dieser Scheiß muss dir erstmal einfallen.»
«Wieso sollte mir Scheiß einfallen?»
«Eben. Damit sagst du doch, wie anspruchsvoll das ist. Das ist gar nicht so leicht, bis dir da was einfällt.»
«Das kann doch kein Mensch nachprüfen, was da stimmt.»
«Da hat Bea recht», sagt meine Mutter. «Wir müssen das schon vergleichen können.»
«Das kann man doch vergleichen!»
«Aber nicht bewerten!»
«Wieso müsst ihr denn krampfhaft alles bewerten?!»
«Planeten, die es wirklich gibt, könnten wir machen», schlägt mein Vater vor. Wir sehen ihn alle überfordert an.
«Ok: Titel eurer Autobiographie.»
Niemand bestürmt mich mit Widerspruch. Ich glaube, der Vorschlag war gut.
«Wir geben einfach wieder Kreativpunkte», schlägt mein Vater vor. «Das macht das alles ausgeglichener.»
Meine Mutter steuert dagegen: «Kreativpunkte? Gott, das ist furchtbar, wie Malen nach Zahlen.»
«Können wir jetzt einfach mal anfangen?», fragt Bea. Niemand widerspricht. Wir holen unsere Handys raus. Am Anfang haben wir das Spiel noch analog gespielt, aber jetzt wollen es sogar unsere Eltern immer auf dem Handy spielen. Beim Öffnen der Stadt-Land-Fluss-App sehe ich, dass eine Nachricht von Kneter aufploppt. Ich drücke sie weg und gebe die Kategorien ein. Dann starten wir. Der erste Buchstabe ist: E. Während wir Überlegen und Tippen bemerke ich wieder die Musik. Sie ist so gut, dass ich nicht weghören kann. Es läuft jetzt «Schizophrenia» von Sonic Youth. Hinterhältig und wunderschön schleicht sich der Song in mich rein. Ich kämpfe gegen diese Schönheit an und frage mich, welchen Buchstaben wir gerade suchen. Ich höre: «I was out of the line». Dann höre ich: «Stop!» Ganz laut: «Stop!»
Meine Mutter ist immer die Schnellste. Ich sehe auf meine Ergebnisse. Da steht kein einziges vollständiges Wort. Ich könnte einfach was erfinden. Das ginge schnell. Eigentlich ginge das schnell. So streng ist das doch alles nicht. Aber da wir digital spielen, sehen alle längst, was ich gemacht habe.

Jetzt höre ich «T!» Und gleich nochmal: «T!». Ich schreibe. Ich kritzle schneller, als ich hören kann. Trotzdem ist sie noch immer da, die Musik. Ich will mich jetzt einfach in sie reinlegen, wie in einen Sumpf aus Heilerde, der mich gleichzeitig wärmt und langsam erstickt, so sanft, dass ich keine Schmerzen habe, sondern euphorisch nach drüben drifte, in ein besseres drüben, in mich selbst. Ich kritzle, bis sich Lärm in die Musik mischt. Es ist eine echte Stimme. «Stop!», höre ich. «Stop!» Ich stoppe und schaue auf die Ergebnisse:

Ritter Rost (Mein Vater. Er gibt sich immer andere seltsame Pseudonyme.)
Krankheit: Sepsis
Jugendwort: Schnieke
Ausrede, die Hausaufgabe vergessen zu haben:
Sturm hat mich überrascht
Titel der Autobiographie: Stirb langsam 6

Barbara Andorra (Meine Mutter. Sie hat immer das selbe seltsame Pseudonym.)
Krankheit: Sepsis
Jugendwort: Swipen
Ausrede, die Hausaufgabe vergessen zu haben:
Saftlos gewesen
Titel der Autobiographie: Sie kam, sah und siegte

Mystress 3000 (Bea)
Krankheit: Senfallergie
Jugendwort: Smombie
Ausrede, die Hausaufgabe vergessen zu haben:
Sag‘ ich nicht
Titel der Autobiographie: Sagen wir Samstag

Lu
Krankheit: Senfallergie
Jugendwort: Sdfqf
Ausrede, die Hausaufgabe vergessen zu haben:
Sex
Titel der Autobiographie: Se jföjaö

Bea und ich sehen uns böse an. Die Senfallergie nehme ich ihr übel. Mit der habe ich mir vor Ewigkeiten mal den Sieg in einer Runde gesichert. Das hat sie sich gemerkt. Jetzt nimmt sie sie immer, wenn wir die Kategorie Krankheit haben und wenn der Buchstabe S dran ist. Beides passiert leider sehr häufig. So häufig, dass auch meine Eltern oft dasselbe nehmen. Ihre Senfallergie ist Sepsis. Ich denke mir jedes mal, irgendjemand muss das doch mal merken und dagegensteuern. Aber wir machen immer weiter. Obwohl wir das alle sehen, machen wir weiter. Das Programm bestraft uns gnadenlos mit Punktabzug.
«Welcher Jugendliche sagt ’schnieke‘?», mäkelt meine Mutter, die jetzt auch registriert hat, dass sie wieder in die Sepsis-Falle getappt ist.
«Das war ein Jugendwort. Das war es mal», verteidigt sich mein Vater.
«Da waren wir alle aber noch nicht geboren», sagt meine Mutter.
«Ich hab‘ das wirklich oft gesagt», beharrt Ritter Rost.
«Papa, du warst damals schon alt.»
Mein Vater lächelt Bea milde an. Aber nicht weil er ihr glaubt, sondern weil er jetzt weiß, wie er zurückschießen kann: «’Sag‘ ich nicht‘ ist keine Ausrede», behauptet er.
«Es ist die universelle Ausrede! Die passt einfach immer», behauptet Bea.
Auf dem Display ploppt wieder eine Nachricht von Kneter auf. Diesmal lese ich sie:
K: Hab‘ sturmfrei. Kommst du rum?
«Dann würde einfach alles zählen», sagt mein Vater. Ich merke, dass das Weed bei meinen Eltern jetzt richtig wirkt. Ich merke das an der Art, wie mein Vater etwas kritisiert. Wenn er stoned ist, klingt er, als könnte er jetzt alles viel besser erklären, wenn er nur grade nicht so müde wäre. Dann werden seine Sätze immer viel zu kurz für seine Betonung. Auch aus diesem Grund mag ich kein Weed. Ich fühle mich auch nüchtern schon so, als würde ich alles falsch betonen. Und jetzt merke ich, dass wir alle auf einem ähnlichen Level sind, was die Konzentrationsschwäche angeht. Bea sieht auch aus, als hätte sie schon mit dem Spiel abgeschlossen. Ich will sie wenigstens noch einmal besiegen. Rache für die Senfallergie. «Spielen wir noch eine Runde», sage ich gönnerhaft. «Danach muss ich eh‘ los. Ich hab‘ noch was mit Kneter ausgemacht.»
«Was habt ihr denn noch vor?», fragt meine Mutter.
«Sag‘ ich nicht.» Ich grinse sie an.
«Siehst du, das ist keine Ausrede», sagt mein Vater triumphierend. «Damit kann niemand irgendwas anfangen.»
«Kann ich trotzdem gehen?», frage ich.
«Ok, aber eine Runde noch», nimmt mein Vater meinen Vorschlag auf. Er lächelt mir zu. Er weiß etwas. Als hätte er mir beim Denken zugehört. Als wollte er mir zeigen, dass das alles doch gar nicht so kompliziert ist. Er lächelt weiter. Unbesiegbar sieht er jetzt aus.

Vierter Platz. Wie egal mir das ist. Das war doch sowieso kein wirklicher Wettbewerb. Das war keine objektiv messbare Leistung. Aber warum mussten die mich ‚Vierter Sieger‘ nennen? Ich weiß, meine Mutter meint das nicht böse. Sie hat das ermutigend gesagt, als wollte sie mir ein bisschen Trost in den Matsch nachschmeißen, in den mich meine Niederlage gestürzt hat. Meine Familie hat mich vernichtend besiegt. Einmal mehr. Sie hat mich geowned. Ownen. Sogar das ist meiner Mutter als Jugendwort mit O eingefallen. Bei mir stand da nichts. Ich spreche diese Sprache nicht. Ich habe überhaupt keine Sprache. Wir vierten Sieger hören einfach nur zu. Wir sagen: Ja. Wir sagen: Nein. Aber nicht weil wir wissen, wozu, sondern weil wir ab und zu zeigen müssen, dass wir auch anwesend sind. Es ändert nichts, ob wir Ja oder Nein sagen. Das ist, als könnten wir uns entscheiden, ob wir etwas mit der linken oder der rechten Zahnseite zerbeißen, aber am Ende schlucken wir doch einfach alles runter. Und ich weiß, dass ich jämmerlich selbstmitleidig bin, wenn ich so denke. Ich werde vom vierten zum fünften Sieger, wenn ich so denke. Auch wenn nur vier Leute im Wettbewerb sind. Wenn ich so denke, erzeuge ich Phantasiefiguren, die mich besiegen. Aber keine von diesen sichtbaren Figuren. Sie entstehen ganz ohne Phantasie. Sie sind Anti-Phantasie, gesichtslos, unbeweglich. Einfach dazu da, mir den Weg zu versperren. Und ich steh‘ da jetzt mitten drin. Alles ist voll von diesen Figuren. Sie sind so groß, dass ich gar nicht mehr sehe, wo wir eigentlich sind. Und heute ist eine neue Figur dazu gekommen. Wie alle anderen habe ich sie selbst geschaffen, kontaktlos erzeugt, als ich es gehört habe: Vierter Sieger. Irgendwann will ich eine Zahl erreichen, bei der man nicht mehr von Sieger sprechen kann. Aber ich weiß: das dauert. Länger, als ich je Zeit haben werde. Ich werde immer ein Sieger sein. Nicht, weil ich gewinne. Einfach, weil es genug Zahlen gibt, die man vor meine Leistung stellen kann. Einfach, weil mich jemand als Vierter Sieger bezeichnen kann und ich nicht weiß, wie ich aus dieser Behauptung rauskomme. Ich weiß, dass mich diese Gedanken vernichten werden, aber ich kann einfach nicht aufhören, so zu denken. Irgendwie muss ich sie endlich bekämpfen. Am besten mit ihren eigenen Waffen: mit Musik. Ich sitze jetzt alleine in Kneters Zimmer. Er duscht gerade. Ich tippe an seinem Laptop herum und aktiviere seine Bluetooth-Kopfhörer. Ich öffne Youtube und gebe ein: Fade into you. Ein Lied, zu dem meine Eltern geknutscht haben. Ich schäme mich, dass mich das so berührt. Als würde ich an ihrem Schlafzimmer vorbeigehen, während sie ficken. Aber ich will das Lied jetzt hören. Unbedingt. Für Mazzy Star würde ich mich sogar an meinen fickenden Eltern vorbeischleichen. Ich starte den Song. Während die ersten Takte laufen, lösche ich den Songtitel aus der Suchleiste. Ich will keine Spuren hinterlassen. Ich will jetzt einfach körperlos sein, besiegt und vollgepumpt mit Würde untergehen. «Some kind of night into your darkness / colours your eyes with what’s not there.» Wie schön der Schmerz mich jetzt begräbt. Ich drehe lauter. Ich gehe zum Fenster und sehe, was Kneter sonst sieht: unser Haus. Er sieht unser Wohnzimmer, in dem Licht brennt. Meine Eltern sitzen da noch immer. Auch in Beas Zimmer brennt Licht. Aber ich fühle mich sicher. Ich weiß, dass sie hier nicht rüberschauen werden. Das Licht hier im Zimmer ist aus. Außerdem ist Kneters Haus wie ausgeklammert. Ein Versteck, fast so sicher wie Musik. «A strangers light comes on slowly», höre ich und merke, dass sich etwas am Klang geändert hat. Plötzlich ist er viel zu laut. Und überall. Ich drehe mich um. Kneter steht an seinem Laptop. Ich erschrecke. Nicht, weil Kneter overdressed im Sakko da steht, sondern weil er jetzt da ist. Mitten in meinem Versteck, das ihm gehört.
«Was stehst du denn im Dunklen rum?», fragt er.
«Ich hör Musik.»
«Du stehst im Dunklen und hörst dieses Emozeug?»
Ich bin zu überrascht, um das präzise zu beantworten. Also sage ich: «Ok, mach aus.»
Kneter dreht sich zu seinem Laptop. Er tippt darauf rum. Das Lied wird lauter.
«Traust du dich nicht, das laut zu hören?»
Nein, denke ich. Nein.
Ich sehe, dass Kneter auf Repeat stellt.
«Dann mach ich’s halt selber aus», sage ich. Entschlossen gehe ich auf den Laptop zu.
«Du hast das im Kopfhörer voll aufgedreht. Wieso willst du das nicht laut hören?»
Kneter stellt sich vor mich.
«Ich bin nicht mehr in der Stimmung», sage ich.
«Ich will es hören», sagt Kneter. «Ich will das auch hören. Wieso willst du immer alles alleine machen, Mann?!»
«Ich bin doch da.»
«Du kannst einfach nicht teilen.»
«Mach das bitte jetzt aus.»
«Wieso hast du mir den Song nie gezeigt?»
Ich will mich an Kneter vorbeidrängeln. Er hält mich auf. Wir drücken uns durch den Raum. Wir stolpern und drücken, stolpern und drücken. Die Stoptaste ist jetzt in einer anderen Welt. Hier existiert nur noch Repeat. Und obwohl ich play gedrückt habe, will ich das alles nicht mehr hören. Wir stolpern und drücken, stolpern und drücken. Jetzt fängt das Lieder wieder an. «Fade into you / I think it’s strange, you never knew.» Ich höre alles, weil ich nicht weiß, wie sich meine Ohren schließen.



15

«Tust du schon wieder nix?»
Ich fühle mich ertappt, dabei bin ich gar nicht gemeint. Frau Stöhr sagt das zu Herrn Woigl. Er steht bei uns am Backshop und will einen Kaffee. Ich drücke aufs Knöpfchen des Automaten und sehe zu, wie der Pappbecher sich füllt. Störungsfrei überreiche ich ihm seine Bestellung. Ich fühle mich dem gewachsen, was da jetzt kommt: Ich soll bedienen. Das heißt: Menschenkontakt aufnehmen. Das heißt: mit Fremden sprechen und ihnen eine Tüte mit Backwaren in die Hand drücken. Frau Stöhr lernt mich an. Sie ist eine geduldige Lehrerin und ich bin ein aufmerksamer Schüler. Ich schaue mir an, wie sie das macht. Ich schaue, wie sie nach den Brötchen greift, wie sie das Brot aus dem Regal holt, wie liebevoll sie Kuchen ins Papier einwickelt. Ich schaue mir an, wie sie mit den Leuten spricht. Sie hat eine Zauberformel. Bei Herrn Woigl hat sie sie benutzt und jetzt wieder: «Tust du schon wieder nix?» Sie sagt das fast immer, wenn sie einen Kaffee verkauft. Sie sagt das zu Kollegen und zu Leuten, die sie scheinbar kennt. Sie sagt das, wenn jemand alleine vor ihr steht oder zu ganzen Gruppen: «Tut ihr schon wieder nix?» Als wäre das Nix-tun ein unerträglicher Zustand, aus dem sie Eingeweihten mit ihrem speziellen Kaffee heraushelfen kann. Zu mir sagt sie das zum Glück nicht, aber ich merke, dass ich es geschafft habe, wenn sie das mal so zu mir sagt. Dann habe ich ihr Vertrauen, ihren Respekt, dann weiß ich, dass ich keine Attacke von ihr erwarten muss. «Tust du schon wieder nix?» Wenn sie das jetzt sagen würde, wäre es ernst gemeint. Irgendwo dazwischen ist Erfolg, glaube ich. Vielleicht liegt das alles immer an der Betonung. Alles was jemand sagt, hat eine Temperatur. Genau wie das Zeug, das ich hier aus der Theke hole. Was das für eine Arbeit ist, bis das knusprig und genießbar ist. Und wenn die Temperatur nicht stimmt, wird das alles nichts. Dann landet das einfach auf dem Müll. Aber so ist das doch nicht. Es gibt doch nicht nur die Entscheidung, ob ich auf dem Müll oder in einer Glasvitrine lande. Oder? Wenn ich mich mit diesem Gebäck vergleiche, dann bin ich eine Schüssel mit losem Mehl, die jemand auf den Balkon gestellt hat. Und ich frage mich, was eher kommt. Die Hand, die mich in die Küche bringt, oder der Wind. Frau Stöhr ist irgendwie beides. Jetzt kommt sie direkt auf mich zu. «Ich muss kurz in die Backstube», sagt sie. «Kümmerst du dich bitte um die Kundschaft?» Sie hat es so eilig, dass sie nur kurz mein Nicken abwartet. Dann verschwindet sie im Hinterzimmer. Meine Lehrmeisterin lässt mich alleine. Sie vertraut mir alles hier an. Ich stehe herum, bis es mich langweilt, herumzustehen, also so 10 Sekunden. Dann spüre ich mein Handy im Kittel. Frau Stöhr belegt Bleche mit Teiglingen. Ich höre, wie sie arbeitet. Jetzt habe ich Zeit. Ich habe alles im Griff. Ich stelle mich neben das Brotregal und hole mein Handy aus der Kitteltasche. Kneter hat vorhin geschrieben, dass er ein neues Video hochgeladen hat. Ich will es sehen. Nur ganz kurz. Nochmal ein vorsichtiger Blick zur Backstube und in den Kundenbereich. Alles still. Ich klicke das Video an, dann erstarre ich. Ich höre Mazzy Star. Ich sehe Kneter und mich, wie wir uns zu «Fade into you» durch den Raum schieben. Das Video hat mehr als tausend Klicks. Ich sehe, dass grade jemand einen Kommentar dazu schreibt. Dann höre ich das Geräusch eines Einkaufswagens. Ich blicke auf. Ein lächelnder Kunde kommt auf mich zu. Er ist in bester Einkaufslaune. Ich will ihn verscheuchen. So macht das alles keinen Sinn, will ich sagen, aber ich stecke das Handy zurück in den Kittel und baue mich vor ihm auf, wie zu einem Duell. Meine Beine zittern, als würden Kneter und ich in mir drin weiter kämpfen, als hätten wir uns da rein verirrt und wüssten nicht mehr, wo es raus geht. Ich stütze mich ab und versuche zu verstehen, was der Kunde sagt.

«Zwei Kaisersemmeln bitte.»
Ich fühle nichts. Wir kämpfen. Wenn ich das Zeug hier anfasse, fühle ich nichts.
«Können Sie das schneiden, bitte?»
Wir kämpfen. Vielleicht fühle ich nie etwas. Ich würde das jetzt gerne zerdrücken. Mich mit dieser knusprigen Rinde aufritzen, bis ich Blut sehe. Wir kämpfen. Aber ich funktioniere. Dafür muss ich gar nichts fühlen. Ich kann mir dabei zusehen, wie ich alles richtig mache. Wir kämpfen.
«Zehn Millimeter?» frage ich.
Der Kunde lächelt zustimmend. Wir kämpfen. Ich stecke das Brot in die Schneidemaschine und sehe dabei zu, wie es gehackt wird. Ich bin kein Fachmann, will ich dem Kunden gestehen. Ich bin ein Panscher. Wir kämpfen. Sobald ich das Zeug hier berühre, kontaminiere ich es. An mir klebt unsichtbarer Müll. Können sie das sehen, will ich fragen. Wir kämpfen zu Mazzy Star. Aber ich frage nur: «Außerdem?»

Pause. Also nicht offiziell. Aber Frau Stöhr ist endlich zurück am Platz und ich habe mich leer bedient. Als wäre meine Energie eine Vitrine voller Brot und jetzt sind da nur noch Krümel drin. Aber das kann man nicht sehen. Sehen kann man nur die echte Vitrine. Und da ist mehr Brot drin, als ich jemals verkaufen kann. Nichtmal Frau Stöhr, mit all ihren Tricks und ihrer Kraft schafft das. Ich muss mich von diesem Anblick kurz ausruhen, ich muss jetzt etwas anderes sehen, als Brot. Ich habe mich einfach aus dem Bild geschlichen. Wenn das bei Kneter doch auch so einfach wäre. Als ich durch den Laden steuere, frage ich mich, wo die Leute sind, die sich die Videos anschauen. Irgendwo da draußen sind sie, wie etwas, dem ich nicht ausweichen kann. Ich gehe schneller zum Lager, als ob ich so das Ausweichen üben könnte. In meinem Kittel spüre ich mein Handy. Die Kopfhörer sind auch drin. Jetzt fühlt es sich wieder tröstend an, nicht mehr wie ein Unheilsbote. Zum Glück ist das Handy da. Da kann ich meine Gefühle viel schneller updaten, als in mir drin. Nur ein schneller Song. Dann alles auf Reset. Ich betrete das Lager und erstarre: Milena! Sie trägt einen Kittel. Sie steht einfach neben Woigl und hält eine Schachtel Trauben in der Hand. Ich bleibe stehen. Ich stehe blöd rum, bis sie mich erkennt. Wir grinsen uns an. Mein Körper kommt zurück. Wie gut sich das anfühlt. Ich bleibe jetzt einfach hier, denke ich. Ich bewege mich nie wieder.
«Was schaust denn so, bist narrisch?», fragt Woigl.
«Ja, äh. Kann ich euch was helfen?»
«Was bist denn überhaupt schon wieder raus aus der Backstube?»
«Ist grade nichts los», flunkere ich.
«Das schaut aber nicht so aus.»
«Sagt Bescheid, wenn ich euch helfen kann.»
«Mach einfach, was man dir sagt, damit hilfst uns am meisten», blafft Woigl. Ich lächle gnädig zurück. Milena und ich tauschen einen Blick aus, dann verschwinde ich auf die Personaltoilette und sperre mich in eine der Kabinen ein. Ich klappe den Klodeckel herunter und setzte mich. Ich schließe die Augen. Sie. Ist. Da. Ist das wahr? Oder bin ich jetzt auch noch paranoid? Wahrscheinlich steht da jemand anderes. Irgendein fremdes Mädchen, das ich einfach angestarrt habe. Ich brauche jetzt unbedingt Musik. Ich hole mein Handy aus dem Kittel. Ich setze die Kopfhörer auf und starte den Track. New Order. 1963. Nur diese eine Stelle. Genau jetzt. Ich scrolle zu Minute 4:43. Nicht mal Zeit für ein ganzes Lied hab ich hier. Aber ich brauche ja nur den einen Satz. «I will always feel afraid.» Da ist er. Genau da ist er. Und genau da bin ich. Wenn ich den Leuten doch sagen könnte, dass sie mich einfach in dem Lied abholen sollen. Ich würd‘ mitgehen. Wenn ich wüsste, wie das geht, würd‘ ich mitgehen. Jetzt ist die Stelle schon wieder weg. Die ist viel zu kurz. Nochmal. Ich scrolle. Ich drücke auf Play. «I will always feel afraid.»



16

«Was soll diese Scheiße?!» schreie ich Kneter an. Ich bin direkt nach der Arbeit zu ihm. Jetzt brülle ich, bis so viel Stimme aus mir draußen ist, dass ich sie sehen kann. Zum ersten Mal ist sie vor mir, wie ein Insekt in einem Glas, das an die Scheibe donnert. «Fuck!» werfe ich hinterher, als könnte ich damit das Glas zerbrechen. Ich höre, wie es kracht. Aber alles passiert immer nur innerhalb des Glases. Kneter ist trotzdem überrascht. Damit hätte er jetzt nicht gerechnet. Wir sehen uns an. Ich hab‘ noch mehr Stimme, sagt mein Blick. Da wo die herkommt, gibt’s noch viel mehr, sagt mein Blick.
«Du hast doch gesagt, dass du mir vertraust!» Kneter spielt den Unschuldigen. Das macht mich noch wütender.
«Ja, eben! Warum postest du die Scheiße, ohne dass ich was davon weiß!?», kratze ich in mir zusammen, mit einer anderen Stimme, die ich noch nicht kenne. Ich hätte jetzt gerne die Schreistimme wieder, aber ich finde sie nicht. Vielleicht war das der einzige Schrei, der in mir war. Ein seltsames Naturschauspiel, das nur alle paar Jahrhunderte vorkommt.
«Wir haben das doch ausgemacht, oder?», sagt Kneter unbeeindruckt.
«Du hast mich vorgeführt, Mann.»
«Ich finde das Video wunderschön.»
«Schön?!»
«Du bist da so wie du wirklich bist.»
«Es gab nen Grund, warum ich da nicht unter Menschen sein wollte.»
«Welchen denn?»
«Das weiß ich jetzt nicht mehr. Irgendwas war da an dem Abend, aber das war mir wichtig, da alleine zu sein.»
«Wieso warst du dann bei mir?»
«Ich wollte nur einen Moment unbeobachtet sein, nicht den ganzen Abend.»
«Fühlst du dich von mir beobachtet?»
«Wenn du mich heimlich filmst dann schon.»
«Wenn du mir einmal sagst, dass ich aufhören soll, höre ich auf. Das weißt du, oder?»
«Wieso muss ich dir sowas sagen.»
«Woher soll ich da sonst wissen?»
«Du könntest versuchen, mich schon vorher zu verstehen.»
«Wenn du nichts sagst, checkt niemand, was du meinst.»
«Dann warte einfach, bis ich dir was sagen kann.»
«Wir haben keine Zeit zu Warten.»
«Was bist du denn so ungeduldig?»
«Ich war schon immer so. Das weißt du.»
«Das macht es nicht besser.»
«Das hat dich noch nie gestört.»
«Das ist einfach alles neu für mich. Alles, was grade passiert!»
«Dann friss das nicht in dich rein, sondern sprich mit mir!»
«Sorry, ich brauch‘ echt bisschen Abstand von dir.»
Kneter sieht mich finster an.
«Ich könnte dir auch sauer sein, dass du einfach nur noch halb da bist.»
«Ja, kannst du», sage ich und gehe. Ich fühle mich, als würde ich aus meinem Körper schlüpfen und etwas wichtiges vergessen. Ich lasse es liegen, ohne mich umzudrehen.



17

«Danke. Scheißen.» Seit dem Streit mit Kneter, denke ich, dass mir etwas rausrutscht. Ich denke es vor allem, wenn ich bediene, so wie jetzt. Dann passen meine Gedanken und meine Stimme nicht mehr zusammen. «Danke. Scheißen.» Andauernd denke ich das. Das sind nur zwei Wörter. Eins davon ist sogar gut. Aber immer wenn ich bediene, muss ich beide zusammen denken. «Danke. Scheißen.» Dieser Brocken steht in meinem Hirn, wie ein Geschenk, das niemand abholt. Ich weiß, dass es an mich adressiert ist, das Geschenk, und wenn ich nicht antworte, kommen neue Geschenke. Ich bewege mich vorsichtig, weil die Pakete hier irgendwo stehen und ich gleich wieder drüber stolpere.
«Danke.» Wenn ich da stoppen könnte. Aber ich kann es nicht. «Danke. Scheißen», denke ich. Nur so ist das vollständig. Wieso kann ich das nicht teilen? Ich muss jetzt von mir weg. «Danke. Scheißen.» Ich brauche Abstand. Jetzt sofort. Aber ich sehe einen Kunden. Er rollt mir entgegen, mit seinem Einkaufswagen, den er wie eine Rüstung vor sich her schiebt. Wie eine Uniform ist der Einkaufswagen, wie eine Autorität, der ich mich jetzt beugen werde, egal was ich denke. «Danke. Scheißen.» Der Kunde nimmt Blickkontakt auf.
«Schönen guten Tag», sage ich lauter als gewollt. Konzentriert höre ich zu, was der Kunde sagt.
«Ja, das ist Roggenmisch», antworte ich. Der Kunde und ich kommen ins Geschäft: Er kauft das Brot. Geschnitten. «Danke. Scheißen.» Verführerisch reibt sich der Gedanke an mir, während ich dem Brot dabei zusehe, wie es in der Maschine geschnitten wird. Ich würde meinen Gedanken da jetzt auch gern reinstecken. Einmal in der Mitte durch und «Danke», behalten. Oder doch «Scheißen?» Wieso müssen sogar diese dummen Scheiben Brot kompliziert werden, wenn ich sie anschaue? Ich drehe mich um. Der Kunde steht noch da. Ich glaube, ich sehe ihn an, als hätte ich ihn mir eingebildet. «Außerdem?», frage ich, um mir meine Kompetenz zurückzuholen.
«Das war’s, Danke.»
Ich nehme das Geld.
Ich gebe ihm die Ware und sein Wechselgeld.
«Vielen Dank. Schönen Tag noch», höre ich.
«Schönen Tag noch», sage ich freundlich und denke: «Danke. Scheißen.» Dann sehe ich den nächsten Kunden.

Pause. Ganz offiziell. Eigentlich will ich längst draußen sitzen und eine rauchen, aber vor mir auf dem Boden liegt ein Centstück. Ich weiß nicht, ob ich es aufheben soll. Wenn ich es nehme, bringt das vielleicht Pech, weil ich dann zeige, dass ich abergläubisch bin. Aber wenn ich es nicht aufhebe, zeige ich, dass mir Kleinigkeiten nichts Wert sind. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Wieso muss das jetzt da liegen? Ich kann mich bei sowas nie entscheiden. Grade habe ich mich befreit. Und jetzt geht das von vorne los. Es gibt wieder nur zwei Möglichkeiten. Heb ich das Scheißteil auf oder nicht. Wieso ist das alles so existentiell? Stop. Ich übertreibe. Ich bin einfach ein Idiot in einem weißen Kittel, der auf den Boden eines Supermarkts starrt. Erst mal schauen, ob da jemand kommt. Ok, wenigstens sieht mich keiner. Ich hebe das Centstück jetzt auf. Es ist meine Pflicht, den Laden sauber zu halten. Aber wenn ich es liegen lasse, findet das Geld vielleicht jemand, der es viel dringender braucht. Ein Centstück. Niemand braucht das wirklich. Aber es hat einen Wert. Jemand hat vielleicht seinen Glückstag, wenn ich das liegen lasse. Oder jemand ist damit genauso überfordert. Eine allgemeine Bedrohung ist dieses Centstück. Ich heb‘ das jetzt auf. Fuck. Ich kann mich nicht mehr rühren. «Danke. Scheißen.» Da ist es wieder. Es hat sich in eine Münze verwandelt. Ich habe es verwandelt. Scheiße zu Geld. Wie einfach das war. Wie einfach ich mir alles mache. Während ich jetzt da überfordert drauf starre, passiert in dieser Welt etwas, was wirklich wichtig ist. Ich krieg nichts davon mit, weil ich einfach an mir selbst runter schaue und über alles stolpere, was da liegt, auch wenn ich es sehe, auch wenn ich mir stundenlang ansehe, was da liegt. Und jetzt mache ich mich auch noch runter dafür. Das ist mein Fehler. Selbstmitleid. Ich nehme mich viel zu wichtig. Ich denke, dass es irgendwelche Auswirkungen hätte, wenn ich was mache. Als könnte ich irgend etwas ändern. Stop. Das kann ich doch. Aber was? Wenn ich denke, dass ich nichts bewirken kann, bin ich einfach nur ignorant. Ich ignoriere alle Möglichkeiten. Es geht doch um etwas. Vorher war es ein Gedanke. Jetzt eine Münze. Das geht so weiter. Und wenn ich das bemerke, wird es nicht besser. Ich muss da jetzt eingreifen. Verdammt. Ich versuche es. Ok, ich nehme die Münze. Nein, ich gehe jetzt. Ich gehe. Nein, ich kann nicht. Fuck.
«Lu?»
Ich schrecke auf. Ich drehe mich um. Milena. Sie steht direkt vor mir. Sie lächelt.
«Na, schwer am arbeiten?», fragt sie.
«Äh, ich hab Pause.»
«Schläfst du deshalb hier im Stehen?» Milena lächelt.
«Da liegt ein Centstück auf dem Boden», sage ich und zeige vor meine Füße, als würde das alles erklären.
«Wieso hebst du es nicht auf?»
Ohne zu zögern hebe ich die Münze auf. Als ich sie in die Tasche stecke, ist jeder Gedanke weg.
«Machst du auch Pause?», frage ich.
«Ich pack’s für heute.»
«Du machst keine Ausbildung hier, oder?», frage ich Milena, als wir zum Pausenraum gehen.
«Ne, ich mach‘ das neben der Schule», sagt sie.
Ach ja, Mist, das wäre auch gegangen, denke ich. Als ich nach meinen Kippen im Kittel greife, spüre ich einen Fremdkörper. Was ist das?, denke ich, während Milena in den Umkleideraum geht. Ich ziehe die Münze aus dem Kittel. Dann fällt es mir wieder ein. Ich muss lächeln.



18

Ich stecke im Busch. Ich habe mich da ganz tief rein gegraben und drücke auf Record. Cox hat mich engagiert. Ich bin jetzt sein Kameramann. Wir drehen sein Manifest für 20th Century Cox. Er wollte unbedingt mich für die Kamera. Er hat gesagt, aus künstlerischen Gründen, aber ich glaube, er wusste, dass sich niemand sonst hier einfach so für ihn in den Busch zwängt und ihn dabei filmt, wie er sich auszieht. Ich filme, wie Cox seine Kleidung hinter sich wirft. Dann dreht er sich zur Kamera. «Ich bin ein verwöhntes Arschloch», tönt Cox. «Ich wurde panisch vor Gefahren gewarnt, dier hier überall sein sollen. Sogar hier draußen.» Er macht eine Kunstpause, dann raunt er: «Zecken.»
Cox zeigt auf den Waldboden unter sich. «Angeblich sind die so krass hier. Aber ich zeig euch, dass sie harmlos sind. Ihr könnt hier alles tun, was ihr wollt.» Cox legt sich ins Gras der Lichtung und fängt an, sich wild darin herumzuwälzen. Mit ausgestreckten Armen bleibt er auf dem Rücken liegen. Er atmet tief ein- und aus. Ich habe jede Bewegung in Nahaufnahme drauf. Ich zoome auf Cox. Schwitzend und rot liegt er da. Verletzlich sieht er jetzt aus. Als hätte ihn eine epische Tragik in diese Situation gebracht und nicht nur ein dummer Gedanke. Jetzt höre ich Schritte auf dem Gehweg. Ich schwenke instinktiv mit der Kamera dort hin. Dann erschrecke ich: Ich sehe Bea. Sie rennt. Gott ist sie schnell. Sie rennt einfach an Cox vorbei. Ich glaube, sie sieht ihn gar nicht. Und mich sowieso nicht, so eingepackt, wie ich hier bin. Bea ist wirklich hochkonzentriert. Ach ja, sie ist im Training, wie immer um diese Zeit. Schmandra müsste da auch dabei sein, aber ich sehe ihn nicht. Wahrscheinlich hat sie ihn abgehängt. Sie bremst einfach für überhaupt nichts. Jetzt sehe ich, dass Bea stehen bleibt. Sie stemmt die Arme in die Hüften. Sie atmet durch. Sie dreht sich zu Cox. Sie hat ihn also doch bemerkt. Durch den Zoom kann ich ihren Gesichtsausdruck sehen. Bea sieht nicht aus, als wäre sie gestört worden. Sie sieht aus, als wäre das ein ganz natürlicher Grund, ihre Rennerei zu stoppen. Sie geht zu Cox. Oh Gott! Sie. Geht. Zu. Cox! Er bemerkt sie jetzt auch. Und im Gegensatz zu Bea sieht er nervös aus. Er richtet sich auf. Hektisch sieht er sich nach seinen Klamotten um. Aber es liegt nichts in Reichweite. Also steht er auf, wie er ist. Jetzt stehen er und Bea sich gegenüber. Bea atmet noch immer laut und schnell. Der Schweiß rinnt ihr von der Stirn. Sie streicht ihn sich mit der Handfläche ab. Cox schaut zu ihren straffen Oberarmen. Auch darauf glänzt der Schweiß. Er sieht Beas zarte Brüste, die nur von einem nassen Stück Stoff bedeckt sind. Dann sehen sich die beiden in die Augen. Ganz fest. Ich bewege mich nicht, um keinen Milimeter dieser kranken Magie zu verwackeln.

Jetzt höre ich einen Fahrradreifen, der eine Bremsspur in den Kies hinlegt. Cox und Bea drehen sich um. Sie schauen zu jemandem außerhalb des Bilds. Ich höre eine Stimme. Ich kenne sie. «Respekt Bea, du warst ja sauber schnell weg.» Herr Schmandra kommt ins Bild. Er lehnt sich keuchend auf den Lenker. Jetzt erkennt er seinen nackten Sohn.
«Ja mei. Wie rennst du denn rum!?»
«So wie du mich geschaffen hast», blafft Cox.
Herr Schmandra dreht sich zu Bea. Seine Stimme klingt anders als sonst, als würde sie jetzt hier nackt rumstehen und nicht Cox.
«Das ist gut, dass das passiert», sagt Schmandra. «Sowas ist wichtig. Lass dich einfach nicht aufhalten, Bea. Von gar nichts.» Er klingelt, um seine Aussage zu untermauern.
«Ja, lasst euch nicht aufhalten», sagt Cox.
«Wir sprechen da später noch drüber», droht Schmandra.
«Ich sprech‘ kein Wort mit dir da drüber. Kein Wort!»
Cox geht zurück zur Wiese und setzt sich. Er sieht die beiden grimmig an. Herr Schmandra sieht aus, als würde er überlegen, ob er sich mit seinem Sohn jetzt ernsthaft anlegen soll. Aber Bea trabt wieder los, also schwingt sich Schmandra aufs Rad und fährt ihr hinterher.

Jetzt merke ich, dass ich mitten im Busch hänge und das alles aufgenommen habe. Bevor ich etwas tippen kann, stürmt Cox auf mich zu.



19

Der Eistee. Er wirkt nicht. Das waren fast zwei Liter. Gezielt dazu eingesetzt, mir aus der Kasse zu helfen. Aber ich muss einfach nicht pinkeln. Alle Kassen sind offen. Und überall stehen Leute. Vor allem bei mir. Auf was warten die denn alle? Ach ja, die wollen, dass ich sie abkassiere. Die haben mich umzingelt. Alle Kassen sind besetzt und vor mir stehen so viele Menschen, dass ich das Ende der Schlange nicht sehe. Fuck. Der Kunde! Hat der viel Zeug. Auch noch Obst und Gemüse. Da hätt‘ ich die Nummern lernen sollen. Hoffentlich weiß ich noch welche. Kohlrabi: 1933. Wer hat sich das ausgedacht? Da muss ich gleich an die Machtergreifung denken. Was hat Kohlrabi damit zu tun? Birnen: 1503. Warum 1503? Ich glaube, da hat die Pest gewütet. Wie kann man der Birne diese Seuche anhängen wollen? Das ist doch eklig. Die müssen doch sehen, was das auslöst. Herr Woigl hat mir nicht gesagt, wie ich mit sowas umgehen soll. Da hat mich niemand gewarnt. Der Kunde. Sieht der mir beim Denken zu? Der schaut ziemlich seltsam. Ah. Jetzt kommen Äpfel. Sind das die aus dem Angebot? Ist das 1834 oder 2047? 2047 klingt besser. Das klingt nach Zukunft. Ah! Jetzt weiß ich, wie ich hier wegkomme. Ich nehme die Äpfel. Und jetzt frag‘ ich ihn was, kraft meiner Autorität: «Haben sie die schon korrekt abgewogen?» Aha. Da war eine Andeutung von Zweifel in seiner Stimme. Meine Chance.
«Ich frag eben noch mal nach für sie. Bei diesen Nummern kann man schnell mal durcheinander kommen.» Zack. Weg. Bevor er was sagen kann. Und jetzt schnell zum Obst. Wie gut sich das jetzt anfühlt, hier durch die Gänge zu laufen. Wie in einem Wald. Wie in ganz frischer Luft nach einem Sommerregen.

Milena. Da ist sie wieder. Sie stapelt Äpfel aus einer Kiste ins Obstregal. Ich stelle mich neben sie, als hätte ich den Mut dazu.
«Hey», sage ich.
«Hey.»
«Weißt du die Nummer von diesem Apfel?»
«Nummer?»
«Wir geben da immer Nummern ein in der Kasse. Sind wie so Codes für die Produkte.»
«Ich war noch nie in der Kasse», sagt Milena.
«Also sind das die aus dem Angebot? Das wollte ich eigentlich wissen.»
Milena sieht sich den Apfel in meiner Hand genauer an.
«Ja, das müssten sie sein.»
«Ok, danke.» Ich kann jetzt nicht gehen. Ich kann jetzt nicht einfach gehen. Das war ein flüssiges Gespräch. Ich will noch viel mehr wissen.
«Ich mache jetzt gleich Pause», denke ich laut vor mich hin. «Wir könnten eine rauchen, wenn du magst.»
«Pause klingt gut», sagt Milena. «Ich mach‘ das noch schnell zu Ende, dann komm‘ ich nach, ok?»
«Ok», sage ich und stecke den Apfel zu den anderen.

Wir sitzen auf einer Holzpalette und lehnen an der Wand. Milena holt einen von den Äpfeln aus dem Angebot aus der Tasche. Ich zünde mir eine Zigarette an. Mein Kittel ist aufgeknöpft. Ich blase den Rauch weg, als könnte ich uns so einen zeitlosen Raum freipusten.
«Hier bist du also jeden Tag», sagt Milena.
«Fünfmal die Woche. Unter der Woche hab ich einen Tag frei. Dafür arbeite ich meistens am Samstag.»
«Samstags bin ich auch ab und zu da.»
«Cool.»
«Ist dir nicht langweilig. Also wenn du nur das hier machst?», fragt Milena.
«Nein. Langweilig nicht. Ich hab nur Angst.»
«Wovor denn?»
«Dass ich das alles nicht checke. Ich glaube, ich funktioniere hier nicht.»
«Wo funktionierst du denn?»
«Meine Liste ist noch unvollständig.»
«Steht denn schon was drauf?»
«Ja.»
«Und was?»
«Ich funktioniere zum Beispiel in Songs. Ich kann darin verschwinden.»
«Das ist ein hervorragendes Talent.»
«Finde ich auch.»
«In welchen Songs verschwindest du denn so?»
«Momentan immer im selben. An einer ganz bestimmten Stelle.»
«Zeigst du sie mir?»
Ich krame mein Handy aus dem Kittel und stöpsle die Kopfhörer ein. Einen Ohrstöpsel gebe ich Milena. Den anderen stecke ich mir selbst ins Ohr. Ich suche 1963. Ich scrolle zu Minute 4:43. Dann drücke ich auf Play. Als der Song vorbei ist, spule ich wieder zurück.
«’I will always feel afraid‘. Das trifft mich jedes Mal», sage ich.
«Du verstehst: ‚I will always feel afraid?’», fragt Milena.
«Klar, was sonst?»
«’I will always feel free.’»
«Moment. Ich mach‘ nochmal zurück.»

«Free. Eindeutig», sagt sie.
«Afraid.»
«Free!»
«Afraid!»
«Ok. Ich google den Text.»

«Da steht: ‚I will always feel for you.’»

«Lass‘ uns nochmal nachhören.»

«Free. Eindeutig.»
«Afraid!»
«Free!»
«Afraid!»

«Vielleicht ist es ja etwas ganz anderes.»
«Nein, ich glaube, es gibt nur diese drei Möglichkeiten», sagt Milena.
«Das macht mir Angst.»
«Aha. Deshalb hörst du: ‚I will always feel afraid.’»
«Wenn ich ‚I will always feel for you‘ höre, bin ich dann geheilt?»
«Nur wenn wir es beide hören.»

«Ich mach‘ Repeat, ok?»
«Ok.»


20

Kneter und ich ignorieren uns. Es ist das erste Mal, dass wir uns seit unserem Streit sehen. Ich merke, dass auch er mir gegenüber kühler geworden ist. Und er hat allen Grund dazu. Ich habe ihm vorgeworfen, dass er mich heimlich gefilmt hat und jetzt habe ich selbst das gleiche gemacht. Aber ist das wirklich das gleiche? Überfordert sitze ich bei Cox. Er zeigt Kneter und mir grade das Video im Wald in der Finalversion. «Das ist der Money-Shot», sagt Cox. Kneter nickt anerkennend. Das Video steht auf Pause. Ich kenne es. Ich schaue auf das Bild, als hätte ich es gemalt und für viel Falschgeld weiterverkauft. Meine verschwitzte Schwester und Cox. Sie sehen sich so zärtlich an. Sein Penis ist nichtmal das Auffäligste an dem Bild. «Das ist der Money-Shot», wiederholt Cox stolz.
«Wie lange hast du das nachbearbeitet?», fragt Kneter.
«Ich hab‘ nichts dran gemacht. Keine Filter. Kein Schnitt», sagt Cox.
«Wow», sagt Kneter.
«Das ist alles echt», sagt Cox. «Aber das passiert doch nicht einfach so?»
«Sowas passiert dauernd», sagt Kneter. «Es schaut halt sonst niemand dabei zu.»
«Deswegen müssen wir das jetzt allen zeigen.»
«Wegen deinem Schwanz?», fragt Kneter.
«Der ist vollkommen unwichtig. Siehst du das nicht?», fragt Cox.
«Bisschen geil warst du aber schon, oder?», fragt Kneter.
«Ich war alles. Ich hab‘ sowas noch nie erlebt.»
Ich will das alles nicht hören. Ich frage mich, ob Bea das auch alles so magisch findet. Wenn ich mir ihren Blick auf dem Bild ansehe, glaube ich: Ja. Jetzt frage ich mich, ob Bea auch magisch findet, dass das alles aufgenommen wurde. Ich glaube: Nein. Wieder ist alles auf zwei Möglichkeiten geschrumpft. Diesmal sind es nicht meine Möglichkeiten, aber trotzdem komme ich nicht an ihnen vorbei. Ich muss das endlich mal durchbrechen. Ich muss irgendwo sein. Ich muss mich entscheiden. Ich muss. Ich muss. Wie soll ich etwas wollen, wenn ich alles muss? Ich muss gar nichts. In Wahrheit muss ich gar nichts. Aber ich muss jetzt was sagen. Ich muss.
«Was würdet ihr machen, wenn ihr eine Person fragt, ob sie gefilmt werden will und diese Person sagt Nein?», frage ich.
«Ich würde sie natürlich nicht filmen», sagt Kneter «… also wenn die Person das laut und deutlich sagt.» Wir sehen uns an. ‚Hättest du das gemacht, hätten wir jetzt keinen Streß‘, sagt sein Blick.
«Natürlich filmen wir keine Leute, die das nicht wollen», bekräftigt Cox.
«Aber was ist, wenn die Person das nicht weiß?»
«Dann muss das Video geil sein», sagt Cox. «Es muss von allgemeinem Interesse sein.»
«Wer bestimmt denn, ob das Video von allgemeinem Interesse ist?»
«Die Leute, die es schauen», sagt Kneter.
«Seh‘ ich auch so», stimmt Cox zu. «Hier ist ja wohl gar nichts kritisch. Gar nichts.»
«Was ist mit deinem Schwanz?»
«Eben. Wenn dann ist das peinlich für mich.»
Wenn etwas für dich peinlich ist, was ist es dann für die Leute, die auch im Bild sind, denke ich. Ich sehe, wie Cox sich zu seinem Laptop dreht. Er drückt auf Play. Wir schauen die Szene zu Ende. Sie dauert eine knappe Minute.
«Posten?», fragt Cox.
«Klar», sagt Kneter.
Ich sehe Cox tippen. Dann wird es still.
«Stop!» sage ich.
«Zu spät» Cox dreht sich zu mir um. Er lächelt friedlich. Dann dreht er sich zu seinem neuesten Beitrag. «Erst mal checken, ob er auch sauber läuft.» Cox stellt das Video auf Repeat.



21

Ich sitze im Tiefkühllager und habe eine Daunenjacke über meinen Kittel gestreift. In der Hand habe ich ein Etikettiergerät. Ich drücke neue Preise auf tiefgekühlten Spinat. Meine Finger schmerzen. Wie kalt das hier ist. Trotzdem besser als vorhin in der Backstube. Da war ich dauernd am Backofen. Das kann doch nicht gesund sein, wenn die mich gleich danach in den Tiefkühlraum schicken. Ich muss mir dringend ein neues Fieberthermometer besorgen. Ich kenne meine Körpertemperatur noch immer nicht. Aber ich kann am Thermometer hier drin ablesen, wieviel Grad es hier hat: -19 °C. Wenn ich mir das jetzt in den Mund stecke, hilft es mir auch nicht weiter. Das passt alles nicht mehr zusammen. Ich drehe am Etikettiergerät, als könnte ich damit meine innere Temperatur regulieren. Vorhin habe ich Milena gesehen. Wir haben fast die gleiche Aufgabe. Nur zeichnet sie im Lager Non-Food-Artikel aus und ich hocke hier in der Kälte. Vielleicht wird mir warm, wenn ich den Song höre, über den wir uns unterhalten haben. Zum Glück funktioniert meine Playlist auf dem Handy. Und die Kopfhörer. ‚I will always feel for you‘ Irgendwie muss ich ja warm werden. Welchen Preis hab ich da eigentlich jetzt eingestellt? Oh. Kann man die nochmal abziehen? Ok, mit bisschen Kratzen geht das schon. Und jetzt neu. Nochmal Preisvergleich. Oh. Ok. Kratzen. Und jetzt nochmal neu.

Das war höhere Gewalt. Ist klar, dass ich da raus muss, wenn keine Aufkleber mehr im Etikettiergerät sind. Milena hat das Zweite. Ich frage sie gleich mal, ob sie es mir leiht. Endlich, ein Grund zu ihr zu gehen. Ich sehe Milena gleich, als ich aus dem Tiefkühlraum gehe. Ich gehe zu ihr. Sie lächelt. Ich lächle zurück, so gut ich kann. Ich hoffe, mein Lächeln ist natürlich.
«Hey», sage ich, so sanft und neutral wie möglich.
«Hey.»
«Ich glaube, meine Etiketten sind aus», sage ich und zeige ihr das leere Gerät.
«Oh. Ich kann dir das hier gleich geben.»
«Ok, super.»
«Alles ok bei dir?»
«Ja, wieso fragst du?»
«Du siehst geknickt aus.»
«Ach, ich bin nur bisschen geschrumpft in der Kälte.»
«Wir können auch tauschen. Du machst hier weiter. Ich im Tiefkühlraum», bietet sie mir an. Ich schlage ihr meinen Plan vor:
«Wir können auch beide hier weitermachen. Und dann dort. Niemand sollte alleine in dieser Kälte sein.»
«Ok.»

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich sitze neben Milena. Sie zeichnet Plastikschrott aus und ich sehe ihr dabei zu. Ich spüre, dass ich sie nicht störe. Ich spüre, dass es sich jetzt besser für sie anfühlt, wenn wir zu zweit hier sitzen. Ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen. Ich denke an Bea und Cox. Das war wirklich ein magischer Moment zwischen den beiden und ich habe geholfen, ihn zu zerstören. Ich habe ihn nicht verteidigt. Ich habe meine Schwester nicht verteidigt. Und ich habe ihr nichtmal was davon gesagt.
«Was denkst du?» fragt Milena. «Du wirkst so abwesend.»
«Hast du dir schonmal die Videos von Kneter und Cox angesehen?»
«Ja.»
«Kneters bestes Video hat jetzt 16.000 Aufrufe.»
«Wow.»
«Gefallen dir die Videos?»
«Ehrlich gesagt finde ich sie ziemlich hohl.»
«Ja, ich auch.»
«Ich dachte, du wärst da voll mit drin.»
«Ja, irgendwie schon.»
«Wie passt das denn zusammen?»
«Keine Ahnung. Ich merke oft erst später, wenn ich irgendwo voll mit drin bin.»
«So wie im Tiefkühlraum, hm?»
«So ungefähr.»
Schweigen.
«Ich glaube, ich hab‘ Scheiße gebaut.»
«Was denn?»
«Ich hab‘ jemanden gefilmt.»
«Aha.»
«Cox und meine Schwester.»
«Ok?»
«Cox hat sich nackt im Wald gewälzt und Bea hat ihn gesehen, als sie vorbeigejoggt ist.»
«Oh, Wow.»
«Ich hab‘ gefilmt, wie sie sich angesehen haben.»
«Jetzt machst du mich neugierig.»
«Das war so ein Moment, den ich mir eigentlich für mich selbst gewünscht habe, aber ich habe ihn aufgenommen wie so ein Spanner.»
«Schön, was du dir für Momente wünschst.»
«Dann kam dann auch noch Cox‘ Vater dazu.»
«Ok, zeig‘ mir das Video mal bitte.»
«Ich wollte das eigentlich nie wieder sehen.»
«Zeig’s mir trotzdem.»
Ich hole mein Handy raus. Ich suche 20th Century Cox und scrolle. Kein Ergebnis. Das Video ist weg.
«Seltsam.»
«Was?»
«Ich finde es nicht mehr.»
Das Video ist weg. Wurde es gestriked, weil Cox nackt war, oder hat er er es selbst gelöscht? Ich wische über das Display, als könnte ich mich so zur Antwort scrollen, aber das Bild bleibt einfach stehen. Das macht etwas seltsames in mir: Mein Schuldgefühl wird größer. Vielleicht hat Cox‘ eingesehen, dass es ein Fehler war, das zu posten. Dann hat er seinen Fehler wieder gut gemacht. Aber mein Fehler bleibt. Ich hatte nie Kontrolle über diese Situation und jetzt arbeitet sie in mir weiter, obwohl es sie nicht mehr gibt. Die Situation ist ein Gefühl, das ich mit niemandem mehr teilen kann. Aber da ist doch Milena. Sie ist direkt neben mir. Ich kann das jetzt nicht so stehen lassen. Ich sage ihr das alles. Wie fange ich an? Womit fange ich nur an? Ich höre ein Knallen hinter mir. Ich drehe mich um. Herr Woigl stürmt aus dem Kühlraum.
«Wer hat die Tür zum TK-Raum aufgelassen?!», schimpft er. Ich stehe auf und sehe ihm dabei zu, wie er näher kommt.
«Und was sitzt ihr überhaupt zu zweit hier rum?!»
«Meine Etiketten sind aus», sage ich.
«Dann hol‘ dir Neue!», blafft er mich an.
Ich sage nichts, halte ihm nur das leere Gerät vors Gesicht, als wäre seine Stimmung ein Preis, den ich mir selbst ausdenken darf.



22

Wochenende. Ich bin raus aus allem. Jetzt hab‘ ich endlich Zeit für mich selbst. Ich muss das alles kurz ordnen. Nur kurz. Mein Handy vibriert. Ich schaue nicht, wer es ist. Jetzt habe ich alles ausgesperrt. Die Vorhänge sind zugezogen. Die Tür ist verschlossen. Ich bin am Boden. Im Badezimmer bei uns zuhause. Bea habe ich seit Tagen nicht gesehen. Entweder sie trainiert, oder sie trifft sich mit jemandem. Ich weiß nicht, ob sie etwas von dem Video weiß. Ich habe nichts, was mich das alles jetzt klar sehen lässt. Nur dieses Blutdruckgerät hier. Ich hab das noch nie vorher bedient. Meine Eltern wissen, wie das geht. Aber die will ich jetzt nicht stören. Ich höre «Space Oddity» aus dem Wohnzimmer. Ich glaube, sie sitzen da jetzt, spielen Scrabble und knabbern Haschkekse. Hoffentlich hören sie nicht, wie ich den Blutdruckmesser aktiviere. Ganz schön kompliziert, das Ding. Ich setz mich einfach auf den Boden und leg meine Hand auf den Badewannenrand. Ja, so geht’s. Jetzt auf Start drücken. Puh, bläst sich das laut auf. Die Wohnzimmertür! Hört man das Gerät bis nach draußen? Ich will wirklich nicht darüber diskutieren, warum ich mir hier jetzt den Blutdruck messe. Also lieber schnell wieder das Ding ausmachen. Mist, das piepst. Jetzt ist es aus. Ich hocke hier genau so blöd rum wie vorher. Das kann nicht sein. Ich will endlich wissen, was mit mir nicht stimmt. Also nochmal: Fest zubinden. Drücken. Warten. War da wieder die Tür? Mist. Jetzt hab‘ ich mich aufgeregt, während sich das aufgepumpt hat. So zählt das nicht. Das treibt sicher künstlich das Ergebnis in die Höhe. Ich fang nochmal an. So: Stop. Es fährt wieder runter. Locker machen. Arme ausschütteln. Und gleich nochmal. Es bläst sich wieder auf. Jetzt fühlt sich das richtig an. Das wird richtig fest am Arm. Hoffentlich drückt das nicht meine Adern ab. Nochmal schnell nachlesen, ob das normal so ist. Mist. Dazu muss ich mich wegbewegen. Das verfälscht das Ergebnis. Also nochmal stoppen. So. Jetzt geht’s. Was steht da? Ok, man muss mindestens 30 Sekunden so bleiben. Dann kommt das Ergebnis. Das kann doch nicht sein. In 30 Sekunden kann sich doch alles ändern. In 30 Sekunden kann ich mich komplett reinsteigern. Das treibt doch den Blutdruck künstlich in die Höhe. Ok. Ich versuche es nochmal. Aber ich kann mir das Ergebnis schon vorstellen. Das hat keinerlei Aussagekraft mehr. Ich denke zu viel. Da sind zu viele Gedanken in meinem Blutdruck. So wird das nichts. Ok. Ich schließe jetzt die Augen und bringe mich runter. Das Band sitzt noch fest. Ich will mir meinen Arm nicht umsonst abgebunden haben. Also: nochmal Start. Jetzt bläst es sich wieder auf. Wie laut das ist. Das wird jedes mal lauter. Augen geschlossen halten. Einfach warten und zählen. Vergiss das alles einfach. Vergiss alles. Was ist das!? Was piepst da so? Ist es fertig? Nein, das ist mein Handy. Fuck! Ich war wieder draußen. Jetzt ist das Ergebnis wieder verfälscht. Oh. Jetzt piepst es. Ich hab’s geschafft. Mal einen Blick aufs Display wagen. Aha, da blinkt was. Was steht denn da? 142! Oh. 142 / 82. Ich wusste es! 142 ist viel zu hoch. Deshalb blinkt das. Ich muss also jetzt wirklich dringend runterkommen. Ich muss. Ich muss mich entspannen und dann gleich nochmal messen. Vorher kann ich hier nicht raus. Vorher kann ich gar nichts. Jede Bewegung würde das jetzt weiter verfälschen. Da ist wieder eine Tür. Wie oft rennen meine Eltern denn bitte rum? Und was soll das überhaupt? Die sitzen wie Teenager im Wohnzimmer und kiffen, während ich mir wie ein Greis den Blutdruck messe. Jaja, Greis. Schön wär’s. Erstmal volljährig werden. Erstmal die nächsten Minuten überstehen. Ich hol‘ mir am besten noch das Fieberthermometer aus dem Regal, bevor ich weitermache. Ja, das ist gut. Das beruhigt mich. Nochmal kurz aufstehen. Da ist das Thermometer. Ok, und jetzt setz ich mich und versuch’s nochmal. Thermometer in den Mund. Das Band noch ein bisschen fester ziehen. Den Arm nochmal richtig ausstrecken. Und jetzt endlich: Start.

Kommst du heute in den Abstieg? Seit fünf Minuten schaue ich auf diesen Satz. Milena hat ihn geschrieben. Ich liege im Bett. Vorhin habe ich nochmal Fieber gemessen. 37,4. Geht eigentlich. Der Blutdruck fühlt sich jetzt auch anders an. Ich glaube, er ist runtergegangen, seit ich an Milena denke. Ich messe ihn einfach nochmal. Und wenn er gut ist, dann gehe ich. Ich schnalle mir das Band wieder um und binde mir damit den Arm ab. Ich bin schon wie ein Junkie. Wie oft habe ich heute eigentlich schon gemessen? Wenn Milena diese Stelle berühren würde, dann geht mein Blutdruck sicher rauf und runter gleichzeitig. Alles fühlt sich besser an, wenn sie da ist. Aber ich kann unmöglich so klapprig im Abstieg auftauchen. Also doch nochmal messen. Es geht nicht anders. Ich drücke auf Start.

«Kommst du heute noch?» Ich sehe die Nachricht, bevor das Gerät piepsen kann. Diesmal ist sie von Kneter. Ich spüre, wie der Text in meinem Blutdruck tobt. Ich reiße mir das Messgerät runter und lasse es auf den Boden plumpsen. «Was würdest du machen, wenn dein Körper spinnt?» schreibe ich Kneter. Dann schalte ich mein Handy aus und ziehe mir die Decke über den Kopf.



23

Rollen. Drehen. Fuck. Wieso muss ich das jetzt selber machen? Wir haben doch auch tiefgekühlte Teiglinge. Wer hat sich diese Scheiß Form ausgedacht? Wieso kann ich nicht einfach einen Kreis formen? Wer sagt, dass eine Breze genau so aussehen muss? Frau Stöhr schaut zu mir in die Backstube. «Klappt’s?» fragt sie. «Alles gut», murmele ich vertieft vor mich hin. Vorhin hab ich eine Breze perfekt hinbekommen. Perfekt war die. Zum Glück liegt die jetzt so da, dass die Stöhr sie sieht. Dann lässt sie mich hoffentlich in Ruhe. Wie hab ich das vorher gemacht? Ich kann das echt nicht wiederholen. Ah, jetzt sieht sich Frau Stöhr meinen Köder an.
«Das üben wir aber nochmal. So kann man die nicht verkaufen», mäkelt sie rum. Das kann nicht ihr ernst sein. Wie soll ich das denn noch besser hinkriegen? Sie haben’s mir schon dreimal erklärt. Mit jedem Mal Erklären wird’s schlechter. Bloß nicht nochmal erklären. Bloß nicht.
«Ich hab‘ die Bewegung jetzt raus», sage ich und schnappe mir ein neues Stück Teig. Hoffentlich kann ich sie abwimmeln, wenn sie meinen Elan sieht. Hoffentlich geht die gleich wieder.
«Probier’s noch eine Viertelstunde und dann komm bitte raus. Wir brauchen dich dann wieder beim Bedienen.»
«Alles klar», sage ich und atme durch. Frau Stöhr geht. Ich lege den Teig ab und schaue meine perfekte Breze nochmal an. Was hat sie denn? Ein Kunstwerk ist das. Fast schon zu schade zum Essen. Mit neuem Mut greife ich zum Teig. Ich drehe ihn, bis ich spüre, dass er an meinen Fingern klebt. Ich drücke, bis sich das, was ich mache, inspiriert anfühlt. Aber ich kriege den Teig nicht von den Fingern. Das wird einfach nicht rund. Fuck. Ich klatsche die Masse zurück aufs Blech. Ok. So schwer kann das doch nicht sein. Also nochmal. Augen zu. Finger ganz sanft an den Teig. Und jetzt: der supersofte Move.

Ja. So. Genau so. Ich betrachte den Teig genauer. Vor mir: eine platte, unförmig zerlaufende Masse. Ich habe ein Monster erschaffen. Vielleicht einen neuen Golem. Aber es sieht nicht aus, als würde da gleich was aufstehen. Nicht mal was Untotes. Ich habe also ein noch viel bedrohlicheres Monster erschaffen: Nichts. Niemand wird jemals was damit anfangen können. Und ich bin der Schöpfer. Ich hab‘ das gemacht. Ich fühle mich, als hätte ich etwas Lebendiges zerstört. Jetzt kommt auch noch Herr Woigl in den Raum. Er stellt sich neben mich. Er blickt prüfend auf das Blech.
«Ja, mei!», spricht er wie paralysiert vor sich hin.
Woigl sieht konzentriert auf meine Schöpfung. Ich habe ihn noch nie so vertieft gesehen. «Eine solche Batzlerei», murmelt er. Dann verlässt er den Raum. Gemeinsam mit Frau Stöhr kommt er zurück. Nun sehen beide auf das Blech. Sie rühren sich nicht mehr. Als wäre der Teig ein klebriges Netz, in das sich jeder verfängt, der sich ihm nähert. Frau Stöhr habe ich auch noch nie so vertieft erlebt. Sie bemerken nichtmal den Köder, mit dem ich sie ablenken wollte. Meine perfekte Breze. Immerhin die hat’s geschafft. «Hol jetzt bitte unsere tiefgekühlten Teiglinge», ordnet Herr Woigl an. «…und dann bringst sie zum Backofen und backst sie auf. Schaffst du das?»
«Klar», sage ich.
«Hoffen wir’s», murmelt Woigl. Kopfschüttelnd verlässt er die Backstube.

Mit einem dampfenden Blech komme ich aus der Backstube in den Verkaufsraum. Frau Stöhr hält mich an. Sie lässt ihren Blick über die Brezen streifen.
«Das hast du ordentlich gemacht», sagt sie. «Die können wir alle verkaufen.» Als ich die Brezen ins Fach schütte, denke ich, dass sie mich wirklich für einen Idioten halten muss. Jetzt ist es offiziell. Ich musste nichts weiter machen, als ein Blech in den Ofen schieben und auf Start drücken. Das ist, als würde sie mich dafür loben, eine Tiefkühlpizza aufbacken zu können. Aber ich hab ja noch was. Etwas anderes als Tiefkühlpizza. Etwas Echtes. Ich hole meine perfekte Breze aus dem Kittel. Ich habe sie mit aufs Blech geschmuggelt und jetzt mische ich sie kross gebacken unter die anderen. Ich beweise denen schon noch, dass die genauso gut ist.

Jetzt helfe ich Frau Stöhr beim Bedienen. Und dann ist da diese Kundin:
«Ein Pusztabrot.»
«Darf’s noch was sein?»
«Ein Zwiebelbrot»
«Außerdem?“
«Ein halbes Finnenbrot»
Wieviel Brot will die denn noch?
«Außerdem?»
«Zwei Croissants»
«Außerdem?»
«Haben sie Krapfen?»
«Ja.»
«Zwei bitte.»
«Mit welcher Füllung?»
«Welche haben sie denn?»
«Hibiskus und Marille.»
«Jeweils einen davon bitte.»
«Außerdem?»
«Zwei Brezen.»
Na endlich. Ich greife gezielt ins Fach. Zwei bekomme ich in die Hände. Die Perfekte ist eine davon. Ich hebe sie über die Theke. Ich öffne die Papiertüte, wie mich selbst. Und die Welt da draußen nimmt mich auf.
«Die nicht, bitte», höre ich.
«Was?»
«Geben sie mir bitte eine andere Breze.»
«Was passt ihnen denn an der nicht?» Ich halte sie der Dame vors Gesicht. Schräg und zerbrechlich ist sie da jetzt, in der künstlichen Beleuchtung. Jetzt erkenne ich, wie die Breze wirklich aussieht: Wie ein krankes EKG. Ich darf nicht zulassen, dass sie das durcheinanderbringt.
«Ich habe keine Andere», sage ich.
«Geben sie mir bitte eine Andere!»
«Sagen sie das zu Menschen auch, wenn ihnen jemand nicht gefällt. Die nicht! Sagen sie das?»
«Wie reden sie denn mit mir!?»
«Es geht jetzt nicht um sie! Es geht um was viel Größeres!», sage ich und wundere mich wieder über die Kraft in meiner Stimme. Ich sehe die Breze an. Was viel Größeres. Alles auf dieser Welt ist plötzlich größer als das, was ich in den Händen habe. Jetzt sehe ich Frau Stöhr. Sie ist direkt neben mir.
«Was ist denn hier los?» fragt sie düster.



24

«Mit einer Abmahnung bist noch gut dabei. Ist dir klar, oder?» sagt Herr Woigl. Wir sitzen im Büro des Supermarkts. «Wir hätten dich auch gleich rausschmeißen können. Aber wir wollen dir noch eine Chance geben», sagt Herr Woigl.
«Danke.»
«Du musst einfach noch ein bisschen lernen, wie du deine Energie einteilst, glaub ich.»
«Ja, das glaube ich auch.»
«Also, dann vergessen wir das für heute. Und nach dem Wochenende kommst du in alter Frische wieder. Oder besser: in neuer Frische.»
«In neuer Frische. Auf jeden Fall.»
«Na dann: schönes Wochenende.»
«Danke, Ihnen auch.»

Ich schließe mein Fahrrad auf. Die ersten paar Meter schiebe ich. Neue Frische. Wo soll ich die denn hernehmen? Ich setze mich aufs Rad und fahre los. Vielleicht kann ich die Frische ja jetzt zusammen strampeln. Ich beweg mich einfach ein bisschen und das bleibt dann. Ich verinnerliche das. Und dann pack ich zu! Zupacken. Was meint Woigl damit? Ich packe doch schon zu. Ich berühre alles, was er mir zeigt. Das ist alles in meinen Händen. Was kann ich dafür, dass ich die nicht unter Kontrolle habe. Also manchmal. Jetzt machen meine Hände auch, was ich will. Vielleicht sind meine Finger für alles verantwortlich. Alles was ich damit berühre, ist wie ein Code zu meinem Hirn. Und zu meinem Herz. Alles was ich in der Arbeit berühre, aktiviert eine Kombination, die ins Leere geht. Oder ist mir der Code nur zu kompliziert? Wenn ich das wüsste. Wenn ich wüsste, was ich kann. Meint er das mit Zupacken? Er meint Entschlossenheit. Aber wo führt das hin, wenn ich in der Arbeit entschlossen bin? Tut es mir gut, oder zeigt es mir nur, dass ich da nicht hingehöre? Ich glaube, wenn ich weiter Preise auf Spinatpackungen klebe, werd‘ ich nicht rausfinden, wer ich bin. Aber wenn ich die Preise nicht da drauf klebe, wer macht es dann? Gibt es jemanden, der seine Identität durch Preise auf Spinatpackungen finden kann? Woigl würde sagen: «Ja, freilich.» Aber das was Woigl sagt, oder überhaupt: das was andere sagen, ist doch immer nur ein Teil der Wahrheit. Wo ist mein Teil davon? Vielleicht bin ich ja doch für die Arbeit im Supermarkt gemacht. Wenn ich traurig bin, fühl ich mich bei mir selbst. Und die Arbeit macht mich traurig. Aber nicht auf diese Art, bei der ich mich bei mir selbst fühle. Meint Woigl mit Entschlossenheit, dass ich männlich sein soll? Männlich. Was heißt das schon? Milena kommt mir entschlossen vor. Und die ist nicht männlich. Und ihre Art von Entschlossenheit ist mir viel lieber als die von Woigl. Vielleicht würde er mich ernster nehmen, wenn ich mit dem Mofa in die Arbeit fahren würde. Mit einem, an dem ich selbst rumgeschraubt habe. Aber das ist sicher noch schwieriger, als Brezen zu formen. Wie sich das wohl anfühlt, auf so einem Ding? Ich stelle mir einfach vor, ich würde da jetzt draufsitzen. Früher konnte ich mir auf dem Rad auch immer immer vorstellen, dass ich auf einem Motorrad sitze. Lächerlich war das. Aber schön. Ich hab meine Hand ganz fest um den Griff gedreht und Motorengeräusche gemacht. Und dann hat sich alles viel schneller und besser angefühlt. Ich probier das jetzt einfach nochmal. Rechte Hand ganz fest an den Lenker. Jetzt spüre ich die Faust. Ich spüre das Metall darin. Runterdrücken. Ja. Schnell fühlt sich das an. Und jetzt das Geräusch: „VRRM..VRRRRRRRRMMMMMMM!“

Ich höre etwas. Es ist in meinem Motorengeräusch. Es kommt von außen und ich kann es nicht übertönen. Sogar wenn ich einen Motor simuliere. Es ist mein Name. «Lu!», höre ich. Ich stoppe. Ich drehe mich um. Bea. Sie sitzt neben Cox auf dem Boden. Sie lehnen an der Kanalbrücke. Ich glaube, sie haben sich gerade geküsst. «Übst du wieder für ein Wettrennen?» fragt Bea. Sie lächelt. Ich sehe, dass sie sich wohl fühlt. Auch Cox sieht sanft aus. Denen geht es grade verdammt gut, denke ich. Ich glaube, zwischen ihnen war nie etwas negatives. Trotzdem sehe ich noch das Video. Ich sehe mich jetzt im Busch stehen wie einen Stalker. Wie ein verdammter Voyeur habe ich meine Schwester und Cox gefilmt und jetzt sehen sie glücklich aus, weil sie sich von meinem Übergriff befreit haben. Ein Auftragsstalker bin ich. Einer der leise arbeitet und umsonst. Ich nehme die Kosten auf mich. Obwohl ich jetzt Verkaufsprofi im Supermarkt bin, weiß ich immer noch nicht, wie das geht: Gewinn machen. Ich sehe nur, wie es aussehen kann: wie Cox und Bea. «Sorry, ich muss weiter», sage ich und trete schnell. So schnell, dass ich keine Puste mehr für ein Motorengeräusch habe.



25

Die wissen das ganz genau. Die wissen, dass ich sie anschaue. Ich sollte auf das Zeug schauen, dass da auf dem Kassenband liegt, aber das kann ich drüber ziehen, ohne es zu sehen. Ich hab‘ das perfektioniert. Ich kann kassieren und mir dabei die Leute ansehen, die darauf warten, dass ich sie abkassiere. Ich sehe sie so genau, dass ich gar nicht mehr einschätzen kann, wie lange die Schlange ist. Das ist gut, weil ich nicht mehr so nervös bin, wenn viele Kunden warten. Aber das ist auch schwierig, weil ich jetzt einfach dauernd nervös bin. Weil ich alles noch viel näher sehe, als vorher. Ich kann nicht mehr von den Menschen hier wegschauen. Ich sehe nichts anderes mehr. Entweder ich starre auf das Fließband oder auf die Gesichter. Ich weiß nicht, was anstrengender ist. Ich kann mir nichtmal mehr was vorstellen, wenn ich die Nummern der Äpfel eingebe. 2047. Da sind sie wieder. Das ist einfach nur eine Zahl. Das hat nichts mit Zukunft zu tun. Nichts mit Phantasie. Ich gebe sie ein und bitte um Geld. Dann mache ich weiter. Jetzt sehe ich ihn. Er legt sein Zeug auf das Band. Zwei alkoholfreie Bier und eine Packung Chips. Markenchips. Teures Bier. Ich kassiere weiter. Es sind noch Leute vor ihm, aber ich spüre wie das alles näher kommt. Die Chips. Das Bier. Aber vor allem er. Ich schiele ab und zu zu ihm, um zu erkennen, ob ich mich irre, aber es wird immer deutlicher. Ich sehe sein Gesicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es je gelächelt hat. Aber ich kann mir vorstellen, wie sein Leben aussieht, nachdem ich ihn abkassiert habe. Wieso kauft er alkoholfreies Bier? Ein inkonsequenter Mann ist das. Jemand, der gerne ein Genießer wäre und denkt, er müsste dafür Markenwaren kaufen. Jemand, der gerne wild wäre, dem aber seltsam schwindlig wird, wenn er mehr als ein halbes Bier trinkt. Jemand der exzessiv sein will, aber das hemmungsloseste, was er in seinem Leben bisher geschafft hat, war, eine Packung Chips in fünf Minuten zu verschlingen. Er ist in all dem Experte geworden, ohne dass es jemand bemerkt hat. Ich habe ihn hier noch nie gesehen. Vielleicht ist er jeden Abend in einem anderen Supermarkt. Vielleicht kann er seine Einsamkeit so gut verheimlichen, dass sie ihn selbst nicht mehr stört. Oder ich täusche mich. Vielleicht bringt er die Bier und die Chips ja seiner Freundin mit. Ein Abend zu zweit, weil die Kinder heute Abend im Kino sind. Das ändert nichts. Jetzt merke ich, dass es nicht daran liegt, was er kauft. Er könnte den Inhalt eines halben Einkaufswagens hier rauf legen und es wäre das gleiche. Er könnte hier umringt von einer Großfamilie stehen und sein Blick wäre der gleiche. Ich weiß das. Ich denke hier nicht über einen Fremden nach. Jetzt greife ich nach seinem Bier und ich weiß, dass ich ihn kenne. Ich ziehe das zweite über die Kasse. Dann die Chips. Wir sehen uns an. Wir erkennen uns. 2047. Ich bin es selbst. Die Zahl hat doch in die Zukunft geführt. Direkt. Innerhalb von Sekunden. Ich schaue 26 Jahre voraus. Ich sehe mein zukünftiges Ich. Am Display meiner Kasse steht ein Preis, aber ich weiß, dass er jetzt keinen von uns beiden interessiert. Für ihn muss es genauso magisch sein wie für mich, dass wir uns jetzt hier einfach so gegenüberstehen.
«Wie fühlen sie sich?», frage ich.
Mein zukünftiges Ich sieht mich stumm an. Überfordert sieht es aus. Natürlich. Ich habe das nie gelernt. Ich habe nie gelernt, zu sagen, wie ich mich fühle. Mein zukünftiges Ich ist offenbar darauf vorbereitet. Es sieht den Preis, der auf dem Display der Kasse steht. Mein zukünftiges Ich hält mir einen Zehner hin. Aber das hier hat nichts mit Geld zu tun.
«Passt schon», sage ich.
«Was?»
«Kassieren sie den Mann doch endlich ab!», höre ich hinter mir. Die Schlange. Jetzt ist sie unbedeutend. Wie unwichtig äußere Einflüsse doch sind, wenn etwas magisches passiert.
«Passt schon», sage ich wieder. «Ich schenke es ihnen.»
Meinem zukünftigen Ich ist das peinlich. Es will zahlen. Es hält mir noch immer den Zehner hin und sieht aus, als wollte es einfach nur weg. Das verstehe ich. Wir sind so. Ich nehme sein Geld und gebe ihm raus. Dann verabschiede ich mich. Ich schaue ihm nicht nach, weil ich weiß, dass wir uns wieder sehen.



26

Cox ist bei Bea im Zimmer. Ich habe ihn nicht kommen hören, aber jetzt weiß ich, dass er da ist. Die Tür steht einen Spalt offen. Meine auch. Ich bin so still, dass ich hören kann, was sie sagen. Ich schnappe einen Fetzen mitten im Gespräch auf:
«Hast du sonst noch versucht, dir was vorzustellen?», fragt Bea.
«Ja.»
«Was denn?»
«Das kann ich jetzt nicht sagen.»
«Ach komm.»
«Ich trau mich nicht. Wirklich.»
«Hast du dir eigentlich Zecken im Wald geholt?» fragt Bea.
«Weiß ich nicht.»
«Du hast nicht geschaut?»
«Wieso sollte ich?»
«Weil die gefährlich sind.»
«Nur paar von ihnen.»
«Du fühlst dich ja so hart, hm?»
«Manchmal. Dann merk ich, dass ich’s nicht bin. Aber dann denke ich, dass ich es doch bin. Und so geht das die ganze Zeit.»
«Wie ist es jetzt gerade?»
«Jetzt fühl ich mich super hart», sagt Cox.
«Zieh dein Shirt aus», sagt Bea.
«Hm?»
«Ich will sehen, ob du Zecken hast.»
Stille. Ich stelle mir vor, was jetzt passiert. Ich sehe Cox, wie er aus seinem Shirt schlüpft. Er legt es neben sich. Bea rutscht näher an ihn heran. Sie berührt ihn sanft am Oberarm. Cox dreht sich zu ihr. Sie umarmen sich.
«Ich mein’s ernst», sagt Bea leise.
«Ich auch», sagt Cox.
Ich hänge an ihren Worten wie eine Zecke. Ich hab genug davon. Vorsichtig schleiche ich zu meiner Tür und schließe sie. Ich will jetzt wissen, wie nahe das alles an meiner Welt ist. Cox ist Schmandra. Und wenn ein Schmandra meinem Zimmer so nahe kommt, beunruhigt mich das. Wie kann Bea das so einfach zulassen? Sie ist so viel schneller als ich. Wenn ich das wäre, würde ich mich sowas vielleicht auch trauen. Jetzt erst fällt mir auf, dass ich vom Busch aus gefilmt habe. Ich war auch in den Zecken. Ich war ihnen vielleicht noch näher als Cox. Ich schleiche mich zurück in mein Zimmer. Ich suche mich ab. Ich schaue an jede Stelle, an die ich rankomme. Für später nehme ich mir vor, auch mit dem Spiegel meinen Rücken zu prüfen. Aber ich weiß, ich schaffe das nicht alleine. Ich brauche jemanden, der mich nach Zecken absucht. Jetzt gleich. Kneter. Er würde das machen. Ich bin mir sicher, er würde sofort hier her kommen. Vorher hat er sogar geschrieben. Ich weiß gar nicht, wann ich ihm das letzte Mal geantwortet habe. Warum bin ich ihm eigentlich sauer? Ich weiß es nicht, aber ich fühle mich noch sauer, also bleibe ich es. Auch wenn ich allein bin. Auch, wenn mich keiner jetzt sehen kann. Ich glaube, ich will einfach nur, dass jemand meine verborgenen Stellen erkennt. Milena. Wenn sie jetzt da wäre. Dann gäbe es nichts mehr, wonach ich suchen will. Außer ein paar Zecken. Milena. So viel bin ich nicht für sie. Ich weiß das. Ich darf ihr nicht meinen Müll andrehen. Ich darf das nicht so drehen, dass sie meine Probleme für mich lösen muss. Das muss ich selbst. Aber ich bin schon wieder weg. Ich habe mich vor allem versteckt. Ich glaube, ich habe das irgendwann gemacht, als ich es selbst nicht gemerkt habe und jetzt bin ich überrascht, dass mich niemand wirklich sieht.



27

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir Milena hier sehen. Ich bin mit Kneter und Cox im Café Hemingway. Sie sitzt an einem der Tische und lernt. Wir sitzen an einem anderen und trinken. Ich habe erfahren, worüber Cox und Bea noch so geredet haben, als er bei uns war. Cox will weg. So schnell wie möglich. Er will Bea die Welt zeigen. Aber Bea will lieber die Welt sehen, die ihr sein Vater zeigen kann. Ich hoffe, wenigstens einer von uns schafft mal den Absprung von all den Schmandras dieser Welt. Nur für eine Weile. Eigentlich mag ich sie ja. Wenn sie mich nicht dauernd überrennen würde, würde ich sie ja mögen. Aber das macht mich jetzt nicht nervös. Was mich nervös macht, ist Milena. Wir haben uns kurz zugelächelt, aber sie ist eine andere, hier drin. Sie lernt einfach in diesem Café. Ich bekomme das nichtmal in einem schallisolierten Raum hin, in Ruhe zu arbeiten und sie ist hier konzentriert über ihr Buch gebeugt. Ich stehe auf und gehe auf die Toilette, um mich zu sammeln. Ich soll jetzt hier Konversation mit Kneter und Cox treiben und gleichzeitig kann ich nur an Milena denken. Sie ist sogar da, aber sie ist nicht zugänglich für mich. Ok, noch ein Blick in den Spiegel und dann raus. Fuck. So seh ich aus. Fast schon wie mein zukünftiges Ich. Aber wenn ich hier vor dem Spiegel stehen bleibe, sehe ich mir auch nur beim verzweifelt sein zu. Dann mal zurück zu Kneter und Cox.

Beim Weg zurück kommt mir Cox entgegen. Als ich mich setze, steht Kneter auf. Sein Bier ist leer.
«Puh, das treibt», murmelt er vor sich hin. Dann verschwindet er auch aufs Klo. Ich bleibe sitzen. Ich hole mein Handy raus. Bevor ich abtauche, sehe ich nochmal zu Milena. Ich glaube, sie spürt sofort, dass sie aufdringlich angeschaut wird. Sie sieht von ihrem Schulbuch auf. Unsere Blicke treffen sich. Dann werden sie von der Kellnerin durchkreuzt, die eine Schüssel balanciert. Vor Milenas Tisch bleibt sie stehen. Sie stellt die Schüssel ab. Sie deutet zu mir.
«Das ist von den Herrn da drüben», höre ich durch das Gebrabbel im Cafe. Die Kellnerin stellt eine Zwiebelsuppe auf den Tisch. Milena schaut sich die dampfende Schüssel an. Ich sehe mich nach meinen Freunden um. Ich will wissen, ob sie sehen, was ich sehe, aber sie sind nicht da.
Milena ist jetzt ganz bei mir mit ihrer Aufmerksamkeit. Das sehe ich und fühle mich ein bisschen schuldig dabei, aber ich freue mich auch. Sie bedeutet mir, sich zu ihr zu setzen. Überrumpelt stehe ich auf. Ich schlurfe zu ihr. Ich setze mich. Milena sieht wieder in die Zwiebelsuppe, dann sieht sie mich an.
«Das ist aber nett von dir», sagt sie.
«Keine Ahnung, was das soll.»
«Willst du sie wieder mitnehmen?»
«Nein…ich..»
Milena schiebt mir den Löffel zu.
«Wir können sie teilen.»
«Was?»
«Ekelst du dich?»
«Hm…»
«Sag ehrlich: wovor ekelst du dich mehr: Vor mir oder vor der Suppe?»
«Ich weiß nicht, wie sie schmeckt…» Ich sehe Milena an. «..und bei dir weiß ich das auch nicht.»

Jetzt passiert etwas: Milena beugt sich zu mir. Sie zieht mich sanft zu sich heran. Dann drückt sie mir einen Kuss auf die Lippen. Ich verliere das Gleichgewicht. Die Zeit wird weich. Alles rutscht weg. Jetzt balanciere ich über ihren kleinen Finger, denke ich. Und der hat mehr Kraft als alles, was ich jemals berührt habe. Das ist viel zu viel Kraft auf einmal.
Panisch rutsche ich zurück. Ich reiße die Augen auf. Überfordert starre ich Milena an. Ich sehe ihr beim Aufstehen zu.
«Bald weißt du beides. Guten Appetit», sagt sie. Sie verlässt das Lokal. Ich bemerke, wie weit ich vom Tisch weg bin. Ich frage mich, wie ich zu dem Löffel zurückfinden soll. Aber ich muss die Frage nicht beantworten: Mein Stuhl schiebt sich von alleine an den Tisch. Dann sitzen Cox und Kneter neben mir. Kneter schnappt sich den Löffel.
«Keine Angst, wir haben das alles drauf», sagt Cox sanft, wie um mich zu beruhigen.



28

«2047 bitte.»
«Das kann nicht sein. Da steht 9,93.»
«Der Preis nützt uns nichts. Wir haben da eigene Zahlen. 2047 bitte.»
«Das kostet keine 20 Euro. Das sehe ich doch an ihrer Kasse.»
«Wir schalten den Preis der Äpfel durch die Zahl frei.»
«Welche Äpfel?»
«Die aus dem Angebot.»
«Ich habe keine Äpfel!»
Ich wache auf. Leider nicht aus einem Traum, sondern aus einer Situation, aus der ich jetzt nicht mehr rauskomme. Ich hab da was durcheinandergebracht. Jetzt sehe ich es. Die Zahl, die ich mir für die Äpfel gemerkt habe, hat sich zwischen mich und den Preis geschlichen. Meine Zukunftszahl. Wie konnte ich die da reinbringen? Zum Glück bin ich als einziger in der Kasse. Es sehen mich nur die Kunden. Die kassiere ich jetzt schnell ab und den nächsten Schwung mach ich dann konzentriert. Ok. Ich gebe dem Herrn auf seinen Zehner raus.
«Danke. Scheißen.»
«Was?!» höre ich und zucke zusammen. Aber ich höre es nur in mir.
«Auf Wiedersehen», sagt der Herr höflich. Er lässt mich damit allein. «Danke. Scheißen» Jetzt sehe ich die Schlange vor mir und jedes Gesicht ist ein maßgeschneidertes Ziel für den Gedanken. Er schleicht sich an, wie die Zahl vorher. «Danke. Scheißen.» Ich muss mich ablenken. Milena. Wir haben uns wirklich geküsst. Ich schreibe ihr. In der Pause schreibe ich ihr und frage, was das war. Solange ziehe ich das hier weiter über den Scanner. Das merkt gar niemand, wie’s mir geht. Mein «Hallo» ist einfach eine Ware und sie ist im Angebot. Ich will nichts dafür. Ich warte auf den Moment, bis die Ware einfach ausverkauft ist. Das versteht dann jeder. Aber da ist so viel Reserve. Mein Herz. Wie sich das jetzt anfühlt. Mein Fuß am Pedal. Vor mir das Band. Und die Sachen drauf. Der Scanner. Als käme der Strom dafür aus meinem Herzmuskel. Dieses Piepsen die ganze Zeit. So unregelmäßig. Wie ein krankes EKG, als wären es die letzten Töne meiner perfekten Breze. Alle Menschen sind hier zwei Köpfe größer als ich. Und alle bewegen sich. Sogar dieses Kassenband. Andauernd. Alles bewegt sich an mir vorbei. Alles bewegt sich durch mich durch. Als hätte ich einen Tunnel durch meinen Körper gebohrt und alles was da vorher drin war, wild um mich geschmissen. Das Band vor mir. Da ist meine Zunge. Als hätte sie jemand mit Gummi überzogen und vor mir ausgedehnt. Und jedes Mal wenn ich nach dem Zeug greife, fühlt es sich an, als würde ich auf der Zunge herumtatschen, als würde ich meinen Finger bis zum Würgereiz in mich hineinstopfen. Ich kann nicht mehr. Dieser Krach. Dieses Licht. Ich. Das funktioniert nicht mehr zusammen. Von manchen ist so viel Ich übrig. Und ich muss graben, bis ich was davon finde und wenn ich es dann mit aller Kraft aus mir raushole, rutscht es mir aus den Händen und fällt mir auf die Füße. Oder es fällt dem auf die Füße, der neben mir steht. Ich. Das fühlt sich gut an, wenn ich das denke: Ich. Ich. Ich. Jetzt könnte ich es zu Kneter sagen. Oder zu einem Spiegel, wenn einer da wäre. Jetzt kann ich es üben. Ich muss Ich in Gedanken betonen können. Dann ist es auch klar, was ich meine, wenn ich es sage. Aber wie betone ich einen Gedanken korrekt? Wie denke ich richtig? Wie viel soll ich davon sagen? Am besten alles. Was ich denke, vergesse ich sowieso immer sofort wieder. Und dann kommt es zurück als Gefühl, das ich nicht verstehe.

Als ich am Abend die Kasse abrechne, fehlen 100 Euro.
«Vielleicht falsch gerundet», sage ich und frage mich, ob ich Geld geklaut habe. Aber das einzige Geld an das ich mich erinnere, war der Cent, den ich letztens vom Boden aufgehoben habe. Ich habe ihn immer noch in meinem Kittel. Weiter hilft er mir jetzt trotzdem nicht.
«Es sind genau hundert Euro», sagt Herr Woigl.
«Ich zähl nochmal», biete ich an, aber ich merke, dass er mir nicht traut.
«Lu?», fragt Herr Woigl ernst. Ich sehe, dass er etwas fragen wird, was ich nicht beantworten kann. Nicht, weil ich nicht kann, sondern weil ich in der Antwort meine Welt in einem Satz erklären müsste. Und mir fällt nicht mal das erste Wort davon ein.
«Nimmst du Drogen?»
«Ja», sage ich, weil ich mir wünsche, dass die Antwort so klar ist. «Ja.»
«Das haben wir gemerkt. Wir haben uns schon gefragt, was mit dir los ist.»
«Bin ich jetzt entlassen?»
«Das kann ich nicht an Ort und Stelle entscheiden.»
«Ich hab den Hunderter.»
Herr Woigl sieht mich überrascht an, aber auch so, als würde er mir nicht glauben.
«Ich hab den Hunderter», wiederhole ich.
«Geh jetzt nach Hause. Du siehst geschafft aus», sagt er.
Ich stehe auf und schlurfe aus dem Kassenbüro. Als ich den Laden verlasse, weiß ich, dass ich da nie wieder rein gehen werde.



29

Ich bin da, wo mich niemand findet, will ich sagen, aber ich bin einfach nur da. Selbst wenn ich mich verstecke, fühle ich mich, als würde ich warten. Ich habe mein Handy auf das Existenzminimum heruntergedimmt. Ich brauche W-lan. Ich brauche meine Playlists. Ich kann auch nicht aufhören, die Messenger im Blick zu behalten. Immerhin sind sie stumm. Immerhin macht mein Handy nur noch die Geräusche, die ich ihm erlaube. Kneter schreibt andauernd. Ich sehe Nachrichten von ihm aufploppen. Reflexhaft klicke ich sie weg. Er schreibt alle paar Minuten, aber ich glaube, das hat er immer gemacht. Ich kann jetzt nicht antworten. Außerdem höre ich Cox und Bea im Nebenzimmer. Ich höre sie, obwohl die Tür zu ist. Cox will Bea wieder dazu überreden, mit ihm nach Myanmar abzuhauen. «Geh mit», sage ich in Gedanken zu Bea. Nicht weil ich will, dass sie hier weggeht, sondern weil ich mir wünsche, dass mich das jemand fragt. Ich höre nicht, was sie antwortet, aber Cox wird laut. Jetzt geht es um seinen Vater. Bea hat ihm also wieder abgesagt. Eigentlich hat sie auch keinen Grund, hier wegzugehen. Sie hat hier Erfolg in allem was sie macht. Bea weiß, was sie sich zumuten kann. Sie weiß, wer sie ist. Wie macht sie das? Ich weiß nichtmal, ob ich ein Ladendieb bin. Ich habe noch gar nicht in meinen Taschen nachgesehen, ob der Hunderter da drin ist. Und selbst wenn, kann ich nichts damit anfangen. Ich will ihn nicht. Trotzdem habe ich ihn an mich gerissen, als ihn Herr Woigl erwähnt hat, auch wenn es nur eine Vorstellung davon war. Das war wieder ein Beweis, dass meine Vorstellungen nicht echt sind. Der Cent, den ich gefunden habe, war echt. Den hab ich auch vergessen. Aber nicht, dass ich mit Milena in der Pause war, als ich ihn gefunden habe. Ich will ihr das jetzt gleich schreiben. Ich will es so schreiben, dass es klingt, als hätten wir eine gemeinsame schöne Erinnerung. Wir haben uns zu kurz geküsst, will ich schreiben. Ich frage mich, ob Cox und Bea sich auch grade küssen. Es ist still geworden im Zimmer nebenan. Ich nehme mein Handy. Da sind wieder Nachrichten von Kneter. Ich drücke sie weg, dann höre ich etwas an der Tür. Es klopft. Ich schrecke auf. «Hm?» sage ich und übe einen bösen Blick, der sagen soll, dass mit mir grade nichts los ist. Dann sehe ich Kneter. Er kommt in mein Zimmer. Er spaziert so selbstverständlich rein, dass ich ganz wach davon werde.
«Was machst du hier?», frage ich.
«Wieso gehst du nicht an dein Handy, Mann?» Kneter sagt das sanft. Er sagt das mit irgendeiner inneren Freude, die mich verwirrt.
«Wie kommst du hier rein»?, frage ich.
«Ich wusste, dass Cox hier ist, also hab ich ihn gefragt, ob er mich reinlassen kann.»
«Du hast was?»
«Wieso schaust du so genervt?»
«Ich will meine Ruhe!», schreie ich.
Kneter sieht mich getroffen an. Ich glaube, er merkt, dass er zu weit gegangen ist. Jetzt höre ich, dass sich die Tür öffnet. Bea und Cox kommen ins Zimmer.
«Lasst Lu doch mal in Ruhe», sagt sie.
Jetzt höre ich auch noch meine Eltern. Sie kommen die Treppen hoch. Plötzlich stehen alle in meinem Zimmer.
«Was ist hier denn los?», fragt mein Vater.
Ich komme mir vor, als würde ich immer mehr Menschen anlocken, je öfter ich das sage.
«Ich muss was mit Kneter besprechen», sage ich. Und als alle stehenbleiben, sage ich: «Unter vier Augen.»

«Du hast mir echt Angst gemacht mit deinem Blick», sagt Kneter.
«Ich wollte einfach niemanden sehen.»
«Sorry, das muss ich dir dringend sagen.»
«Was denn?»
«Am Wochenende ist doch diese Sportveranstaltung.»
«Die Bezirksmeisterschaften?»
«Genau.»
«Bea macht da mit.«
«Ich weiß. Und ich mach auch mit.»
«Du? Und Sport?»
«Schaust du manchmal auf unsere Lokalzeitung?»
«Ab und zu.»
«Da gab’s einen Aufruf an Schüler. Die haben jemanden gesucht, der das Sportfest dokumentiert. Da hab ich mich beworben und wurde ausgewählt.»
«Wow, ist das deinen Fans nicht zu kommerziell?»
«Die anderen Videos mache ich trotzdem weiter. Ohne die wäre ich da jetzt auch nicht reingekommen.»
«Hast du dich mit denen beworben?»
«Mit einem Best-of.»
«Mit dem Frosch?»
«Ich habe ihnen die Szene vor dem Abstieg gezeigt. Mit dir.»
«Ok?»
«Du hast da was gesagt.»
«Was denn?»
«Wenn ich mir selbst fremd bin, ist alles was ich entscheide fremdbestimmt.»
«Oh.»
«Der Redakteur fand die Szene gut.»
«Gratulation.»
«Das war dein Gedanke, Mann.»
«Ich wollte ihn mir eigentlich längst merken.»
«Ja, mach das mal.»
«Danke, dass du mich erinnert hast.»



30

Wir sind Fans. Meine Eltern und ich sitzen auf den Steinstufen des Stadions und sehen dem Sportfest zu. Es ist ein Event. Ausverkauft. Laut. Wahrscheinlich ist jeder da, den es hier gibt. Wir warten auf Bea. Bevor wir gefahren sind, habe ich meinen Eltern gestanden, dass ich aus dem Job geflogen bin. Herr Woigl hat den Hunderter wieder gefunden. Aber er meinte, dass unser Vertrauensverhältnis beschädigt ist, weil ich den Diebstahl zugegeben habe, ohne was geklaut zu haben. Meine Eltern hatten keine Zeit für lange Diskussionen. Jetzt merke ich, dass sie angespannt sind. Wegen mir. Oder wegen Bea. Das kann ich nicht genau sagen. Hier vor allen Leuten können wir das jetzt auch nicht ausdiskutieren. Ich weiß, dass wir das nach dem Sportfest machen werden. Kneter filmt die Veranstaltung so sicher, wie er mich gefilmt hat. Ich sehe, wie geschmeidig er ist, wenn er eine Kamera in der Hand hat, wie er sich Perspektiven sucht und ich weiß, dass er sie findet, ohne das Video schon gesehen zu haben. Ich höre eine Fahrradklingel hinter mir und drehe mich um. Oben am Zaun steht Milena. Ich gehe zu ihr.
«Hey», sage ich.
«Hey», sagt sie.
«Kommst du auch als Fan?»
«Ich fahr‘ in die Arbeit. Dachte, du bist vielleicht auch dort.»
«Ne..»
«Hast du frei?»
«Ich… bin rausgeflogen. Probezeit nicht bestanden.»
«Wirklich?»
«Ja.»
«Das tut mir Leid.»
«Naja, geht. Jetzt such ich mir was anderes.»
«Kannst ja zurück in die Schule.»
«Da bin ich doch längst abgehängt.»
«Noch nicht zu spät, um aufzuholen.»
Ich erinnere mich an das Podest. Genau hier war das. Ein paar Monate ist das erst her. Aber jetzt stehe ich höher als damals. Ich stehe auf einer Steinstufe. Auf Augenhöhe mit Milena. Uns trennt zwar noch ein kleiner Zaun, aber wir sehen uns an. Fast so, als würden wir uns beide grade daran erinnern, dass wir uns geküsst haben. Vielleicht ist es wirklich nicht zu spät, denke ich.
«Bis dann», sagt Milena. Ich sehe ihr nach, wie sie in die Arbeit fährt. Dann drehe ich mich zum Platz. Bea steht am Startblock. Ich sehe, dass sie mit Schmandra spricht. Cox sitzt im Schneidersitz auf einer der Stufen und beobachtet sie. Ich weiß, dass er auf sie warten wird. Egal, wie lange sie läuft. Cox wird da noch sitzen. Und egal wie schnell Bea rennt, sie wird nicht so schnell sein, um an Cox vorbei zu kommen, obwohl oder vielleicht weil sein Vater ihr erklärt, wie sie laufen soll. Jemand stupst mich an. Ich drehe mich um. Kneter.
«Was stehst du hier so rum? Deine Schwester läuft.»
«Ja, ich weiß.»
«Ja dann. Lass mal hinschauen.»
«Solltest du nicht filmen?»
«Das mach ich schon noch. Jetzt bin ich einfach nur Fan.»

«Die laufen nur so 20 Sekunden», sage ich, als wir ganz unten an der Bahn sitzen.
«Krass, oder?»
«20 Sekunden. Danach ist alles anders.»
«Wie feuern wir sie an?»
«Ich würde sagen: Schreien.»
«Klingt gut.»
Wir hören einen Schuss. Es wird laut um uns herum. Ich höre die Schritte der Läuferinnen. Ich sehe Bea. Sie ist dritte, aber sie holt auf.
«Jetzt», sage ich zu Kneter. «Jetzt.»
Wir schreien.




















Vielen Dank an Sarah@wordcase und Dirk Bernemann für den Input





Was dauert länger



„Manchmal muss ich dreimal hinschauen. Dann erkenne ich erst, was beim ersten Blick schon simpel zu sehen gewesen wäre.“

„Freust du dich, wenn du’s dann erkennst?“

„Nein, ich mache mir Vorwürfe, dass ich so lange gebraucht habe.“

„Was dauert länger: Freude oder Vorwürfe?“

„Immer die Vorwürfe.“

„Dann freu‘ dich. Dann hast du auch mehr Zeit für alles andere.“

Einiges



„Was wäre denn gewesen, wenn wir uns nicht wieder zufällig begegnet wären?“

„Wir begegnen uns doch immer, irgendwie.“

„Ja. Irgendwie.“

„Ich mag das, irgendwie.“

„Ich nicht.“

„Außerdem hab‘ ich mich gemeldet.“

„Wie denn?“

„Ich hab‘ dir Gedichte geschrieben.“

„Du hast mir mitten in der Nacht betrunkenes Gewäsch geschickt! Du hast keine einzige Frage gestellt. Du hast nur dein Dada-Zeug runtergeleiert!“

„Das war kein Dada-Zeug. Das war meine Seele!“

„Hast ja’n ganz schönes Chaos in deiner Seele.“

„Korrekt. Das entschuldigt ja wohl einiges.“

„Ja, das tut es wohl.“

Blässe



Für Jules



1

Drako kam an unsere Schule, als ich in der dritten Klasse war. Er faszinierte mich sofort. Aber scheinbar war ich der Einzige. Ich sah ihn immer alleine rumstehen und fragte mich, wieso er so im Abseits stand. Er sah aus, als wüsste er was. Und als könnte er was im Sport. Trotzdem schien ihn das alles nicht zu interessieren. Nicht die Leute hier und auch nicht die Sportlerclique, zu der alle anderen gehören wollten. Meistens stand er am Fahrradkeller herum und war in irgendwelche Hefte vertieft. Beim Vorbeigehen sah ich einmal, dass er Notenblätter las. Was für ein Freak, dachte ich und wollte ihn unbedingt kennenlernen. Ich fand es merkwürdig, dass ihn alle anderen ignorierten. Wenn sich ihm jemand näherte, dann nur, um ihn anzurempeln oder mit Kastanien zu bewerfen.

Das einzige Fach, das wir gemeinsam hatten, war Sport. Das waren die schlimmsten zwei Stunden der Woche. Beim Fußball stand ich nur blöd rum. Für Basketball war ich zu klein, für Handball zu schmächtig. Zum Turnen war ich zu unbeweglich, zum Laufen zu schlapp und Volleyball langweilte mich einfach. Was ich konnte, war Klettern. Ich bekam nicht oft die Gelegenheit, das zu beweisen. Aber heute war es so weit. Ich setzte mich im Schneidersitz auf den Boden und belächelte die Versuche meiner Klassenkameraden, sich an der Stange hochzuziehen. Vorhin beim Fußball hatten sie mich noch angeschrien, jetzt hingen sie mit knallroten Köpfen an der Stange und kamen keinen Zentimeter weiter. Als Frau Klühner meinen Namen aufrief, schlenderte ich siegessicher nach vorne. Ich wartete, bis um mich herum Ruhe eingekehrt war. Dann zog ich mich in die Höhe. Ich sah die Stange zwischen meinen Händen hinabsinken. Irgendwann spürte ich, dass sie zu Ende war. Ich blickte nach oben. Das Hallendach war knapp einen Meter über mir. Ich lauschte. Die Geräusche klangen anders hier. Ich schielte nach unten. Alle sahen verwundert zu mir hoch. Frau Klühner machte einen Schritt auf die Stange zu.

«Das reicht, Jonathan. Komm‘ jetzt wieder runter.»

Ich dachte nicht daran, diesen Platz an der Sonne aufzugeben.

«Holen Sie mich doch, wenn Sie können», rief ich und spuckte in Richtung Basketballkorb. Ein Raunen ging durch den Pulk meiner Mitschüler. Vereinzelt lösten sich Zurufe.

«Komm runter, Penner!»

«Hoffentlich bricht er sich’s Genick, der Trottel.»

Was wussten die schon? Fast bekam ich Mitleid mit ihnen. Zu meiner Welt hatten sie keinen Zutritt mehr. Ich war so viel weiter, als sie jemals sein würden. Ich war keiner mehr von ihnen. Mit stolzem Blick thronte ich über dem Pöbel. Meine Arme begannen trotzdem zu zittern. Frau Klühner ließ von einigen Schülerinnen zusätzliche Matten holen. Anne war auch dabei. Anne hatte noch nie etwas für mich geholt, noch nicht mal ein Arbeitsblatt oder so was. Jetzt rannte sie mit Sina und einem Mädchen aus der vierten Klasse zum Geräteraum. Sie zerrten eine dicke Matte daraus hervor.

Wenn Anne schon mal was für mich tut, dann will ich mal nicht so sein. Ich lass‘ mich einfach fallen. Dann nehm‘ ich sie mit hier hoch. Ich zeig‘ ihr eine Schönheit, die sie noch nie gesehen hat. Ja, Anne wird mich dann sicher gern haben, dachte ich, während sie unter mir die Matte zurecht rückten.

Erst jetzt bemerkte ich ihn. Vielleicht hatte er auch nicht die ganze Zeit da gestanden. Drako lehnte an der Hallenwand. Amüsiert blickte er zu mir hoch. Er beteiligte sich nicht an dem allgemeinen Geschrei. Er war ganz in sich versunken wie sonst auch. Irgendwie fühlte ich, dass das nicht mehr lange so bleiben würde.

«Jonathan! Komm jetzt sofort runter! Das ist lebensgefährlich!» Frau Klühner war verzweifelt.

«Mir egal! Bei euch da unten ist es genauso lebensgefährlich», ätzte ich ihr entgegen. Niemals würde ich mich vertreiben lassen. Schon gar nicht mit so einer halbherzigen Warnung. Das Zittern wurde jetzt stärker. Ein Krampf zog sich durch meinen rechten Daumen. Ich hielt mich nur noch mit der linken Hand fest. Die rechte ließ ich bewegungslos hängen.

«Cool, gleich dabröselts ihn. Gleich wird er zerbatzt», hörte ich aus der Menge. Ich sah zur Hallenwand. Drako ging auf die Stangen zu. Er drängte sich an der Lehrerin vorbei und zog sich nach oben. Zehn Sekunden später hing er neben mir unterm Hallendach.

«Irgendwann solltest du dann doch mal runterkommen, sonst brichst du dir echt noch den Hals.» Seine Stimme klang so ernst. Ich fühlte mich geehrt, dass er hier oben so mit mir sprach. Das bestätigte mich in allem, vor allem darin, mich hier zu behaupten. Das Zittern konnte ich allerdings jetzt kaum noch kontrollieren. Meine Ellbogen stachen, mein mickriger Bizeps dröhnte, meine Finger hämmerten. Ich ahnte: wenn ich jetzt nicht gleich freiwillig runter rutsche, dann plumpse ich irgendwann einfach auf den Boden. Da das uncool war, musste ich es unbedingt vermeiden. «Wahrscheinlich hast du recht», stimmte ich resigniert zu. Drako lächelte anerkennend. Dann rutschte er die Stange runter. Ich sah ein letztes Mal zum Hallendach. Wehmütig glitt ich abwärts. Nach halber Strecke ließ ich mich fallen. Theatralisch landete ich vor Annes Füßen. Ich erwartete ein Lächeln. Ich erwartete, dass sie mich in den Arm nahm. Ich erwartete, dass sie mir genau jetzt ihre Liebe gestehen würde – doch sie sah mich nur finster an, zeigte mir den Vogel und verschwand neben Sina in der Umkleidekabine.


Weil ich nicht auf Frau Klühner gehört hatte, musste ich zwei Wochen lang Unkraut jäten. In jeder Pause hockte ich jetzt an der Hecke und stocherte mit einer klapprigen Hacke lustlos in der Erde rum. Anne ignorierte mich. Meine Klassenkameraden rissen dumme Witze, wenn sie an mir vorbeikamen. Jedes Mal, wenn ich Schritte hinter mir hörte, schaufelte ich Dreck und Steine zusammen, um sie den Idioten in die Fresse zu werfen. Drakos Schritte waren leise. Ich hörte und sah ihn erst, als er sich neben mich auf die Erde fallen ließ. Er machte es sich im Schneidersitz bequem.

«Na, wie ist die Arbeit?»

«Ach, besser als blöd in der Gegend rumzustehen und über die Schule zu reden.»

«Bist nicht so gern mit den andern unterwegs, was?» fragte er.

«Nein. Du etwa schon?»

Er lächelte breit.

«Nein.» Er streckte mir die Hand entgegen. «Ich bin Drako.»

Ich stieß die Hacke in den Boden und drückte ihm die Hand.

«Jona.»



Drako lud mich ein, ihn am Nachmittag zu besuchen. Die Stadt, in der wir lebten, war ein graues Industriekaff mit 11 000 Einwohnern. Ich wohnte mit meinen Eltern in einem Einfamilienhaus am Stadtrand. Drako lebte mit seiner Mutter am anderen Ende der Stadt. In einem der Wohnblocks. Die Wohnung war klein. Ein schmaler Flur führte direkt ins Wohnzimmer. Dort standen eine Couch und ein Beistelltisch aus Milchglas. Auf einer Kommode thronte ein breiter Fernseher. Dies alles wurde von einem Klavier überragt, das fast ein Drittel des Raumes einnahm.

«Wow, mächtiges Teil», sagte ich ehrfürchtig.

«Hat auch mächtig was gekostet. Meine Mutter hat fast sechs Jahre dafür gespart.»

Drako strich stolz über die glänzende Verkleidung des Instruments. Ich setzte mich auf den Hocker. Plump drückte ich auf ein paar Tasten rum. Es klang schrecklich. Ich stand auf, lehnte mich ans Fensterbrett und sah ihn verlegen an. «Kannst du spielen?»

Drako nickte. Er nahm auf dem Schemel Platz. Jetzt sah er sehr seriös aus. Konzentriert und aufrecht saß er da. Langsam strich er über die Tasten. Er spielte eine Melodie, die mich an seinen Gesichtsausdruck erinnerte, wenn er alleine war. Am liebsten wäre ich einfach ewig hier am Fensterbrett gestanden und hätte seiner Musik zugehört. Aber ich wurde gleich wieder aufgeschreckt. Etwas klatschte an die Scheibe. Der Knall holte uns beide zurück. Drako hörte auf zu spielen. Er stellte sich neben mich. Im Hinterhof gruppierten sich ein paar seiner Klassenkameraden.

«Hey Pisser, komm runter, wennst dich traust!»

Eine Wasserbombe zerplatzte an der Scheibe. Das Glas wurde trüb. Eine Mischung aus Limo, Urin und Senf rann über das Fenster auf die Hauswand. Irgendwo in einem unteren Stockwerk knatterte eine Jalousie. Eine heisere Männerstimme dröhnte durch die Wände. Ich verstand kein Wort. Durch die letzten durchsichtigen Winkel der Scheibe sah ich unsere Mitschüler davonrennen. Drako blickte ihnen nach. Als sie weg waren, setzte er sich wieder ans Klavier. Er spielte lauter als vorher. Sein Mund verhärtete sich. Er rutschte auf dem Hocker hin und her, zuckte an manchen Stellen mit dem Kopf und hämmerte wild auf die Tasten. Drako war größer und stärker als seine Klassenkameraden. Wieso nimmt er sie nicht einfach auseinander. Jeden Einzelnen von ihnen. Dann hat er seine Ruhe, dachte ich, während er stöhnend die Hände von der Klaviatur nahm. Er wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn.

«Zwei Minuten Mahler sind härter als ’ne Runde im Boxring, Mann. Ich fühl‘ ich mich, als hätt‘ ich ’nen Kampf gewonnen.»

Drako stand erfrischt auf. Er holte sich einen Eimer Wasser und einen Lappen aus der Küche. Dann putzte er die Fenster. Da steckt er also seine Wut rein, dachte ich. Wie viel Wut so ein Kasten wohl aushielt?


Drako und ich trafen uns jetzt jeden Tag. Die meiste Zeit verbrachten wir im Wald. Wir kletterten auf Bäume, stürzten uns von Hügeln oder legten uns auf die Lauer, um Füchse zu fangen. Aber einen Fuchs bekamen wir nie zu Gesicht. Das Einzige, was wir sahen, waren schreckhafte Eichhörnchen und hin und wieder ein scheues Reh. Manchmal fanden wir rostige Fallen oder morsche Baumhäuser, die immer nur laut knarzten, wenn wir versuchten, sie mit Steinen vom Stamm zu holen. Das Wunderlichste, worauf wir stießen, befand sich in einer Plastiktüte, die halb in der Erde verscharrt vor einem großen Baumstumpf lag. Drako buddelte die Tüte aus. Er leerte sie auf den Boden. Zwei schmale, braune Kanister kullerten uns entgegen. Drako beäugte sie fachmännisch. «Ich glaube, da ist alter Schnaps drin», schwärmte er. «Lass ihn mal testen. Wenn er gut ist, verkaufen wir ihn.» Wir rüttelten und zogen an den Büchsen, aber wir bekamen sie nicht auf. Das weckte unseren Ehrgeiz. Am nächsten Tag kamen wir wieder. Wir drehten und drückten weiter an den rostigen Kanistern herum. Irgendwann sah ich ein, dass ich zu schwach war. Ich gab auf. Drako nicht. Er wälzte sich über den Boden, den Kanister zwischen die Schenkel geklemmt.

«Dieses Drecksteil hat ’ne Kindersicherung», fluchte er. Er drosch die Kanne auf den Boden. Ich legte mich entspannt daneben. Außer uns war hier alles ruhig. Ich schloss die Augen. Dann zerriss ein Schrei die Stille. Drako hielt den Verschluss stolz in die Luft. Er baute sich vor dem besiegten Behälter auf. Als er nach der Büchse griff, begann sie zu zischen. Sie spie eine lila Wolke aus. Drako schreckte zurück. Er schleuderte das Teil weg. Aber die Wolke wucherte uns entgegen. Bald hüllte sie uns komplett ein. Ich sprang auf und stürzte fort von diesem widerlichen Dunst. Drako lief neben mir. Wir sahen nichts. Ich ersticke. Gleich ersticke ich, dachte ich und preschte orientierungslos davon. Dorthin, wo ich den Waldrand vermutete. Wir hatten ein Monster erschaffen. Die Wolke war viel größer und schneller als wir. Wir konnten nichts anderes, als einfach weiter zu laufen. Ich spürte, dass ich mir irgendwo die Beine aufgescheuert hatte, aber das zählte nicht. Es zählte nur, jetzt nicht zu bremsen. Eigentlich wollte ich auch noch die Luft anhalten, aber dazu war ich viel zu sehr aus der Puste. Irgendwann zog die Wolke an uns vorbei. Jetzt sahen wir, wo wir hin mussten. Am Waldrand waren die Schwaden wieder sichtbar. Das halbe Feld vor uns war von Rauch bedeckt. Vom nahen Hof kam der Bauer angelaufen. Wir sprinteten weiter, bis wir in der Stadt waren. Dort setzten wir uns auf eine Parkbank. Jetzt fühlte ich mich seltsam lebendig. Wie jemand, der dem Schicksal im Schlaf ein Auge öffnet und in sein Inneres sehen kann, bevor das Schicksal Gelegenheit hat, den Blick zu erwidern. Abends im Bett zitterte ich noch immer. Am nächsten Morgen übertönte der Alltag den Schock. Ich dachte nicht mehr an den Vorfall.


Frau Klühner erließ mir den Rest der Strafe. In den Pausen verzog ich mich jetzt mit Drako in irgendeine Ecke. Er erklärte mir alles, was er übers Klavierspielen, über Komponisten und Konzerte wusste. Ich erläuterte ihm die Zusammenhänge in den Superhelden-Universen. Anne schielte jetzt öfter mal zu mir rüber. Ich ignorierte sie. Was die kann, kann ich schon lange, dachte ich und hoffte noch immer, ihr einmal allein zu begegnen, um ihr sagen zu können, dass ich in sie verliebt war. Doch mit Drako und mir wollte niemand allein sein. Manchmal kamen Milchpackungen auf uns zugeflogen oder angelutschte Bonbons. Der Einzige, der sich wirklich an uns heran traute, war Herrmann. Ein dicker, blonder Kerl aus Drakos Klasse, der zweimal die Woche mit seinem großen Bruder zum Karate ging und das den ganzen Pausenhof wissen ließ. Im Gefolge hatte er immer ein paar Kumpels, die ziemlich schmächtig waren, nie etwas sagten und sich dabei bemühten, bedrohlich zu schauen. Herrmann bemühte sich nicht vergeblich. Aus seinem elfjährigen Gesicht sprach ausgereifter Hass. Einige unserer Mitschüler ließen sich beeindrucken, wenn wir sie ignorierten. Bei Herrmann funktionierte das nicht. Er wusste, wie er die Aufmerksamkeit bekam, die er wollte. Drako und ich saßen auf dem Boden. Herrmann und seine Freunde stellten sich hinter uns. Ich wusste, was jetzt kam.

«Wie Drecksratten sitzen die auf dem Boden», hörte ich hinter mir.

«Ratten sind viel schlauer als die. Die bewegen sich wenigstens», sagte ein anderer. Drako lachte lautlos. Trotzdem bemerkte es Herrmann.

«Was gibt’s da zu lachen, du Penner!?»

Drako stand auf. Herrmann stellte sich ihm gegenüber. Sie sahen sich in die Augen.

«Ich mag eure Witze», sagte Drako. Dann ging er weg. Herrmann sah ihm gereizt nach.

«Du verstehst kein Wort davon», giftete er. Drako ging weiter. Herrmann bemerkte, dass er Drako nicht so leicht provozieren konnte. Das forderte ihn heraus. Ich sah, wie es in ihm arbeitete. Irgendwann spuckte er stolzgeschwellt ein einziges Wort aus: «Kriegsopfer». Er ließ sich Zeit damit. Er zog jeden Buchstaben in die Länge. Als könnte er damit Nägel aus dem Boden schlagen, auf dem Drako sich bewegt. «Kriegsopfer.» Er wiederholte das Wort. Jetzt bemerkten auch andere, dass es ihnen gefiel. Sie stimmten mit ein. Es wurde immer lauter. «Kriegsopfer! Kriegsopfer!» Ich sah, dass Drako weiterging. Der Pausenhof war groß, aber trotzdem war der Zaun nur zwei Meter vor ihm. Das Geschrei konnte man sicher auch noch weit dahinter hören. Drako blieb stehen. Das ermutigte Herrmann. Er lief zu Drako. Er tänzelte vor ihm herum «Kriegsopfer! Kriegsopfer!» schrie er Drako ins Gesicht. Jetzt kam es von allen Seiten. Ich wusste nicht, was ich machen soll. Ich stand auf. Ich sah mich um. Ich wollte blind in alle Richtungen dreschen, um das aufhören zu lassen. Aber es ging einfach weiter. Herrmann wich nicht aus Drakos Blick. Er hatte sonst für kaum etwas Geduld. Aber seinen Hass stocherte er mit zielsicherer Ruhe ins Ziel. Jetzt war er dort angekommen, wo er ihn haben wollte: ich sah Drako nur von hinten, aber ich merkte, wie sich sein Körper anspannte. Dann ging es schnell. Drako schlug zu. Er traf Herrmann mit der Faust am Auge. Herrmann taumelte. Drako kickte ihn in den Magen. Herrmanns Kopf senkte sich schmerzverzehrt. Jetzt wurde es still. Die Gesänge waren gestoppt. Man hörte nur noch Herrmanns Ächzen und den Aufprall von Drakos Schlägen. Er flippte immer mehr aus. Mit knallrotem Kopf nahm er Herrmann in den Schwitzkasten und rammte ihm sein Knie ins Gesicht, bis sich sein Hosenbein rot verfärbt hatte. Als er losließ, stolperte Herrmann auf den Boden. Kreischend wälzte er sich auf der Wiese. Drako torkelte konfus durch die Gegend. Er rieb apathisch am Blut, das an seiner Hose klebte. Dann sah er sich nach allen Seiten um, so als suche er jemanden, der ihm erklären konnte, was da grade passiert war.

Drako wurde noch am selben Tag der Schule verwiesen. Herrmann durfte bleiben. Als die Lehrerin fragte, wie es zu dieser Auseinandersetzung gekommen war, sagten einige Schüler, dass Drako angefangen hätte. Sie erzählten, dass er Schüler aus der ersten Klasse erpresse und ihnen ihr Pausengeld geklaut hätte. Auch die Tatsache, dass meine Klassenleiterin oft gesehen hatte, wie er angepöbelt worden war, und mein Versuch, ihr die Sache zu erklären, änderten nichts an seinem Rauswurf. Insgesamt war er nicht viel länger als vier Monate an unserer Schule gewesen.

Nach ein paar Wochen erreichte mich ein Brief aus einem Internat in Landshut. Drako schrieb, es sei ganz nett dort. Er könne Klavier spielen und habe mehr Platz als zu Hause. Ich solle mir keine Sorgen machen, er habe irgendwo gelesen, man sähe sich immer zweimal im Leben.



2

Sieben Jahre später:

Ich wiederholte gerade die neunte Klasse der Realschule. Nach wie vor war ich ein gern gemiedener Einzelgänger. Der Sommer rückte näher, und meine Eltern drängten mich zu sportlicher Aktivität. Nicht dass sie selbst sehr sportlich gewesen wären. Sie hatten eine Buchhandlung, und wenn sie dort nicht hinter der Ladentheke standen und über hochgeistige Literatur schwafelten, dann saßen sie zu Hause und diskutierten stundenlang über kulturkritischen Nonsens. Sie brauchten sich gar nicht zu wundern, dass ich den ganzen Tag in meinem Zimmer hockte und las, dass ich keine Freunde hatte und mich sowieso für nichts anderes als für Bücher interessierte. Bei diesen Vorbildern war mir die Faulheit einfach in die Wiege gelegt.

Um mich zu ungekannten körperlichen Höchstleistungen zu animieren, hatten mir meine Eltern zum Geburtstag ein Skateboard geschenkt. Ich betrachtete das Teil kurz, bedankte mich flüchtig, nahm mir ein Stück Kuchen und verschwand in mein Zimmer, um ein angefangenes Buch weiterzulesen. Doch mein Vater nahm sein Vorhaben, mich zum Bewegunsjunkie zu formen, wirklich ernst, das musste man ihm lassen. Er lief mir nach, hielt mich fest und drückte mir das Board in die Hand.

«Du weißt, ich bin kein Freund von Strafen …», er nahm mich drohend ins Visier, «… aber deine Bücher bleiben so lange unter Verschluss, bis du dich jeden Tag eine Stunde sportlich betätigst.» Ich lachte ihn aus, schlenderte in mein Zimmer und erschrak. Meine Mutter hatte während meines Frühstücks mein Regal geräumt. Alles Lesbare war weg, außer den verdammten Schulbüchern. Die lagen ordentlich gestapelt auf dem Schreibtisch. «Diese Faschisten!», fluchte ich, rannte in die Küche, riss meinem Vater das Skateboard aus der Hand und stürmte zur Tür raus. Ich wollte das Scheißteil irgendwo zertrümmern, oder das Fenster der Buchhandlung damit einschlagen, oder irgendjemanden umknüppeln, dann sahen sie mal, wie sportlich ich sein konnte. Doch mir fiel etwas Besseres ein. Ich wusste, wo mein Vater die Schlüssel für den Laden aufbewahrte, so konnte ich mich aus der Kiste mit den gebrauchten Büchern bedienen. Die geforderte Stunde Sport am Tag schaffte ich leicht, und auch am Skateboard fand ich bald Gefallen, denn in dem Wald, in den ich mich mit Kerouacs On The Road zurückzog, war der Boden viel zu ungemütlich, um länger darauf sitzen zu können. Zum Glück ließ sich mein Geburtstagsgeschenk dazu zweckentfremden.


In diesem Sommer saß ich meistens lesend im Wald oder spazierte durch die Stadt. Als ich, kurz nach den Pfingstferien, den Hügel zum Vormarkt hinabrollte (ich hatte mein Skateboard als banales Fortbewegungsmittel entdeckt und stand mit ihm inzwischen in einer hassliebenden Beziehung), sah ich einen Straßenmusiker am Brunnen. Ich hatte in dieser Stadt noch nie einen gesehen. Das faszinierte mich. Ich setzte mich auf die Steinsäule am Brunnen und beäugte den musizierenden Jungen. Er sang A Hard Rain’s A-Gonna Fall. Sein Gesicht versteckte er unter einer tief in die Stirn gezogenen Baseballkappe. Die Strickjacke, die er trug, war löchrig. Seine Jeans war so bleich wie das Straßenpflaster. Als Münzsammler hatte er vor sich einen Aschenbecher stehen, in dem zwei, drei Silbermünzen und vielleicht ein halbes Dutzend Kupfergroschen kauerten. Da er ständig darauf aschte, konnte auch noch mehr Geld dazwischen liegen. Ich nahm mir das Fünfmarkstück, das ich von meiner Mutter bekommen hatte, um mir Bleistifte zu kaufen, und schnippte es in den Aschenbecher. Er sah auf, ohne sein Spiel zu unterbrechen. Ich kannte dieses Gesicht. Der Typ begann zu grinsen. Er legte die Gitarre auf den Boden, sprang auf und drückte sich so fest an mich, dass er seine Kappe verlor.

«Jona, der kleine Klettermaxe aus der Grundschule. Gut schaust aus.»

«Drako. Das ist ja ’ne Überraschung.»

«Ja Mann, das ist es. Zeit für ein Bier?»

Ich hatte Zeit. Also gingen wir ins Hades. Eine Kneipe, von der die meisten Erwachsenen hier mit Abscheu sprachen. Also genau der richtige Ort, um unser Wiedersehen zu begießen. Als wir den Laden betraten, erwartete ich mindestens eine Vorhölle, so verrucht hatte die Kneipe in den Erzählungen geklungen. Aber es saß nur ein älterer Herr vor einem Weißbier und die Kellnerin fragte nett, was wir trinken wollen. In Wirklichkeit ist alles hier einfach nur harmlos, dachte ich, während wir uns mit den Drinks in eine der Nischen setzten. Wir stießen an und tranken.

«Wohnst du wieder hier?», fragte ich.

«Ja, ich wohn bei meiner Freundin.»

Drako lehnte sich zurück.

«Ich hab‘ sie im Englischen Garten kennengelernt.»

«Wow. Hast du sie angesprochen?»

«Klar.»

«Wie macht man sowas?»

«Gute Frage. Sie war auf der Wiese gesessen und hat was geschrieben. Ich hab‘ mich verloren gefühlt, weil ich ein paar Tage vorher aus dem Internat abgehauen war und kein Geld mehr hatte. Das war seltsam. Ich wusste, dass sie meine Rettung sein kann. Ich hab’s gespürt. Also bin ich zu ihr und hab‘ sie gefragt, ob ich mich setzen darf.»

«Das klingt leicht.»

«Ich glaube, alle anderen hätten mich sofort verjagt. Aber ich hätte mich auch zu niemand anderen gesetzt. Wir hatten erst nur bisschen Small Talk, aber ich hab‘ gespürt, dass sie immer noch viel mehr wissen wollte. Dann hab ich ihr gesagt, dass ich aus dem Internat abgehauen bin und nicht weiß, wo ich hin soll. Und dann hat sie gefragt, ob ich mit zu ihr kommen möchte. Das würde nur ein bisschen dauern, bis man dort ist. Ich hab sie gefragt, wo sie wohnt. Und als sie’s gesagt hat, war das wie ein Zeichen, Mann. Jetzt will ich nie wieder hier weg.» Drako trank einen kräftigen Schluck.

«Mann. Hier ist echt nichts los. Ich hoffe, wir sehen uns jetzt öfter», sagte ich fasziniert.

«Klar, Jona, du bist doch der Einzige, der hier klargeht. Außer Sophie natürlich. Du musst sie unbedingt kennenlernen, Mann. Sie ist das schönste und intelligenteste Mädchen, dem ich je begegnet bin. Lass uns austrinken und gleich zu ihr gehen.»

Wir stürzten die letzten Schlucke unserer Biere hinunter. Dann standen wir auf. Neugierig und angeheitert schlenderte ich neben Drako aus der Kneipe. Wir machten uns auf den Weg in das südliche Ende der Stadt. An einem etwas verfallenen Wohnblock klingelte Drako bei S. Gegen. Sophie empfing uns an der Wohnungstür. Drako nahm sie in den Arm. Er küsste sie auf den Mund. Sophies Äußeres wirkte unauffällig. Sie hatte einen naturblonden Pagenschnitt, war ein bisschen mollig und trug ein weißes Poloshirt über einer No-Name-Jeans. Warum sich Drako von ihr angezogen fühlte, wurde mir klar, als ich ihr in die Augen sah. Ihr giftgrüner Blick hielt mich gefangen wie eine fleischfressende Pflanze, die ihr Opfer ausspuckt, sich dann aber anders besinnt und es stählern an sich drückt, nur um es in der nächsten Sekunde wieder fortzuschleudern. Ich gab ihr schüchtern die Hand. Sie küsste mich auf die Wange. Im Wohnzimmer ließen wir uns auf die Schlafcouch fallen. Davor stand ein Holztisch, der mit Zeitungsüberresten, aufgeschlagenen Büchern und Kifferutensilien übersäht war. Quer über alle Wände verliefen konfuse Graffitis, die mit nüchternem Auge nur schwer zu dechiffrieren waren. Das Fenster war verhängt von einer Fahne, die unter Antifa-Kritzeleien irgendwann einmal die Farben Schwarz-Rot-Gold zur Schau getragen hatte. Als einziges elektrisches Gerät stand ein Kassettendeck mit zwei klapprigen Boxen in der Ecke. Sophie holte uns ein paar Bier aus der Küche. Dann fragte sie mich direkt:

«Was machst du hier, Janosch?»

«Jona», berichtigte sie Drako.

«Ok, Sorry. Also: was machst du hier, Jona?»

Ich hatte die Frage nicht erwartet. Genaugenommen hatte ich keine Ahnung, was sie damit meinte, also sagte ich nichts und drehte nur schüchtern an dem Bier herum.

«Ich meine: gehst du noch zur Schule?»

«Ach so. Ja. Aber eigentlich weiß ich nicht, was ich da noch soll», gestand ich.

«Das versteh‘ ich.»

Ich nahm einen Schluck Bier und kratzte meinen ganzen Mut zusammen. Fremden Leuten Fragen zu stellen war ich nicht gewohnt.

«Was machst du?», fragte ich.

«Ich arbeite in einer Bank», sagte Sophie. Sie versank neben mir in Drakos Armen.

«Wow. Ist dir das nicht zu spießig dort?»

«Der Job ist mir scheißegal.» Sophie lächelte einen Moment, dann sah sie mich ernst an. «Ich arbeite in dieser Bank, weil mich die Profitgier ankotzt. Weil ich dabei zusehen will, wie das Kapital an sich selbst krepiert.» Ihr hypnotischer Blick grub sich in mein Gehirn.

«Aha. Sehr idealistisch», sagte ich zögernd.

«Weißt du, Janosch …»

«Jona», wiederholte Drako.

«Sorry, also Jona, weißt du, überall hörst du, dass du nur was wert bist, wenn du Geld hast, und je ärmer die Leute sind, desto eher glauben sie diese Scheiße. Ich hab‘ einfach keinen Bock mehr, Teil dieses Systems zu sein.“

«Aber du bist doch noch ein Teil davon. Du bist doch da noch drin.»

«Ja, aber ich bin ein kranker Teil davon und das ist gut so.»

«System. Das kann doch alles heißen. Das ist doch nur ein hohler Begriff», sagte Drako.

«Nicht das System, das ich meine», sagte Sophie.

«Welches meinst du denn?»

«Ich meine das System, das dich ständig davon überzeugen will, dass du jemand ganz anderes sein musst, nur um du selbst sein zu können. Und das seh ich hier überall. Ich seh’s auch an dir, Jona. Du bist da drin.»

«Ja, gut möglich.»

«Stört dich das nicht?»

«Puh. Da muss ich mal drüber nachdenken.»

»Mach das. Das kannst du hier. Das kannst du hier so oft und so lange du willst.»

«Cool, danke.»

«Ja, wir müssen alle viel mehr denken», sagte Drako. Er kramte einen bräunlichen Brocken aus seiner Hosentasche und begann, ihn mit einem Feuerzeug in eine silberne Tonschale zu flocken.

«Schon mal was geraucht, Jona?», fragte Drako. Ich verneinte. Fasziniert betrachtete ich seine Bewegungen, als er die Mischung sorgsam in den Topf drückte. «Hier, die Spezialität des Hauses.» Grinsend reichte er mir die gestopfte Pfeife. Ich nahm mir das Feuerzeug vom Tisch und griff nach der Bong. Mein Blick versank in der stinkenden, schwarzbraunen Brühe, die durch den Glasbauch schwappte. Ich unterdrückte ein Würgen, aber der Geruch machte mich plötzlich ganz wach. Ich spürte, dass ich noch viel wacher werden wollte und setzte die Flamme an. In gespielter Souveränität saugte ich an der Glut. Der Rauch schmeckte harmlos. Ich zog fester. Als ich inhalierte, schnitt der Qualm mir die Kehle durch. Ich hustete, bis mir Tränen über die Wangen liefen. Ich rülpste kalten Rauch. Keuchend versank ich in der Couch. Sophie und Drako beobachteten mich milde lächelnd. Bei allen anderen hätte mich das wahrscheinlich gestört, aber hier fühlte ich mich entspannt. Trotzdem drängte sich Unruhe in meine Augen. Mein Blick raste von den Vorhangfalten über die Ecken der Wände zu den glänzenden Magnetbändern der überall im Raum verteilten Kassetten.

«Bei vielen wirkt’s beim ersten Mal nicht. Ist halt bei jedem’ne andere Erfahrung», meinte Sophie.

«Bis jetzt ist es nicht krass», nuschelte ich. Beim Aussprechen dieses Satzes merkte ich, dass sich etwas Seltsames in mir zusammenbraute. Ein schläfriger Kitzel nagte an meinen Rippen. Eine Gänsehaut überzog mein Trommelfell. Der Rauch, der breit unter der Zimmerdecke hing, wirkte unerreichbar weit weg. Alles, was körperliche Bewegung erforderte, war mir fremd geworden. Ich lümmelte schlaff im Sofa und fühlte mich so aktiv wie nie zuvor. Jetzt zündete sich Sophie einen Topf an. Der Feuerstein blitzte durch meine Stirn. Das Blubbern der Bong schlängelte sich über meine Haut. Ihr gedehntes Ausatmen schrubbte an meinen Haarwurzeln. Sie stellte die Pfeife zurück auf den Tisch. Das Geräusch war so sanft, dass ich dachte, mir stecke ein Stück Watte im Ohr. Von irgendwoher hörte ich Bruchstücke eines Satzes. «Ich glaube, ich fühl‘ mich wie ein Max-Ernst-Gemälde.» Hatte ich das gesagt oder gedacht? Drako und Sophie sahen mich verwundert an. Sophie stützte ihr Kinn auf den Handrücken und musterte mich grübelnd. Drako begann laut loszulachen. Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Ich lachte, bis ich das Gefühl bekam, mein Magen würde sich selbst verschlingen. Der Lachkrampf schüttelte mich durch. Aber ich blieb träge auf der Couch ausgestreckt. Viel zu faul, um mich dem Gelächter auch körperlich auszuliefern. Still sitzen konnte ich trotzdem nicht. Sophie war noch in der Lage, sich zu bewegen. Sie verschwand in der Küche. Irgendwann kam sie mit einem Teller voll Pfannkuchen zurück. Ich stopfte mir einen in den Mund. Es war herrlich, die weiche Teigmasse zu zerkauen. Ich schnappte mir gleich den Nächsten und verschlang ihn gierig. Ich war so hungrig, dass ich an meiner Zunge herumkaute, nur um auch noch die letzten Zuckerspuren schmecken zu können. Drako schaltete den Kassettenrekorder ein. Die Töne hatten sich verändert. Sie schmeckten noch besser als die Pfannkuchen. Wieso hatte ich vorher nie bemerkt, dass Klänge einen Geschmack haben?, dachte ich, während ich an der Musik herumlutschte und die Melodien mit weiteren Pfannkuchen würzte. Bald war kein Essen mehr da. Ich arbeitete mich mit langsamen Bewegungen zur Mischung vor und stopfte mir einen Topf. Diesmal rauchte ich ihn, ohne zu husten. Als ich mich wieder zurücklehnte, zerbrach mein Blick wie eine Fensterscheibe. Meine Augen pulsierten. Meine Lider wurden schwer. Ich hing in der Couch. Jedes Geräusch kitzelte. Ich wollte mich kratzen, war aber viel zu schwach. Es kümmerte mich nicht. Solange ich hier sitzen und in die Luft starren konnte, war alles andere egal.



3

Ich besuchte Sophie und Drako jetzt jeden Tag. Die meiste Zeit saßen wir nur rum und kifften. Sophie ging das ständige In-der-Bude-Hocken aber bald auf den Geist. Sie wolle endlich mal wieder unter Leute, sagte sie. Es war ein Freitag im Juli, kurz vor den Sommerferien. Ich hatte mich durch das Schuljahr geschleppt und gerade noch so die Versetzung in die zehnte Klasse geschafft. Viel lieber wäre ich sitzen geblieben. Jetzt würde der Stress erst richtig losgehen.

Scheiß drauf, erst mal sind Ferien, dachte ich. Pfeifend tänzelte ich durchs Treppenhaus. Sophie lehnte an der Tür.

«Na, Janosch, alles klar?»

«In der Tat.» Ich küsste sie auf die Wange, zog mir die Schuhe aus und ging ins Wohnzimmer. Drako lag auf der Couch. Er rauchte einen Topf. Neben ihm saß ein muskulöser, vielleicht 19-jähriger Junge mit rundem Gesicht und frisch gestähltem Iro. Sophie stellte ihn mir als Mino vor. Ich setzte mich auf die Couch. Drako drückte mir zwei dicke Schmatzer auf die Wangen.

«Jona, ich freu mich, dass du da bist. Heute wird unsere Nacht, Alter.»

Er lehnte sich zurück und nahm mich in den Arm. Eigentlich reicht es mir, einfach hier zu sein, dachte ich. Ans Kiffen dachte ich nicht. Mino scheinbar schon: er rauchte die halbe Mischung alleine. Nach jedem Topf kippt er einen Schluck Bier hinterher.

Kurz nach Mitternacht brachen wir in die Altstadt auf. Den Fußmarsch legten Sophie und Drako in ihre Zweisamkeit vertieft zurück. Ich widmete mich in meinem Inneren ganz der Vorfreude auf diesen Abend. Es war das erste Mal, dass ich etwas unternahm, was man als Weggehen bezeichnen konnte. Ich versprach mir einiges von dieser Nacht – nichts Konkretes, eher abstrakte Gefühle, die doch alle auf eins hinausliefen: Ich sehnte mich nach einer Freundin. Mino schien ebenso versunken wie ich. Ich fand aber nicht raus, was ihm durch den Kopf ging, denn als ich so weit aus meinen Vorabendträumereien erwacht war, dass ich mich klar genug für ein Gespräch fühlte, standen wir vor dem einzigen Club der Stadt, dem Abstieg, in den Sophie als Erste eintrat. Drako verschwand nach ihr hinter dem dicken Vorhang, der als zweite Eingangstür diente. Ich schlenderte hinter Mino in den Club. Unter dem Deckmantel der Coolness sah ich mich in dem Gewölbe um. Der erste Raum war wie die Gaststube eines alten Lokals. Der Raum war voll. Er war verraucht. Das gedämpfte rote Licht schien hier jedem alles zu gönnen. Mein bekifftes Hirn mochte dieses Licht. Die meisten Leute waren ein paar Jahre älter als ich. Sie sahen so interessant aus, dass ich mir am liebsten jeden Einzelnen genauer angesehen hätte. Aber ich schlenderte einfach weiter in den eigentlichen Club. Die anderen hatte ich jetzt schon verloren. Also holte ich mir ein Bier an der Bar und stellte mich zur Tanzfläche. Ich lehnte mich an eine der Säulen und vertiefte mich in die Musik. Auf dem Dancefloor bewegten sich circa ein Dutzend alternativ gekleidete Mädchen und Jungs. Aus den gleichförmigen, abgehackten Tanzschritten stachen die eines schwarzhaarigen Mädchens hervor. Ihre Bewegungen waren sprunghaft und doch flüssig. Sie unterwarfen sich den Melodien wie lose Manuskriptseiten einer launischen Sturmböe. Ich sah sie so deutlich an, dass sie mich bemerken musste. Einmal sah sie sogar direkt zu mir. Sie hat mich wahrgenommen, jubelte ich innerlich, aber vielleicht auch nur als Freak, der in der Ecke steht und sie anstarrt. Der DJ spielte Chemicals. Das holte die meisten Leute von der Tanzfläche herunter. Auch sie. An der gegenüberliegenden Seite der Tanzfläche lehnte sie sich an die Wand. Ihre glatten schwarzen Haare fielen weit in ihren schmalen Rücken. Von den Chucks bis zu den Ärmeln ihres engen Shirts war sie komplett graumeliert bekleidet. Lange stand sie nicht lange alleine herum. Als die Musik wieder schneller wurde, kamen zwei angetrunkene Mädchen zu ihr. Sie versuchten, sie zum Tanzen zu animieren, aber sie schüttelte leicht genervt den Kopf und machte sich in Richtung Bar davon. Ihre zwei Bekannten tauschten einen verdutzten Blick aus, dann sprangen sie kreischend zwischen die anderen Tänzer.

Bald tauchte das schwarzhaarige Mädchen mit einem Cocktail in der Hand wieder auf. Jetzt konnte ich sie nicht mehr so gut beobachten. Denn sie stellte sich neben mich. Ihre coolen, selbstbewussten Bewegungen kitzelten in meinen Augenwinkeln. Ich hatte noch nie ein Mädchen angesprochen, das mir gefiel. Genaugenommen konnte man die Mädchen, mit denen ich bis dahin ernsthafte Gespräche geführt hatte, leicht an einer Hand abzählen. Ich dachte nicht weiter nach. Ich drehte mich zu ihr und sagte: «Du siehst aus, als wärst du an Traurigkeit interessiert.» Ich spürte, wie ich rot wurde. Sie nippte an ihrem Cocktail, wandte sich zu mir um und schaute mir mit einem satten Blick in die Augen.

«Und du siehst aus, als wärst du an platten Sprüchen interessiert.»

«Erwischt. Aber noch mehr interessieren mich Mädchen, die platte Sprüche entwaffnen», rang ich mir ab.

«Hast du noch nen Spruch?»

«Grade nicht.»

«Kannst ja nochmal überlegen.»

Sie drückte mir ihr Glas in die Hand und schlenderte zurück auf die Tanzfläche. Ich nahm die Zitrone aus ihrem Cocktailglas. Ich saugte an dem sauren Fleisch, bis es mich schüttelte. Dann stellte ich das leere Glas auf den Boden und ging zur Bar. Dort holte ich mir ein Bier, um meinen nervösen Händen Beschäftigung zu bieten. Zurück an der Tanzfläche sah ich, dass das Mädchen in Schwarz noch immer abging. Ich stellte mich an die Säule und behielt die Szenerie im Auge. Während Nancy Boy lief, beendete sie ihre Tanzeinlage. Sie stellte sich wieder neben mich. Mein Herz schlug fester.

«Sorry, mir ist kein Spruch eingefallen», rang ich mir ab.

«Das spricht für dich.»

«Ich kann auch nochmal woanders hin und überlegen», bot ich an.

«Mach das. Und wenn du dabei an der Bar vorbeikommst, kannst du mir auch noch nen Southern Comfort mitnehmen.»

«Und wenn du nicht mehr da stehst, muss ich alles alleine trinken.»

«Wär das so schlimm?»

«Ach, das Trinken ist schon okay, das alleine sein nicht so.»

«Vielleicht bin ich ja noch da.»

Ja, dachte ich. Ja, das glaube ich auch. Ich weiß nicht, wieso ich das glaubte, aber als ich mit den Drinks zurückkam, stand sie tatsächlich noch da. Ich gab ihr einen der Schnäpse. Wir stießen an. Der Drink brannte mir die Kehle runter. Ich verspürte einen ähnlich zwingenden Drang, mich zu schütteln, wie vorher bei der Zitrone. Ich bewahrte aber mein Pokerface und kippte schnell einen kräftigen Schluck Bier hinterher, um den Brand zu löschen.

«Wohnst du eigentlich hier in der Stadt?», fragte sie.

«Ja. Leider», antwortete ich und freute mich, dass sie sich für mich interessierte.

«Na, das trifft sich ja gut. Unser Fahrer ist abgehauen, weil seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat. Jetzt stehen wir da und kommen erst morgen wieder weg. Weißt du vielleicht einen Platz zum Pennen?»

«Ich werd mal sehen, was sich da machen lässt», erwiderte ich kühl, während ich innerlich verglühte. Ich ging in die Teestube. Mino zupfte theatralisch auf einer Gitarre herum. Er gurgelte anarchistische Schlagwörter zwischen seine fehlerhaften Griffe. Um ihn verteilten sich ein paar besoffene Punks, die eine Collage aus Geschnarche und Gestöhne zu seinen Dissonanzen beisteuerten. Sophie spielte eine Partie Schach gegen Drako. Ich schilderte ihr die Situation. «Klar, versteh ich. Klar… Schach», murmelte sie und war wieder ganz in ihr Spiel versunken, das Drako mit verzweifelten Blicken zu durchschauen versuchte. Ich genoss jedes einzelne Wort, als ich dem Mädchen sagte, dass ich da was für sie klargemacht habe.

«Äh, wie heißt du eigentlich?», fragte ich.

«Carla. Und du?»

«Jonathan, aber nenn mich ruhig Jona.»

«Wie der Wal?»

«Der Wal hieß nicht Jona.»

«Klugscheißer. Ich such‘ mal meine Freundinnen.» Sie drehte sich um und ging weg.

Ein paar Minuten später waren wir zu siebt auf dem Weg zu Sophies Wohnung. Carlas Freundinnen hießen Charlotte und Eyrin. Charlotte wurde von ihnen nur Lo genannt. Doch sie sah nicht aus wie eine Lolita, eher wie eine Amazone. Lo war einen Kopf größer als ich und sprach bayerisch. Sie war die Einzige in der Runde, die Dialekt sprechen konnte, ohne dass es gekünstelt klang. Eyrin, die sich vor drei Stunden von ihrem Freund getrennt hatte, war ihrer Begleiterin optisch nicht ähnlich. Sie war zwar auch groß, aber sie war sehr schlank und hatte ein zartes Gesicht, dem die leicht längliche Nase Eleganz verlieh. Die beiden waren stockbesoffen. Als Lo von einem Balkon Blumen pflücken wollte, riss sie dabei den ganzen Kasten ab. Sie wühlte ein paar Blüten aus dem Dreck. Eine davon steckte sie sich hinters Ohr. Die anderen gab sie Eyrin, die sie in einem unbeobachteten Moment Mino in den Iro hängte. Am Getränkeladen wollte Lo mit Lippenstift ein Gedicht an die Tür schreiben. Sie fragte Eyrin nach einem Zitat. Eyrin hatte keine Ahnung. Also schrieb sie in krakeligen Lettern nur Goethe ans Glas.

In Sophies Wohnung entledigte sich Mino all seiner Kleider bis auf die Unterhose und begann, eine Zigarette für eine Mischung zu toasten. «Wer gibt was dazu?», erkundigte er sich in die Runde. Carla warf ein bisschen Gras in die Holzschale. Drako legte was von Sophies Hasch drauf. Sophie, die aus der Küche gerade eine Flasche Wein geholt hatte, lächelte Carla an, als sie sah, wie diese den Rest Gras wieder in die Tasche steckte. Näher erkundigte sich niemand darüber, wie lange die Anwesenden schon kifften. Die Pfeife machte ihre Runde. Bald war ich so breit, dass ich schläfrig wurde und mich mit dem Rücken an Carla lehnte. Ich spürte, wie ihre Finger langsam an meinen Rippen entlangwanderten. Ich senkte meinen Kopf auf ihre Schulter. Unsere Wangen berührten sich leicht. Ihr Atem strich hypnotisch über mein Kinn. Lo und Eyrin kuschelten sich zusammen, nachdem sie die halbe Flasche Wein geleert hatten. Sie ließen noch einen Joint mit Stoff aus Eyrins Eigenanbau kreisen. Mino hatte angefangen mit Bleistift in sein Notizbuch zu zeichnen, war jedoch nach wenigen Strichen eingeschlafen. Jetzt saß er schnarchend mit dem Kopf zur Decke gerichtet auf der Couch. Drako und Sophie küssten sich wild. Ab und zu stießen sie uns aus Versehen an. Sophie wurde das zu blöd. Sie schnappte sich eine Decke mit der rechten Hand, Drako mit der linken. Dann verschwanden sie nach draußen in die Nacht. Carla und ich hatten jetzt genug Platz, um uns auszustrecken. Ich legte mich auf den Rücken. Carla schmiegte sich an mich und streichelte meine Brust.

«Dein Herz schlägt ganz schön fest.»

«Es versteht halt nicht, wieso nur meine Haut das Glück hat, dich zu spüren. Dagegen rebelliert es wohl, mein Herz.»

Sie lächelte mir ironisch zu und drückte ihren Kopf nah an meinen. So lagen wir eine Weile da, zu den Klängen von Samstag ist Selbstmord. Irgendwann bemerkte ich, dass ich zu bekifft und zu besoffen war, um meine Augen offenzuhalten. Carla begann leise zu schnarchen. Ich drückte ihr einen Kuss auf den Nacken, nahm sie in den Arm und ließ mich von ihren Atemzügen in einen festen, geborgenen Schlaf tragen.

Am Morgen herrschte Aufbruchsstimmung. Mino war der Erste, der sich verabschiedete. Er war zu einer Party eingeladen und musste noch nach Salzburg trampen. Er gab jedem von uns die Hand und küsste Sophie auf die Wange. «Schau bald mal wieder vorbei», rief sie ihm hinterher. «Kennst mich doch», gab er undurchsichtig zurück, zog die Tür hinter sich zu und stolperte durchs knarzende Treppenhaus in Richtung Tageslicht.

Kurz darauf machte ich mich mit den drei Mädels auf den Weg zum Bahnhof. Ihr Zug stand schon da. Ich küsste Lo und Eyrin auf die Wange. Sie schleppten sich bös verkatert in den Zug. Carla und ich schwiegen. Ich sah ihr in die Augen. Sie küsste mich auf den Mund und fasste meine Finger, die ihr mit jedem Schritt mehr aus den Händen glitten. Bevor sie in den Zug stieg, drehte sie sich noch mal um.

«Wir sehen uns nächste Woche, Sprücheklopfer.»

«Bis dann, graue Maus.»

Ich warf ihr einen Kuss zu, dann schlenderte ich glücklich nach Hause. Meinen Eltern hatte ich nur gesagt, dass ich mit Freunden Tanzen ginge. Sie fragten nicht weiter nach, wo ich mich rumtrieb oder mit wem ich mich traf. Sie freuten sich, dass ich endlich Gleichaltrige gefunden hatte, mit denen ich etwas unternehmen konnte.



4

Im Unterricht war ich so fleißig wie nie zuvor. Nicht etwa weil ich an meine Zukunft dachte, sondern weil ich Carla beeindrucken wollte. Ich kämpfte gegen den Komplex an, nur Realschüler zu sein, während sie aufs Gymnasium ging. Was mich allerdings nicht davon abhielt, den ganzen Tag bei Sophie zu sitzen und einen Topf nach dem anderen zu rauchen. Sophie war zwar auch ständig stoned, wenn sie zu Hause war, doch sie war eindeutig die Aktivste von uns. Einmal sprang sie mitten in der Nacht auf, kramte ein paar Kaputzenpullis und Halstücher aus dem Schrank und warf sie Drako und mir vor die Füße. «Kommt schon, Jungs. Der Wichser ist mir lange genug auf der Nase rumgetrampelt.» Ich hatte keinen Plan, wovon sie sprach, aber ich wusste, was auch immer sie vorhatte, es würde Spaß machen. Also zog ich mir den Hoodie über, band mir das Halstuch um den Kopf und trottete hinter Drako und Sophie auf die Straße. Es war halb vier Uhr morgens. Wir schlichen uns vermummt zum Haus von Sophies Chef, dem Direktor der Sparkasse. An der Rückseite der Villa kletterten wir über den Zaun. Über den Rasen huschten wir zur Garage. Drako holte einen Draht aus der Tasche. Er stocherte damit an der Seitentür herum. Sophie saß in der Hocke wippend daneben. Sie sah auf die Straße. Ich musterte das Haus. Das Schloss knackte. Drako ballte die Faust. Er schlüpfte durch die offene Tür. Sophie flüsterte mir zu: «Halt die Augen offen. Ich hol‘ dich gleich.» Sie verschwand in der Garage. Ich sah kauernd auf die stillen, dunklen Fenster des Anwesens. Das Haus war so kolossal, dass es unsere Geräusche wohl ohne großes Aufsehen schlucken würde. Zumindest ein paar Minuten lang. Ich hatte keine Angst, dass sie uns erwischen könnten. Vielleicht weil ich keine Ahnung hatte, was Sophie mit dieser Aktion ausdrücken wollte. Es war mir auch egal. Wenn ein Adrenalinrausch dabei raussprang, war ich dabei. Ich sah das Garagentor aufgehen. Ein Motorengeräusch erklang. Ich sprang durch die Seitentür. Sophie lief mir entgegen. Sie deutete hektisch mit dem Kopf zum Wagen. Ich ließ mich auf den Rücksitz fallen. Drako setzte den dicken Benz auf die Straße. Ich drehte mich um. Im Haus ging Licht an. Sophie sah es auch.

«Schnell jetzt!», wies sie an.

«Kann’s kaum erwarten», Drako beschleunigte den Wagen. Quietschend bogen wir in eine Seitenstraße ein. Kurz vor der nächsten Kreuzung nahmen wir einen Hydranten mit. Unter der Motorhaube begann es zu röcheln. Eins der Räder eierte. Doch den Wagen konnte so schnell nichts aufhalten. Das Scheißteil war sein Geld wirklich wert. Am Friedhof hielt Drako an. Sophie öffnete das Tor. Dann eilte sie zurück auf den Beifahrersitz. «Hier gleich um die Ecke ist es», sagte sie. Wir fuhren über den Kiesweg. Auf der Friedhofswiese stoppte Drako die Karre. Sophie küsste ihn auf die Schläfe, dann stieg sie aus. Ich klopfte Drako auf die Schulter, verließ das Auto und stellte mich neben seine Freundin. Drako warf den Wagen wieder an. Er drückte fest aufs Gaspedal. Auf halbem Weg öffnete sich die Fahrertür. Drako knallte auf die Wiese. Der Benz klatschte gurgelnd auf die Seerosen. Schäumend tauchte er auf den Grund des Friedhofsteichs. Nur sein Hinterteil ragte noch ein paar Zentimeter über die Wasseroberfläche. Wir liefen zu Drako. Er mühte sich hoch und wischte sich die Dreckspuren aus dem Gesicht.

«Na, alles klar bei dir?» Sophie half ihm auf. Zärtlich fuhr sie ihm durch die Haare.

«Jaja, geht schon. Bei James Dean sah das irgendwie leichter aus» Er grinste schmerzverzerrt. Drako humpelte. Sophie und ich stützten ihn. Auf Schleichwegen schleppten wir uns zurück in die Wohnung. Dort angekommen belohnten wir uns bis in den Morgen mit Dope und warmem Rotwein. Die Aktion stand am nächsten Tag in der Zeitung. Für einen Nachmittag diskutierten wohl eine Handvoll Frührentner über die radikalen Tendenzen der heutigen Jugend. Einen Tag später bekam der Direktor ein neueres Modell seines Dienstwagens. Unsere Aktion wurde zum Modernisierungsvorschlag degradiert. Eins zu null für das Kapital.


Mit jedem Tag, den das Wochenende näher rückte, freute ich mich mehr darauf, Carla wiederzusehen. Bisher waren sie mit Eyrins Ex-Freund mit dem Auto in die Stadt gefahren, doch seit Eyrin sich endgültig von ihm getrennt hatte, waren sie auf den Nachtexpress angewiesen. Als ich um die Ecke zum Busbahnhof bog, gab Lo gerade einem der Alkoholiker, die den dortigen Brunnen als ihren Stammtisch betrachteten, eine Zigarette. Carla und Eyrin saßen daneben. Ich küsste Carla zur Begrüßung auf die Wange und setzte mich zu ihnen. Lo hatte sich von dem Mann weggedreht, aber er war auf uns aufmerksam geworden. Unsere Blicke trafen sich kurz. Ich erschrak. Er sah irgendwas in mir. Irgendwas, was ich mir selbst nicht vorstellen konnte. Der Typ ist schlauer als ich, dachte ich. Schnell weg von hier.

«Scheiß Pillengesichter», lallte er, als wir aufstanden. Wir fingen alle vier an, laut loszulachen und amüsierten uns den halben Weg über diesen Spruch. Jetzt fühlte ich mich wieder, als wäre ich viel schlauer als der Typ. Was wusste der schon? Vorm Abstieg fragte ich Carla, ob sie Lust hätte, noch ein bisschen spazierenzugehen. Sie hatte Lust. Wir schlenderten zum Hügel über der Altstadt. Der dortige Wald war ein beliebter Ort für Pärchen, die sich eine kurze Auszeit genehmigen wollten, aber auch für Drogenkonsumenten, die ein friedliches Plätzchen suchten, um sich in Ruhe eine Dröhnung zu verpassen. Wir setzten uns auf eine Bank. Vor uns zerstreuten sich die nächtlichen Lichter der Stadt. Carla drückte mir ein bisschen Gras in die Hand. Ich baute uns aus ihrem Dope und meinem Tabak einen gut gefüllten Joint. Wir schwiegen. Ich schlüpfte unter ihren rechten Arm, lehnte mich an ihre Schulter und streckte ihr den Joint entgegen. Sie zündete die Tüte an. Wir rauchten, streichelten uns und sprachen nicht. Die Dunkelheit blieb wie eine weiche Maske auf meinem Gesicht liegen. Die Schweißkristalle auf Carlas Hand funkelten wie Tautropfen. Ich leckte ihr mit der Zunge über die Handfläche, um diese Kristalle zu schmecken.

«Bääh», hörte ich, bevor ich ein feuchtes, warmes Gefühl in meinem linken Ohr spürte. Ich stützte mich auf ihren Schenkeln ab und streifte mit der Zungenspitze ihre Wimpern. Sie schnellte nach vorne und biss mir in den Hals, ins Kinn, in die Unterlippe. Wir sahen uns fest in die Augen. Ich spürte, wie Carlas Atem über meine Zunge strich. Wir streichelten uns an den Wangen und am Hals, drückten uns immer fester aneinander. Dann sprangen sich unsere Lippen an wie zwei wildgewordene Hunde. Wir wälzten uns, ständig fester an den erhitzten Körper des anderen gepresst, über die stille Bank. Von irgendwoher drang Gelächter. Ich tauchte hinter Carlas Hals hervor und versuchte, etwas zu erkennen. In den Umrissen der Dunkelheit sah ich ein paar von den Leuten, die vorhin auch am Brunnen gesessen waren. Ich hatte sie schon öfters gesehen. Es waren Junkies. Ich bewunderte ihre kränkliche Überlegenheit, andererseits verabscheute ich ihre linkischen Visagen. Die Junkies warfen uns einen flüchtigen, trüben Blick zu. Anders als der Alkoholiker vorhin, drückten sie uns keinen Spruch rein. Wir waren ihnen egal. Das machte sie mir gleich sympathischer. Als um unsere Bank herum wieder Ruhe eingekehrt war, hauchte Carla mir einen Kuss auf den Hals.

«Lass uns mal in den Club gehen.»

Am liebsten hätte ich die ganze Nacht hier mit ihr gesessen. Aber ich spürte, dass die Gelegenheit dazu noch kommen würde. Engumschlungen gingen wir hinab in die Innenstadt. Im Abstieg holte ich mir ein Bier und stellte mich an die Tanzfläche. Carla setzte sich in die Teestube zu Sophie, Lo und Drako. Eyrin tanzte, umringt von einer Handvoll bierseliger Teenager. Nach einer Weile gesellte sich Drako zu mir.

«Hey, lass uns ein bisschen abgehen, komm schon.» Er zupfte mich am T-Shirt. Als er merkte, dass er mich wohl nicht so bald würde animieren können, drehte er sich allein auf die Tanzfläche und verlor sich in den dreckigen Gitarrenriffs der Neunziger. Man merkte Drakos musikalische Intelligenz an jeder seiner Bewegungen. Sein Körper klebte am Beat wie die Flamme an einer entzündeten Fackel. Er hatte die Augen fest geschlossen. Die Gruppe Mädchen neben mir tuschelte schwärmerisch. Ich war froh, dass Drako bei mir war. Ich fühlte mich frei und geborgen in seiner Nähe.

Um halb vier machten wir uns auf den Heimweg. Drako hatte von irgendeinem Althippie irgendwelche Pillen gekauft. Mit nacktem Oberkörper tänzelte er über die Bundesstraße. Das T-Shirt hing ihm von der Schulter. Wenn Autos kamen, hielt er das Shirt auf die Fahrbahn und zog es weg, bevor die Fahrer ausweichen konnten. Er verneigte sich wie ein Torero. Die Beschimpfungen nahm er lächelnd entgegen. Sophie sah sich das Ganze eine Weile kopfschüttelnd an. Dann zog sie Drako von der Straße weg. Sie ließ ihn nicht mehr los, bis wir bei ihr zu Hause waren. In der Wohnung lagen sie gleich wieder dicht aneinander. Ich konnte es kaum erwarten, Carla auch so nahe zu sein. Lo hatte sich die Bong und die Mischung gesichert. Sie lehnte sich an die Wand. «Nimmst du mich auf?», fragte sie Eyrin. Lo ging in die Hocke. An die Wand gekauert rauchte sie den Topf. Eyrin zog einen Edding aus der Tasche und hielt Los Umrisse auf der Tapete fest. Carla nahm meine Hand. Sie deutete mit den Augen auf die Decke, die auf dem Boden lag. Sie lächelte mir fragend zu. Jetzt, dachte ich. Jetzt. Bloß nicht übermütig werden. Ich sprang auf und band mir die Decke wie einen Umhang um den Hals. Mist, hat nicht geklappt, dachte ich. Trotzdem griff ich mutig nach Carlas Hand. Sie hielt mich fest. Es hat geklappt. Es kann nichts mehr passieren, dachte ich. Wie gut sich das anfühlt.

Nicht weit von Sophies Wohnung war ein dichter Wald. Wir taumelten durch den graubeklecksten Morgen wie zwei verirrte Zuschauer über eine viel zu grelle Bühne. Kurz vorm Wald zogen wir uns die Schuhe aus. Barfuß liefen wir über die feuchte Wiese. Hinter den ersten Bäumen ließen wir uns auf den Waldboden fallen. Carla zerrte mir mein T-Shirt über den Kopf. Sie küsste sich meine Brust abwärts. Dann zog sie mir die Hose aus. Ich drückte meine Nase an ihr Top und sog ihren Geruch ein, der sich mit dem Duft des Sommerwalds zu etwas Toxischem verstoffwechselte. Ich riss ihr das Oberteil vom Körper und tastete mich zu ihrem BH vor. Sie zuckte, als ich meine kalten Hände über ihren Rücken wandern ließ. Ich öffnete den Verschluss, warf ihren BH fort und saugte an ihren festen, zierlichen Brüsten. Carla glitt mit gespitzten Lippen meinen Oberkörper hinab, bis sie an meinem Bauchnabel angelangt war. Ihr Atem rieb an meinen Leisten. Ich öffnete ihre Hose Knopf für Knopf. Sie zerrte sich die Jeans von den Beinen und warf sie zu der übrigen verstreut herumliegenden Kleidung. Wir küssten uns wieder. Ich rieb meine Zunge an ihren oberen Schneidezähnen. Sie zog mir langsam die Short aus. Carla drehte sich um. Jetzt kniete sie mit ihrem Unterkörper über meinem Gesicht. Sie suchte mit ihren Händen meinen pulsierenden Schwanz. Sie zog die Vorhaut zurück und knetete rhythmisch meine Eichel. Mein Mund versank im feuchten Stoff ihres Höschens. Behutsam rollte ich ihr die Unterhose von den Beinen. Ich tastete mich mit der Zunge zu ihrer Möse vor. Der Geschmack ihrer Schamlippen war das Intensivste, was ich bisher wahrgenommen hatte. Nichts kann jemals besser sein, dachte ich, während ich ihren Kitzler lutschte. Ich hörte ihr gieriges, melodisches Stöhnen. Carla wandte sich um. Sie nahm mich fest in den Arm. Wir drehten uns ein paar Mal und küssten uns hungrig. Ich lag jetzt auf ihr. Sie presste ihre Möse fest an meinen Bauch. Mein Schwanz drückte gegen ihre linke Arschbacke. So blieben wir eine Weile liegen. Ich kann nicht mehr, dachte ich. Ich kann mich nicht mehr zurückhalten. Und ich hab kein Kondom. Fuck. Daran hätte ich denken sollen, dachte ich. Ich rührte mich nicht. Mein Penis schrumpfte. Carla spürte, was in mir vorging.

«Schau mal in meine Jeans», sagte sie. Ich griff nach der Hose. In der Hintertasche war ein Kondom. Ich zog es raus und gab es ihr. Carla packte es aus. Vorsichtig rollte sie es über meinen Halbständer. Dann küssten wir uns, bis wir spürten, dass wir soweit waren. «Dring in mich ein», flüsterte sie. Ich griff nach meinem Schwanz. Ungeschickt stocherte ich ein paarmal an ihren Schamlippen vorbei. Zum Glück half sie mir. Sie nahm meinen Penis und führte ihn in sich ein. Langsam drang ich tiefer in sie. Carla stöhnte. Sie bewegte sich jetzt schneller. Ich fickte sie fester. Immer schneller pumpten wir uns aus. Bald kam es mir. Stöhnend ließ ich meinen Saft in ihr ab. Carla atmete laut. «Bleib in mir drin», hauchte sie. Wir lagen noch still aufeinander, als mein Schwanz schon wieder erschlafft war. Irgendwann regten wir uns. Wir sammelten unsere Klamotten ein, zündeten uns eine Zigarette an und streiften die feuchten Sachen über. Als wir im Morgenlicht über die Wiese schlenderten, fühlte ich mich ausgeglichen und vertraut mit allem, was mich umgab. Ich war jetzt ein Mann. Es machte mir nichts, dass Carla schon Erfahrungen mit anderen Jungs gesammelt hatte. Der Moment, den wir beide zusammen verbracht hatten, war jetzt unantastbar und zeitlos. Auf einmal fühlte ich mich reich. Als hätte ich einen Jackpot geknackt, von dem ich ab jetzt leben könnte.


Am nächsten Tag packten Carla und ich gleich nach dem Aufstehen ein paar Decken, ein bisschen Weed und Rotwein ein und schlurften zu einer abgelegenen Stelle an der Alz. Wir ließen uns auf eine der Decken fallen, nippten abwechselnd am Wein und starrten schweigend in die zahme Strömung des Flusses.

«Sag mal, was willst du später eigentlich mal machen?», fragte sie.

«Wie, später?»

«Na, beruflich. Was ist dein Ziel im Leben, wo willst du hin?»

«Äh. Kommt auf. Was willst du denn machen, später?»

«Ich studier Mediendesign.»

«Das weißt du jetzt schon? Du bist doch noch mitten in der Schule.»

«Klar, man kann nie früh genug aktiv sein. Meine Cousine wohnt in Berlin. Sie schickt mir immer mal wieder ein paar Adressen. Die Bewerbungen fürs Praktikum hab ich schon losgeschickt. Die Medien-Branche ist einfach eine spannende Zukunft.»

«Ja klar, auf jeden Fall», sagte ich. Dass mir nur abstoßende Bilder durch den Kopf gingen, wenn ich an die Medien-Branche dachte, behielt ich lieber für mich. Carlas Optimismus beeindruckte mich trotzdem. Ich selbst sah meine Zukunft als zerbrechliches Bildnis, das ich vermutlich niemals zu Gesicht bekommen würde. Klar dachte ich hin und wieder an das, was mal sein könnte, aber so ganz ernst konnte ich die Dinge erst nehmen, wenn sie da waren, und im Moment war nichts als Gegenwart da, und davon mehr als genug. Alles andere als das Jetzt wirkte leer auf mich. Ich wusste weder wo ich hin wollte, noch war mir klar, was ich konnte. Durch mein bisheriges Leben war ich ohne größere Probleme gegangen, ohne je weiter als ein paar Tage vorausblicken zu müssen. Was bleibt mir auch anderes übrig, als die Zukunft auf mich zukommen zu lassen, dachte ich. Dass alles jetzt in Worte zu fassen, war aber viel zu schwierig. Ich ging einfach davon aus, dass Carla und ich uns intuitiv verstanden, dass ich sie automatisch einweihte, auch wenn ich nur an etwas dachte. Also schwiegen wir. Ein Regionalexpress, der auf der anderen Seite des Flusses an uns vorbeifuhr, schreckte uns irgendwann auf. Kurz überlegte ich, ihm meinen blanken Arsch entgegenzustrecken. Aber ich dachte zu lange drüber nach und der Zug fuhr einfach so an uns vorbei.


Der Zug der Mädels ging um halb zehn. Carla und ich schlenderten durch die Dämmerung zum Bahnhof. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Aber das vorhin war ja auch schon genug, dachte ich. Ich spürte die Wärme ihrer Hand, doch sie sprang nicht auf mich über. Ich hatte keine Ahnung, was wir beide waren oder was wir mal werden könnten. Ich wusste nur, dass mir die Momente mit ihr immer wichtiger wurden. Dabei merkte ich nicht, wie ich meine Worte immer wahlloser gegen Gefühle tauschte, wenn ich an sie dachte.

Am Waldrand kamen uns Drako, Sophie, Lo und Eyrin entgegen. Drako und Sophie hatten Decken und die Wasserpfeife dabei. Sie wollten am Fluss übernachten. Ich schnorrte ihnen ein bisschen Gras ab. Dann verabschiedeten wir uns, und ich schlenderte mit den drei Mädels zum Bahnhof.

«Nächste Woche Freitag, halb zwölf an der Bushaltestelle. Bleib sauber, Sprücheklopfer», hauchte mir Carla am Gleis ins Ohr.

«Mach’s gut, graue Maus.» Mit grazilen Schritten erklomm sie die Stufen des Zuges. Sie drehte sich noch mal um. Lächelnd zwinkerte sie mir zu.



5

Sommer 1996. Vor wenigen Wochen war Timothy Leary gestorben. Arte zeigte ein Interview, das an seinem Sterbebett gedreht worden war. Ich war fasziniert von seiner Ausstrahlung und fragte mich, wovon dieser knochige alte Mann wohl so erhaben dozieren mochte. Noch Wochen danach dachte ich an dieses Interview. So auch an diesem Freitagabend, als ich zum Busbahnhof schlenderte, um Carla und ihre Freundinnen zu treffen. Als ich an der Haltestelle ankam, sah ich Eyrin alleine auf der Bank sitzen. Ich hockte mich neben sie, küsste sie auf die Wange und fragte, wo die beiden anderen sind. Lo hatte einen Typen kennengelernt. Einen Schauspielschüler. «Der zeigt ihr jetzt sein Repertoire fürs Bauerntheater», lästerte Eyrin. Ich fragte nach Carla. Zögerlich erklärte sie mir, dass sie mit einem Freund nach Berlin gefahren sei. Mit ihrem festen Freund. Ihrem Freund, mit dem sie seit fast eineinhalb Jahren zusammen ist. Ihrem Freund, der gerade den Grundwehrdienst ableistete und deshalb die letzten Monate nicht da war. Ihr Freund. Ich bewunderte, belächelte, verfluchte und verklärte ihn. Ich bastelte ihn aus dem Nichts zusammen und zerriss ihn in alle Einzelteile. Ihr Freund also. Ihr Freund. Und ich hatte die Dreistigkeit besessen, mich mit diesem Titel zu schmücken. Ich wusste nicht, ob ich das Bushäuschen zertrümmern, laut losheulen, mich vor ein fahrendes Auto stürzen oder mich einfach besinnungslos saufen sollte. Nachdem ich Eyrins aufmunternden Blick gesehen hatte, entschied ich, mich zunächst bei ihr zu bedanken. Ich fragte sie, weshalb sie mir das nicht schon viel früher gesagt hatte. Sie meinte, sie habe mit Carla gesprochen und ihr ans Herz gelegt, mir die Wahrheit zu sagen. Warum Carla es dann nicht getan hat, würde ich wohl niemals erfahren. Ich stemmte mich in die Haltung, wenigstens meinen Spaß gehabt zu haben. Doch all der sogenannte Spaß war leider viel zu leicht, um diese Pointe auszugleichen.

Bei Sophie holte ich mir erst mal eine Flasche Wein aus der Küche. Leidend fing ich an, daran zu nuckeln. Sophie nahm mich in den Arm. Sie legte ihr Kinn an meine Schläfe.

«Mann, Jona. Denk mal drüber nach, ob du sie wirklich geliebt hast. Wenn ja, dann stehen dir paar harte Monate bevor. Aber wenn du sie nicht geliebt hast, dann vergiss sie. Dann ist es die Schlampe nicht wert.» Sophie fuhr mir fest durch die Haare, wie um damit ihre Aussage zu bekräftigen. Ich dachte nach. Geliebt hatte ich Carla nicht. Noch nicht. Doch vergessen konnte ich sie genauso wenig, wie ich Trost bei einem anderen Mädchen suchen wollte. Drako brachte ein neues Argument in die Unterhaltung ein. Dieses Argument lag in einer Holzschale, duftete wie der Waldboden nach einem herbstlichen Schauer und erinnerte mich an die vertrocknete Oberfläche einer Pizza Funghi.

«Ich glaube, was du brauchst, ist ein Einzelgespräch mit deinem Innenleben.» Drako grinste mich bedeutungsschwer an. Er zupfte die Pilze zu vier gleich großen Haufen zurecht. Mit einer Kreditkarte hievte er zwei Portionen auf ein Blatt Papier, das er so über den Tisch schob, dass Eyrin und ich uns davon bedienen konnten. Neugierig betrachtete ich das braungraue Häuflein. Es wirkte nicht sehr bedrohlich. Auch als ich einen ersten Stengel kaute und seinen mehligen Geschmack spürte, war kein Gefühl der Anspannung in mir. Ich war offen für eine neue, bereichernde Erfahrung und hoffte, so über Carla wegzukommen. Eine halbe Stunde nachdem wir die Pilze gegessen hatten, holte Drako die Gitarre hervor. Mit staatstragender Stimme sang er das Protestlied Trotz alledem. Die Melodie wühlte in meinem Magen, bis ich den Drang verspürte, hemmungslos zu lachen. Der Drang war stärker als meine Gesichtsmuskulatur. Mechanisch verzog ich das Gesicht. Ich kicherte, bis ich ein Hämmern im Brustkorb spürte. Ziellos grinsend drehte ich mich zu Sophie. Ich sah, dass sie versuchte, Drakos Auge zu küssen. Drako ließ die Gitarre fallen. Er wandte sich erschrocken weg. Aber Sophie sah ihn so warm an, dass er sich wieder zu ihr drehte. Drako schloss die Augen. Sophie küsste ihn sanft auf die Lider. Eyrin schnappte sich die Gitarre. Sie zupfte darauf verfilzt klingende Funk-Parodien. Als sie zu mir schaute, sah ich ihre riesigen Pupillen. Sie bewegte sich langsam und rhythmisch. Ab und zu glitt ihr ein zufriedenes Lächeln über ihr leicht verschwitztes Gesicht. Ich ließ meinen Blick durch den Raum wandern und blieb an der bekritzelten Fahne am Fenster hängen. Die Buchstaben verschwammen. Ich ging zum Fenster, öffnete es und sah nach draußen. Das Nachbarhaus atmete laut, wie wenn es träumen würde. Die ganze Siedlung atmete. Die Straße, das Licht, die Gartenzäune, alles bewegte sich im Takt einer unruhigen Betäubung. Und die breitete sich aus. Sie kroch zu unserem Fenster. Das beunruhigte mich. Ich schloss das Fenster und drehte mich zurück ins Zimmer. Das half. Ich ging ein paar Schritte. Der Boden gab jetzt federnd nach, wie ein Trampolin. Ich kniete mich hin und kroch zurück zum Sofa. Das Schwarz der Ledercouch dampfte mir entgegen wie warmer Teer. Ich versuchte, eine Handvoll dieses Teers von den Polstern zu streifen und ihn mir ins Gesicht zu schmieren. Eyrin klopfte mir auf die Schulter. Sie sah mich fragend an. Erschrocken blickte ich zu ihr auf und fixierte das flatternde Schwarz ihrer Pupillen. Ich kletterte aufs Sofa und lehnte mich an ihre Schulter. Sie zeichnete etwas. Ich linste auf das Blatt, das sie gerade bemalte. In verrutschter Schrift war darauf das Wort Tastsinn zu erkennen.

«Wo willst du das hinsprühen?»

«Auf deine Stirn» Sie legte mir ihre warme Handfläche auf den Haaransatz, bis ich den Geschmack ihres Schweißes auf meiner Zunge schmecken konnte. Drako begann, die Zutaten für eine Mischung zusammenzusuchen. Sophie lehnte sich auf der Couch zurück. Sie schloss die Augen. Aus ihrem Schlummer sank ein zerbrechlicher Frieden. Ich wollte das sofort gezeichnet sehen. Ich stupste Eyrin an und zeigt auf Sophie.

«Was?», fragte Eyrin.

«Siehst du das?»

«Ja», sagte sie.

«Zeichnest du das? Jetzt gleich bitte.»

«Ja, zeichne das», sagte Sophie.

«Das kann ich nicht», sagte Eyrin. «Zum Glück kann ich das nicht.»

Jetzt wusste ich, dass die Zeit, was auch immer sie probierte, unsere Geheimnisse nicht durchschauen würde. Dass es kein Schweigen war, wenn wir jetzt nicht sprachen, sondern ein Blickkontakt mit unserer eigenen Verletzlichkeit. Das tröstete mich. In der Stille hier drin spürte ich, dass ich mich bewegte. Ich floh vor Carla, in einem Tempo, das sie niemals einholen würde. Bis zum Morgengrauen saßen wir da, schliefen für ein paar Minuten ein, wachten bald wieder auf, rauchten, sprachen kurz und lehnten uns zurück in unsere Wachträume. Obwohl jeder von uns in sich selbst versunken war, verband uns jeder Blick. Wir vertrauten uns. Wir wussten das und niemand musste es erklären. Jede Bemühung von Sprache wäre im Raum gestanden wie eine windschiefe Ruine. Geht doch, dachte ich. Es funktioniert wirklich: man muss gar nicht miteinander sprechen.


Am frühen Nachmittag begleitete ich Eyrin zum Bahnhof. Sie war so blass, dass es mich schmerzte, sie anzusehen. Ich fühlte, dass ich selbst ebenso farblos war. Nicht nur meine Haut, alles, was mit mir in Berührung kam, ertrank in dieser Blässe. Es kümmerte mich nicht mehr, ob ich diesen Weg zu Ende gehen, sterben oder alles, was ich mir wünschte, gewinnen würde. Ich wollte nur dasitzen und mich im Spiegel betrachten, wollte erkennen, was mir die Macht verlieh, so viel Leben aus meinem Körper zu saugen, dass meine Blicke anfingen sich totzustellen. Ich wollte nicht länger dabei zusehen, wie sich die Zeit Stück für Stück von meinem Leben nahm. Ich wollte ihr alles auf einmal zum Fraß vorwerfen, in aller Ruhe alles verlieren. Ich wollte dabei zusehen können, wie ich verblühe.



6


Wir lebten im Paradies. Es war so groß, dass wir es nie verlassen würden. Egal, was wir probierten. Wir wussten: wir sind darin eingesperrt. Alles war schön um uns herum. Alles sah geordnet aus. Unsere ersten Blicke wurden immer verwöhnt. Aber hier war nichts mehr für einen ersten Blick übrig. Jetzt kamen die nächsten. Jetzt sah alles echt aus. Jetzt waren die Wiesen nicht mehr so grün wie in den Dokus, die über den Chiemgau gedreht wurden. Jetzt war die Wiese, auf die Sophie und ich zusteuerten, einfach ein karger Grünstreifen hinter einem Bahnhof, an dem kaum noch Züge hielten. Wir waren den ganzen Tag im Zimmer gesessen und wollten nur kurz raus. Drako sparte sich den Spaziergang. Er hatte Angst, dass er seine Mutter treffen könnte und sie ihn dann wieder zurück ins Internat schicken würde. Also blieb er in der Wohnung und kiffte alleine weiter. In so einem kleinen Ort unsichtbar zu bleiben, ist fast unmöglich. Ich wunderte mich, dass es so lange gut gegangen war. Doch jemand hatte Drako bemerkt. Jemand, mit dem wir nicht gerechnet hatten: Herrmann. Sein kleiner Widersacher aus der Grundschule. Jetzt war er zwar nicht mehr so klein, aber noch immer auf Streit aus. Er saß mit drei anderen vor uns in der Wiese. Sie hatten einen Kasten Bier vor sich stehen. Ein Radio dröhnte. Als er uns sah, stand er auf. Herrmann stellte sich uns in den Weg. «Ja, Servus», raunte er. Mit seiner hohen Stimme klang das alles so harmlos. Aber wir wussten, dass es das nicht war. Wir wurden langsamer. Ich sah, dass Sophie zögerte.

«Servus, Kifferin.»

Sophie reagierte nicht.

«Sag deinem Freund: ich hab‘ das nicht vergessen.»

«Was hab‘ ich nicht vergessen?»

«Ich!», dröhnte Herrmann. «Ich hab‘ das nicht vergessen.»

«Ja, was denn?» fragte Sophie ungeduldig.

«Ich will einfach nur einen fairen Kampf.»

«Wir kämpfen nicht. Nicht gegen dich. Wieso sollten wir?»

«Weil ihr sonst keine Chance habt.»

«Erzähl mir du nichts von Chancen, Mann», ätzte Sophie.

Jetzt standen auch die beiden anderen auf. Sie positionierten sich neben Herrmann.

«Kommst dir schlau vor durch dein Zeug, hm?»

«Halt einfach die Fresse, du Wichser!» Sophie funkelte den Typen an. Fuck, so deeskaliert man nicht, dachte ich. Das geht schief. Das kippt jetzt. Und ich kann nichts dagegen tun.

«Frech werden auch noch?» kam es von dem Typen zurück. Wir wussten beide, dass es egal war, was wir jetzt sagten. Die anderen wussten es auch. Also schubste mich einer der Typen einfach weg. Sophie ging auf ihn los. Ich fing mich und sah, dass sie sich im Griff des Typen wand. Sie konnte sich nicht befreien. Also spuckte sie ihm ins Gesicht. Der Typ stieß sie in die Hecke. Bedrohlich stolzierte er auf sie zu. Ich rannte ihm entgegen, sprang ihn an und würgte ihn. Dann spürte ich knochige Hände an Hals und Hüfte. Ich wurde weggeschleudert und krachte auf den Boden. Ich sah, dass die anderen beiden auf mich zustürmten. Hastig richtete ich mich auf. Die Typen schlugen nach mir. Einer traf mich an der Schulter. Der andere traf mich im Bauch. Ich sackte zusammen. Beim Fallen konnte ich einen von den beiden mitreißen. Ich wuchtete mein Knie nach oben. Der Typ schrie auf. Irgendwo hatte ich ihn getroffen. Ich hörte ihn ächzen. Er schnappte nach Luft. Dann stand er auf. Der andere schleifte mich an den Beinen die Anhöhe hinauf. Plötzlich ließ er los. Als ich aufstehen wollte, trat er mir in den Magen. Ich würgte. Einer der beiden zog mich hoch, umklammerte mich und hielt meine Arme fest. Der andere setzte seine Hände an meinen Hals. Ich spürte den Druck, der von seinen Fingern ausging. Ich hielt die Luft an. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass der Dicke Sophie auf den Boden geworfen hatte. Er drückte ihren Kopf ins Gras.

«So schmeckt echtes Gras, du Kifferin», giftete er.

«Ihr Wichser! Ihr dreckigen Wichser!», keuchte ich. Dann spürte ich, dass der Typ fester zudrückte. Ich hörte die Sirenen nicht. Irgendwann ließ der Typ von mir ab. Ich blieb liegen, bis ich Sophie über mir sah. Ihre Frisur war zerzaust. Ihr Shirt blutbefleckt. Sie hielt mir die Hand hin und half mir auf. Herrmann ging entspannt an uns vorbei. Die Drei setzten sich wieder zu ihrem Bierkasten. Sie öffneten sich eine frische Halbe. Zwei Polizisten stapften gemächlich den Hügel hoch. Sie blieben neben uns stehen.

«Leben wir noch?»

Zum Glück erwartete niemand eine ernsthafte Antwort auf diese Frage. Ich stand einfach aufgewühlt herum und wartete auf den Moment, an dem ich abhauen konnte. Sophie stand neben mir. Ich sah ihr an, dass es ihr ähnlich ging. Die Polizeibeamten wandten sich den drei Typen zu.

«So Hermann, was war da schon wieder los?», fragte einer der Polizisten. Hermann nippte an seinem Bier. Er musterte uns streng. Abfällig nickte er in unsere Richtung.

«Die wollten uns Hasch verkaufen. Beleidigt haben sie uns auch. Wir haben uns einfach gewehrt.»

Der Wortführer der beiden Polizisten sah uns prüfend an. In Sophies Gesicht zeichnete sich ein Lächeln ab. Sie schmunzelte erst leise, dann immer deutlicher. Der Bulle kam auf uns zu.

«Stimmt das?» fragte einer der Polizisten.

«Ja», sagte Sophie. «Ich hab‘ sie beleidigt.»

«Leerts mal eure Taschen aus, bitte.»

Sophie fing an zu grinsen.

«Ich habe sie nett um etwas gebeten, Fräulein. Jetzt leerens bitte die Taschen aus, noch mal sag ich’s nicht.»

Der zweite Bulle stellte sich neben uns. Er schaute uns herausfordernd an. Sophie rührte sich nicht.

«So lange ich ohnmächtig gegen ihre Willkür bin, so lange höre ich auch ihre Befehle nicht! Durchsuchen sie mich, machen sie, was sie wollen, aber erwarten sie nicht, dass ich ihnen bei irgendwas helfe.»

Sophie hielt die Arme verschränkt und blickte dem Polizisten fest in die Augen.

«Na schön, dann kommen sie beide jetzt eben mit.»

Die Bullen packten uns mit sanftem Druck und führten uns ab.

«So, Wiederschaun miteinander. Danke, dass ihr das Gesocks für uns entsorgts», grinste Hermann.

«Du hältst dein Maul! Zu euch kommen wir später», brummte der Beamte.

«Lasst’s euch Zeit», rief uns Herrmann nach. Damit schienen alle einverstanden zu sein.


Bis halb acht saßen wir in der Zelle. Hasch hatten sie bei mir nicht gefunden. Sophie hatte noch 1,5 Gramm Gras in der Tasche. Sie bekam eine Anzeige wegen eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Drako wartete in der Wohnung auf uns. Er war stoned gewesen, als wir kamen. Jetzt war er nüchtern. Während wir ihm erzählten, was passiert war, ging er im Zimmer auf und ab. Sein Kopf war rot. Die Hände hatte er zur Faust geballt.

«Die Drecksau mach ich platt! Das ist euch klar, oder?»

Sophie griff nach Drako. Sie zog ihn zu sich.

«Hey, beruhige dich.»

«Ich hätte ihn damals noch viel krasser verprügeln müssen!»

«Das macht doch auch nichts besser», sagte Sophie. «Mich nervt’s einfach, dass der uns provozieren konnte. Der war schon immer so ein Trottel.»

«Ihr kennt ihn beide?», fragte ich überrascht.

«Hier kennt doch irgendwie jeder jeden.»

«Wo hast du ihn kennengelernt?»

«Er war ein paar Jahre mit mir in der Klasse», sagte Sophie.

«Wie war er so?»

«Bis zur Achten hat er sich durchgemogelt, dann hat er überhaupt nix mehr geblickt. Er war schon immer ein aggressiver Vollidiot. Eine Weile hatte ich das Gefühl, dass ihm das klar ist und dass er was ändern mag. Ich wollte ihm helfen und hab öfter mal was mit ihm gemacht. Irgendwann hat er mich gefragt, ob ich ihm was zu rauchen besorgen kann.»

«Der Typ?»

«Ja, ich hätt’s nicht machen sollen. Wir haben zusammen geraucht. Aber er ist nicht drauf klargekommen. Er hat kein Wort mehr gesagt an diesem Nachmittag. Zwei Wochen später haben ihn seine Eltern von der Schule genommen.»

«Ich bin damals wegen ihm von der Schule geflogen und er also wegen dir. Gerecht, würd‘ ich sagen», kommentierte Drako.

«Das ist nicht gerecht. Das ist mies. Aber mir kommt’s vor, als hätten wir keine andere Wahl gehabt.»

«Ich bereue das alles nicht. Ich würd’s wieder tun», sagte Drako.

«Tu’s nicht», bat ihn Sophie. «Wir finden schon eine bessere Lösung. Für seinen Vater gleich mit.»

«Was hat sein Vater damit zu tun?», fragte ich.

«Das ist der Bulle, der uns abgeführt hat.»

«Das ist sein Vater?!»

«Gruslig, oder?»


Es war halb drei Uhr morgens. Wir schlichen durch den Wald zu einem Bauernhof. Dort suchten wir den Eingang des Stalls. Wir sahen eine dicke Holztür. Sie war nicht abgeschlossen. Leise drückte ich sie auf. Wir huschten an der angelehnten Tür vorbei und verteilten uns. Im Stall stank es fürchterlich. Furzgeräusche durchschnitten die Stille.

Ich hörte ein leises Pfeifen. Drako winkte mir von der gegenüberliegenden Seite zu. Ich kletterte über die Box. Ein schläfriger Ochse stierte in meine Richtung. Sophie eilte herbei. Wir starrten den Ochsen an. Er schaute zurück, als wäre es eine nette Überraschung für ihn, hier jetzt drei angetrunkene Leute zu sehen.

«Der sieht harmlos aus», sagte Drako.

«Klar ist der harmlos. Der hat niemandem was getan. Und wir tun ihm auch nichts, ok?»

«Naja, wir wollen ihn klauen.»

«Nicht klauen. Wir zeigen ihm einen besseren Ort», korrigierte Sophie.

«Na, dann.»

Sophie holte einen Bolzenschneider aus dem Rucksack. Damit schnitt sie die rostige Kette durch. Die Box war offen. Darin regte sich nichts. Sophie öffnete die Holztür.

«Sei vorsichtig», flüsterte Drako.

Jetzt stand Sophie dem Ochsen gegenüber. Sie sahen sich in die Augen. Sophie machte einen entschlossenen Schritt auf das Tier zu und streichelte es am Rücken. Der Ochse wankte etwas, aber er ließ es bereitwillig geschehen. Während Sophie ihn beruhigte, warf Drako ihm ein Seil um den Hals und knotete es zu. Ich stellte mich neben ihn. Gemeinsam zogen wir den Ochsen vorsichtig aus dem Stall. In aller Stille konnten wir ihn auf die Wiese und vom Hof weg ziehen. Er war wacklig auf den Beinen. Manchmal blieb er stehen, starrte sabbernd in die Nacht, und wir brachten ihn keinen Zentimeter vorwärts. Dann torkelte er davon, und wir hatten Mühe, ihm die Richtung vorzugeben. Eigentlich war er wie wir. Wir torkelten auch die meiste Zeit und hatten keine Ahnung, wohin es uns zieht. Vielleicht spürte er das. Aber realistischer ist, dass er einfach seiner Hörner und seiner Jugend beraubt war und jetzt nicht mehr wusste, was er hier eigentlich sollte.

«Wie heißt er eigentlich?», fragte ich.

«Gute Frage», sagte Sophie.

«Vielleicht haben die ja keine Namen.»

«Er hätte einen verdient.»

Jetzt blieb der Ochse stehen. Wir brachten ihn keinen Zentimeter mehr vorwärts.

«Moby», schlug ich vor.

«Quatsch. Ich würde sagen: Dionysos.»

«Rufus», sagte Drako. «Na, wie gefällt dir das?» Der Ochse schnaufte aus. Drako zog leicht an dem Seil. Jetzt bewegte er sich sich wieder.

«Rufus also. Wusste ich es doch. Das ist ein Name für dich.»

Bis in die Siedlung brauchten wir eine halbe Stunde. Das Haus von Hermanns Vater lag nicht weit vom Feldweg.

«Das muss schneller gehen», flüsterte Sophie. Sie rannte zu Rufus‘ Hinterteil und drückte es mit aller Kraft vorwärts. Drako und ich zogen fest am Seil. Wir keuchten lauter als der Ochse, der jetzt alles mit sich machen ließ. Kurz vor Hermanns Haus überlegte er es sich wieder anders: er blieb einfach stehen. Jetzt half auch kein Name. Rufus verharrte einfach. Und wir konnten nichts dran ändern. Drako schob Rufus‘ Hintern an. Sophie rannte nach vorne. Sie half mir ziehen. In unserer Hektik zogen wir zu fest. Jetzt wurde Rufus unruhig. Er torkelte zur Seite und stolperte über den Gehsteig. Er schnaubte und sprang vorwärts. Drako hechtete ihm hinterher. Rufus muhte. Sein Blick hatte jetzt nichts Schläfriges mehr. Sophie versuchte, die Leine zu halten. Rufus schwenkte seinen Kopf hin und her. Drako sprang ihm an den Arsch und versuchte, ihn weiterzuschieben. Ich half ihm dabei. Sophie hatte noch immer die Leine in der Hand. Sie straffte sie um ihren Ellbogen und zerrte daran. Aber Rufus schüttelte uns mit einer kleinen Körperdrehung ab. Ich stolperte über den Gehsteig und landete in einer Hecke. Drako stürzte auf die Straße. Sophies Ellbogen hing am Seil. Sie torkelte an Rufus vorbei und landete auf dem Pflaster. Das Seil hielt sie immer noch fest in der Hand. Drako holte die letzte Weinflasche aus seinem Rucksack. Gleich zieht er sie ihm über den Schädel, dachte ich. Drako öffnete den Wein. Er nahm einen tiefen Schluck. Dann legte er den Arm um Rufus.

«Sorry. Das tut mir echt Leid, dass wir dich hier mitschleppen», sagte Drako. «Das ist alles gleich vorbei. Und das wird dir gefallen, ganz bestimmt. Sowas hast du noch nie gesehen» Drakos Stimme schien Rufus zu beruhigen. Wir konnten ihn endlich bis zum Gartentor ziehen und ins Grundstück führen. Während Sophie und ich den Ochsen abstützten, knackte Drako die Haustür mit seiner Bahn-Card. Er ging durch den Wintergarten und öffnete die Tür ins Wohnzimmer. Ich zog, Sophie schob Rufus durch die Türen. Wir ließen ihn im Wohnzimmer stehen. Leise schlossen wir beide Türen und schlichen uns auf das nahe Feld. Dann rannten wir so schnell wir konnten.


Am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass ein Rind das Wohnzimmer des hiesigen Polizeikommissars Siegfried A. verwüstet hatte. Im Haus war ein Sachschaden von mehreren Tausend Mark entstanden. Urinspuren und zertretene Kuhfladen durchzogen den Teppich. Die teure Glasvitrine lag mitsamt dem geerbten Porzellan in Scherben. Der Fernseher und die Terrassentür waren zerkratzt. An den Wänden und Gemälden klebten Blutspritzer des Rinds, das Siegfried A. pflichtbewusst an Ort und Stelle erschossen hatte.

«Der hat Rufus abgeknallt!» Drako zerknitterte die Zeitung und warf sie in die Ecke.

«Der knallt einfach alles ab, was ihm nicht passt», sagte Sophie.

«Wieso hat so jemand eine Waffe?», fragte ich.

«Weil er sie benutzt.»

«Das klingt absurd.»

«Meinst du, dir würde jemand ne Waffe in die Hand drücken?»

«Ich hoffe nicht.»

«Eben. Was meinst du würde er sagen, wenn ich ihn das fragen würde?»

«Er würde dir wahrscheinlich nicht mal antworten», sagte Drako.

«Vermutlich nicht», gab Sophie zu. «Aber das muss er ja nicht. Er hat ja seine Knarre. Er hat sie, weil er sie braucht. Er hat sie, weil sie ihm was bringt. Weil er sie benutzen wird. Wir knallen uns hier ab. Wir haben das Zeug, weil es uns was bringt. Aber wieso hat er das Recht, uns das wegzunehmen? Wir dürfen ihm seine Knarre nicht nehmen, obwohl die viel gefährlicher ist.»

«Und jetzt?»

«Ich würde sagen, wir bleiben erstmal ne Weile hier, bis sich die Unruhe gelegt hat.»

«Meinst du, die legt sich wieder?», fragte Drako.

«Spürst du sie hier?»

«Nein.»

«Na, also.» Sophie sah uns überzeugt an. Wir vertrauten ihr.


In den nächsten Wochen verließen wir die Wohnung kaum. Wir rauchten und hörten Musik und redeten. Dabei fiel immer wieder ein Satz:

«Rache für Rufus!»

«Eigentlich ist Rache Scheiße», sagte Sophie irgendwann.

«Wieso das denn? Ich finde, das macht Spaß», hielt Drako entgegen.

«Ja, schon. Aber so wie es jetzt aussieht, ist es: Wir gegen die. Gut gegen Böse. Ist doch so, oder?»

«Klar. Und wir sind die Guten.»

«Seh‘ ich auch so. Aber das ist falsch. Und daran sind diese Idioten Schuld.»

«Klar, sind halt Idioten.»

«Nein, sind sie nicht. Also nicht nur. Keine Ahnung, wer die wirklich sind. Wir kennen die nicht, verstehst du, wir sehen nur ihre widerwärtigste Visage. Und wir wehren uns mit unserer widerwärtigsten Visage. Und dann hat das Ganze nur noch eine Dimension: Hass.»

«Was ist daran so schlimm? Irgendwann hat einer gewonnen. Dann ist er weg, der Hass», warf Drako ein.

«Glaubst du das wirklich?»

«Nein.»

«Glaub ich auch. Das geht so weiter. Und unsere Dimension wird immer kleiner. Wenn wir weitermachen verschwinden wir in einem Tunnelblick.»

«Willst du sie einfach so davonkommen lassen?», fragte ich.

«Niemals!» Sophie sah mich entschlossen an.

«Was willst du tun?»

«Wir solidarisieren uns mit ihnen.»

«Wie denn?»

«Erst holen wir uns mal einen Kasten Bier.»

«Ok?»

«Dann betrinken wir uns.»

«Ok.»

«Natürlich nur zu Studienzwecken.»

«Natürlich.»

«Und dabei überlegen wir, was wir machen.»

«Ich wollte schon immer mal betrunken über wichtige Sachen nachdenken.»

«Ja, das ist wichtig. Wehe jemand von euch hat Spaß!»

«Keine Angst. Wir sind Profis.» Drako grinste.

«Eigentlich liegt das alles nur daran, dass alle so negativ sind», sagte Sophie nach ein paar Bier.

«Wer, alle?»

«Die. Die Bullen. Wir. Das ist einfach ein negatives Loch, in dem wir sind.»

«Ein Loch war es vorher auch schon. Und negativ auch. Wir sehen jetzt einfach wie es wirklich ist», sagte Drako.

«Ja, wie es jetzt ist. Wie es ist, nachdem es kracht. Wenn du einen Unfall siehst, kannst du ja auch nicht sagen, dass die Welt nur aus Unglück besteht.»

«Wenn ich in den Unfall verwickelt bin, dann schon.»

«Jetzt ist die Zeit danach. Da geht’s um was anderes.»

«Um was denn?»

«Wir müssen stark bleiben.»

«Das war ich noch nie», sagte Drako.

«Das stimmt nicht», wies ihn Sophie zurecht.

«Wie soll das gehen, ’stark sein‘?» fragte ich.

«Wichtig ist einfach, wie wir damit anfangen.»

Schweigen. Wir nippten an unserem Bier und schauten leer in den Raum.

«Sag‘ einfach mal ‚Yeah‘, Jona.»

«Yeah?»

«Das ist keine Frage! Sag‘ mal ‚Yeah‘.»

«Yeah.»

«Besser», forderte Sophie mich auf.

«Yeah!» übertönte mich Drako.

„YEAH!“ konterte ich.

„YEAH!“ Jetzt schrien wir es alle. „YEAH! YEAH! YEAH! YEAH!“ Wir schrien es so laut und so lange, bis der Nachbar sich wegen der Lautstärke beschwerte. Wir hatten auch oft die Musik aufgedreht, aber scheinbar waren wir noch nie so laut gewesen. Es tat so gut. Ich glaube, wir hätten auch einfach weitergeschrien, wenn wir uns damit verraten hätten. Als es wieder ruhig war, schwang unser Geschrei noch in mir nach, wie ein Muskelkater, nach einem guten Training.

«Wie fühlt ihr euch?» fragte Sophie.

«Gut.»

«Ok. Dann vergesst das mal nicht.»

«Meinst du, die Welt ist jetzt besser geworden?»

«Ein kleines bisschen bestimmt», sagte Sophie.

«Ob das jemand merkt?»

«Wir machen einfach weiter. Das ist alles, was wir können.»


Bisher war es mir so vorgekommen, als würde das Leben woanders stattfinden. Irgendwo an einem wichtigeren Ort, mit wichtigeren Menschen. Leute erschienen einfach und waren plötzlich wieder weg. Bei Drako und Sophie hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass sie wirklich da waren. Dass sie dort waren, wo ich auch war. Wir hatten eine gemeinsame Zeit. Ganz plötzlich. Als hätte uns jemand ein paar Minuten freigeräumt. Einen Winkel in der Welt beleuchtet, in dem wir sein können: Sophies Zimmer. Für mich war das ein Ort, in dem es unerschöpfliche Rohstoffvorkommen an Frieden gab. Wenn ich das Zimmer betrat, wenn ich sie und Drako sah, war alles gut. Vielleicht hätten wir dort einfach weiter warten sollen. Vielleicht wäre der Frieden dann einfach dort geblieben. Wir hätten ihn nie gestört. Er hätte es gut gehabt bei uns. Aber irgendwann half auch das Lüften nichts mehr. Die Bude war immer vollgekifft. Der Rauch hing uns ständig im Blick. Wir mussten raus. Raus in die wieder klein gewordene Stadt. Wenn wir Glück hatten, würden wir Leuten begegnen, denen wir egal waren. Wenn wir Pech hatten, würden da Leute sein, die uns angreifen oder zurück ins Internat schicken wollen. Das war alles keine wirkliche Option. Also unterdrückten wir den Drang nach draußen zu gehen meistens und redeten einfach nur. So lernten wir uns immer besser kennen.

«Was ist mit euren Eltern?», fragte Drako. «Wie sind die so?»

«Ganz entspannt, sagte ich. «Eigentlich kann ich machen, was ich will.»

«Und machst du, was du willst?»

«So halb.»

«Wieso nur so halb?»

«Weil ich nur so halb weiß, was ich will.»

«Ich weiß, was ich will», sagte Sophie. «Ich weiß das viel zu gut. Und ich will nichts mit meinen Eltern zu tun haben. Das weiß ich auch.»

«Sind die so schlimm?»

«Mein Vater ist schlimm. Er ist Arzt und eigentlich sollte er Leuten helfen, aber er denkt nur an sich. Er muss dauernd beweisen, dass er der Beste ist. Der Typ hat einfach Komplexe. Meine Mutter wird dabei total unterdrückt. Das weiß ich. Und er weiß das auch. Aber er ändert nichts.»

«Scheiß Leistungsgesellschaft», fluchte Drako.

«Ach. Leistung ist schon ok. Scheiß Egoismus würd ich sagen. Ich musste als Kind Gedichte auswendig lernen, nur damit ich sie vor den Freunden meines Vaters vorsagen konnte. Da ging’s doch nur darum, dass er mit mir Angeben kann.»

«Kannst du die Gedichte noch?»

«Klar.»

«Willst du eins aufsagen?»

«Niemals», Sophie nahm einen tiefen Schluck Bier. «Wollen wir mal kurz raus? Mir fällt hier drin die Decke auf den Kopf. Ich hätte nicht über den Arsch reden sollen.»

«Ja, ist spät genug, würd ich sagen.»


Wenn wir uns nach draußen trauten, dann nur noch Nachts. Immer so kurz wie möglich. Draußen atmeten wir dann ein paarmal durch, bis wir uns wieder frisch für das verqualmte Zimmer fühlten. Wenn ich zu meinen Eltern ging, benutzte ich die Schleichwege im Wald. Das wirkte. Wir blieben mühelos versteckt. Tagsüber dämmerten wir einfach. Niemand wollte was von uns. Drako und ich hatten Ferien. Sophie ließ sich krank schreiben. Das Dope brachte uns ein Freund von ihr. Wir legten unser letztes Geld zusammen und verrauchten es gemeinsam. Rache für Rufus. Das war noch immer unser Plan. Aber niemand sprach ihn mehr aus. Es war, als müssten wir uns immer konzentrieren, um endlich auf das perfekte Ergebnis zu kommen. Aber irgendwann fühlte es sich an, als hätten wir vergessen, warum wir uns überhaupt konzentrieren. Und das fühlte sich gut an. Also wehrten wir uns nicht gegen diesen Zustand.


Die Isolation machte noch etwas seltsames mit uns: Sie trieb uns aufeinander zu. Ich weiß nicht, wie es passierte. Ich saß neben Sophie und spürte sie plötzlich so nah. Ich spürte ihren Körper, ihre Wärme und obwohl Drako neben uns saß, küsste ich sie auf die Schläfe. Ich dachte mir nichts dabei. Ich war es schon gewohnt, hier jeden Impuls einfach raus zu lassen. Der Kuss verschob trotzdem etwas. Wir wurden wach. Ganz plötzlich. Wahrscheinlich zum ersten Mal seit Wochen. Drako sah mir fest in die Augen. Er stand auf. Er stellte sich vor mich, packte mich am Kragen und zog mich hoch. Ich dachte, gleich springt er mich an und verprügelt mich, aber Drako schloss die Augen. Wie in Zeitlupe neigte er sein Gesicht zu mir und berührte sanft meine Lippen mit seiner Stirn. Ich drückte meinen Mund fest gegen seinen leicht verschwitzten Kopf. Langsam hob er sein Kinn, bis wir auf gleicher Höhe atmeten. Zögernd bewegten wir unsere Lippen aufeinander zu. Ich schnappte nach seiner Zungenspitze. Er drückte mich fest an sich. Wir taumelten dem Bett entgegen und fielen, ohne unsere Körper voneinander zu trennen, auf die Matratze. Ich zog Drako sein T-Shirt über den Kopf. Achtlos warf ich es zur Seite. Als ich nach seinem Reißverschluss greifen wollte, spürte ich, wie ihm ein paar geschickte Finger seine Jeans auszogen. Sophie tauchte zwischen unsere Körper. Sie legte sich mit dem Rücken auf Drakos Bauch und knöpfte meine Hose auf. Ich schlüpfte aus der Jeans und ließ mich auf sie fallen. Sophie küsste mich an der Leiste. Sie nahm meinen Schwanz in den Mund und massierte ihn fest mit ihrer Zunge. Ich tastete mich an ihrem Körper hinab. An ihren Schamlippen stieß ich mit Drakos Daumen zusammen. Ich begann, Sophies Kitzler zu rubbeln, während Drako mit seinen Fingern ihre Möse spreizte. Heiseres Stöhnen durchfuhr den Raum. Wir drehten uns. Ich legte mich auf den Rücken. Sophie presste ihre harten Brüste gegen meine Rippen. Sie stöhnte mir stoßweise ins Ohr. Drako kniete über ihrem Arsch und besorgte es ihr von hinten. Ich rieb meinen Schwanz an Sophies auf und abschnellendem Körper. Ihre hervorgedrückte Scheide streifte meine Eichel. Ich wusste, dass Sophie die Pille nahm. Jetzt nach einem Kondom zu greifen, hätte vielleicht alles zum Einsturz gebracht. Ich nahm meinen Penis und presste ihn gegen Drakos hastigen Takt immer schneller in die Möse seiner Freundin. Sophie rieb ihre Zähne an meinem Schulterblatt. Auf meiner Haut zeichneten sich sanfte Spuren ihres Speichels ab. Ich kam zweimal kurz hintereinander, dann sank ich stöhnend zusammen. Die hypnotische Körperwärme der beiden trug mich in einen wohligen Schlummer.

Als ich die Augen wieder öffnete, war es kalt. Das Fenster stand offen. Es war spät. Es war ein anderer Tag. Der Nächste oder der Übernächste. Ich hatte den Überblick verloren. Spätestens ab da, als wir uns die Trips eingelegt hatten. Die waren in Sophies Notfallbox aufgetaucht. Da wir kein anderes Zeug und kein Geld mehr hatten, legten wir sie uns gleich auf die Zunge. Jetzt presste mich das, was ich als meinen Körper wahrnahm, in die Couch. Draußen war es grau. Beklemmend grau. Alles verwandelte sich in Entfernung. Meine Augen waren jetzt wie ein schüchternes Klopfzeichen, das nie jemand hören würde. Aber es war warm hier drin. Das reichte als Trost. Und niemand sagte, dass ich mich bewegen muss. Also blieb ich so und wartete bis mein Blick kein Klopfen mehr war, sondern ein Tasten, das etwas Lebendiges fand. Die Trips waren stark. Es war zu kompliziert, mich zu Drako und Sophie zu drehen. Sie saßen neben mir. Das wußte ich. Aber ich sah sie nicht. Ich fasste neben mich und spürte Drakos Bein. Das beruhigte mich. Sophie stand auf. Sie schlich zum Tapedeck. Sie griff sich eine der Cassetten und legte sie ein. Sie sagte: «Wie leicht jetzt alles ist.»

Dann hörte ich Geräusche an der Wohnungstür. Und dann passierte etwas. Ich war zu benebelt, um wirklich hinzusehen und viel zu geschockt, um auf etwas anderes achten zu können: Herrmann kam ins Zimmer. Er hatte seine beiden Freunde dabei. Einer von ihnen führte einen Pitbull an der Leine. Sie verstellten die Wohnzimmertür. Jetzt ließ der Typ die Leine los. «Fass!» hörte ich. Der Hund rührte sich nicht vom Fleck. Sophie sah ihn mit ihren strahlenden Pupillen an. «Rache für Rufus», hauchte sie ihm zu. Der Hund tappste zu ihr. Sophie streichelte ihn. Er winselte vergnügt. Jetzt hievte sich Drako hoch. Er konnte kaum stehen. Er bewegte sich schleppend auf die Typen zu.

«Dich kenn ich. Dich. Kenn. Ich.», frohlockte Herrmann.

«Was wollt ihr hier?», fragte Drako matt.

«Wir wollen zu dir.»

«Bin nicht da.»

«Das seh ich. Du bist dicht.»

Sophie stellte sich dazu. Von der Couch sah es aus, als hätten alle zehn Meter Abstand zueinander. Aber der Abstand schmolz. Jetzt sah ich, dass sich alle ineinander vermischten. Sie vermischten sich zu Händen, die ich nicht zählen konnte, zu Beinen, die keinen Boden mehr brauchten – nur Luft, durch sie treten konnten. Sie vermischten sich zu einem Lärm, in dem ich die Stimmen von Sophie und Drako nicht mehr hörte. Ich hörte nur noch ein Störgeräusch. Ich wollte es abschalten. Ich wollte Sophie und Drako da rausholen. Ich stürzte dazu.

Am Boden kam ich wieder zu mir. Der Hund bellte. Jemand zog ihn weg. «Fuck», hörte ich. Die Tür knallte. Drako kauerte neben mir. Er hielt sich den Kopf. Ich weiß nicht, wie lange wir so verharrten. Irgendwann fragte ich: «Wo ist Sophie?»

Drako richtete sich auf. Wir sahen uns im Raum um. Sophie war nicht da. Ich sehe nur die Hälfte, dachte ich, auf diesem Trip sehe ich nur die Hälfte von allem und Sophie ist jetzt auf der anderen Seite. Auf der besseren, dachte ich. Wie komme ich da jetzt hin? Ich sah Drako am Fenster stehen. Jetzt erinnerte ich mich. Ich wusste es, ohne hinzusehen. «Fuck!», stieß Drako aus. «Fuck! Fuck! Fuck! Fuck!». Dann stürzte er an mir vorbei. Ich wuchtete mich hoch und lief ihm nach.

Jetzt sahen wir es. Wir sahen nichts anderes mehr: Sophie war aus dem Fenster gestürzt. Aus dem dritten Stock. Sie lag auf dem Rücken. Ihre Augen waren offen. Drako beugte sich über sie.

«Sie atmet nicht. Verdammte Scheiße, sie atmet nicht!»

Ich sah, dass Leute am Fenster standen. Sie beobachteten uns.

«Rufen sie den Krankenwagen!» brüllte ich, so laut, dass mir schwindlig wurde.

«Ist schon auf dem Weg! Und auch die Polizei!», hörte ich. «…war ja klar, dass in der Giftlerbude mal was passiert.»

«Halt die Fresse, Mann!» schrie Drako. Seine Augen waren weit aufgerissen. Sein Blick war starr. Ich sah, wie schwer es ihm fiel, den Trip zurückzuhalten. Vor uns lag Sophie und rührte sich nicht. Wir rutschten näher an sie heran. Wir nahmen sie in den Arm. Wir hatten die irrsinnige Idee, ihr allein mit unserer Nähe helfen zu können.

Als die Sanitäter da waren, stellten sie Sophies Tod fest.

«Was ist denn passiert?» fragte einer der Mediziner.

Wir konnten nicht antworten. Wir konnten gar nichts. Wir strahlten den Mann an. Drauf. Erledigt. Gnadenlos aus der Betäubung gerüttelt.

«Was habt ihr genommen?»

«Keine Ahnung», sagte ich und merkte, dass das eigentlich stimmte.

«Ihr müsste jetzt bitte trotzdem ein paar Fragen beantworten. Kriegt ihr das hin?»

Wir nickten wie in Zeitlupe.


Die Polizisten nahmen uns mit. Sie steckten uns in die selbe Zelle, in der ich mit Sophie gesessen war. Wenn ich doch nur wieder zu diesem Zeitpunkt könnte, dachte ich und verkrampfte mich immer mehr, weil ich auf meinem Trip dachte, ich hätte die mentalen Fähigkeiten, das alles wieder heil zu machen. Aber es passierte nichts. Drako und ich saßen einfach nebeneinander im Dunklen. Drako legte den Kopf auf meine Schulter. Er schluchzte. Ich war zu geschockt, um zu weinen. Diese Situation wirkte so unfassbar fremd, so bizarr anders als alles, was ich bisher erlebt hatte. Ich fühlte mich wie ein ausgesetztes Kleinkind, das in einer unbekannten düsteren Straße erwacht und zum ersten Mal die Dämmerung sieht. Ich wusste, dass ich jetzt für Drako da sein sollte. Ich wusste, dass da irgendwo Worte waren, die ihm vielleicht eine Andeutung von Trost hätten sein können. Doch je mehr ich merkte, wie wichtig diese Worte waren, desto sprachloser wurde ich, desto fremder wurde ich mir selbst. Jeder Atemzug war jetzt ein Schrei. Ich fühlte mich viel zu schwach, um zu schreien. Ich hielt die Luft an und hoffte, das würde irgendwas ändern. Aber alles blieb so. Der Trip war noch immer so stark, dass ich mir nicht sicher war, ob Sophie wirklich tot war.

«Was passiert hier grade?» fragte ich Drako.

«Alter. Ich muss hier raus.» Drako senkte seinen Kopf. Was wir jetzt redeten, brannte sich so tief in mich ein, dass ich es wahrscheinlich für immer auswendig aufsagen kann:

«Ich will einfach nur checken, was hier los ist. Aber ich kann nicht denken, Mann», murmelte Drako vor sich hin.

«Ich auch nicht», sagte ich.

«Sophie. Das kann doch nicht sein.»

«Nein. Das wird gut.»

«Wieso ist sie dann jetzt nicht da?»

«Ich check’s nicht. Ich check’s auch nicht.»

«Ich glaub‘ ich muss kotzen.»

«Fuck.»

«Aber das hilft nichts. Gar nichts hilft.»

«Sollen wir schreien?»

«Ich kann nicht. Ich will einfach nur weg sein.»

«Ja, ich auch.»

«Lass mal die Augen zumachen. Lass mal nachdenken, was da grade passiert ist.»

«Ok.»

«Aber ich kann nicht denken, Mann. Ich kann einfach nicht.»

«Wir probieren’s weiter.»

«Wenn ich den Bastard erwische!»

«Ja, er hat sie geschubst.»

«Hast du’s gesehen?»

«Ich glaube schon.»

«Ich auch. Ich bin mir sicher. Lass mal denken. Lass mal denken.»

«Ok.»

«Jona?»

«Hm?»

«Hast du schon was? Irgendwas?»

«Nein.»

«Ich auch nicht. Fuck. Ich auch nicht.»


Am nächsten Tag war der Trip weg. Und alles war da. Ungefiltert. Spitz geschliffen bis ins letzte Detail. Und wir hatten noch immer keine Ahnung, wie das alles passiert ist. Sie befragten uns auf dem Revier. Herrmanns Vater war auch dabei. Wir erzählten die Geschichte, wie wir sie gesehen hatten. Irgendwann waren drei Leute bei Sophie eingebrochen. Sie wollten einen Hund auf uns hetzen. Dann gingen alle aufeinander los. Und dann stürzte Sophie.

«Jetzt ist da jemand tot. Merkt ihr was?» fragte Siegfried A.

«Was soll die Frage?»

«Kein Wunder, dass das mal so weit kommt. Kein Wunder.»

«Dürfen wir gehen?»

«Noch nicht.»

«Wir können wirklich nicht mehr dazu sagen», gestand ich.

«So seht ihr auch aus.»

«Wird das einen Prozess geben?»

Siegfried A. lachte. «Dumme Frage. Saudumme Frage. Hätte ich auch nicht anders erwartet von euch.»

«Können sie sie trotzdem beantworten?»

«Natürlich gibt das einen Prozess!»

«Gott sei Dank», sagte Drako.

«Dann kommt alles auf den Tisch. Alles», drohte A.

«Ja, auch alles über ihren Sohn.»

«Natürlich. Der hat’s auch nicht anders verdient, der Grattler!»

Siegfried A. musterte uns streng. Ich klappe gleich zusammen, dachte ich. Ich lass‘ mich einfach hier raustragen und wache an einem besseren Ort auf. Aber mir war klar, dass das nicht passieren würde. Ich würde hier am Boden liegen. Auf der Polizweiwache. Das war der letzte Ort, an dem ich mich hinlegen wollte. Also blieb ich einfach sitzen und ließ es über mich ergehen, bis sie uns irgendwann am Nachmittag nach draußen begleiteten. Wir waren wieder frei. Das hatte sich noch nie so schwer angefühlt.


Draußen gingen wir ziellos durch die Stadt.

«Und jetzt?», fragte ich Drako.

«Ich geh‘ zu meiner Mutter. Ich geh zurück ins Internat.»

«Jetzt?»

«Ja, so bald wie möglich.»

«Gehst du zur Beerdigung?»

«Nein», sagte Drako. «Ich verabschiede mich auf meine Art von Sophie. Ich pack‘ das alles nicht.»

«Ja, verstehe ich.»

«Wieso passiert sowas, Jona?»

«Hm.»

«Hätten wir das irgendwie verhindern können?»

«Ich glaube nicht», sagte ich. Ich glaube schon, dachte ich. Dann fragte ich mich, wie wir das hätten verhindern können. Wo hätten wir anfangen müssen? Das alles führte in ein Labyrinth an Optionen, die alle im Nichts verliefen. Keine Erklärung würde Sophie helfen können. Warum also nach einer Erklärung suchen? Vielleicht weil sie uns helfen würde. Aber würde sie das wirklich? Ich grübelte weiter im Kreis.

«Ich glaube das alles nicht», hörte ich Drako sagen. «Ich glaube, ich muss erstmal nüchtern werden.»

«Ja, das hilft hoffentlich.»

«Es fühlt sich eher an, als würde es helfen, nie wieder nüchtern zu werden.»

«Ich bin mir immer noch sicher, dass er sie gestoßen hat.»

«Ja, ich auch. Die Drecksau. Wenn ich den erwische.»

«Meinst du, Sophie würde das gut finden?»

«Nein.»

«Reden wir nicht von ihr im Konjunktiv, ok? Reden wir nicht von ihr in der Vergangenheit.»

«Ok.»

«Nie. Ok? Nie!»

«Ok.»

«Danke. Das hilft bisschen, Jona. Das hilft.»

«Was ist mit dem Prozess?»

«Ach, darüber mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist.»

«Ich glaub‘ ich kann echt grade nicht gut alleine sein.»

«Ich auch nicht», sagte Drako.

«Wir können hier nirgends mehr hin.»

«Ich glaub‘ ich geh jetzt gleich zu meiner Mutter. Ich muss echt dringend hier weg.»

«Wann sehen wir uns wieder?»

«Bald, Mann. Bald.»

Drako legte seine Hand auf meinen Hinterkopf und drückte ihn nach vorne. Wir verharrten einen Moment Stirn an Stirn. Dann drehte er sich um und ging.


7


Zwei Tage später war Sophies Beerdigung. Ich trank mit Eyrin einen Kaffee in der Stadt, dann gingen wir zum Friedhof. Es war absurd. Während der Beerdigung fragte ich mich, wieso alle so tun, als wäre Sophie weg. Ich sah ihre Eltern. Aber ich redete nicht mit ihnen. Ich hätte es gerne getan, einfach weil ich ein vages Bild von ihnen hatte und nicht wußte, ob es stimmte. Aber das Bild war von Sophie. Also vertraute ich ihm. Ich spürte Sophie jetzt wieder. Sie war immer viel schneller als ich gewesen. Das ist einfach ihr nächster Schritt, dachte ich. Ihr Plan. Der kann nicht schief gehen. Sophie ist weiter als wir alle. Und ihr heult einfach. Ihr heult, weil ihr sie nicht mehr einholen könnt. Ich nahm mir vor, zu Warten. Genau dort, wo wir das letzte Mal waren. Ich nahm mir vor, in Sophies Zimmer zu bleiben. Zusammen mit ihr. Das war möglich. Das spürte ich. Das war viel näher, als einfach zu trauern. Trauer. Was für ein Wort. Was für ein seltsames Gefühl, dachte ich. Ich will nichts davon wissen. Ich schluckte das Gefühl einfach runter. Ich hoffte, dass es vergraben blieb. Ich wünschte mir, dass meine Gedanken echt genug waren, dass sie stärker sind, als das hemmungslose Schluchzen um mich rum. Ich blieb kühl. Ich fühlte mich, als hätte ich gewonnen. Gemeinsam mit Sophie. Nach der Beerdigung setzte ich mich mit Eyrin auf die selbe Bank, auf der ich mit Carla auch schon gesessen hatte. Wir lauschten den motorisierten Ausdünstungen des Nachmittags und verstanden uns auf eine verwandte, traumnahe Art. Ich sagte Eyrin, dass sie nun meine einzige Freundin hier sei. Sie lächelte.

«Freut mich, dass wir Freunde sein können. Das gelingt mir nicht oft mit den Ex-Freunden meiner Freundin.»

«Naja, bei der Übung, die du inzwischen hast, muss es ja mal klappen.» Sie lachte. Ich begleitete sie zum Busbahnhof und setzte mich mit ihr ins Wartehäuschen. Als ihr Bus kam, umarmten wir uns, küssten uns auf die Wange und sagten, dass wir uns bald mal wiedersehen würden.


Ich war jetzt die meiste Zeit zu Hause. Meine Eltern hatten von Sophies Unfall in der Zeitung gelesen. Sie wussten nicht, dass wir uns kannten. Ich sagte nicht, dass ich dabei war. Ich verdrängte, dass da noch was auf uns zukommen könnte. Ich schloss mich einfach in mein Zimmer ein und las. Wenn ich Geld hatte, besorgte ich mir was zu rauchen. Alleine zu rauchen war nicht das selbe. Die ersten paar Züge brachten mich näher zu Sophie und Drako. Aber nach einer ganzen Tüte fühlte ich mich wieder in der Zelle auf der Polizeiwache und wollte einfach nur noch raus. Also kiffte ich weniger und schlief viel. Dass die Schule bald wieder angehen würde, verdrängte ich auch. Ich verdrängte einfach alles, was mir in die Quere kam. Kurz vor dem Ende der Ferien lag ein Brief von Drako im Postkasten.


Hey Jona!

Was ist das? Jetzt schreibe ich dir. Das ist doch schräg. Wir sollten reden. Wirklich reden. Jetzt gleich. Die Reihenfolge ist durcheinander geraten. In allem. Konntest du Denken? Ich meine, wirklich Denken? Ich kann das immer noch nicht. Nicht an diesen einen Moment. Ich sehe ihn nicht. Macht dich das nicht verrückt? Das ist der wichtigste Moment meines Lebens und ich seh‘ ihn nicht. Ich war nicht dabei. Das macht mich verrückt. Ich kann mich nicht auf die Nachprüfung konzentrieren. Eigentlich sollte ich jetzt Kafka interpretieren, aber ich schreibe dir. Ich muss dir jetzt schreiben. Es geht nicht anders. Alles andere geht nicht mehr. Vorhin hab‘ ich mir einen Trip eingebaut. Ich hab‘ das oft gemacht in den letzten Wochen. Ich dachte, dass mich das wieder zum Denken bringt. Aber ich seh‘ nur Dinge, die ich nicht sehen will. Ich sehe viel mehr von allem, was ich eigentlich nicht sehen will. Und jetzt bin ich wieder drauf und immerhin sehe ich dieses Blatt, auf dem ich dir schreiben kann. Jetzt endlich schreiben kann. Mann, eigentlich wollte ich das dauernd. Ich halte diese Stille nicht aus. Ich kann mit niemandem reden. Reden reißt etwas aus mir raus. Aber das checkt hier niemand. Niemand sieht sowas. Ich muss hier weg. Nimm’s mir nicht übel. Was? Fuck. Jetzt dachte ich kurz, ich schreibe an meine Mutter. Du nimmst es mir nicht übel, Jona. Das weiß ich. Lass uns bald wieder sehen. Lass uns reden. Wieso hat uns niemand gefragt, wie’s uns jetzt geht? Oder hat das jemand getan und ich erinnere mich nicht? Fragt noch jemand, wie es uns geht, wenn es uns so geht, wie jetzt? Ja, ich frage. Ich frage für uns. Ich frage. Jetzt gleich. Aber erst muss ich hier raus. Ich geb‘ nichts mehr ab. Das Blatt. Die Zeit. Alles gehört jetzt mir. Test bestanden. Alles was ich will, ist die Tür zu finden. Und dann raus. Aber ich nehm dich mit, Jona. Keine Angst. Ich nehm dich mit.

Liebe, Drako


Bevor ich antworten konnte, kam schon der nächste Brief.


Jona,

du bist der Beste. Ich erzähle das jedem. Jedem der fragt. Und allen anderen. Ich erkläre es gerne und immer ausführlich. Ich erfinde nichts. Ich sage einfach, wie es ist. Aber jetzt wissen es alle. Alle, die es wissen sollen. Es ist gut. Es ist gut geworden. Bei dir? Ich bin jetzt endlich in München. Da bleib‘ ich. Ich kann hier alles. Hier ist alles neu. Niemand nervt. Niemand findet mich. Ich warte auf dich. Ich warte einfach, bis ich wieder klar werde. Ich hab‘ Leute kennengelernt. Du wirst sie mögen. Ich hab‘ ihnen alles erzählt. Sie verstehen, wie man damit umgeht. Sie wissen was. Das hab‘ ich gleich gespürt. Endlich hab ich das mal wieder gespürt. Ich wohn‘ jetzt bei Nirv. Er hat sich nach der Droge benannt, die er mal erfinden will. Ein Stimulans mit Traumphasen. Genau das Richtige für jetzt. Nirv tut mir gut. Alle hier tun mir gut. Wir müssen klar kommen, Mann. Wir müssen jetzt richtig mit dem umgehen, was wir haben. Wir haben da was aufgekratzt in uns, Jona. Hier wächst es wieder zu. Wenn du da bist, geht das alles noch viel schneller. Setz dich in den Zug, Mann. Ist nicht weit. Und wir haben Platz. Nirvs Vater zahlt ihm die Wohnung. Er ist Staatsanwalt in Frankfurt und hat ihn nach München geschickt hat, damit er dort sein Leben auf die Reihe bekommt. Nirv studiert Tontechnik. Aber er geht nie in die Uni. Er dichtet sich lieber den ganzen Tag ab. Und dann ist da noch Sue. Sie ist an der Kunst-FOS. Sie zeichnet wie eine junge Göttin. Du musst ihre Zeichnungen sehen. Du musst sie tanzen sehen. Du musst das alles hier sehen. Das hilft uns jetzt. Das spür ich. Das brauchen wir. Das ist unsere Flucht. Der gute, heilsame Weg da raus. Wir finden uns wieder. Woanders seh ich dafür schwarz. Fuck. Ich hab viel zu oft übers Müssen geschrieben. Wir müssen gar nichts. Komm vorbei. Dann weißt du, was ich meine.

Druff,

Drako

P.S. Du kannst mich auch bei Nirv anrufen. Die Nummer findest du auf der Visitenkarte, die dir sicher schon entgegengeflattert sein dürfte.

P.P.S. Ich habe Sue viel von dir erzählt. Sie brennt darauf, dich kennenzulernen.


Freitag Abend saß ich im Zug nach München. Ich hatte überlegt, zuhause zu bleiben. Mich einfach einzugraben und zu schlafen, bis alles wieder gut ist. Aber in unserer Heimatstadt erinnerte mich alles an Herrmann, an Sophie, an die Erinnerung, die ich nicht mehr zusammen brachte. Der einzige, mit dem ich drüber reden konnte, war Drako. Also zögerte ich nicht lange. Als ich im Zug saß, machte ich mir ein Bier auf und zog es in mich rein. Drako hatte Recht: Das hilft jetzt. Das merkte ich nach dem ersten Schluck.

Am Ostbahnhof stieg ich aus. Von dort fuhr ich mit der S-Bahn weiter. An der St-Martin-Straße stellte ich mich vor den Eingang der Haltestelle und wartete.

«Na, Kleiner. Nette Fahrt gehabt?» Ich drehte mich um. Drako kam mir grinsend entgegen. Er küsste mich auf die Wange. Wir umarmten uns. Er hatte sich verändert. Seine löchrige Jeans hatte er gegen eine saubere schwarze Schlaghose eingetauscht. Er trug Schuhe mit hohen Absätzen und eine gestreifte Trainingsjacke. An seiner Schulter baumelte eine schwarzgraue Umhängetasche. Seinen Seitenscheitel hatte er nun viel fester fixiert. Es klebte so viel Gel in seinen Haaren, dass die Strähnen wie schmale Rasta-Locken aussahen. Nachdem wir ein paar Meter gegangen waren und das Licht einer Straßenlaterne sein Gesicht beleuchtete, konnte ich auch bei ihm diese unnatürliche Blässe erkennen, die mir vor ein paar Monaten schon bei Eyrin aufgefallen war. War sie bei ihr nur vage und kaum erkennbar gewesen, drängte sie sich bei Drako nun förmlich auf. Die Blässe hing ihm wie ein melancholischer Schatten vorm Gesicht. Drako wirkte jetzt gut gelaunt. Nur seine Bewegungen verrieten den Kampf, der noch in ihm wütete. Er tänzelte nicht mehr wie früher, sondern stolzierte mit demonstrativ gehobenem Kopf. So als wollte er dem Leben beweisen, dass sie sich noch immer auf Augenhöhe unterhielten.

Vor einem grauen Wohnblock in Giesing blieben wir stehen. Drako schloss die Tür auf. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl in den siebten Stock. Ich folgte ihm durch einen engen Gang, vorbei an gleichförmigen Türen und schlecht verputzten Wandabschnitten. Ganz am Ende des Flurs schloss er eine dieser äußerlich identischen Wohnungen auf. Im Appartement zog ich die Schuhe aus und folgte ihm in den Wohnraum. Dort saß ein etwa 20-jähriger, muskulös gebauter Junge mit nacktem Oberkörper auf der Couch. Die Beine übereinandergeschlagen blätterte er gelangweilt einen Katalog für DJ-Bedarf durch. An ihm fiel mir die Blässe noch deutlicher auf als bei Drako. Sein Gesicht war ein einziges blutleeres Gefilde, überzogen von einem fahlen Schimmer der Schlaflosigkeit. Ich gab ihm die Hand.

«Hi, ich bin Jona.» Er reichte mir seine Pranke, drückte fest zu und bemühte sich, ein kurzes Lächeln hervorzustolpern.

«Nenn mich Nörv.»

«Hi. Was für ein Name.»

«Ja, ich hab‘ da bisschen rumgetüftelt.»

«Klingt super.»

«An was denkst du, wenn du den Namen hörst?»

«Ich würde sagen: an nen chemischen Traum.»

«Das gefällt mir. Das war genau meine Absicht.»

Nirv sah mich einladend an. Ich spürte, dass er mich akzeptierte. Ich setzte mich. Neben mir stand eine Wasserpfeife, die weit über die Tischkante hinausragte. Nirv stopfte sich einen Topf. Er rauchte ihn routiniert. Dann sprang er eilig von der Couch auf. Er ging zu einem der zwei Plattenspieler, die mit einem Mischpult an einem Tisch in der Ecke standen. Scheppernde elektronische Musik dröhnte in den Raum. Jetzt zog Nirv Klamotten aus dem Schrank und warf sie auf den Sessel neben dem Ganzkörperspiegel.

«Er braucht mindestens eine Stunde, bis er fertig ist. Rauchen wir uns solange ein», Drako grinste. Nirv, der sich gerade einen Pullover überzog, keifte in unsere Richtung.

«Jungs, euch ist schon klar, wer die Mischung leermacht, füllt sie danach auch wieder auf. Und zwar sofort danach!»

«Jaja, kein Stress.» Drako stand auf und griff in seine Tasche. Er warf mir einen Haschklumpen zu. Ich fing den Brocken. Erstaunt wog ich ihn in der Hand.

«Das sind mindestens 40 Gramm, Mann. Wo hast’n du das Geld dafür her?» Drako legte sich quer auf die gegenüberliegende Couch. Er begann, eine Kippe zu toasten.

«Naja, ich konnte bisschen Geld im Internat klauen. Das habe ich gut investiert. Dadurch hab‘ ich immer was zu rauchen. Muss aber auch was weiterhauen. Aber das mach‘ ich nur nebenbei. Geld verdiene ich damit.» Drako kramte in der Couchritze, zog eine kugelförmige Klarsichtfolie hervor und warf sie mir zu. Sie war randvoll mit Pillen, auf deren Oberseite ein Dollarzeichen eingeprägt war. Er schob ein gewölbtes Stück Alufolie über den Tisch. «Damit lässt sich aber auch noch was rausholen.» Ich machte das Päckchen vorsichtig auf. Vor mir lag ein Berg weißes Pulver. Ein Geruch wie der von Gummi-Apfelringen drängte sich in meine Nase.

«Wow, ganz schön viel Zeug», sagte ich.

«Ach, soviel ist das gar nicht. Außerdem brauch‘ ich wirklich dringend Geld.»

«Sieht aus, als hättest du das jetzt.»

«Ja, das geht schnell. Die erste Hundert-Gramm-Platte habe ich für 600 Mark geholt. Davon war die Hälfte auf Kombi, also auf Pump. Ich hab‘ die Platte dann in zehn Portionen zu je 100 Mark geteilt. Sieben Portionen hab‘ ich an alte Bekannte oder an neue Bekanntschaften im Kunstpark weitergehauen. Zwei Päckchen bin ich in der Fußgängerzone an ein paar Typen aus Garmisch losgeworden. Da hab‘ ich natürlich 130 verlangt. Die haben das Dope aber trotzdem gekauft. Die sind ja extra deswegen nach München gekommen. Die hatten eh schon Angst, dass irgendein Junkie sie abziehen würde. Ganz abgesehen davon war der Shit das Geld auch wert. Es ist der Gleiche, den du auch gerade rauchst. Denkst du noch mit?»

«Klar», sagte ich und starrte weiter auf den Haschklumpen.

«Gut. Jetzt kommt’s nämlich: Ich hab neun Päckchen verkauft. Eins konnt‘ ich mir zum Selberrauchen abzwacken. Alles in allem hatte ich also erst mal 960 Mark in der Tasche. Davon musste ich noch 300 zurück geben, blieben also noch 660 Mark. 300 davon hab ich gleich wieder in Pillen investiert. Dafür gab es gut hundert Stück. Von denen habe ich vielleicht zwanzig selbst gefressen, ein paar verschenkt, ein paar verloren. Aber das war egal, denn ich hab‘ im Kakophon eine für 10 bis 20 Mark verkauft, je nachdem wie mir das Gesicht gefallen hat. Am Morgen hatte ich 1200 Mark. Alles Gewinn.»

«Wow.»

«Genau! Das dachte ich mir auch. Vor dir liegen jetzt dreihundert Pillen und fünfzig Gramm Speed. Die Pillen hab ich für 800 bekommen. Das Speed hat 250 gekostet. Die 150, die noch übrig sind, sind unser Anfangsbudget heute Abend. Du kannst so viel kiffen, trinken, schlucken und ziehen, wie du willst, Jona, aber es wär‘ nett, wenn du dir auch ein paar Teile und ein paar Päckchen Speed schnappen würdest und mir heute Abend hilfst, sie weiterzuhauen. Ist das ok?»

«Nein.»

Drako sah mich verwundert an.

«Das ist nicht OK. Das ist viel besser, als ich es mir vorgestellt habe.»

Wir sahen uns an. Wir merkten es zum gleichen Zeitpunkt: Wir dachten wieder. Nicht an das, an was wir wirklich denken sollten. Aber immerhin an etwas anderes. Das war genug für jetzt. Genug für hier drin und für diesen Abend. Ich wollte Drako fragen, wie es ihm geht. Wie es ihm wirklich geht. Aber die Frage kam mir jetzt albern vor. Ich sehe doch, wie es ihm geht, dachte ich. Es ist alles da, damit es uns gut geht. Und es ist soviel davon da, dass das erstmal so bleibt. Ich kann wirklich was dran ändern, wie’s mir so geht, dachte ich. Wie simpel das ist.

«Wie viel soll ich für das Speed verlangen?», fragte ich.

«Auf keinen Fall weniger als 20, am liebsten 30. Am wichtigsten ist aber, dass du Spaß hast.»

«Jaja, schon klar.»

Nirv verfeinerte seine Augen mit ein paar letzten Strichen Kajal, packte seinen Puder, das Lipgloss und sein penetrantes Parfüm zurück in den Kulturbeutel. Er ahmte Tanzbewegungen und selbstgefällige Posen im Spiegel nach. Drako kramte eine kleine elektronische Waage und einen Stoß quadratischer Papierkarten hinter der Couch hervor. Nirv ließ sich neben ihn auf das Sofa fallen. Er begann, das Papier zu kleinen, stabilen, wiederverschließbaren Behältern zu falten. Drako wog das Speed ab und legte es in die Päckchen. Dann schob er sie mir zu. Ich faltete die gefüllten Papierkonstruktionen wieder zusammen und stapelte sie. Diesen Vorgang wiederholten wir, bis unsere Finger schmerzten. Den Rest des Pulvers schüttete Drako auf den Glastisch. Mit seinem Bibliotheksausweis schob er sieben dünne Linien zurecht. Nirv kramte einen Hundertmarkschein aus seiner Tasche, rollte ihn zusammen und zog zwei der Lines. Ich sniefte die nächsten beiden. Es fühlte sich an, als hätte ich meine Nase in eine Tüte saure Apfelringe gehalten und allen frei darin herumliegenden Zucker aufgesaugt. Ein kurzes Brennen biss in meine Nasenscheidewand, dann durchrann jeden meiner Atemzüge eine pulsierende Frische. Drako leckte eine Zigarette ab. Die angefeuchtete Stelle legte er in eine der Lines. Er zog sich zwei Spuren, dann zündete er die Kippe an. Ein paar Minuten später spürte ich das Pulver langsam durch meinen Hals rinnen. Das Einzige, was ich in diesem Moment von meinem Körper wahrnahm, war dieser neuartige Geschmack in meinem Rachen. Auf ein Rauschgefühl wartete ich vergeblich. Außer einem leichten Schweißfilm auf den Händen und einer konzentrierteren Wahrnehmung merkte ich nichts. Drako meinte, das sei erst zum Warmwerden. Er legte ein paar Pillen auf den Tisch.

«Du solltest mal lieber bloß mit einer anfangen. Eine Halbe würde auch schon reichen fürs Erste», klärte er mich auf. Ich sah mir die winzige Tablette an. Sie erinnerte mich an die Traubenzuckerpastillen, die ich als Kind oft gelutscht hatte. Nur das eingeprägte Dollarzeichen setzte ein klares Signal gegen die Seriösität der Pille.

«Du brauchst noch einen klaren Kopf, Jona. Also übertreib es nicht zu sehr, hörst du?», wandte sich Drako in aufgesetzter Ernsthaftigkeit an mich.

«Schon klar. Ich bin ein Meister der Selbstbeherrschung», log ich und legte mir die Pille auf die Zunge. Nirv reichte mir eine Flasche Wodka. Ich versenkte die Tablette in einem hochprozentigen Schwall aus altem Schnaps und junger Neugier.

Kurz nach Mitternacht verließen wir die Wohnung. In meinen Hosentaschen hatte ich einen Beutel mit Pillen und einige Päckchen Speed zu je einem Gramm. Dazu flatterte noch das bisschen Gras, das ich von zu Hause mitgebracht hatte, in meiner Tasche herum. Wir waren so offensichtlich zugedröhnt, dass ich das Zeug auch ganz offen in meinen Händen hätte rumschleppen können. Eine Polizeikontrolle hätten wir niemals überstanden. Aber es war jetzt plötzlich eine Welt ohne Polizeikontrollen geworden. Und ich war glücklich in dieser Welt. Ich war geheilt. Alles was passiert ist, war nur ein Versehen gewesen. Bald würde jemand kommen und sich für alles entschuldigen. Kein Problem, würde ich sagen. Wenn Sophie wieder da ist, verzeihe ich alles. Und ich verzeihe uns. Ich verzeihe uns unsere Kieferkrämpfe und unser billiges Parfüm. Unsere Frisuren, in denen Gel und hektischer Handschweiß klebt. Ich verzeihe uns, dass wir geldgeil sind und vergessen wollen, wie man nach Liebe sucht. Ich verzeihe uns die Taschen voller Drogen. Ich verzeihe uns, dass uns das reicht. Wir brauchen das jetzt. Drako hat Recht: Das bringt was. Ich spür‘ es doch. Nirv und Drako spürten es auch. Überhaupt: Wir waren gleich. Wir waren Brüder geworden. Obwohl wir uns keines Blickes würdigten. Im Tunnelblick stapften wir vor uns hin.

Am Ostbahnhof waren immer viele Zivilbullen unterwegs. Je näher wir kamen, desto mehr versuchten wir uns zusammenzureißen. Auf Schleichwegen gingen wir in den Kunstpark. An einem wenig frequentierten Hintereingang trafen wir auf ein knochendürres, schwarzhaariges Mädchen. Drako küsste sie auf die Wange. Nirv tat es ihm gleich. «Sue, das ist Jona. Mein bester Freund», sagte Drako. In mir brodelte ein derartiges Verlangen nach körperlicher Nähe, dass ich sie fest umarmte und genussvoll auf die Wange küsste. Sie musterte mich einen undurchsichtigen Moment lang. Was für ein Blick, dachte ich, als hätte ich ihr gerade tausend gute Fragen gestellt. Für die Antwort hatten wir aber leider keine Zeit. Sue drehte sich weg. Sie ging auf einen abgelegenen Club zu. Ich folgte ihr. Ich fühlte mich, als würde die Welt mir Platz machen, egal wo ich hin kam. Mit abgehackten Schritten und strahlenden Augen steuerte ich den anderen nach, wie ein Trottel, der grade zum ersten Mal in seinem Leben mit vollem Namen angesprochen wurde. Am Eingang des Kakophon legte Drako den Eintritt für uns beide hin. Die anderen beiden gingen ohne zu zahlen durch. Der Türsteher musterte mich skeptisch.

«Zeig mir mal deinen Ausweis, bitte?» Ich zog einen gefälschten Schülerausweis aus der Tasche.

«Schülerausweise akzeptieren wir hier nicht.»

Ich schluckte.

«Mann, wir sind in der gleichen Klasse. K 13, Elisabeth-Gymnasium. Ich bin seit einem halben Jahr 19. Er wird in zwei Wochen 19», warf Drako dem Türsteher entgegen. Er musterte uns beide halb gelangweilt, halb pflichtbewusst.

«Naja, aber das nächste Mal nimmst du einen ordentlichen Ausweis mit, klar?»

«Klar», nickte ich ihm zu. Dann waren wir drin. Ich stolzierte neben Drako in den Club. Der Bass drang in uns ein wie ein plötzliches Fieber. Die Luft war voll von dichten Rauchschwaden und kristallklaren Beats. Drako sagte etwas. Ich verstand nur: Bucht. Dann stand ich alleine rum. Ich schlurfte in Richtung Bar. Beim Gedanken an Alkohol wurde mir schlecht, also orderte ich ein stilles Mineralwasser. Mit dem Getränk schlängelte ich mich an den dünnen, hübschen Leibern der jungen Menschen hier vorbei. An der Tanzfläche setzte ich mich im Schneidersitz auf eine quergelegte Box. Ab und zu durchbohrten wilde Schreie den Rhythmus. Vom Boden reflektierte bebend das hölzerne Echo der Bässe. Die Wände pumpten die verbrauchten Schwingungen wie keuchende Arterien zurück in die Atmosphäre. Die Tänzer saugten mechanische Zuckungen aus den Beats. Ein Schimmer aus weichen Rottönen und schöpferischem Weiß dämpfte die Dunkelheit zu einem ekstatischen Gärstoff. Gleich nachdem ich mich gesetzt hatte, lehnte sich ein Typ neben mich an die Box. Er begann, auffällig zu mir herüberzuschielen. Es war ein mustergültiger Raver mit zwei Iros, die den sonst kahlrasierten Schädel umschlossen. In seiner schwarzen Schlaghose steckte ein glänzend weißes Feinrippunterhemd. In Form gehalten wurde diese Kombination von einem schweren Nietengürtel. Neben diverser anderer Armreifen trug er eine blechern glänzende, enganliegende Kette um den Hals.

«Weißt du was?», quietschte er in schillernder Unauffälligkeit zu mir herüber.

«Pillen oder Pulver?»

«Was hast du für Pillen?»

«Dollars.»

«Wie viel verlangst du für drei?»

«80.»

Er setzte sich neben mich.

«Nehm ich. Aber nur, weil es Dollars sind. Da vorn‘ hätte ich CCCPs bekommen.»

«Gib mir mal das Geld, Mann.»

Er zog einen Hundertmarkschein aus der Tasche, wartete, bis mehrere Tänzer vor uns zappelten, und schob mir das Geld langsam unter meinen Schneidersitz. Ich steckte den Schein ein, holte einen Zwanziger aus der Hose und kramte in der anderen Tasche drei Pillen aus dem Beutel. «Hand auf», keuchte ich hastig. Er ließ seine Hand auf die Box fallen, bewegte sie ein Stück zu mir her und öffnete sie einen Spalt. Ich drückte ihm die Teile zusammen mit dem zerknüllten Schein in die Pranke. Ohne einen Blick darauf zu werfen, steckte er den Schein in seine Hosentasche. Die Pillen sah er sich genau an, während er so tat, als würde er sich die Schuhe zubinden.

«Fein, dank‘ dir. Was dagegen, wenn ich einen Schluck von deinem Wasser nehme?», fragte er. Ehe ich ihm antworten konnte, hatte er sich die Teile schon in den Mund gesteckt.

«Hier, ich schenk es dir.» Ich drückte ihm die Flasche in die Hand und machte mich dann auf den Weg in die Bucht. Auf Höhe der Bar tänzelte mir Sue entgegen. Sie hatte sich ihres Rollkragenpullovers entledigt und trug nun ein enges, weißes Top, das ihr bis auf die Gürtelschnalle ihrer Jeans reichte. «Ich geh‘ mal tanzen. Schließt du dich an?», fragte sie mit einem selbstsicheren Grinsen.

«Ne, eher nicht. Ich bin kein so guter Tänzer.»

«Ach, klar bist du das. Pass auf, ich zeig’s dir.» Sie nahm meine Hand und zog mich in Richtung DJ-Pult. Ich wehrte mich nicht dagegen. Auf der Tanzfläche löste sie sich von mir und warf sich taktsicher in die Bässe. Die Amphetamine hatten meine Hemmschwelle herabgesetzt. Wahrscheinlich wäre ich sonst einfach steif rumgestanden. Aber jetzt zögerte ich nicht lange. Bald sprang ich ebenso wild rum wie sie. Ab und zu berührten sich unsere schwitzigen Hände, noch öfter trafen sich unsere Blicke. Von Sues Augen waren inzwischen fast nur noch die Pupillen zu erkennen. Sie hatte sicher die gleichen Pillen genommen. Sie war genauso enthemmt. Sie war offen. Sie war genau vor mir. Aber wir waren uns noch viel näher. Das spürte ich. Ich bewegte mich auf sie zu, umschlang ihre Hüften und drückte mich an ihren Körper. Sue hob die Hände in die Höhe, senkte sie über meine Schultern und ließ sie dort locker hängen. Ihre vollen Locken erregten mich. Ich traute mich nicht, sie anzufassen, starrte sie nur mit meinen aufgedrehten Augen an. Sue war entschlossener: Sie strich meine Haare so fest zurück, dass sie kreuz und quer abstanden. Ich spürte, wie ihre weichen Brustwarzen über meine Rippen scheuerten, und bekam einen Steifen. Meine Erektion rieb gegen ihren Oberschenkel.

«Oh, wow», hauchte sie mir ins Ohr.

«Sorry. Das ist einfach so passiert.»

«Das ist einfach so passiert» Sie lachte. Sie lachte so laut, dass ich dachte, ich hätte sie jetzt endgültig abgeturnt. Aber sie drückte mir einen Kuss auf den Mund. Dabei biss sie mir leicht in die Oberlippe. Ich spürte ein sanftes Brennen auf der Bissstelle. Die Nässe von Sues Speichel, unter der dieser Schmerz lag, löschte ihn jedoch rasch. Ich ließ meine Hände ihren Rücken abwärts wandern und knetete ihre Arschbacken. Sie schnellte mit dem Kopf herab und biss mir in die linke Schulter. Ich näherte meinen Mund ihrem Hals.

«Du beisst nicht», sagte sie.

«Soll ich?»

«Mach das, wonach du dich fühlst.»

Ich küsste sie.

«Lass uns rausgehen. Jetzt», atmete sie mir über die Schläfen. Sie nahm meine Hand, und wir eilten mit großen Schritten aus dem Club. Sie führte mich aus dem Kunstpark zu einem abgelegenen Parkhaus. Sie öffnete die Seitentür und schnappte sich meine Hand. Wir sprinteten das Treppenhaus hinauf. Als wir aus der Dachtür traten, breiteten sich vor uns die lichtschweren Betonklumpen der Stadt aus. Das Gefühl, das in mir bullerte, strebte seinem Höhepunkt zu. Ich drehte mich zu Sue und schnappte mit meinen Lippen nach den ihren. Unsere Zungen klammerten sich aneinander wie zwei gleich starke Ringer, die sich vergeblich bemühen, einen Angriff durchzusetzen. Sue riss an meiner Jacke. Ich warf die Jacke zu Boden, streifte mein Shirt über den Kopf und ließ es fallen. Fest griff ich ihr in den Schritt. Sie legte ihre Handflächen auf meine Stirn und drückte mich kräftig von sich. Ich sah sie fragend an. Da sprang sie mir entgegen, zerzauste meine Haare und fing an, mich quer über den nackten Oberkörper zu streicheln. Schnell verteilte sie kurze Küsse über mein ganzes Gesicht. Ich strich mit meinen Händen ihre Arme hinab, hob ihr Top an und rollte es ihr über den Kopf. Sie trug keinen BH. Ihre kleinen, weichen Brüste wippten blass über ihren durchscheinenden Rippen. Ich nahm eine Brustwarze zwischen die Finger und drückte sie zusammen, bis Sue zu quietschen begann. Sie holte aus und verpasste mir einen Magenschwinger. Ich keuchte und krümmte mich einen Augenblick. Dann sprang ich ihr entgegen. Ich riss ihre Beine um. Sie fiel. Sie zog mich mit abwärts. Prügelnd rollten wir uns über den kühlen Beton. Dabei knöpfte ich ihre Jeans auf und streifte sie ihr von den Beinen. Sie drückte mir ihr Knie in die Eier. Ich zog mich zusammen, blieb mit dem Kopf auf ihrer Brust liegen und biss zu. Ein schmerzhaftes, doch befriedigtes Stöhnen drang zu mir herab. Fest und rhythmisch spürte ich, wie sie an meiner Gürtelschnalle zerrte. Sie strich mit den Händen um meine Hüften und knöpfte meine Hose auf. Ich krabbelte aus der Jeans. Ihre Zehen suchten meine Short, zogen in partnerschaftlichem Bemühen daran. Ich biss mich mit den Zähnen an ihrem Höschen fest und zog es abwärts. Sie half mit den Händen nach. Bald rollten wir über den Boden, wild knutschend, in festen Berührungen uns kneifend und kratzend.

«Hey» Sie stupste mich an. «Hast du ein Kondom?» Ich nickte. Ich hatte dazu gelernt. Ich holte es aus meiner Jeans und zog es mir über. Sue rutschte an mich heran. Wir küssten uns. Sie legte ihre Beine um mich. Dann drang ich in sie ein. Wir rutschten immer weiter nach hinten, bis Sue an der Wand lehnte. Sie drückte mir ihre Fingernägel in den Rücken. Ich keuchte vor Erregung und Schmerz. Zärtlich und high und orientierungslos fickte ich weiter. Sue kaute mit weichen, vagen Bissen an meiner Brustwarze. Mein ruheloses Kinn schlitterte kreisend über ihre rauhen Locken. Ihr Körper ruckelte. Ich spürte kalten Speichel meine Brust herablaufen. Sie löste ihre Fingernägel aus meinem Fleisch und presste ihren Körper an mich. Als es mir kam, hielt ich sie eisern umschlossen. Befriedigt schluchzte ich ihr über die Stirn. Ein paar Sekunden blieben wir unverändert. Plötzlich machte sie sich los. «Wir müssen zurück in den Club. Cristian Vogel legt gleich auf.» Sie sammelte die Klamotten zusammen, warf mir meine entgegen und streifte sich ihre eilig über. «Na, beeil dich, Mann. Oder willst du hier bleiben?» Langsam zog ich mich an. Ich spürte erste Erschöpfungserscheinungen. Darauf kam ich grade nicht klar. «Willst du noch ’ne Pille?», fragte ich sie.

«Klar, ich bin eh schon wieder am Runterkommen. Du hast auch Dollars, nehm ich an?»

«Genau.» Ich kramte zwei aus der Tasche. «Mund auf.» Sue schloss die Augen. Sie öffnete den Mund. Ich legte ihr eine der Tabletten auf die Zunge und fuhr mit meinem Zeigefinger die Konturen ihrer Oberlippe nach. Sie warf den Kopf zurück und schluckte. «Danke. Bist ein Schatz» Sie küsste mich fest auf den Mund. Ich nahm meine Pille. Ohne Wasser würgte ich sie hinunter.

Sue ging zurück auf die Tanzfläche. Ich ging in die Bucht. Als ich die mit grünem Plüsch bedeckte Lounge betrat, fühlte es sich so an, als herrsche hier eine eigene Schwerkraft. Die Luft war träger, der Schweiß roch süßer. Um den ganzen Raum schlängelten sich Ledersofas, die nur die Stelle frei ließen, an der der DJ stand. In der Mitte des Zimmers baumelte eine Leinwand, über die abstrakte Videosequenzen flimmerten. Zwischen der Leinwand und den Sofas verschlossen sich ein paar Tänzer in ein meditatives Torkeln. Einer davon war Nirv. Er schielte abgespaced ins Nirvana der Beleuchtung. Sein weggetretenes Grinsen wog er im Taumel der Bässe. Die Droge die er erfinden wollte: es sah so aus, als hätte er ihre Wirkung grade entdeckt. Drako hing in einer Couch. Er diskutierte mit jemandem. Sein Kiefer verschob sich andauernd. Seine Gesten waren fahrig. Er schwitzte. Aber er sah auch so konzentriert aus. Ich sah, wie er ein paar Scheine nahm. Er steckte sie ein und holte ein Beutelchen aus der Tasche. Das gab er dem Typen neben sich. Wenn ich das so einfach sehen kann, sieht das doch jeder, dachte ich. Aber vielleicht schaute auch niemand so genau hin. Als der Typ aufstand, setzte ich mich neben Drako. Er lächelte, als er mich sah. Er rutschte nah an mich ran. Es tat gut, ihn so zu spüren.

«Da bist du ja. Amüsierst du dich? Wie laufen die Geschäfte?», fragte er.

«Ganz Ok. Sind ja viele mögliche Kunden hier.“

«Ja, krass, oder?»

«Ich dachte, das wäre anstrengender.»

«Ach, die Leute kommen von alleine. Das spricht sich rum.»

«Hast du schon mal mitbekommen, wie jemand erwischt wird?»

«Klar. Kommt vor. Aber das sind Leute, die nicht aufpassen. Die dichten sich einfach zu krass ab. Uns wird das nicht passieren, Mann. Außerdem siehst du eh aus wie ein harmloser Brit-Popper. So jemanden nehmen sie hier nicht auseinander.» Das leuchtete mir ein. Jetzt spürte ich, dass die nächste Pille einfuhr. Der Drang nach körperlicher Nähe wurde immer lauter. Ich umarmte Drako. Ich küsste ihn auf die Schläfe.

«Danke, Mann.»

«Wofür?» fragte er.

«Einfach so.»

«Danke.» Wir blieben einen Moment so, bis es sich anfühlte, als wäre die Musik aus. Als wäre unsere Umarmung das Zentrum dieses Raums. Dann kam ein neuer Kunde. Ich stand auf und machte ihm Platz. Ich schlurfte zurück zur Tanzfläche, um Sue zu sehen, um Sue zu fühlen. Es war jetzt halb vier Uhr morgens. Der Club war inzwischen eine Badewanne ekstatischer Schweiß-Ausdünstungen. Die basszersetzte Luft kroch in stachligen Strömen an den starren Augen der Tanzenden vorbei. An den Widerhaken der klinischen Beats baumelten weltentrückte Schreie. Zügellos sprangen entfesselte Raver um den betäubten Leib der Zeit, schleiften ihn wie ein erlegtes Wild durch den stickigen Staub der Atmosphäre. Ich ließ mich anheizen von der ekstatischen Stimmung im Raum. Ich tänzelte mich dicht an Sue heran. Wir schüttelten uns die halbe Nacht von den Körpern. Ab und zu setzte ich mich hin, um was zu ziehen oder zu verkaufen. Dann klammerte ich mich wieder an Sues straffe Muskeln.


Um halb neun machte das Kakophon zu. Müde war keiner von uns. Also gingen wir zurück zu Nirv, zu einer privaten After Hour. In der Wohnung schnitt Drako Früchte in Scheiben, zuckerte sie und verrührte sie in einer Glasschüssel. Zusammen mit ein paar Schalen und Gabeln stellte er den Obstsalat auf den Couchtisch. Ich war fasziniert davon, mit wie viel Liebe er das servierte. Aber niemand griff zu. Ich hatte schon seit einem halben Tag nicht mehr ans Essen gedacht und fühlte absolut keinen Hunger. Ich gab mich mit überteuerten Softdrinks und stillem Mineralwasser zufrieden. Mein Magen schien nichts dagegen einzuwenden zu haben.

«Was los? Vitamine», sagte Drako.

«Später», sagte ich.

«Das is‘ wichtig. Erste Lektion: Vitamine, Jona. Merk dir das.»

«Erste Lektion Vitamine», wiederholte Sue. «Merk dir das.»

«Ja, was merken ist gut. Das ist überhaupt die erste Lektion.»

«Eben. Von allem was merken, darum geht’s.» Drako nahm sich etwas von dem Obst und ging zum Kleiderschrank. Er kramte darin herum. Triumphierend zog er einen Synthesizer unter den T-Shirts hervor. Er trug ihn mitsamt einiger Kabel zu dem Hifi-Pult. Dort stöpselte er das wundersame Instrument an die Boxen. Wie ein durchgeknallter Bildhauer begann er, die Oberfläche des Geräts zu modellieren, drehte und verschraubte die Tasten zu einer Formel, die schrille Sphären und matschige Percussions in den Raum schleuderte. Nirv schob uns neue Lines zurecht. Sue lehnte sich an meine Brust. Ich streichelte sie. Der Drogencocktail ballerte jetzt alles in mir frei. Und gleich würde es weiter gehen. Jetzt hatte ich endlich alle Rätsel gelöst. Ich hatte uns decodiert. Das Ergebnis: Es wird keinen Schmerz mehr geben. Keine störenden Menschen. Nur Ideen. Und Musik. Da war nur ein Haken in meiner Formel: Vor uns vegetierte München im Vormittagsmodus. Wie könnt ihr einfach so weitermachen, dachte ich. Jetzt hat sich alles geändert. Für uns alle. Das spür‘ ich doch. Wir verstehen uns endlich. Wir denken wie ihr. Wir denken an alles. Und wir sind wie alle: zugemüllt mit Geheimnissen. Aber jetzt gestehen wir sie euch. Jetzt müssen wir nichts mehr erklären. Wir sind ein erlaubter Fehler. Und wir bestechen euch mit Zeit. Wir haben sie jetzt. Wir sind ganz nackt vor lauter Zeit. Und wir bleiben es. Bis ihr auch nackt seid. Oder bis sich jemand die Zeit zurückholt.


8

Wir stiegen an der Donnersbergerbrücke aus der S-Bahn, schlichen vorbei an verfallenen Industrieanlagen und grauen Wohnhäusern. Ein langer Tunnel führte uns zu einem ehemaligen Lagerhaus. Vor der abbruchreifen Halle waren ein paar Bierbänke und Liegestühle aufgereiht. Ein kleines Feuer brannte, in das mehrere abgerissene Gestalten Würste und Kartoffeln hielten. In dem Gebäude dahinter war das Syndrom. Es machte morgens um 6 Uhr auf und hatte bis Abends geöffnet, so lange, bis die nächsten Clubs wieder aufmachen würden. Wir konnten erstmal so bleiben. Das beruhigte mich. Die Hälfte der vielleicht hundert Leute im Club waren verwahrloste Alkoholiker, die über der Bar hingen oder sich auf die Sofas quetschten, um dort zu schlafen. Die Raver verteilten sich um Tanzfläche und DJ-Pult. Auch unter ihnen tummelten sich viele zerstörte, ausgemergelte Gestalten. Ich verzog mich in eine Ecke und konzentrierte mich auf die Musik. Drako stand auf der Tanzfläche, vertieft in ein Gespräch mit einem bärtigen Typen. Sie diskutierten eine Weile, dann nickte Drako in meine Richtung. Der Typ signalisierte seine Zustimmung und ging auf mich zu. Er ließ sich neben mich fallen. Unvermittelt kam er zum Punkt. «Gib mir mal fünf für 100, Alter. Ist alles schon klargemacht mit deinem Spezi da drüben.» Während Drako leicht im Takt wippte, zeigte er mir erst fünf Finger, dann streckte er den Daumen nach oben.

«Na, dann gib mir mal die Gage», wies ich den Typen gelangweilt an. Er griff sich an die Ferse, zog zwei knittrige Fünfzigmarkscheine aus seiner Socke und drückte mir das Geld in die Hand. Ich tastete nach dem Zellophan mit den Pillen, zog es aus meinen Shorts und gab es ihm. Er mühte sich ein Lächeln ab, schwang sich auf und verschwand in Richtung Toilette.

Meine Begleiter befriedigten unterdessen ihren Bewegungsdrang. Hier tanzte so gut wie niemand wegen der Musik. Die Leute tanzten, weil sie sich gewissen Personen annähern wollten, tanzten, weil sie zu abgefüllt waren, um stehen oder sitzen zu können, oder tanzten, um Aufmerksamkeit zu erregen. Drako war der Einzige, der einen inneren Bezug zur Musik erkennen ließ. Jede seiner Bewegungen unterwarf sich dem Takt wie ein Turmspringer der Erdanziehung. Hier erwachte Drakos musikalische Gestik wieder. Ich hätte ihm ewig zuschauen können. Es wirkte so, als könnte er die Aufmerksamkeit der Musik auf sich lenken, als wären diesen ganzen Melodien für ihn gemacht worden. Egal wie stumpf die Musik hier war: Drako konnte selbst diesen Krach magisch aussehen lassen. Meine Betrachtungen wurden unterbrochen, als ich an der Theke Gläser zerspringen hörte. Ich drehte mich zur Bar. Über den Tresen torkelte der Typ, dem ich grad eben die Pillen verkauft hatte. Er warf mit Aschenbechern und Bierflaschen um sich. Ab und zu rang er sich ein unverständliches Lallen ab. Ich sprang auf. Ich lief auf Drako zu, tippte ihn an und machte ihn auf das Geschehen aufmerksam. Wir eilten zur Bar, von der sich jetzt die Gäste entfernten. Zwei Securitys wagten sich als Einzige bis zur Theke vor. Sie hielten Abstand. Der Mann schien sie nicht zu bemerken. Sein Blick veränderte sich. Er torkelte einen Moment, dann brach er zusammen. In Krämpfen wand er sich vor der Theke.

«Hoffentlich hat der Trottel sich nicht alle fünf eingebaut. Das könnte sonst böse enden», meinte Drako kühl.

Ich beobachtete die Szene wie ein auf die Straße geratener Besoffener, der gerade noch so die Scheinwerfer des Wagens erkennt, der ihn gleich überfahren wird. Die gerufenen Sanitäter stabilisierten den Mann so weit, dass die Krämpfe nachließen. Als sie versuchten, ihn auf die Trage zu heben, kam er wieder zu Bewusstsein. Er blickte wirr umher und schloss die Augen. Für einen Moment wirkte er fast entspannt. Dann riss er sich die Infusionsnadel aus dem Arm und sprang von der Trage. Dabei schlug er nach einem Sanitäter, der dem schlecht gezielten Schlag jedoch ausweichen konnte. Mit wackligen Schritten torkelte er dem Ausgang entgegen. Den Securitys fiel es nicht sonderlich schwer, ihn einzuholen. Ihn festzuhalten war das größere Problem. Er schlug wild um sich. Er schrie: «Polizistenanwärter! Ihr scheiß Polizistenanwärter!!» Zwei Streifenwagen trafen ein. Zusammen mit den Securitys fixierten die dazugestoßenen Bullen den Mann an die Trage. Als sie ihn zum Krankenwagen trugen, tippte mich Drako an:

«Lass uns mal verschwinden, Jona. Könnte hier ein bisschen ungemütlich werden.» Das klang für mich sehr überzeugend. Wir sprachen uns mit den anderen ab, dass wir zu zweit gehen und uns in einer Stunde in der Bliss Bar treffen würden. Drako und ich schlichen uns auf die Toilette. Wir kletterten durchs Fenster aus dem Club und schlenderten an der Hecke vorbei, die seitlich am Syndrom entlangwuchs. Die Bullen standen keine zwanzig Meter rechts von uns. Sie filzten einige der Obdachlosen, die gerade dabei waren, ihre Würstchen zu essen. Einer der Polizisten sah grimmig und prüfend zu uns herüber, doch als einer der Männer ausfallend wurde, widmete er diesem wieder seine ganze Aufmerksamkeit. Für den Moment waren wir gerettet.


Die Bliss Bar lag in der Nähe der Hackerbrücke, also keine halbe Stunde Fußmarsch vom Syndrom entfernt. Wir balancierten unserem Ziel über ein verlassenes S-Bahn-Gleis entgegen. Nicht weit von uns ratterten die Züge des Nahverkehrs. Ich drehte mich zu Drako um.

«Sag‘ mal, was würdest du machen, wenn jemand an den Pillen, die er bei dir gekauft hat, stirbt?» Drako behielt seinen kühlen Gesichtsausdruck.

«Naja, weißt du, letztendlich müssen die Leute selbst wissen, was sie sich zumuten. Solche Typen wie der von vorhin legen es drauf an. Da kann niemand was dagegen machen. Wenn der sich den Stoff nicht bei uns geholt hätte, wäre er zu einem anderen gegangen.»

«Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich glaube, wir haben mehr Einfluss, als wir denken», sagte ich.

«Ja, aber es geht grade darum, andere nicht mit diesem Einfluss zu nerven, verstehst du? Das ist Vertrauen. Das ist alles erlaubt. Das Ganze ist ähnlich wie bei den Rasierklingen im Supermarkt. Die meisten kaufen sie, um sie zum Rasieren zu verwenden. Doch es sind natürlich Leute dabei, die sich damit die Pulsadern aufschneiden. Wenn du Kassierer wärst, wüsstest du, was dein Kunde mit den Klingen vorhat? Ein bisschen Vertrauen gehört eben dazu.» Obwohl ich wusste, dass Drakos Argument nicht ganz ausgereift war, betrachtete ich es doch als endgültig. Wahrscheinlich auch, weil ich im Moment noch viel zu drauf war und nicht riskieren wollte, dass die Realität meinen Glauben an diese Fluchtmöglichkeit zerstörte. Das würde noch früh genug passieren, wusste ich, zunächst erst leise, dann immer deutlicher. Ich sagte Drako, dass ich am Runterkommen war und noch was ziehen wollte. Er hatte den gleichen Plan.


Wir kletterten in einen Rohbau und setzten uns in den ersten Stock. Durch die offene Tür konnte man die Hackerbrücke sehen. Drako zog einen Flyer aus der Tasche. Er schob darauf vier Lines zurecht. Ich baute einen Joint. Das hypnotische Knarzen und Rattern des nahen Schienenverkehrs wirkte angenehm beruhigend. Alles nicht schlimm, dachte ich. Es geht einfach gut weiter. Drako zog seine zwei Lines. Dann gab er mir den Schein. Ich zündete die Tüte an und reichte sie ihm. Er rauchte. Mir schoss eine Frage in den Kopf. Erst traute ich mich nicht, sie auszusprechen, aber dann konnte ich nicht anders. Ich wollte es einfach wissen.

«Was Sophie wohl dazu sagen würde, was wir hier machen?», fragte ich. Drako bließ den Rauch aus. In der Bucht war ich ihm nah gewesen, nicht nur körperlich, jetzt spürte ich einen Abstand zwischen uns. Es fühlte sich fast so an, als wäre die Mauer des Rohbaus näher als er.

«Sie weiß doch: wir machen, was wir wollen», sagte er.

«Sorry für den Konjunktiv.»

«Schon gut. Ich werd‘ mich trotzdem nicht dran gewöhnen.»

«Musst du nicht.»

«Doch. Muss ich. Und das ist Gift, Jona. Das ist wirkliches Gift.»

«Erinnerst du dich wieder?», fragte ich.

«Nein. Ich versuch’s. Aber ich krieg das einfach nicht mehr zusammen.»

«Ich auch nicht.»

«Denkst du, das kommt mal wieder?»

«Ja, ich denke schon.»

«Ich glaube, ich zieh‘ lieber noch was. Wach krieg ich’s eher zusammen.»

«Ja, wach bleiben ist gut.»

«Wann ist eigentlich der Prozess?»

«Keine Ahnung», sagte ich. «Willst du hin?»

«Alter!» Drako sah mich an, als hätte ich ein verbotenes Wort gesagt. «Ich hab‘ mit allem dort abgeschlossen. Ich fahr‘ da nie wieder hin. Höchstens besuche ich mal meine Mutter.»

«Ich bin mir immer noch sicher, dass er Sophie geschubst hat.»

«Ja, ich auch, Mann. Aber lass uns nicht drüber reden, ok? Nicht jetzt. Ich pack‘ das grade nicht.»

«Ok.» Ich gab ihm das Speed und nahm mir die Tüte.

«Lass uns einfach hier warten bis es dunkel wird, ok?» sagte er. «… dann fängt sowieso die nächste Nacht an.»


Drako stand vertieft am Synthesizer. Sein Sound war jetzt schwer, wie ein Widerstand, der sich langsam aufbaut. Nirv tüftelte im Badezimmer an seinem Look. Auf der Couch lag der Beutel Pillen, den sich Drako in der Bliss Bar besorgt hatte. Sue und ich saßen daneben. Sue zeichnete. Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen.

«Wie geht’s dir so, Jona?» fragte Sue.

«Ok.»

«Ich meine: so wirklich.»

«Ja, ok.»

«Das fühl‘ ich nicht.»

«Hm.»

«Also: Ok ist kein Gefühl.»

«Ja, ok. Da sind auch noch andere.»

«Welche?»

«Freude. Tiefe Freude.»

«Schön.»

«Und Scham.»

«Scham?»

«Ich schäme mich.»

«Wer macht denn sowas?»

«Ich schäme mich dafür, dass ich das Glück grade nicht aus mir raus bekomme.»

«Nimm noch was.»

«Hilft das was?»

«Nein. Aber es lenkt dich ab, bis dir was besseres einfällt.»

«Ich will nicht, dass mir was einfällt.»

«Nimm noch was.»

«Hast du eigentlich noch andere Empfehlungen?», fragte ich.

«Hör auf zu Denken. Du denkst zuviel.»

«Das glaub ich auch»

«Wenn dich jemand fragt, wer du bist, was würdest du antworten?», fragte Sue.

«Frag‘ später nochmal.»

«Gute Antwort.»

«Was würdest du antworten?», fragte ich.

«Verpiss dich. Ich zeichne gerade»

«Was zeichnest du eigentlich?»

«Nichts besonderes. Ich will einfach meine Hände beschäftigen.»

Mein Blick wanderte zu Sues Finger. Sie waren knochig und lang. Sie waren nicht schön, aber sie sahen so aus, als wären sie es gewohnt, etwas Schönes zu berühren, etwas Schönes, das ihnen gehört. Ich sah auf meine Hände. Ich hatte keine Ahnung, was ich mit ihnen anfangen sollte. Drako hatte die Musik. Nirv den Style. Sue ihre Zeichnungen. Ich hatte das nicht. Das Zerbrechlichste, was ich bisher in den Händen gehalten hatte, war ein dünnes Blatt Papier mit einer Line drauf gewesen. Wenn dich jemand fragt, wer du bist, was würdest du antworten? Ich wiederholte Sues Frage immer wieder. Sie flutschte mir jedes mal davon. Sue hörte zu Zeichnen auf. Als hätte sie es gemerkt. Sie drehte sich zu mir:

«Du hast jemanden sterben sehen, Jona. Stimmt’s?»

Sie fragte das so plötzlich. Eigentlich war ich zu verwirrt, um das sofort beantworten zu können. Aber sie fragte das so auch so einfühlsam. Also nickte ich einfach. Drako hatte die Musik aufgedreht, aber ich sah, dass er hörte, worüber wir jetzt sprachen. Er schaute auf das Mischpult. Er drehte angespannt an den Reglern.

«Ich auch. Mies ist das», sagte Sue.

«Woran ist die Person gestorben?» fragte ich.

«Überdosis.»

«Fuck.»

«Wir sterben auch.»

«Natürlich.»

«Würde dich das stören, zu sterben?»

«Jetzt schon.»

«Ach, gäbe schlimmere Momente.»

«Ja, aber ich will jetzt einfach so bleiben. Nur kurz.»

«Mir brauchst du das nicht erklären. Ich lass‘ dich so. Ich lass‘ dich leben.»

«Großzügig, Sue.»

«So bin ich.»

«Würde es dich stören?»

«Ja. Jetzt schon.»

«Alter! Was redet ihr für nen Müll?», mischte sich Drako ein. «Da kann kein Mensch zuhören!»

«Dann sag‘ halt was und hör nicht nur zu», blaffte Sue zurück.

«Das ist kein Thema, über das man reden kann», wiegelte Drako ab.

«Es ist das beste Thema», sagte Sue.

«Es macht keinen Sinn. Man kommt da nie zum Punkt. Nie!»

«Als ob dir das sonst so wichtig wäre.»

«Mir ist das wichtig! Mir ist das immer wichtig!», verteidigte sich Drako.

«Also ist das Thema Sterben für dich jetzt erledigt»

«Ja, das ist sinnlos. Und deshalb ist es für mich erledigt.»

«Sterben ist sinnlos. Ok, ich kann dir folgen.»

«Zeit auch. Ich glaub‘ einfach nicht mehr an die ganze Scheiße», sagte Drako.

«Tod? Sinnlos. Zeit? Sinnlos.»

«Genau.»

«Sind wir sinnlos?»

«Wir sind irgendwas dazwischen. Wir sind einfach da, um weiterzumachen. Nur das macht Sinn: Weitermachen!»

«Weitermachen?» Nirv kam frisch gestylt aus dem Badezimmer. «Womit?» Er ließ sich zu uns auf die Couch fallen.

«Mit dem Verpacken», sagte Drako.

«Damit könnte ich ewig weitermachen.» Nirv holte sich eine Pille aus dem Beutel und warf sie ein. Dann begannen wir, die Drogen in kleine Päckchen umzufüllen.


Die Pillen wirkten jetzt schon ein paar Minuten nach der Einnahme. Ich stand im Kakophon und fühlte mich, als wäre die vergangene Nacht meine erste und einzige Erinnerung. Als ich bei Nirv in den Spiegel geschaut hatte, war ich vor meinem Anblick erschrocken. Meine Pupillen ertranken in einer silbrigen Schwärze. Zahllose geplatzte Äderchen verfärbten meinen Blick. Über meiner Haut lag ein Film aus kränklicher Erschöpfung. Ich bewegte mich hastiger als sonst, rauchte ununterbrochen und zog viel hektischer an jeder Zigarette. Dennoch war ein pulsierender Frieden in mir, an dem ich mich festhalten konnte. Es gab in mir nichts Böses mehr. Wieso kann die Welt nicht immer so sein, dachte ich, während ich durch die Stroboblitze irrte. Ich drehte eine Runde durch den Club. An der Tanzfläche setzte ich mich wieder auf eine Box und ließ meinen Blick durch das Dickicht der Tanzenden schweifen. Ich lehnte mich zurück und goss meine Gedanken in den Takt der Musik. An einer Säule stand ein Pärchen mit dem Rücken zu mir. Ein großer, blonder Typ und seine zierliche, schwarzhaarige Freundin. Ich sah ihnen eine Weile zu, dann bemerkte ich es: Es war Carla. Sie stand da, vermutlich mit dem Typen, den sie mit mir betrogen hatte. Wie ich mich freute, sie zu sehen. Ich sprang auf, ging auf das Pärchen zu und tippte ihr auf die Schulter. Sie drehte sich um. Sie erkannte mich. Ihre Gesichtszüge erstarrten. Ich sagte nichts, blickte ihr nur tief in die Augen. Sie wurde verlegen, streckte mir die Hand entgegen und stammelte: «Jona. Lange nicht mehr gesehen. Darf ich dir Robbie vorstellen?» Mein Blick fraß sich immer weiter in ihre verlogenen, wunderschönen Augen. Sie widerte mich an. Sie tat mir leid. In mir brodelte ein leidenschaftlicher Hass auf die Narrenfreiheit, die ihr ihre Schönheit verlieh. Ihre Unschuld sank durch meine Speiseröhre wie eine Gräte. Ich räusperte mich und spuckte ihr auf die Wange. Der Typ, den sie Robbie genannt hatte, reagierte sofort. Er schüttelte sich eine Faust ins Handgelenk und setzte sie mir druckvoll unters Kinn. Der nächste Schlag in meinen Bauch kam so schnell, dass ich die Schmerzen zunächst nicht realisierte. Erst als er unsanft meine Wange streichelte, begann ich ein Pochen und Hämmern um die getroffenen Stellen zu spüren. Dann nahm er mich in den Schwitzkasten. Er drückte so fest zu, dass ich nur noch ein dumpfes Rauschen hören konnte. Ich sah Carlas Schuhe vor mir rumtänzeln. Offenbar versuchte sie, ihn von mir loszureißen, jedoch ohne Erfolg. Ich spürte, wie meine Beine ausgehoben wurden und krachte zu Boden. Er ließ sich gezielt auf mich fallen. Mein Brustkorb lag geprellt unter seiner animalischen Wut. Er kniete in meinem Magen und watschte mich im Takt seiner verletzten Ehre. Er war mir absolut überlegen. Ich hatte nicht den Hauch einer Chance. Die Leute, die um uns herumstanden, schienen sich mehr zu amüsieren, als mich von dieser gnadenlosen Prügelmaschine befreien zu wollen. Ich sah nur eine Möglichkeit, ihn mir vom Hals zu schaffen: Ich musste zu unsauberen Mitteln greifen. Wenn er ausholte, konnte ich meinen linken Arm kurz bewegen. Ich schielte auf seinen Körper, machte die Stelle ausfindig, und als er zu einem erneuten Schlag ansetzte, zwickte ich ihm in die Hoden. Er taumelte einen Moment, behielt jedoch die Oberhand. Sein Kopf begann, rot vor Scham und Schmerz zu leuchten. Kurz verspürte ich eine kleine Genugtuung, dann vibrierte mein Kinn wieder unsanft und der Schmerz sprang auf mich selbst über. Irgendwann kam dann doch ein Türsteher herbeigeeilt. Er riss meinen wütenden Kontrahenten ungestüm von mir. Ich atmete tief durch und suhlte mich in dem Gefühl meiner kläglichen Niederlage. Langsam rappelte ich mich auf. Ich tastete mich ab, um zu fühlen, ob ich was verloren hatte. Im selben Moment bückte sich der Türsteher, hob etwas auf und hielt mir das Päckchen Speed vor die Nase, das ich unter meinen Gürtel gesteckt hatte. «Ups, wo haben sie das denn her?», fragte ich mit einem dämlichen Grinsen.

«So Burschen, ihr kommt beide mit. Die Polizei kümmert sich jetzt um euch.»

Gebückt schritt ich vor dem Türsteher und dem Typen, den Carla Robbie genannt hatte, zum Eingang des Clubs. Als wir an der Bucht vorbeikamen, sah ich eine bekannte Silhouette auftauchen. Es war Sue. Sie schien mich nicht zu erkennen. Sie lehnte sich an die Wand. Regungslos beobachtete sie, wie wir in den Eingangsbereich abbogen. An der Theke griff sich der Türsteher ein Telefon und wählte 110. Als er dem Polizisten den Sachverhält erklärte, schlenderte Sue selbstbewusst an uns vorbei. Sie begrüßte den zweiten Türsteher, der am Eingang stand, und begann mit ihm zu flirten. Er ging darauf ein. Ich hatte nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit. Von der Theke bis zum Eingang waren es keine zwei Meter. Sue streichelte dem Muskelprotz die Brust. Während er seine Hand auf Sues Hintern legte, sprang ich der Tür entgegen. Ohne mich umzudrehen, rannte ich los. Ich lief so schnell ich konnte. Ich rannte einfach meinem Tunnelblick nach. Ich schlängelte mich durch das Partyvolk, das zu Hunderten in den Kunstpark Ost drängte. Erst als ich an dem Parkhaus angelangt war, auf dessen Dach ich es mit Sue getrieben hatte, fing ich an, mein Tempo zu drosseln. Ich schlich durch die Hintertür, rannte die Treppen hoch und ließ mich auf dem Oberdeck erschöpft auf den Boden fallen. Über mir lag die unbegrenzte Freiheit des Weltalls. Meine eigene Freiheit wäre um ein Haar bald sehr viel kleiner gewesen. Ich durchsuchte meine Taschen. Ich hatte noch genug Pillen und Speed dabei, um eine Anzeige wegen Dealerei zu kassieren. Dazu noch ein bisschen was zu rauchen. Das allein hätte für eine Anzeige gereicht. Ich zündete mir eine Zigarette an. Mein Kiefer pochte. Ich spürte, wie die Kälte immer fester an meinen Muskeln nagte. Meine Jacke hing noch im Kakophon. Zum Glück hatte ich die Drogen und mein Portemonnaie in der Hosentasche. Irgendwo hatte ich gelesen, dass Frieren zu fünfzig Prozent psychisch bedingt ist. Also setzte ich mich in den Schneidersitz, atmete ruhig und konzentrierte mich. Eine Melodie aus Vollbremsungen, Gelächter und Schienengeflatter drang durch mich hindurch. Obwohl ich geschlagen, geflohen und verlassen war, konnte ich der Situation bald eine friedliche Poesie abgewinnen. Gerade als ich mich mit meiner Einsamkeit anfreundete, hörte ich eilige Schritte im Treppenhaus. Ich kannte diese Schritte. Die Tür ging auf und krachte lautstark gegen die Wand. Sue tänzelte lächelnd aufs Oberdeck. Ich sprang auf, lief ihr entgegen und drückte sie, so fest ich konnte.

«Sue! Danke. Danke.»

«Hey, schon gut. Wofür kenn ich denn die Leute in dem Club?»

Wir setzten uns.

«Woher hast du gewusst, dass ich hier bin?», fragte ich.

«Wo solltest du auch sonst hier hin? Ich nehme mal an, das ist der Ort, an dem du die intensivsten Erinnerungen hier hast», sagte Sue selbstbewusst. Ich spürte, wie recht sie damit hatte.

«Was ist passiert, als ich weg war?», fragte ich.

Sue zündete sich eine Zigarette an, blies den Rauch in die Luft und lächelte mich amüsiert an.

«Bis der gecheckt hatte, dass du abhaust, warst du längst weg. Den anderen Typen haben sie nicht mehr aus den Augen gelassen, bis die Bullen da waren. Der Türsteher wollte dich beschreiben und nach dir fahnden lassen, aber die Bullen meinten, das Vergehen sei zu gering.»

«Guter Bulle.»

«Ein bisschen Glück hast du natürlich schon gehabt, Jona. Wenn der Türsteher heller gewesen wäre, hätte er gleich deinen Ausweis eingesackt.»

«Wieder mal mehr Glück als Verstand gehabt.»

«Ja, da hast du wohl ne Strähne.»

«Was war mit dem anderen Typen?»

«Den haben sie erstmal blasen lassen. Er hatte über zwei Promille. Der Türsteher hat den Bullen erzählt, wie der Typ dich vermöbelt hat. Amüsante Vorstellung übrigens. Auf jeden Fall haben sie ihn dann zum Ausnüchtern mitgenommen.»

«War da noch jemand dabei gestanden?»

«Klar, ca. 100 Schaulustige.»

«Ein Mädchen? Eine Schwarzhaarige?»

«Ja. Tatsächlich. Die stand die ganze Zeit an dem Typen dran und wusste nicht, was sie davon halten sollte.»

«Sie fand es Scheiße, denke ich.»

«Sah so aus.»

«Gut so.»

«Kennst du sie?»

«Ach. Flüchtig.»

Wir redeten nicht weiter drüber. Das Thema Carla war für mich jetzt endgültig erledigt. Das Schweigen, das jetzt zwischen Sue und mir lag, war so etwas wie das Ausrufezeichen hinter dieser konfusen, zerstörten Beziehung zu Carla.

«Das war’s dann wohl für mich mit Kakophon», stellte ich resigniert fest, während ich Sues Nacken streichelte. «Ach, glaub‘ ich nicht. Bisschen musst du warten, das ist klar. Aber irgendwann ist Gras über die Sache gewachsen. Vielleicht werden sie versuchen, dir was anzuhängen. Das heißt, falls du wirklich irgendwann mal wieder in den Club gehen solltest, werden sie dich nicht aus den Augen lassen und werden dich so oft auseinandernehmen, wie es ihnen passt.»

«Ok, ich warte dann mal noch’n bisschen hier»

«Keine schlechte Idee.»

«Langweilst du dich?» fragte ich.

«Du findest das vielleicht auch raus, ohne mich fragen zu müssen», sagte sie.

Wir schwiegen.

«Merkst du was?», fragte Sue.

«Ja, ich denke schon.»

«… und: langweile ich mich?»

«Nein.»

«Vielleicht hast du manchmal doch mehr Verstand als Glück.»

«Grade fühlt sich’s an, als hätte ich beides.»

Ich legte meine Arme um sie und drückte sie lange und zärtlich. Was davon ist echt, fragte ich mich. Was davon bin ich? Auf einmal bin ich viel mehr als vorher, dachte ich. Ich wiege was. Ich bin größer jetzt. Das kann kein Irrtum sein. Ist Sue noch da? Ja. Deshalb. Deshalb fühlt es sich so an. Da ist jetzt Vertrauen zwischen uns. So nah bin ich ihr gestern nicht gekommen, obwohl wir übereinander hergefallen sind. Das gehört irgendwie alles zusammen. Ich will sie erst wieder loslassen, wenn das alles nicht mehr auseinanderbricht, dachte ich. Aber so lange hielten wir es leider nicht aus. Sue und ich saßen aneinandergelehnt da, bis es hell wurde. Am Morgen hielt uns die Welt um uns herum die Diagnose des Wochenendes mahnend vors Auge. Die Töne, die gestern noch dynamisch gestrahlt hatten, durchwühlten meine Empfindungen jetzt wie eine kalte Pranke. Hatte ich letzte Nacht jeden Eindruck problemlos in ein Abbild der Harmonie verwandelt, krochen jetzt die Lichter der Stadt wie giftgetränkter Nebel durch meine Knochen. War ich gestern meinen menschlichen Grenzen leichtfüßig auf und davon getänzelt, presste ich heute in jede meiner Bewegungen Splitter der Gebrechlichkeit. Ich schwitzte hemmungslos. Meine Muskeln zitterten ohne Takt, ohne Zeit, ohne auch nur eine Sekunde an ihre gestrige Entspanntheit zu erinnern. Sue machte einen ähnlich zermürbten Eindruck. Ich versuchte, ihr die Schlaflosigkeit aus dem Gesicht zu küssen. Ihre Haut unter meinen Lippen zu spüren gab mir ein beruhigendes Gefühl. Wir drückten unsere schwitzenden Handflächen fest zusammen. Mir wurde etwas wärmer. Es war noch immer so erfrischend, Sues Lebendigkeit zu spüren.

«Lass uns mal gehen, die anderen sind sicher schon bei Nirv», sagte sie irgendwann. Sue stand auf. Sie zog mich mit hoch. Schwerfällig erhob ich mich. Ich legte meine Hand um ihre Hüfte, sie umschlang meinen Rücken. Langsam steuerten wir die Treppen abwärts, der Straße entgegen. Auf den Straßen von Haidhausen mischten wir uns in die sonntäglichen Spaziergänger. Ich holte mir ein Croissant bei einem Bäcker. Nachdem ich mir die Hälfte reingezwungen hatte, fragte ich Sue, ob sie was davon wollte. Sie kämpfte lange mit ihrem Bissen und warf das Croissant dann in eine Hecke neben dem Gehsteig.


Drako und Nirv waren erst vor einer halben Stunde in der Wohnung angekommen. Sie dösten auf der Couch. Auch ihre Party war eindeutig zu Ende. Nirv kauerte in Embryo-Haltung auf dem Sofa. Seine Augen waren einen Spalt offen. Ich fragte mich, ob er wach war, oder schlief. Vor ihm auf dem Tisch lag eine weiße Medikamentenschachtel, aus der zwei Streifen mit blauen Tabletten hervor ragten. Drako rang mit seinen Lidern um einen ungetrübten Blick. Sue und ich ließen uns auf die Couch fallen. Drako schien munterer zu werden, versuchte jedoch vergeblich, seine Augen offenzuhalten. Mit gesenktem Kopf begann er zu lallen: «Jona, Alter. Ich habe Carla getroffen. Sie hat mir erzählt, was passiert ist. Zum Glück haben dich die Bullen nicht gekriegt. Bist echt sportlich, Mann.» Seine Augen waren geschlossen, als er den Satz beendet hatte.

«Was sind das für Tabletten?», fragte ich Sue. Sie zog einen Streifen aus der Schachtel, trennte sechs Pillen vom Plastik und teilte den Blister noch mal in zwei Hälften. «Dias, also Diazepam», klärte sie mich auf. «Ideal zum Runterkommen.» Sie drückte mir einen Streifen mit drei Pillen in die Hand. «Pass aber auf, dass du sie höchstens einmal in der Woche nimmst. Diese Teile machen verdammmt schnell abhängig.» Ich legte die Tabletten auf den Tisch. «Ich werde sie gar nicht nehmen», sagte ich überzeugt, fügte jedoch gleich darauf korrigierend hinzu, «… aber ich nehme sie mir für Notfälle mit, kann ja nichts schaden.» Ich steckte die Pillen in die Hosentasche und war fest davon überzeugt, sie niemals in meinen Verdauungstrakt zu befördern. Sue warf sich drei der Dias ein, rauchte einen Topf und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück. Keine Fünfzehn Minuten später war sie eingeschlafen. Ich rauchte die Mischung zu Ende, schnappte mir meine Umhängetasche und machte mich auf den Heimweg. Auf der Strecke von Nirvs Wohnung bis nach Hause wurde ich dreimal gefilzt. Zum Glück hatte ich nichts Illegales mehr in der Tasche. Die Tabletten durfte ich behalten. Ich behauptete, dass sie mir mein Arzt gegen Schlafstörungen verschrieben hatte. Damit kam ich durch. Als ich aus dem Zug stieg, fühlte ich mich, als wäre ich von einer mehrmonatigen Reise zurückgekehrt. Ich schleppte mich in schlafwandlerischer Sicherheit durch meine Heimatstadt. Mechanisch trottete ich in unseren Vorgarten. Meine Eltern saßen auf Liegestühlen im Schatten und lasen. Ich grüßte sie freundlich und wollte so schnell wie möglich in mein Zimmer, um mich endlich unter der Bettdecke verkriechen zu können. Meine Mutter musterte mich mit einem strengen Blick. «Du siehst schlecht aus, Jonathan. Hast du Drogen genommen?»

«Ne, ne. Wir waren bloß auf ein paar Partys am Wochenende. Ich habe wohl zu wenig geschlafen und ein bisschen viel getrunken. Wenn schon mal was los ist, dann will ich das auch genießen.»

Ich rang mir das natürlichste Lächeln ab, das ich zustande brachte.

«Ich hoffe, du passt auf dich auf, Jonathan. Du weißt, wir vertrauen dir.»

«Klar doch, Mama. Du, ich geh jetzt schlafen. Ich will ja morgen wieder fit sein.»

«Da ist übrigens ein Brief vom Gericht für dich gekommen.»

«Vom Gericht?»

«Hast du was angestellt?»

«Ach Ne, ich schau‘ mir das mal an.»

Ich schleppte mich zum Kuvert und öffnete es. Die Verhandlung. Sophies Eltern hatten Anklage gegen Herrmann erhoben. Es wurde also unserer Version geglaubt oder es hatte jemand von den anderen ausgesagt. Ich spürte, dass es trotzdem noch eine Möglichkeit gab, zumindest die Wahrheit herauszufinden. Ich war als Zeuge vorgeladen. Der Termin war in zwei Monaten. Das war lange genug weg, um die Panik vor der Aussage noch ein bisschen rauszuzögern. Meine Eltern kamen jetzt in die Küche und fragten nach. Ich gab ihnen den Schrieb und hoffte, der würde alles erklären. Aber sie hatten Fragen. Natürlich. Ich beantwortete sie so knapp ich konnte. Wenn das schon so anstrengend ist, wie wird das dann erst vor Gericht, dachte ich. Herrmann. Dieser Pisser. Er hatte Sophie geschubst. Und noch immer würgte er uns das rein. Meine Eltern waren schockiert, dass ich das nicht früher gesagt hatte, aber auch ein bisschen beruhigt, dass ich nur als Zeuge geladen war, also konnte ich mich bald abseilen. Als ich in mein Zimmer ging, war ich so fertig, dass ich mir sicher war, keine fünf Minuten mehr wach sein zu können. Zwei Stunden später wälzte ich mich noch immer im Bett – hellwach und weinerlich. Ich dachte an Sophie. Ich wollte unbedingt eine Lösung finden. Ich wollte endlich wissen, was da los war, aber ich konnte nicht daran denken. Ich konnte mich nicht von meinem eigenen Schmerz ablenken. Hinter meinen Wangen pochte es dump. Meine Muskeln zitterten. Schwer und schmerzend lagen meine Knochen auf der Matratze, umhüllt von meinem kraftlosen Körper. Ich war zu traurig, um einzuschlafen, doch viel zu müde, um meine Traurigkeit überwinden zu können. Nachdem ich mich zwei weitere Stunden im Bett gewälzt hatte, griff ich mir die Jeans, die am Boden lag, und holte die Tabletten heraus. Ich drückte zwei Dias aus dem Streifen, steckte sie in den Mund und spülte sie mit Mineralwasser in die Niederungen meines Stoffwechsels. Die dritte Tablette ließ ich in meinem Nachtkästchen verschwinden. Eine Viertelstunde später fühlte ich mich leichter. Es kam mir vor, als wären mein Körper und mein Geist von einem flüssigen Fell umgeben. Wenige Augenblicke später konnte ich schon nicht mehr unterscheiden, ob ich noch wach war oder schon träumte.


9

Die Tabletten dämpften mich noch den ganzen nächsten Tag. Als ich von der Schule nach Hause kam, fragte ich mich, was in den letzten Stunden passiert war. Ich erinnerte mich, dass ich fast die Treppe hinabgestürzt wäre, als mir meine Beine plötzlich wegsackten. Zu Hause wusste ich nicht mehr, ob mich Mitschüler oder Lehrer auf meinen Zustand angesprochen hatten. Ich war jedoch derart ruhig gestellt, dass mich das nicht berührte. Um halb sieben Uhr abends legte ich mich ins Bett. Keine zwei Minuten später war ich weg und wachte erst wieder auf, als mich mein Wecker in den neuen Morgen beförderte. Jetzt war der Kater weg. Ich fühlte mich sogar viel frischer als in den Wochen vorher.

Die Pause verbrachte ich an einer Säule am Springbrunnen. Ich blätterte gerade in Der Spieler, als sich ein Typ aus meiner Paralellklasse neben mich setzte. Ich tat so, als würde ich vertieft lesen, und hoffte, er würde gleich wieder verschwinden. Vergebens. Schüchtern tippte er mich an.

«Hey, du warst ja gestern ziemlich unterwegs. Bist ganz schön rumgesteuert.»

«Ja, scheiß Schnupfen», sagte ich.

«Glaub ich dir nicht.»

«Pass lieber auf, dass du dich nicht ansteckst.»

«Ach, nicht schlimm. Dagegen gibt’s Medizin.»

«Na dann.»

«Wo wir schon über Medizin reden.» Ich spürte, dass er mich anstarrte. Ich rührte mich nicht.

«Ich wollte dich fragen, ob du mir mal was besorgen kannst.» Jetzt drehte ich mich zu ihm. Er grinste. Ich musterte ihn mit einem herablassenden Blick.

«Geh‘ zum Arzt, wenn du was brauchst.»

«Sowas hat der nicht.»

«Was willst du dann von mir?»

«Ecstasy.»

«Aha.»

«Komm schon, jeder weiß, dass bei dir was geht.»

«Jeder weiß, dass bei mir was geht?»

«Klar. Also Kohle hab‘ ich.»

Ich dachte an den Typen im Syndrom, der sich mit den Pillen beinahe ins Jenseits katapultiert hätte. Dann an das Geld, mit dem ich meine Wochenenden finanzieren könnte, und ich dachte an das Gespräch mit Drako. Ich dachte: Wenn ich ihm die Pillen nicht verkaufe, holt er sie sich woanders. Außerdem hat er doch auch das Recht, sich abzudichten. Jeder sollte das dürfen, dachte ich. Ich sage einfach Ja zu diesem Bedürfnis. Ich sage sowieso Ja zu allem. Und das ist nicht unmoralisch. Das ist einfach mein Lebensgefühl. Ich hab‘ jetzt was zu geben. Wenn jemand was fragt, sage ich Ja. Nicht, weil ich kein Rückgrat habe, sondern aus Offenheit. Aus unzerstörbarer Neugier. Ich euphorisierte mich in Rage. Ich sagte ihm, dass er nach der Schule an der Mauer warten sollte. Den restlichen Unterricht über versank ich wieder in den Erinnerungen an die Partys des Wochenendes. Vergessen war der kahle Schmerz vom Sonntag. Alle Zweifel über Recht und Unrecht des Drogenkonsums waren weg. Ich war wieder aufgeladen.

Er wartete wie verabredet. Als er mich sah, stolzierte er mir mit aufgesetzter Lässigkeit entgegen. Er nickte mir kurz zu und passte sich meinem Gehtempo an.

«Wo musst du eigentlich hin?», fragte ich, um das nervtötende Schweigen zu durchbrechen. Wir mussten in die selbe Richtung und gingen gemeinsam zur Bushaltestelle. Dort stand sein Rad. Er sperrte es auf und schob es durch eine Hundertschaft lärmender Schüler. Mit beiden Ellbogen auf dem Lenker schlenderte er neben mir her. Wir schwiegen, bis wir in eine ruhigere Straße kamen. «Was willst’n du mit den Teilen?», wandte ich mich hochnäsig an ihn. Er grinste naiv. «Ach, weißt du. Ein Freund von mir hat einen Schuppen, den hat er zum Party-Häuschen umfunktioniert. Am Wochenende ist die Einweihung. Was zu rauchen haben wir schon. Jetzt brauchen wir nur noch ein paar Pillen.»

«An wie viele hast du denn gedacht?»

Seine Augen forschten in meinen abgewandten Gesichtszügen.

«Wie viel verlangst du für 15?»

«Äh … 400.»

«400? Kannst du da nicht noch was machen?»

«Ich krieg die Dinger auch nicht geschenkt, Mann. Aber weil ich dich mag, geb ich sie dir für 375, ok?»

«Wann hast du sie?»

«Ich sag dir morgen oder übermorgen Bescheid.»

«Cool, danke Mann. Du kannst ja auch zur Party kommen, wenn du willst.»

Ich lehnte dankend ab.

«Also, ich muss jetzt hier lang. Wir sehen uns», sagte ich knapp.

«Bis morgen, Jonathan.» Ich hatte ihm meinen Namen noch nicht gesagt. Wahrscheinlich war ich doch nicht so isoliert, wie ich immer gehofft hatte.

Zu Hause holte ich mir das Telefon ins Zimmer und wählte Nirvs Nummer. Nachdem es gefühlte 200 Mal geläutet hatte, hob Drako ab. Er raunte ein heiseres «Ja, bitte?» in die Leitung.

«Hier ist Jona. Alles klar bei euch?»

«Jona, schön deine Stimme zu hören. Ich hab ’ne neue Zeitungslieferung bekommen. Hab ganz schön viel auszutragen. Wär‘ cool, wenn du am Wochenende kommst und mir ein bisschen zur Hand gehst.»

«Hab‘ ich eh vor. Aber hier hat sich auch was ergeben. Jemand aus meiner Schule will die Zeitung für 15 Monate abonnieren. Ich hab ihm gesagt, für 375 Mark bekommt er sie ins Haus geliefert.»

«Passt. Mach auch mal Werbung für die anderen Magazine aus unserem Verlag. Das Sortiment wird immer reichhaltiger …»

«Du solltest auch mal wieder was anderes machen, als nur zu lesen.»

«Ach, für ein bisschen Bildung ist man nie zu müde. Also, Jona. Ich schick‘ dir die Lektüre zu. Freu mich schon, dich am Wochenende zu sehn.»

«Ich freu‘ mich auch. Also dann, bis Freitag.»

«Hau rein.»

Das Paket lag Donnerstag Mittag im Postkasten. Die Pillen steckten in einer Kassettenhülle. Darüber klebte ein Streifen Diazepam. Ein kleiner Zettel segelte aus dem Umschlag. Darauf stand: «Kleines Bonbon für den Austräger. Aber erst nach dem Essen naschen.» Ich steckte den Streifen zu der Tablette, die vom Wochenende noch übrig war. Die Dias reichen jetzt sicher für ein halbes Jahr, überschlug ich großzügig. Am nächsten Tag setzte ich mich mit Pete, so der Name des Typen, nach der Schule unter die Alzbrücke. Ich zeigte ihm die eingeschweißten Pillen. Er holte das Geld aus der Tasche. Passend zählte er es mir in die Hand. Ich gab ihm die Tüte.

«Na dann mal viel Spaß auf deiner Party.»

«Danke, Mann. Ich sag dir am Montag, wie es gelaufen ist.» Er verabschiedete sich. Ich blieb sitzen und zündete mir den Joint an, den ich während des Unterrichts im Schulklo gebaut hatte. Die Alz floss ruhig an meinen Füßen vorbei. Ich lehnte mich zurück und blies den Rauch über das schleimige Grün des Flusses. Mein qualmender Atem zerfiel über dem Wasser zu unsichtbarer Atmosphäre. Leise kringelten sich die letzten braunen Blätter durch die Luft. Lautlos landeten sie auf der sanften Strömung. Für eine Sekunde waren die Kreise zu sehen, die sich von der Eintauchstelle des Blattes ausbreiteten. Dann glich der Rhythmus des Flusses seine Oberfläche der Strömung an und spülte das Laub entschlossen mit sich fort.


Mein Zug fuhr um drei. Zuhause packte ich eilig ein paar Sachen zusammen. Um eine große Diskussionen mit meinen Eltern war ich herum gekommen. Bevor ich gegangen bin, hatten sie nochmal gesagt: «Wir vertrauen dir.» Aber daran hatte ich mehr zu Knabbern, als nach einem stundenlangen Streit. Ich kam mir vor wie ein Betrüger. Um halb vier war ich wieder in München und verwandelte mich. In der Stadt fühlte ich mich angenehm klein, als wäre mein Betrug ein Vergehen, das so gering ist, dass es hier niemand bemerkt.



10


November 1996. Inzwischen fuhr ich jedes Wochenende nach München. Da ich mich im Kakophon nicht mehr blicken lassen konnte, ging ich in die grüne Arterie oder ins Cafe Styx. Meistens in Begleitung von Sue, Drako und Nirv. Oft auch allein. Es fiel mir nicht schwer, neue Leute kennenzulernen. In mir wüteten die Wechselwirkungen von Kokain, Amphetaminen, Haschisch und Benzodiazepinen. Die Drogen machten mich entschlossen und gesellschaftsgeil. Inzwischen hatte ich mir einen Kundenstamm aufgebaut, der sich jedes Wochenende erweiterte. Geld hatte ich mehr, als ich ausgeben konnte. Pete war inzwischen Stammkunde. Seine Partys liefen offenbar sehr gut, weshalb er jetzt beinahe jedes Wochenende eine veranstaltete. Die Pillen, die er dafür benötigte, orderte er bei mir. Ich bekam sie von Drako mit der Post geschickt. Bis zum Prozess war es noch ein Monat. Ich hatte Drako von dem Termin erzählt. Danach hatten wir das Thema nicht mehr an uns heran gelassen. Es lief alles viel zu gut. Unsere Wahrnehmung war ein permanenter Orgasmus geworden. Alles außerhalb dieser orgiastischen Zone ignorierten wir. Im Cafe Styx hatte ich zwei Wochen zuvor Eyrin getroffen. Sie war mit ein paar Freunden dort, die ich alle nicht kannte. Ich merkte, dass Eyrin in mir die Gedankenlosigkeit sah, der sie selbst nie verfallen würde, weil sie zu diszipliniert, zu charakterstark, zu zielstrebig war. Während wir durch den Kunstpark spazierten, erzählte sie mir von ihren neuen Freunden: den Jungen Grünen. Ihre überzeugten Sätze spannten sich wie ein straffes Seil über den Abgrund, der zwischen uns klaffte. Ich versuchte, über dieses Seil zu ihr zu gelangen, stürzte jedoch schon nach zwei Schritten ab. Eyrin sagte mir, dass ich sterben würde, wenn ich so weitermache. Ich erwiderte ihr, dass sie recht habe, und fragte mich dabei, wo ich die nächste Line ziehen würde. Sie fragte mich, ob ich nicht Interesse hätte, den Grünen beizutreten, neue Aufgaben zu übernehmen. Ich sagte ihr, dass mich meine momentanen Aufgaben schon voll und ganz zufriedenstellten – solange die Dosis stimmte. Wir verabschiedeten uns mit einer kurzen Umarmung und dem Versprechen, uns in der darauffolgenden Woche anzurufen. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört.


Ich war seit 48 Stunden auf den Beinen, als ich mit Drako, Nirv und Sue am Sonntagmorgen in Nirvs Wohnung taumelte. Als wir uns über die Couch ausgebreitet hatten, legte Drako ein paar Zellophankügelchen auf den Tisch. Ich hatte diese Art der Verpackung noch nicht gesehen. Interessiert musterte ich die Plomben.

«Heute gab’s kein Diazepam. Ich habe uns stattdessen eine Alternative besorgt», erklärte er. Er öffnete eins der Kügelchen und schüttete das braune Pulver auf den Glastisch.

«Eigentlich halte ich nichts von Heroin», sagte Nirv.

«Wieso denn nicht?»

«Das ist Assi.»

«Nicht wenn wir es nehmen», erklärte Drako ruhig.

«Wie willst du’s nehmen?»

«Rauchen.»

«Ja, das ist ein Kompromiss.»

«So krass ist das auch gar nicht», sagte Drako. «… das ist wie mit allem. Man muss halt einfach aufpassen.» Er faltete einen Fünfzigmarkschein. Nirv kramte Alufolie aus dem Küchenschrank und riss ein breites Stück von der Rolle. Er faltete es mehrmals, bis es einen soliden Eindruck machte. Dann legte er das Behältnis auf den Tisch. Drako träufelte mit einer Scheckkarte etwas Heroin auf das Blech. Nirv wölbte die Folie, sodass das Pulver an einer Stelle blieb. Drako nahm den gerollten Schein in den Mund und entzündete sein Feuerzeug auf der Unterseite der Alufolie. Schnell beugte er sich mit dem Schein über das glimmende Pulver und sog den süßlichen Rauch auf. Er wiederholte den Vorgang ein paarmal, dann ließ er sich stöhnend in die Couch zurücksinken. Seine halbgeschlossenen Augen thronten jetzt starr über seinen leisen Atemzügen. Seine Pupillen waren nur noch als kleine, gespitzte Körnchen erkennbar. Es erschreckte mich nicht, ihn so zu sehen. Ich fand, dass er jetzt ein Geheimnis ausstrahlte. Eines, das ich unbedingt erfahren wollte. Natürlich wusste ich, dass Heroin Gift war, aber das war alles andere, was wir uns einpfiffen, auch. Und enttäuscht hatten mich diese ganzen Gifte noch nie, also zögerte ich nicht, sondern freute mich auf die nächste Steigerung. Ich hielt die Folie fest, während Nirv sein Blech rauchte. Sue war unterdessen dabei, ein paar Lines zusammenzuschieben.

«Rauchst du oder ziehst du, Jona?»

«Ich zieh‘ lieber. Ich will mich ja nicht abschalten. Ich will nur ein bisschen ruhiger werden.» Sie schnappte sich den Schein und zog sich die Line je zur Hälfte in ihre Nasenlöcher. Dann drückte sie mir den Schein in die Hand. Ich steckte ihn in mein linkes Nasenloch und schniefte die Spur in einem Zug weg. Ein herber Geschmack sank durch meinen Rachen. Sue übergab sich ein paar Minuten später. Langsam und leise grinsend kam sie von der Toilette zurück. Kurz darauf merkte auch ich die ersten Anzeichen. Das Heroin schlich sich sehr sanft in meine Blutbahn. Die Lust auf Benzos war jetzt komplett weg. Das hier war besser. Und das war erst der Anfang. Vorhin war ich noch lustlos und schläfrig gewesen – jetzt saß ich in stiller Zufriedenheit zwischen meinen Freunden. Ich war angenehm gedämpft und trotzdem voller Tatendrang. Dieser warme Kontrast zwischen Schläfrigkeit und Energie passte sich auch noch genau meinem Willen an. Ich konnte die Wirkung des Heroins modellieren. Das begeisterte mich so sehr, dass ich es am liebsten allen sofort erzählt hätte. Aber es wirkte nicht so, als wäre grade jemand empfänglich dafür. Still und begeistert beobachtete ich weiter: Ich wusste jetzt, dass äußerliche Schmerzen nicht bis zu mir durchdringen konnten. Und jeder innere Schmerz war in eine raumlose Entfernung gerückt.


Meine Eltern waren mit der Zeit immer misstrauischer geworden. Wenn ich zu Hause war, saß ich meistens in meinem Zimmer und wich ihnen, so gut es ging, aus. An diesem Sonntag half ich meiner Mutter beim Kochen. Ich aß mit meinen Eltern zu Abend und unterhielt mich seit Langem wieder ausführlich und ungezwungen mit ihnen. Wieso hatte ich das nicht immer so gemacht?, dachte ich mir, als ich später aus der Dusche stieg. Am Abend setzte ich mich ins Wohnzimmer und spielte mit meinen Eltern Scrabble. Ich genoss den Abend. Als ich mich später ins Bett legte, gab mir das Heroin einen dicken Gute-Nacht-Kuss.


Am nächsten Morgen ging ich wieder zu Fuß zur Schule. Jetzt wusste ich: ich würde mich wieder ins Zeug legen. Noch war es nicht zu spät, sich an der FOS anzumelden. Ich begann, mir eine Zukunft mit Abitur auszumalen. Ich dachte nach, was ich studieren würde, welche Uni für mich in Frage kommen würde.

Kurz nach der Pause wurde ich ins Rektorat gerufen. Da meine Mutter im Elternbeirat saß, fand ich es nicht weiter verwunderlich. Vielleicht sollte ich irgendeine Einladung abholen. Unbekümmert setzte ich mich auf die kleine Stuhlreihe neben dem Lehrerzimmer. Ein paar Minuten später öffnete sich die Tür. Pete schlich mit gesenktem Kopf heraus. Der Direktor folgte ihm. Er begleitete ihn, bis Pete die Tür des Sekretariats hinter sich geschlossen hatte. Dann drehte er sich um, grüßte mich und bat mich in sein Zimmer. Nun war alles klar. Mit pochendem Herzen setzte ich mich auf den kleinen Sessel vor dem Schreibtisch von Herrn Hildesheim. Er sah mir lange in die Augen. «Jonathan, ich habe dich zu mir gebeten, weil viel darauf hindeutet, dass du hier an der Schule Drogen verkaufst.» Ich schwieg. Mein Blick fraß sich in den Kugelschreiber, der vor einem Block auf dem Schreibtisch des Rektors lag.

«Die Eltern eines Schülers haben bei ihm Pillen gefunden. Er hat ihnen erzählt, dass auf den Festen von Peter Anstürmer mit diesen Drogen gedealt wird. Ich habe alle Schüler befragt, die seiner Aussage nach etwas mit diesen Partys zu tun haben. Es wurde auch dein Name genannt, Jonathan. Genaugenommen wurdest du sogar als Hauptlieferant für diese Feste bezeichnet. Was sagst du dazu?»

«Was soll ich sagen?»

«Du musst nichts sagen, wenn du nicht willst. Wir werden jetzt trotzdem einen Drogentest bei dir machen. Wenn er positiv ausfallen sollte, müssen wir dich leider von der Schule verweisen. Falls du mir was zu sagen hast, kannst du das gern tun, Jonathan. Ich will dich nicht ungerecht behandeln.»

Ich schüttelte den Kopf.

«Dann lass uns mal ins Sekretariat gehen.» Er erhob seinen hageren Körper, das rotgeäderte, durchfurchte Gesicht mir zugewandt. Ich stand auf und ging vor ihm aus dem Zimmer. Im Sekretariat empfing uns Frau Grimm, mit der ich in den letzten vier Jahren schon öfters zu tun gehabt hatte und die immer freundlich lächelte, wenn sie mich sah. Nun lächelte sie nicht. Ein kleiner Plastikbecher stand vor mir auf der Theke. Die Sekretärin richtete ihren weit entfernten Blick auf mich. «So, Jonathan. Hier ist dein Becher. Hinter der Tür ist eine Toilette. Herr Hildesheim wird dich beaufsichtigen.» Das war zu viel für mich. Wenn ich schon gehen musste, wollte ich mir wenigstens ein letztes bisschen Selbstachtung bewahren. Ich zog die Hose runter, knetete ein paarmal meinen Schwanz und begann, unter den ungläubigen Blicken des Direktors und der Sekretärin, den Teppich zu bepinkeln. «Da habt ihr meine Pisse. Untersucht damit, was ihr wollt!»


Auf dem Weg zurück in die Stadt dachte ich nach. Das mit der Selbstachtung hat schonmal nicht geklappt. Das mit der Schule? Hm. Ist das jetzt gut oder schlecht, von der Schule zu fliegen? Erstmal gut, dachte ich. Erstmal ist das sehr gut. Ich kurier mich einfach ein bisschen in München aus und dann mach ich frisch weiter. Momentan hat das ja eh keinen Sinn mehr gehabt. Den ganzen Tag steuerte ich ziellos durch die Stadt. Am frühen Abend ging ich nach Hause. Mein Vater war noch im Laden. Meine Mutter war daheim. An ihrem Blick erkannte ich, dass sie Bescheid wusste. Wir setzten uns in die Küche und schwiegen. Die Stille im Raum wurde nur vom hypnotischen Klang der tickenden Uhr durchschnitten. «Was soll jetzt nur werden, Jonathan? Hast du dir das mal überlegt?» Meine Mutter sah mich eindringlich an, wandte ihren Blick nicht einen Milimeter von meinen Augen ab. «Ich bin enttäuscht von dir. Ich habe gedacht, ich könnte dir vertrauen.» Ich konnte nicht antworten. Mein Kehlkopf wurde immer schwerer. «Hat das was mit dem Gericht zu tun? Wirst du unter Druck gesetzt?» Ich schüttelte den Kopf. Ein stechendes Gefühl breitete sich in meiner Kehle aus. Da war jetzt schon so viel passiert, dass ich unmöglich ganz von vorn anfangen konnte. Ich hätte alle meine Kraft gebraucht, ihr das jetzt alles so zu erklären, wie es war. Aber diese Kraft hatte ich jetzt nicht. Anstatt mich an meine Mutter zu wenden, die trotz allem hinter mir stand, sprang ich einfach auf, rannte in mein Zimmer und schloss mich ein. Ich schnappte mir meine Umhängetasche, steckte die 300 Mark ein, die ich in den letzten Wochen gespart hatte, und packte ein paar Klamotten in die Tasche. Meine Mutter klopfte gegen die Tür. Ich öffnete die Balkontür, sprang hinunter in den Garten und lief in Richtung Stadt. Am Caroplatz wartete der Bus nach Grafing. Mit dem kam ich immerhin bis zur S-Bahn.


11


Ich kam nüchtern in München an. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich es zuletzt bis zum Abend ausgehalten hatte, nüchtern zu bleiben. Im Moment störte es mich auch nicht, dass ich nicht berauscht war. Meine Hoffnung ergoss sich in die Schritte, denen ich folgte. In die Freiheit folgte, wie ich mir ausmalte. Als ich durch Giesing schlenderte, holte mich allmählich die Realität ein. Mir wurde kalt. Ich begann zu realisieren, in welchem Abseits ich war. Aber trotzdem gab es jetzt nur einen möglichen Ort auf dieser Welt für mich: Nirvs Wohnung. Ich klingelte lange. Der Summer tönte ausdauernd und einladend. Ich lief das Treppenhaus hoch, eilte mit großen Schritten durch den Gang und schlüpfte durch die angelehnte Wohnungstür. Ich zog die Tür hinter mir zu und trat ins Wohnzimmer. Das gedimmte Rotlicht verbarg die kauernden Silhouetten von Drako und Nirv. Vom Plattenspieler tönte Puff, the Magic Dragon. Drako hing in der Couch, hob die Hand langsam zum Gruß und versuchte vergeblich, die Augen offenzuhalten, als er mich begrüßte. «Jona. Was verschafft uns die Ehre deines Besuchs?», lallte er. Ich setzte mich aufs Sofa und erzählte ihnen, was passiert war. Nirv, der ebenso schläfrig wie Drako auf der Couch lag, rang sich eine genuschelte Antwort ab: «Ach, das is immer so. Leute, die im Schulhof pöbeln, die andere erpressen oder zusammenschlagen, bekommen einen Verweis, wenn überhaupt. Aber du, der du absolut friedlich bist, wirst sofort vor die Tür gesetzt. Das ist die Logik, in der wir Leben, Mann. Das ist unser paradoxes Zeitalter.» Sein Kopf war mehrmals zur Brust gesunken, während er diese Worte gesprochen hatte.

«Meinst du, ich kann ’ne Weile bei dir pennen?»

«Klar. Fühl dich ganz wie zu Hause.» Nirvs Augen waren halb geschlossen. Er hatte den Mund leicht geöffnet und atmete wie im Tiefschlaf. Drakos Kinn neigte sich ständig in Richtung seiner Brust. Seine Augen ruhten reglos. Ich warf meine Tasche in die Ecke und suchte auf dem Tisch nach einer Mischung. Neben einem verrusten Löffel sah ich ein paar geschlossene und ein paar leere Plomben liegen. Eine Dose Ascorbinsäure stand zwischen zerknüllten Zeitungsresten. Davor kauerte ein Beutel Einwegspritzen. Ich stupste Nirv an und fragte ihn, ob eine Mischung da war. Er verneinte. Er bot mir an, was von dem H zu nehmen. Ich machte mir eine ordentliche Line, zog sie mir die Nase hoch und lehnte mich zurück. Ich wurde gelöster. Bald war ich wieder dankbar für das alles. Ich wusste, dass alles in Ordnung kommen würde, oder vielmehr, dass alles in Ordnung war. In meiner schmerzfreien Optik war jeder zweifelnde Gedanke nur unausgereifter Ballast aus längst überwundenen Tagen. Bald fühlte ich mich so unantastbar gut, dass ich mir nicht einmal vorstellen konnte, dass dieses Gefühl vorbei sein würde, wenn die Droge nicht mehr wirkte.


Solange es noch Tage gab, an denen wir ohne Shore auskamen, blieb das Thema Abhängigkeit eine Legende, die von Junkies gesät wurde, deren Gier über alle Grenzen hinausgeschossen war. Die Zeit gab uns zunächst recht. Aus einer Laune heraus verzichtete ich am Wochenende auf Heroin. Es gelang mir ohne Probleme. Die Selbstbeherrschung, die ich mir so eindrucksvoll bewiesen hatte, belohnte ich mit einer ordentlichen Nase H. Ich wusste ja, dass ich Herr der Lage war. Wir gingen inzwischen nur noch selten in den Kunstpark. Mit dem Interesse an Heroin sank unsere Lust am Weggehen. Die aggressive Musik berührte uns nicht mehr. Sie war ein stressiger Fremdkörper geworden. Auch die Lichter der Clubs, die noch vor wenigen Wochen so chaoswütende Reflexe aus uns hervorgekitzelt hatten, waren zu einer schmerzhaften Verschwendung des Augenlichts verkümmert.

Die meiste Zeit saßen wir jetzt in Nirvs Wohnung und zelebrierten die Illusion, unsere Kreativität ausleben zu können. Drako stand am Synthesizer oder zupfte Riffs auf der Gitarre, die er sich gekauft hatte. Oft war er jedoch so abgedichtet, dass ihm der Kopf auf die Brust sank, während er spielte, und die Gitarre ihm aus den Händen glitt und zu Boden fiel. Nirv hatte seine Liebe zur Malerei entdeckt. Die Staffelei vom Flohmarkt hatte er am Fenster positioniert. Wahnhaft portraitierte er die Szenerie vor dem Haus. Er ging oft an die Universität zum Aktzeichnen und versuchte, seine Gemälde anschließend an der Leopoldstraße zu verkaufen. Die Bilder, für die er keine Käufer finden konnte, hing er sauber gerahmt in der Wohnung auf. Innerhalb kürzester Zeit bedeckten seine Gemälde fast jeden freien Zentimeter Wand. Die Bude wirkte allmählich wie die Ruine eines anarchischen Künstler-Kollektivs. Überall auf dem Boden waren zerknüllte Blätter verteilt. Farbspritzer klebten auf dem Lampenschirm und am Kühlschrank. Nirvs Farbtuben lagen meistens auf dem Teppich, klemmten in der Couch oder schwammen zwischen dem chronisch verdreckten Geschirr in der Spüle. Die Kassetten, auf die Drako seinen Sound aufnahm, verteilten sich über den Boden. In den Raum geworfene Schallplatten und Bücher türmten sich zu heimtückischen Stolperfallen. Dazwischen kauerten halbleere Tassen, zerbrochene Teller und überquellende Aschenbecher. Mitten in dieser verschachtelten Unordnung hatte ich mir ein Eck eingerichtet. Ich hatte mir auf dem Flohmarkt eine alte Schreibmaschine gekauft und tippte darauf abgehobene Gedichte, die ich entweder Sue schenkte, oder gleich wieder zerriss. Sue kam fast jeden Tag nach der Schule in die Wohnung. Sie versorgte uns mit Zeichenblöcken, Lexika oder Stiften, die sie geschenkt bekam oder in ihrer Klasse mitgehen ließ. Sue und ich verbrachten Stunden Rücken an Rücken. Ich schrieb ihr ein Gedicht, sie zeichnete eine Karikatur. Danach tauschten wir die Zettel aus und kritisierten unsere Arbeiten, bis wir uns so in Rage geredet hatten, dass wir aufeinander losgingen, um uns halbernst zu prügeln oder zu ficken. Der Sex litt allerdings sehr unter meinem Heroinkonsum. Oft bekam ich keine Erektion, erschlaffte zwischendurch oder brauchte ewig, um zu kommen. Dennoch war ich von einer derart starken Gier nach Zärtlichkeit und körperlicher Nähe besessen, dass ich mich ständig an Sue lehnte und pausenlos versuchte, ihre Leidenschaft hervorzukitzeln, was mir zum Glück noch ab und zu gelang.

Eine Zeitlang hatten wir viel mehr Geld, als wir brauchten. Wir genossen diese Freiheit, aßen in teuren Restaurants, kleideten uns in Designerklamotten und fuhren grundsätzlich mit dem Taxi durch die Stadt. Ich lud Sue aufs Bob-Dylan-Konzert ein, ging mit Drako in die Oper und ins Theater. Nirv ließ sich einmal in der Woche eine Prostituierte kommen, die er, nachdem sie ihn verwöhnt hatte, schick zum Essen ausführte. Um unseren Lebensstandard aufrechtzuerhalten, dealten wir mit allen Drogen, die wir bekommen konnten. Drako holte alle paar Tage Nachschub an Pillen und Speed. Nirv besorgte Koks und was zu rauchen. Da ich nie was aufstellte, erklärte ich mich bereit, die Portionierung zu übernehmen. Manchmal saß ich den halben Tag vor der Waage und verpackte die Pulverbriefchen im Akkord. Die Kunden kamen direkt in unsere Wohnung und holten ihren Stoff ab. Einen Großteil des Gewinns investierten wir gleich wieder in Heroin. In dieser Zeit hatten wir immer so viel H, dass es mindestens für eine Woche reichte. Drako und Nirv spritzten jeden Tag, setzten sich oft schon am Vormittag den ersten Druck. Ich zog nur. Meistens ließ ich mir damit Zeit bis zum Abend.

Es dauerte mehr als zwei Monate, bis sich bei mir die ersten körperlichen Entzugserscheinungen einstellten. Gleich nach dem Aufwachen spürte ich eine merkwürdige Unruhe. Unter meiner Haut kribbelte es, ich schwitzte leicht und fühlte mich schwach und kränklich. Drako, der sich gerade einen Schuss setzte, sah mir in die Augen.

«Du hast ganz schön große Pupillen, Jona. Jetzt ist es bei dir wohl auch so weit: du bist auf Entzug.»

«Das soll ein Entzug sein?»

«Wart’s mal ab.»

Das schockte mich weniger, als ich vermutet hatte. Der Zustand fühlte sich nicht so schlimm an. Aus den Boxen dröhnte Hyper Ballad. Das Lied überfuhr mich mit einer Intensität, auf die ich nur mit Tränen antworten konnte. Eine Regung, zu der ich unter dem Einfluss des Heroins kaum fähig gewesen wäre. Doch Drako hatte recht. Es blieb nicht bei dieser romantischen Verstimmung. Bald begann mein Magen zu drücken und zu stechen. Allein der Gedanke an Essen verursachte ein unangenehmes Gefühl in meinem ganzen Körper. Ich konnte nicht mehr stillsitzen, aber auch der Gedanke, nach draußen zu gehen, verursachte Schweißausbrüche. Wenn ich auf H war, las ich oft stundenlang. Als ich jetzt Das obszöne Werk zur Hand nahm, in dem ich gestern euphorisiert gelesen hatte, fühlte ich mich schon nach zwei Seiten so erschöpft, dass ich das Buch wieder weg legte. Drako und Nirv hatten noch etwas Heroin, aber es war so wenig, dass auch sie damit gerade so durch den Tag kommen würden. Meine Dosis war nun nicht mehr eine Laune der Selbstgefälligkeit, die Dosierung war jetzt ein mathematisch festgelegter Wert ohne Spielraum. Ich sprang unter die Dusche und brauste mich kalt ab. Ich lieh mir Nirvs Walkman und machte mich auf den Weg zur U-Bahn. An der Münchner Freiheit stieg ich aus. Zu Fuß lief ich bis zur Giselastraße und setzte mich auf eine Bank neben ein abgerissenes Pärchen. Das ist also jetzt meine Szene, dachte ich und ekelte mich vor mir selbst, vor den Drogen, vor dem Pärchen neben mir. Ich wartete, bis die Kältewelle wieder verebbt war, und nutzte die nun ansteigende Hitze dazu, mich an das Pärchen zu wenden und ihnen ein geheimnisvolles «H?» entgegenzuflüstern. Das Mädchen kicherte. Der Typ sah mich grimmig an.

«Verpiss dich, sonst betonier ich dir eine, du dreckiger Junkie!» Drohend hob er die Bierflasche. Ich ging ein paar Bänke weiter, bis ich außer Sichtweite war. Die Unruhe drängte immer stärker durch meinen Körper. Wenn ich mich dann kurz erhob und ein paar Schritte ging, fühlte ich mich gleich wieder so schwach, dass ich mich hinsetzen musste. Irgendwann erschien eine ganze Gruppe blasser Gestalten. Ein paar von ihnen verschwanden in einem Imbiss, zwei setzten sich auf eine Bank in meiner Nähe. Ich folgte einem Impuls, stand auf, setzte mich neben sie und wiederholte mein mechanisches «H?» Ohne seinen Gesichtsausdruck zu ändern, nickte mir einer der beiden Typen zu. Er zog eine Plombe aus seinen Socken und zeigte sie mir.

«Kann ich das Pulver sehen?», fragte ich.

«Das geht hier nicht, Mann. Du kannst mir schon Vertrauen. Das ist guter Stoff. Ich hab ihn heute selber schon genommen.»

Ich wusste, dass es so lief. «Wie viel?»

«25», sagte er. Ich zog die Scheine aus der Hose und hielt sie ihm entgegen. Er steckte sie ein und ließ das Heroin in meine Handfläche fallen.

«Bist du öfter hier?»

«Jeden Tag. Schau mal wieder vorbei.» Ein kühles Lächeln kroch über sein eingefallenes Gesicht. Ich lächelte zurück, stand auf und ging zu Fuß zur nächsten U-Bahn-Station. Aus dem Walkman dröhnte Love Will Tear Us Apart. Ich fühlte mich ruhiger.



12


Er hatte mich nicht gelinkt. Es war Heroin, so viel stand fest. Ich schob mir eine Nase zurecht und zog sie gierig in meinen aufgescheuchten Stoffwechsel. Gleich darauf rotzte ich eine zweite, rauchte einen Topf und breitete mich auf der Couch aus. Nirv war beim Einkaufen. Drako schrieb an einem Songtext. Im Zimmer war es ruhig. Nur das leise Schaben des Kugelschreibers war zu hören. Das Geräusch beruhigte mich. Bald wurden meine Augen schwer. Ich hielt sie immer länger geschlossen. Irgendwann merkte ich, dass ich geschlafen haben musste. Mein Magen fühlte sich jetzt ruhig an. Ein friedliches Gefühl loderte in mir. Ich hatte Lust zu lesen, zu schreiben. Auch mein Appetit war zurückgekehrt. Ich sprang auf und tänzelte mit leichten Schritten zum Kühlschrank. Er war ziemlich leer. Ich holte mir die letzten beiden Becher Milchreis raus, stellte Wasser für Tee auf die Herdplatte und setzte mich wieder auf die Couch. Es ging mir so gut, dass ich gar nicht mehr wusste, wie sich der Affe angefühlt hatte. Doch das Heroin wirkte bei Weitem nicht mehr so lange wie noch vor ein paar Wochen. Nach zwei Stunden hatte ich Lust auf die nächste Nase. Drako setzte sich gerade einen Schuss. Ich sah, wie er abdrückte, die Spritze aus seinem Unterarm zog und zufrieden stöhnend zurück in die Polster glitt. Wie von selbst formulierte sich meine Frage: «Sag mal, Drako, habt ihr noch ’ne saubere Spritze? Ich will mir heute auch mal einen Hit genehmigen.» Er sah mich fragend an. Bis jetzt war ich mehr als befriedigt, wenn die Harmonie des Opiats meine Stimmung nur beiläufig untermalte. An diesem Tag brach aber meine Neugier durch. Ich dachte, wenn ich schon abhängig von dieser Substanz bin, will ich wenigstens wissen, was sie kann. Ich merkte Drako an, dass er sich nicht wohlfühlte bei dem Gedanken, mir einen Schuss zu setzen. Andererseits schien er auch viel zu breit zu sein, um nach vernünftigen Gegenargumenten suchen zu können. Er nuschelte irgendwas von: «Pass auf dich auf, Jona», nahm sich einen verrußten Löffel vom Tisch, träufelte ein bisschen Zitronensäure darauf und gab das H darüber. Er zündete sein Feuer an und hielt es unter den Löffel, bis die Flüssigkeit zu kochen begann. Dann legte er das Innere eines Zigarettenfilters auf die blubbernde Mischung. Die Nadel hielt er quer auf die vollgesogene Glaswolle. Schließlich zog er die Spritze auf. Ich legte meinen Arm abgewinkelt auf mein Knie. Meine Venen hoben sich so weit von der Haut ab, dass ich sie nicht mit einem Gürtel abbinden musste. Drako schlug mit dem Handrücken zwei-, dreimal auf die anvisierte Stelle. Er setzte die Spritze an. Langsam und gezielt drückte er die Nadel in das Blutgefäß. Ich war so von Adrenalin überflutet, dass ich den Schmerz des Einstichs kaum spürte. Drako zog ein bisschen Blut in die Spritze, wartete, bis es sich mit der Flüssigkeit vermengt hatte. Dann drückte er mir das Heroin in den Kreislauf. Er zog die Spritze aus meinem Arm. Ich drehte mich zu ihm und sackte zusammen. Es war ein Gefühl, als würde ich durch meinen eigenen Körper stürzen und gleichzeitig die Schwerkraft durchbrechen und abheben. Ein Schrei aus Hitze durchbrach meine Magenwand. Mein Pulsschlag verteilte sich im Raum. Kleine Stacheln regneten auf meine Haut. Ich hing in der Luft und sah mir beim Atmen zu. Dann wurde es dunkel. Als ich aufwachte, fühlte ich mich noch immer zerschossen. Drako saß neben mir auf der Couch. Er zupfte auf der Gitarre herum. Was für ein Tag, dachte ich. Drakos Musik ließ mich klarer werden. Da war doch was, dachte ich. Ich überlegte. Jetzt fiel es mir ein.

«Welches Datum haben wir heute, Drako?»

«Woher soll ich das wissen?»

«Ich glaube, heute ist Sophies Prozess.»

Drako hörte zu spielen auf. Er blickte finster vor sich hin.

«Bist du dir sicher?»

«Ziemlich.»

«Egal», sagte er «Das ist nicht Sophies Prozess. Das ist gar nichts. Show ist das. Eine beschissene Show, die keine Sau interessiert.»

«Wir sind vorgeladen.»

«Na und. Willst du so vor Gericht?»

Ich konnte kaum die Augen offen halten. Ich musste mich anstrengen, die Worte halbwegs verständlich rauszubringen.

«Nein.»

«Ich auch nicht. Ich kann einfach nicht.»

«Ich würde schon gern wissen, was da passiert.»

«Ich nicht. Ich bin da raus, Mann. Ich bin da endlich raus. Jetzt muss ich einfach nur schauen, wie ich selbst damit klar komme.»

«Und wenn sie den Typen frei sprechen?»

«Dieser Typ ist mir egal! Er existiert nicht für mich. Er ist tot, nicht Sophie, verstehst du?»

Ich versuchte es zu verstehen. Ich nickte. Ich wußte nicht, was ich sagen soll. Ich lehnte mich zurück, um nachzudenken, aber der Schuss wirkte noch so stark, dass er mich wieder zurück in den Schlaf drückte.


Als ich aufwachte, saß mir Sue auf der Couch gegenüber. In der Hand hielt sie Bleistift und Zeichenmappe. Nirv stand am Herd. Er wendete einen Pfannkuchen. Aus der Dusche drang ein gleichmäßiges Plätschern und Drakos summende Stimme. Ich roch die Pfannkuchen und bekam Hunger. Ich setzte mich zu Sue und begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange.

«Na, Penner. Alles klar? Ich hab‘ gehört, was du gemacht hast.» Sie musterte mich scharf, griff nach meinem Arm und begann, darauf herumzudrücken. «Na, wo ist denn das Löffelchen hin?» Sie zwickte sich über meinen Unterarm aufwärts. «Ein Löffelchen für heute, ein Löffelchen für morgen, ein Löffelchen für die Hinterbliebenen.» Sie drückte mir ihren Fingernagel fest in die Armbeuge. Ich zuckte, war aber zu dicht, um mit mehr als einer müden Geste darauf zu reagieren. Sie küsste die Einstichstelle.

«Ja, du denkst, du bist jetzt verliebt und alles läuft so weiter. Aber diese Liebe ist ’ne Hure, Jona. Eine geile Sau, die dir jeden Wunsch von den Augen abliest. Eine Meisterin der geheimsten Stellungen. Eine Hure, die so schön ist, dass du ihre infizierte Möse erst bemerkst, wenn ihre Keime schon an jeder Zelle deines Körpers kauen. Sie lädt dich ein, gibt dir die ganze Nacht umsonst, und du besorgst es ihr unermüdlich. Das machst du ’ne Weile, dann fängt sie an, dich um’n bisschen Geld zu bitten. Du gibst es ihr gern, weil sie noch immer gut fickt. Doch sie verlangt jetzt immer mehr. Irgendwann wirst du die ganze Nacht in ihrem Zimmer sitzen, dich um Geld streiten und nicht mehr zum Ficken kommen. Wenn du sie dann verlassen willst, wird sie dir an den Rücken springen und sich mit ihren Fingernägeln zu deinem Brustkorb durchgraben, um dich am Gehen zu hindern. Wenn sie dich dann am Boden hat, lässt sie dich zur Versöhnung noch mal ’nen Blick auf ihre Möse werfen und wenn sie sieht, dass du wieder geil geworden bist, wirft sie dich raus und erinnert dich an das Geld, dass du ihr noch schuldest. Inzwischen weißt du, dass sie ’ne Fotze ist, aber wenn du ihr genügend Geld in die Tasche steckst, fickt sie dich noch immer so gut, dass du das gerne vergisst. Wenn du ihr Spiel lange genug mitspielst, erlebst du noch die Syphillis, die sie dir angehängt hat. Wenn du sie zu langweilen beginnst, legt sie dir während deines Orgasmus die Füße um den Hals und drückt zu, bis du mit verdrehten Augen am Boden liegst. Da bleibst du. Und sie bittet den nächsten Freier aus der Schlange ins Zimmer.» Sue sagte das in einem beiläufigen, fast amüsierten Ton. Das war zu viel für mich. Als Nirv einen Teller mit Pfannkuchen auf den Tisch stellte, klärte er mich auf.

«Denk dir nichts, Jona. Sue hatte heute eine Klausur. Ihre Spickzettel hängen ihr immer noch in den Augen.»

«Wie meinst du das?»

«Naja, sie hat sich auf jedem Augapfel ein Löschblättchen LSD zergehen lassen. Ich glaube, die nächsten 24 Stunden werden sie nicht schlecht beschäftigen.»

Ich drehte mich um und sah ihr ins Gesicht. Ihre überdimensionierten Pupillen flatterten in ihren Augen wie Rettungsplanen der Feuerwehr.

«Ach Sue, ich kann kaum die Augen offenhalten, und du bist viel wacher, als du sein solltest. Lass uns in der Mitte zusammenkommen, ja?» Sue drückte ihre obere Zahnreihe auf meine Nasenscheidewand und hauchte:

«Ich halte die Mitte für ein Gerücht.» Sie legte ihren Zeigefinger auf meine Lippen und lächelte euphorisch.

«Komm mit. Ich weiß, wo es ist.»

«Was weißt du? Wo was ist?» Sie nahm meine Hand und zog mich hinter sich her.

Wir eilten durch den Gang, durchs Treppenhaus, durch die Straßen. Es regnete. Es war Winter geworden. Ich hatte nur eine dünne Strickjacke an, Sue trug ein kurzes rot-schwarz gestreiftes Kleid, eine graue Strumpfhose und hohe schwarze Lederstiefel. Sie rannte mir voraus. Ihre Locken verspritzten trübe Frostperlen. Das Kleid klebte ihr am Körper. Meine Jeans haftete an meiner Haut, rieb immer fester an meinen Oberschenkeln. Trotzdem spürte ich keine Kälte. Wir rannten in eine U-Bahn-Station, stolperten durch die Eingangshalle und hasteten die Treppen runter. Langsam betraten wir den Bahnsteig, auf dem sich ein paar gelangweilte Fahrgäste die Beine vertraten. Wir gingen auf den hinteren Schienenstrang zu. Sue deutete mit dem Kopf in die Röhre, drehte sich kurz um, schwang sich um die Absperrwand und schlenderte mit breiten Schritten in den U-Bahn-Tunnel. Ich sah mich um. Niemand nahm von uns Notiz. Ich kletterte um die verspiegelte Tür. Gemächlich stapfte ich in den Schacht. Sue kauerte am Boden. Sie sprang mich an wie eine hungrige Katze. Ich ließ mich fallen. Wir rollten uns über den schmalen Gehweg neben dem Gleis und küssten uns. Ich nahm eine von Sues tropfenden Haarsträhnen in den Mund. Sie schmeckte nach Haarschaum. Ich küsste sie, um den synthetischen Geschmack der Strähne wieder loszuwerden. Aus dem Tunnel drang ein zischendes Geräusch. Eine blasse Lichtfontäne glitt an der Mauer entlang und breitete sich strahlend neben uns aus. Die U-Bahn ratterte an uns vorbei, stöhnte taktfremde Quietscher an die Wände. Sue fuhr mit den Händen über meinen Arsch, tauchte mit ihrem Mund meinem Hals entgegen. Ich spürte ihre Zähne an meiner Kehle. Sie biss zu. Ein kurzes Würgegefühl durchfuhr mich. Instinktiv schnellte ich mit dem Kinn nach unten und knallte es gegen Sues Stirn. Sie ächzte. Ich spürte, wie sich ihre Fingernägel in meine Leiste bohrten. Ich rutschte von ihrem Körper und drückte ihr meine Faust in die Rippen. Ein ersticktes Kichern torkelte aus ihrer Kehle. Ich stürzte mich auf sie, zog ihr die Strumpfhose von den Schenkeln und tastete mich über ihre Schamhaare. Als ich die Spitze eines Härchens zu fassen bekam, riss ich es mitsamt der Wurzel aus. Sue zuckte. Kreischend sprang sie auf und rammte ihren Kopf in meinen Magen. Ich nahm sie in den Schwitzkasten. Sie fuchtelte mit den Armen wild in der Luft herum und knallte mir ihre Faust ans Kinn. Ein kurzer Schwindel durchschwemmte mich. Ihre Zähne bohrten sich durch die Jacke in meinen Oberarm. Ich schrie auf und ließ sie los. Sue fiel zurück. Seltsam kauernd verharrte sie. Ihre zerwühlten Haare bedeckten ihr rot angelaufenes Gesicht. Sie keuchte, atmete laut und schnell und blickte mir düster entgegen. Mein Kinn dröhnte. Aus meinem Kehlkopf spannten sich dünne Stiche. Die Bissstellen auf meinem Oberarm schmerzten. Sue schloss die Augen, ließ sich auf den Boden fallen und blieb regungslos liegen. Ich sprang auf sie, legte mein Ohr auf ihren Mund, rieb meine Ohrmuschel über den sanften Speichelfilm ihrer Lippen. Dann kühlte ich die feuchte Stelle in ihrem gleichmäßigen Atem. Ihre Hände lockerten meine Hose. Ich ließ Jeans und Unterhose um meine Oberschenkel baumeln, rollte Sues Kleid hoch und tastete mich zu ihrem Kitzler vor. Sie hob die Beine an und legte sie mir auf die Schultern. Ich rieb meinen Schwanz an ihrer Möse, bis er steif wurde. Dann drang ich langsam in sie ein. Sue strampelte mit den Beinen. Sie stöhnte gurgelnd, während sich das Licht der nächsten U-Bahn näherte. Der Gedanke, dass ein vollbesetzter Zug nur wenige Meter neben uns vorbei fuhr, erregte mich. Während das Licht des letzten Waggons verblasste, spritzte ich Sue auf den Bauchnabel. Der Orgasmus wuchtete mir ein Prickeln unter die Haut, das vermischt mit der flüssigen Wärme des Opiats zu einer Hymne der Lasterhaftigkeit gerann. Ich ließ mich fallen. Sue schlug mir ihre Fersen auf den Rücken.

«Noch mal, du Schlappschwanz. Besorg’s mir jetzt mal ordentlich. Sonst beiß ich dir den Pimmel ab und lass ihn ausstopfen. Dann steht er wenigstens, wenn er stehen soll.» Ich drückte ihr meine Hand in die Schamlippen und drang mit den Fingern in sie ein. Ich strich über ihren Kitzler. Sue wand sich über den Boden, ließ ihren Kopf kreisen und presste die Augenlider zusammen. Ich nahm ihre Hand und führte sie an meinen Schwanz. Sie ließ sie locker hängen. Ich schlug ihre schlaffen Finger so lange gegen meinen Penis, bis er steif wurde. Dann drang ich wieder in sie ein.

Die nächste U-Bahn donnerte an uns vorbei. Wir waren beide jetzt nüchterner. Durch das sexuelle Hochgefühl an den Rausch erinnert, drängte meine Gier in die nächste Ekstase: Ich war geil auf einen Schuss. Eine penetrante Unruhe breitete sich in mir aus. Sue hatte es allerdings nicht eilig. Tropfend lehnte sie an der Wand. Sie öffnete ihre blauen Lippen schwelgerisch für die Zigarette. Ich kauerte am Stahlgeländer und hielt meinen hungrigen Blick in den U- Bahn Tunnel. Sue sah mich unschuldig an.

«Wieso nimmst du Drogen, Jonathan?» Ich schmunzelte spöttisch, versuchte eine spontane Antwort zu finden und blieb stumm.

«Ich meine, hast du dir schon mal wirklich Gedanken gemacht, warum gerade du süchtig geworden bist?» Zögernd suchte ich den Kontakt zu Sues Augen. Klar hatte ich darüber nachgedacht, aber ich hatte noch nie darüber gesprochen – mit wem auch? Sophie war tot, und Nirv und Drako waren viel zu zugedröhnt für solche Gespräche.

«Süchtig. Das ist so ein hochtrabendes Wort», versuchte ich mich rauszuwinden.

«Das Wort beschreibt dich perfekt. Man braucht nichtmal ein Zweites. Du bist einfach: Süchtig. Süchtig. Süchtig. Süchtig.»

«Danke, dass du mich dran erinnerst.»

«Gerne.»

«Ja, ich weiß das doch auch nicht. Das ist noch zu früh, das alles zu erkennen.»

«Zu früh? Vielleicht gehst du heute noch drauf. Was ist daran denn bitte früh?»

«Also bildlich gesprochen.»

«Das ist verdammt nochmal nicht bildlich gesprochen! Das ist jetzt Realität, Mann!»

«Ja, du hast ja Recht.»

«Jona, ich mag dich, aber manchmal bist du wirklich ein Idiot.»

«Ok, dann hast du ja den Grund: ich bin süchtig, weil ich ein Idiot bin.»

«Du machst es dir zu leicht. Mit allem. Du denkst zu viel und zu wenig. Und du machst das so, dass nie was dabei rauskommt.»

«Wieso denkst du, dass dann ausgerechnet jetzt was rauskommt?!»

«Ich will nur wissen wie du tickst.»

«Das merkst du doch. Das kannst du in mir lesen wie in einem offenen Buch.»

«Nein, kann ich nicht. Ich muss mich vortasten bei dir. Durch’s Dunkel tasten manchmal.»

«Sorry.»

«Ich dachte, du würdest das merken.»

«Das ist immer so ne Sache.»

«Also, warum bist du süchtig, Jona?»

«Weil ich nicht weiß, wer ich bin!»

«Wow. Das klingt präzise.»

«Es ist die Kurzform.»

«Ich glaube, dass du weißt, wer du bist, aber du traust dich nicht, das auch zu sein», sagte Sue.

«Ich glaube, eigentlich kann niemand wissen, wer er wirklich ist.»

«Doch, Jona, manche Menschen können das. Gar nicht mal so wenige.»

«Kannst du das?»

«Nein», gestand Sue.

«Warum bist du süchtig, hm?»

«Weiß nicht, ich habe diesen Drang zur Selbstzerstörung immer gespürt», sagte sie.

«Immer?»

«Ja, als Kind habe ich Tollkirschen gegessen, weil ich wissen wollte, wie es sich anfühlt, vergiftet zu sein. Ich habe mich neben tote Katzen gelegt und sie gestreichelt und mir dabei vorgestellt, dass mich jemand streichelt, wenn ich tot bin. Der Gedanke ans Sterben hat mich erregt. Lange bin ich nur zum Höhepunkt gekommen, wenn ich mich beim Sex totgestellt habe. Die Drogen haben dieses Gefühl irgendwann ersetzt. Durch sie habe ich mich tot gefühlt, wann ich wollte.»

«Willst du sterben?»

«Nein. Ich will den Tod nur verstehen. Dieser Gedanke lässt mich einfach nicht mehr los.»

«Verstehst du ihn jetzt schon ein bisschen besser als früher?»

«Ja, ich glaube schon.“

«Wie ist er so?»

«Ich glaube, er ist keine Bedrohung. Er ist nur entschlossen. Und wenn uns im Leben eine klare Linie fehlt, sehnen wir uns nach Entschlossenheit.»

«Ich sehne mich lieber nach einem Leben ganz ohne Entschlossenheit.»

Sue drückte mich von sich fort. «Schwächling. Unternimm doch was gegen deine scheiß Trägheit! Steh auf und werd erwachsen, Mann! Sieh endlich zu, dass du lebst!»

Ich richtete mich auf, lehnte mich ans Geländer und sah gelangweilt auf Sue herab. «Bleib mir vom Leib mit deinem Moralischen! Ich kann schon auf mich selbst aufpassen.» Ich schlenderte auf den Ausgang zu. Was bildete sich diese Klugscheißerin eigentlich ein, mir so ans Bein zu pissen? Dann erkannte ich, dass sie eigentlich nur die Wahrheit gesagt hatte, dass dies das Ehrlichste war, was ich seit Langem von einem Menschen zu hören bekommen hatte. Ich drehte um, lief zu ihr zurück, nahm sie in den Arm und bedeckte ihren Körper mit Küssen. Niemals wollte ich sie verlieren.



13


In der Wohnung stellten wir uns unter die Dusche und brausten uns die Gänsehaut vom Körper. Dann machten wir es uns auf der Couch bequem, wickelten uns in Decken und dichte Rauchwolken ein. Drako war schon seit einiger Zeit beim Aufstellen. Nirv kleckste, untermalt von dröhnendem Bebop, seine Befindlichkeit auf die Leinwand vorm Fenster. Je wohler ich mich fühlte, desto dringlicher wurde mein Verlangen nach einem Schuss. Das Gespräch mit Sue ging mir durch den Kopf. Ich versuchte, es mit einem Gefühl zu untermauern. Doch mein Gefühlshaushalt war wieder fest im Besitz der Droge. Bald setzte ich dieser Gier nichts mehr entgegen. Ich stürzte mich in sie, malte mir aus, wie wohl ich mich nach dem Schuss fühlen würde, wie klar die Welt unterm Mikroskop der Opiate erschien. Kurz darauf kam Drako zurück. Er knallte die Tür hinter sich zu, pfefferte die Schuhe durch den Raum und schmiss sich auf die Couch gegenüber von uns. «Was geht denn mit dir? Ist was passiert?», fragte ich. Er fuhr sich mehrmals hektisch durchs Haar, zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch schnaubend in die Atmosphäre.

«Es ist was passiert. Ich glaube, unsere Connection sitzt im Knast.» Nirv stellte den Pinsel ins Wasserglas. Er setzte sich neben Drako auf die Couch. «Wie das denn?», wollte er wissen. Drako starrte entgeistert an die Decke, dann wandte er sich an Nirv. «Vor dem Haus stand ein Polizeiwagen. Ich bin zur nächsten Telefonzelle und hab‘ angerufen. Dann ist ein Typ rangegangen, den ich nicht kannte. Ich glaube, das war ein Bulle.»

«Ach, könnte auch harmlos sein.»

«Ja, könnte! Aber Zeug haben wir trotzdem nicht!»

«Beruhig‘ dich, Mann.»

«Wie sieht’s bei dir mit Connections aus, Nirv?»

«Auch ein bisschen schäbig. Der Typ, bei dem ich immer das Koks geholt habe, verkauft nicht unter 20 Gramm, und er gibt auch nichts auf Kombi her. Das heißt, wir bräuchten jetzt sofort 1400 Mark. Wie sieht es bei euch mit Gagen aus?»

«Ich habe noch ein bisschen mehr als 20 Mark», sagte Drako.

«Wenn’s hochkommt kann ich vielleicht ’nen Fünfziger zusammenkratzen», meinte ich.

«Bei mir sieht’s ebenso düster aus. Mehr als 50 Mark werde ich kaum flüssig machen können, und die Überweisung von meinem Vater kommt erst wieder in drei Wochen», sagte Nirv. Eine drückende Stille lastete im Raum, bis wir uns alle gleichzeitig zu Sue drehten.

«Jungs, vergesst es. Ich habe nicht mal genug Geld, um mir ein anständiges Pausenbrot zu kaufen. Und selbst wenn ich was hätte, ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ich 1400 Mark zusammenkratzen könnte.» Wieder legte sich ein Schweigen über den Raum, das nur dem knisternden Glimmen unserer Zigaretten wich. «Also», durchbrach Drako die Stille, «… mit dem H und dem Geld, das wir haben, kommen wir noch heute und morgen über die Runden. Danach wird’s eng. Wir müssen morgen auf jeden Fall schauen, dass wir irgendwas klarmachen können. Entweder Stoff oder Geld. Am besten versuchen wir es getrennt. Einer schaut, dass er an der Giselastraße ein bisschen mehr auf Kombi aufstellen kann. Einer schaut am Hauptbahnhof, und einer klappert die Ärzte ab. Was meint ihr?»

«Bleibt uns wohl nichts anderes übrig», erwiderte Nirv.

Ich nickte abwesend. Verzweifelt klammerte ich mich an die warmen Schübe, die blass an das einstige Hochgefühl erinnerten. Dann versuchte ich mich krampfhaft in den Schlaf zu stürzen, bevor die Wirkung der Droge nachlassen und das Schlafen unmöglich werden würde. Ich schmiegte mich an Sue und lauschte an ihrer Haut den Klängen ihres Herzschlags. Sue ließ ihre Hand meinen Oberschenkel hinaufgleiten, ruhte mit ihren warmen Fingern auf meiner erhitzten Hüfte. Ich wusste, dass sie heute hier schlafen würde. Das beruhigte mich ein wenig. Sue schlief oft in der Wohnung. Wir verstanden uns auf einer Ebene, die sie spüren ließ, wann ich sie brauchte, und die mich spüren ließ, wann sie mich brauchte. Heute brauchten wir uns beide. Wir bewegten uns nicht mehr und warteten eng umschlungen auf die Nacht, die uns endlich von der Last des Wachseins befreien würde.


Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich allein. Der Entzug saß mir schon im Nacken. Meine Muskeln fühlten sich morsch und klapprig an. Bevor ich überhaupt fähig war aufzustehen, griff ich mir das Päckchen mit dem Heroin. Ich schnappte mir einen Löffel und kratzte das Pulver darauf. In seltsamer Routiniertheit bereitete ich mir die köchelnde Suppe zu. Ich drückte mir die Spritze in dieselbe Vene wie am Tag zuvor, zog vorsichtig Blut in die Kanüle und pumpte mir die Droge in den Kreislauf. Stöhnend sank ich zurück in die Couch. Die Schwere meiner Glieder löste sich schlagartig auf. Kurz schien es, als würden sich auch meine Muskeln auflösen. Für Sekunden lag ich wie um meinen Körper verteilt. Dann kam ich wieder zu Bewusstsein. Jetzt erst konnte ich mich auf mein Umfeld konzentrieren. Auf dem Tisch lag ein Zettel. Ich schnappte ihn mir und hielt ihn mir direkt vor die Augen. Es dauerte eine Weile, bis ich verschwommen ein paar Buchstaben entziffern konnte.


Sind schon los. Nirv klappert ein paar Ärzte ab. Ich bin am Bahnhof. Schau du an die Gisela und versuch, ein bisschen was auf Kombi rauszuholen. Lass noch was von dem H übrig.

Drako


Ich zerknüllte den Zettel und warf ihn auf den Boden zum restlichem Müll. Obwohl ich mich fit fühlte, spürte ich schon wieder den drohenden Entzug. So macht das wirklich keinen Sinn, dachte ich. Ich richtete mich auf, schleppte mich ins Bad und betrachtete meine Visage im Spiegel. Auf meiner Stirn war mit Lippenstift ein Fadenkreuz gezeichnet. In der Mitte war der Abdruck eines Kussmundes zu sehen. Darunter stand Sues Name. Ich drückte meine Stirn gegen den Spiegel und ließ meinen Kopf langsam sinken. Dann spritzte ich mir kaltes Wasser ins Gesicht. Ich warf noch einen letzten Blick in das Spiegelglas, durch das sich jetzt ein zerfahrener roter Strich zog. Meine Stirn war sauber. Ich konnte mich einigermaßen gerade halten. Genau der richtige Moment, um aufzubrechen.



14


Ich stapfte angestrengt gerade Spuren auf die frische Schneedecke der Giselastraße. Es war zehn Uhr vormittags. Die meisten Junkies kamen jetzt von ihrer Methadonausgabe oder von diversen Arztbesuchen zurück, um ihre Errungenschaften gewinnbringend loszuwerden. In einer Ansammlung blasser Gestalten erkannte ich den Typen, der mir gestern das Heroin verkauft hatte. Ich zwinkerte ihm zu. Er nickte, löste sich von der Gruppe und ging ein paar Schritte vor mir. An der Straßenecke bog er in eine kleine Seitengasse ein. Ich folgte ihm. Plötzlich blieb er stehen. Er neigte mir sein vernarbtes Gesicht entgegen.

«Ich hab heut kein H. Ich hab Morphiumkapseln. Absolut rein und noch im Streifen verpackt.»

«Wie viel für einen Streifen?»

«50.»

Ich hatte noch 55 Mark in der Tasche.

«Ich nehm sie, wenn du mir fünf auf Kombi gibst», bot ich ihm an.

«Kombi is nich, Mann. Dazu kenn ich dich nich gut genug. Zehn für 50. Weiter runter kann ich nicht gehen. Ich geb’s dir eh schon fast zum Einkaufspreis.» Ich wusste, dass das nicht stimmte. Höchstwahrscheinlich hatte er sie von irgendeinem Arzt auf Rezept bekommen und noch nicht mal für das Rezept was bezahlt. Aber ich hatte keine Wahl. Ich wollte so schnell wie möglich von dieser öffentlichen Szene weg, die nach Razzien und Infektionen stank. Ein bisschen wehmütig hielt ich ihm das Geld entgegen. Als er danach griff, zog ich den Schein zurück, riss ihm die Kapseln aus der Hand und begann zu rennen, so schnell ich konnte.

«Bleib stehen, du Asso!», grölte er mir hinterher. Ich hetzte um die Kurve am Ende des Blocks, sprang über eine kleine Hecke in einen Park und rannte gedankenlos immer weiter. Ich sah mich um. Er war mir viel zu dicht auf den Fersen. Er war größer und kräftiger als ich. Wenn er mich kriegen würde, hätte ich keine Chance. Ich stürzte ihm voran durch den Park, vorbei an jungen Müttern, trödelnden Rentnern und lahmarschigen Joggern. Das Heroin wirkte wie ein Dopingmittel. Gleichzeitig aber auch wie ein Leistungshemmer. Ich spürte durch die Droge keinerlei Erschöpfung, doch war ich so unsicher auf den Beinen, dass ich oft fast gestolpert wäre. Vor mir tauchte ein großer Zaun auf. Ich stieß mich aus vollem Lauf ab, kletterte die Absperrung hoch und schwang mich in dem Moment hinüber, als der Dealer nach meiner Ferse griff. Noch in der Luft setzte ich meine Laufschritte fort. Blindlings sprang ich in den nächsten Sprint. Am Ende der Straße drehte ich mich um. Der Typ stand keuchend an der anderen Seite des Zauns. Perplex schaute er mir hinterher. Ich zeigte ihm den Mittelfinger und lief weiter, bis ich mich zehn Minuten später in einer mir völlig fremden Gegend an eine Wand lehnte und einen Schwall Galle gegen die Hausmauer kotzte. Meine Lunge schmerzte. Ich konnte nicht halb so schnell atmen, wie mein Herz mir davonjagte. Als ich mich einigermaßen beruhigt hatte, zündete ich mir eine Zigarette an. Ich begutachtete meine Errungenschaft. Kurz sonnte ich mich im Licht meiner Impulsivität, bis ich mich zu fragen begann, zu welchem Preis ich mir diese vermeintliche Freiheit erkauft hatte. Die Giselastraße und womöglich ganz Schwabing waren für mich jetzt tabu. Ich konnte oder wollte mir nicht vorstellen, dass der Typ mich suchen würde. Aber auf jeden Fall bestand die Gefahr, ihm auf blöd in die Arme zu laufen. Ich musste vorsichtig sein. Das stand fest. Aber ich brauchte die Opiate. Das stand auch fest. Ich konnte mir das H nicht jeden Tag von Drako oder Nirv holen lassen, ohne selbst was beizusteuern. Doch ich war noch zu berauscht vom Heroin und meiner Flucht, als dass ich mir die Stimmung vollends vermiesen lassen wollte. Ich war noch viel zu nah an der Giselastraße, um mich schon sicher zu fühlen. Also ging ich zu Fuß. Da sich das Gehen jetzt leicht anfühlte, ging ich ganz bis zur Wohnung in Giesing. Eineinhalb Stunden später kam ich keuchend dort an. Schon im Flur drückten sich mir die düsteren Bässe der Sisters of Mercy entgegen. Drako und Nirv lagen ausgestreckt in den beiden Sofas. Die Jalousie war heruntergelassen. Im Raum war es düster. Ich machte Licht und stellte den Sound leiser. Drako hob langsam den Kopf und drehte ihn zu mir. «Wie is es gelaufen, Mann?», lallte er verwaschen. Ich legte den Fünfzigmarkschein und den Streifen Morphium auf den Tisch. Er griff sich den Blister, las den Namen am Rücken und nickte mir anerkennend zu. «Da hast du ja ein Schmankerl ergattert, Jona. Wie … hast du … das Geld auch noch … behal… » Sein Kopf neigte sich. Als er mit dem Kinn gegen die Brust schlug, schrak er auf, sah verwundert in den Raum, um gleich darauf wieder in den Sekundenschlaf abzusacken. Nirvs Arm hing schlaff von der Couch. Er wippte in den Wellen seiner spärlichen Atemzüge wie ein Floß im Strom des Meeres. Drako hatte offenbar etwas auf Kombi bekommen. Über den Tisch verteilten sich einige Päckchen Heroin und ein paar Streifen Flunitrazepam. Ich warf eine Handvoll Flunis ein, legte mich neben Drako auf die Couch und pennte durch bis zum nächsten Mittag.


Inzwischen wachte ich mit immer stärkeren Muskelschmerzen auf. Jeden Morgen fühlte ich mich unruhiger und schwächer. Nach dem ersten Druck des Tages spürte ich allmählich wieder Leben durch meine Adern fließen. Doch die Wirkung des morgendlichen Hits wurde immer schwächer. Ich brauchte jetzt mindestens dreimal Heroin am Tag, um das angenehme Gefühl bis zum nächsten Morgen zu retten. Mit den Tabletten, dem H und dem Morphium kamen wir keine Woche aus. Drako hatte von dem verbliebenen Geld noch mal ein knappes Gramm Heroin geholt. Auch hiervon einen Teil auf Kombi. Eigentlich hatten wir vorgehabt, etwas davon zu verkaufen, um von dem Gewinn ein paar Fünf Gramm-Päckchen holen zu können, und natürlich auch, um die Schulden zurückzubezahlen, die Drako bei dem Dealer am Hauptbahnhof hatte. Wir schafften es nicht, auch nur einen einzigen Krümel davon wegzugeben. Außerdem kannten wir niemanden, der an Heroin interessiert war, und auf die Straße gehen, um dort das Zeug zu verkaufen, wollte keiner von uns. Diese Gewissheit, dass der nächste Entzug schon fast da war, konnten wir ein paar Tage verdrängen, indem wir unseren Idealen nachhingen, schrieben, malten, komponierten und uns den Wanst mit zuckrigem Junk-Food vollschlugen. Einen Tag, bevor uns der Stoff ausging, warf Nirv einen Brief auf den Tisch. Er war von Sue.



15

Hey Jona,

hoffe, bei euch passt alles. Das ist der erste Brief, den ich seit Langem schreibe, und ich bin froh, dass du es bist, der ihn zu lesen bekommt. Bist mir echt wichtig geworden, du kleiner Spinner. Ich habe viel nachgedacht, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Zwar habe ich noch immer keine Ahnung, was mir mein Leben bedeutet, aber ich weiß, dass es mehr ist als nur Todessehnsucht. In diesem Abseits, in dem wir uns zu Hause fühlen, ist es leicht. Je öfter man den Dingen ausweicht, die einem unangenehm sind, desto mehr Kraft spürt man, um sie auch weiterhin zu ignorieren. Ich werde nichts mehr ignorieren. Ich hab‘ jetzt viel mehr Lust auf Gegenwart als auf Angst. Auf echte Gegenwart. Wie weit wir davon entfernt waren. Ich bin jetzt zum Entzug in die Psychiatrie. Hier in der Klapse fühle ich mich zum ersten Mal seit Langem richtig frei. Niemand verlangt hier etwas anderes von mir, als ich selbst zu sein und genau das ist das Problem. Das Ichselbstsein fühlt sich an, wie ein unbekanntes Land zu betreten: fremdartig und doch an allen Ecken vertraut, wie ein Land, das noch keine eigene Kultur hat, weil es nicht mal weiß, wo seine Grenzen verlaufen. Und wir haben geglaubt, wir könnten durch Drogen unseren inneren Reichtum entdecken. Bullshit. Es ist, als ob du auf einem Bildschirm rumtatschst, weil du denkst, du kannst das Programm manipulieren. Aber das Programm willst du nur manipulieren, weil dir irgendein Drecksack irgendeine Scheißsendung eingestellt hat und du zu doof bist, die Fernbedienung zu finden. Genau darum geht es, Jona, um die verfickte Fernbedienung. Ihr sitzt jetzt alle in Nirvs Bude, dicht bis in die Haarspitzen, und keiner von euch hat eine Ahnung, dass ihr euch da hirnverbrannten Mist reinzieht. Das Programm ist euch doch egal, verdammt. Euer Leben ist nur noch ein beschissenes Testbild, und ihr merkt es nicht mal. Klar, ich bin nicht schlauer oder weiter als ihr. Aber ich habe etwas gefunden, was ich noch bei keinem von euch gesehen habe: Vertrauen. Ich weiß, dass ich stark genug bin, um unabhängig zu sein. Und ich weiß, dass diese Worthülsen noch nichts besser machen. Aber immerhin kann ich meinen Abgründen die Macht nehmen, mein Denken zu kontrollieren. Schon allein dadurch, dass ich sie aus der Namenlosigkeit reiße. Ich bin drogensüchtig, nekrophil und habe keinen Plan, was ich auf diesem Planeten soll. Na und? Was kümmern mich diese Begriffe. Ich bin kein Begriff. Ich bin ein Mensch, und alles, was in mir brodelt und raus will, ist mein Leben; und solange ich das spüre, weiß ich, dass es weitergeht. Ich weiß nicht, ob du das verstehst, Jona. Ich habe Angst um dich. Ich habe Angst um euch alle. Aber ich kann nichts anderes tun, als dir zu wünschen, deinen eigenen Weg zu gehen. Ich habe hier begonnen einen Comic zu zeichnen. Ich habe mir auch ein paar deiner Gedichte mitgenommen. Wenn ich nicht schlafen kann, lese ich darin. Deine Worte beruhigen mich. Sie machen mir aber auch Angst. Angst davor, dass es die letzten Worte sein werden, die ich von dir höre. Wenn ich mit der Entgiftung fertig bin, ziehe ich zu meiner Tante nach Kempten. Ich werde die Schule fertig machen, studieren, leben. Ich hoffe, du kommst auch irgendwann zu der Erkenntnis, dass das Leben an sich eine starke Droge ist, die keine anderen Drogen lange neben sich duldet. Schreibe mir, wenn du dich zu einer Therapie entschlossen hast. Ich denke an dich.

Sue


Ich faltete den Brief zusammen, steckte ihn in meine Hosentasche und senkte den Kopf. Ich bewunderte Sues Stärke und vermisste sie noch mehr. Ich gab den Brief an Nirv weiter. Er las ihn.

«Als ob das alles so schlimm wäre», sagte er. Dann gab er den Brief an Drako weiter. Drako brauchte lange, bis er ihn durchgelesen hatte. Während er sich durch die Zeilen arbeitete, sank sein Kopf schläfrig dem Brief entgegen. Nach ein paar Minuten legte er ihn zur Seite. Er drehte sich zu mir. Mit seinen fast geschlossenen Augen schielte er halb an mir vorbei.

«Ach, Jonathan. Wir beide haben einfach kein Glück bei den Frauen.» Er legte sein Gesicht auf meine Schulter und drückte mir einen Kuss auf das T-Shirt. Dann reckte er sich wieder und ließ sich zurück auf die Couch fallen. «In gewisser Weise ist Sue uns doch weit voraus. Findet ihr nicht?» Meine Frage verhallte unbeantwortet im Raum. Drako lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und stieß ein leises Schnarchen aus. Nirv drückte sich gerade einen Schuss in die Wade und war so vertieft, dass er die Frage vermutlich gar nicht wahrgenommen hatte. Ich versuchte, über meine Zukunft nachzudenken, konzentrierte mich auf den Gedanken an ein nüchternes Leben. Es machte mir Angst. Inzwischen verband ich mein gesamtes Wohlbefinden mit der Wirkung des Heroins. Ich dachte, dass ich eines Tages die Stärke haben würde, dies alles zu überwinden. Diese Stärke würde sich mit der Zeit schon von selbst entwickeln. Damit hatte ich mir gleich noch die Rechtfertigung für den nächsten Schuss diktiert, denn wenn es noch nicht an der Zeit war, aufzuhören, dann konnte ich ja mit einigermaßen reinem Gewissen erst mal weitermachen. Ich tastete meinen Arm nach einer brauchbaren Vene ab und griff mir das Päckchen H, in dem nur noch ein paar staubige Krümel waren.



16


Das Heroin reichte noch für einen kleinen Schuss für jeden von uns, den wir uns gleich nach dem Aufwachen verpassten. Die Wirkung dieses Hits schien einer anderen Droge zu entspringen. Ich spürte weder Harmonie noch Erleichterung. Obwohl die Menge nicht viel geringer war als sonst, schien mir der Druck an diesem Morgen gerade so viel Beruhigung zuzugestehen, dass ich mir die ärgsten Schmerzen vom Leib halten konnte. Nichts erinnerte an das so vertraute Rauschgefühl. Ich fühlte mich, als hätte ich die Leichtigkeit, die ich in letzter Zeit schon fast als ein inneres Organ von mir betrachtet hatte, niemals erlebt. Jetzt gab es nur noch Gier. Wir verrückten die Couch, schmissen alle Klamotten aus dem Schrank, durchwühlten jede einzelne Tasche, suchten am Boden nach noch verwendbaren Filtern, stellten die gesamte Bude auf den Kopf, um noch ein paar Brösel zu finden und die Schmerzen des Entzugs wenigstens ein paar Stunden hinauszögern zu können. Es war hoffnungslos. Vergeblich hatten wir das Chaos in unserem Inneren auf die Wohnung übertragen. Das Einzige, was wir gefunden hatten, war eine alte Hasch-Mischung und ein paar Anti-Psychose-Pillen. Obwohl wir wussten, dass diese Neuroleptika nichts gegen unseren Zustand ausrichten konnten, die Schwäche eher noch verschlimmerten, warfen wir uns die Tabletten ohne zu zögern ein. Für einen Moment beruhigte mich allein der Gedanke, dass sich eine Substanz in meinem Kreislauf auflöste und bald schon wirken würde. Das blieb jedoch der einzige spürbare Effekt dieser Pille. Im Lauf des Nachmittags näherten sich die Entzugserscheinungen bei uns allen ihrem vorläufigen Höhepunkt. Nirv tigerte in der Wohnung auf und ab, kickte Papierkügelchen, Feuerzeuge und Kleidungsstücke durch die Gegend. Dann setzte er sich im Schneidersitz auf die Couch, schien sich in eine Meditation zu vertiefen, stand aber bald darauf entnervt auf, um weiter durch den Raum zu irren. Drako lag auf der Couch, wälzte sich von einer Seite zur anderen. Auf seiner Stirn glänzte der Schweiß. Er versuchte, sich einen Joint zu bauen, gab aber wieder auf, als er merkte, dass seine schwitzigen Hände das Zigarettenpapier aufweichten. Mit hohlem Blick klammerte er sich an die düsteren Bässe, die aus den Boxen dröhnten. Ich saß an der Schreibmaschine, tippte sinnlose Zeilen aufs Papier und suchte in der Beiläufigkeit der Sätze vergeblich nach Poesie. Mein Magen fühlte sich an wie ein Wespennest. Durch meine Beine kribbelte eine Spannung, die mich zwang, ständig die Füße zu bewegen. Meine Augen tränten. Ich gähnte im Sekundentakt. Dabei klafften meine Mundwinkel so aggressiv auseinander, dass ich mir fast den Kiefer ausrenkte. In der Zeit, in der ich auf H gewesen war, hatte ich starke Verstopfung. Die Entzugserscheinungen kehrten dies ins Gegenteil um. Ich rannte jede halbe Stunde aufs Klo, ließ meinen Dünnschiss in die Schüssel klatschen und krümmte mich minutenlang vor Krämpfen. Dann spritzte ich mir kaltes Wasser ins Gesicht. Aber als ich zur Tür draußen war, glitzerte schon die nächste Schweißschicht auf meiner Haut, zuckten bereits neue Krämpfe durch meinen Magen. Ich schleppte mich zurück auf die Couch und hüllte mich in eine dicke Decke, doch das Frösteln war stärker. Ich zitterte. Ich fühlte mich dem Frost ausgesetzt wie eine vergrabene Leiche dem Winter. Wenige Sekunden später begann mein Körper zu glühen. Ich schälte mich aus der Decke, rannte zum Fenster, riss es auf und steckte meinen Kopf in die Februarkälte. Für einen Moment fühlte ich mich wohl. Dann begann ich wieder zu zittern, stürzte mich der Decke entgegen und wickelte mich fest in sie ein. Heroin verdrängt die Sensibilität, dämpft Gefühle zu einer gleichgültigen Masse. Ich fühlte mich, als würden all die extremen Empfindungen, denen ich in letzter Zeit so elanvoll ausgewichen war, geballt durch meinen Körper fluten. Die Musik verstärkte diese Hypersensibilität. Ich wünschte mich in mein Zimmer zurück, sah mich am Mittagstisch mit meinen Eltern sitzen. Ich dachte an Eyrins Lächeln, an Sophie. Ich fühlte mich zurückversetzt in den Moment, in dem ich das erste Mal Drako beim Klavierspielen zugehört hatte. Jetzt sah ich wieder diesen lebensprallen Blick, den er während seines Solos ausgestrahlt hatte. Ich dachte an den sanften Geruch, mit dem Carla meine ersten Gefühle der Liebe getränkt hatte. Ich dachte an den keuchenden Sex mit Sue. An die Gespräche mit Sue. An Sue. An Sue. Meine Erinnerungen waren die letzten schwachen Signale, mit denen mein Geist den Wahnsinn der Gier ein wenig abschwächte. Durch jeden meiner Gedanken hämmerte bald ein alles übertönendes Verlangen nach Heroin. Dieses Verlangen bemächtigte sich jeder Pore, jeder Bewegung, sogar jedes Gegenstands, auf den sich mein Blick richtete. Die Versuche mich abzulenken waren so sinnlos, wie ein romantisches Picknick neben einem Raketenstart abzuhalten.

Am frühen Abend hielt es keiner von uns mehr aus. Die Wohnung war von einem kränklichen Gestank erfüllt. Wir mussten hier raus. Nirv griff nach dem Synthesizer. Drako ahnte, was er vorhatte. «Du wirst doch wohl nicht den Synthi verpfänden wollen? Bring halt ein paar von deinen Klamotten zum Leihhaus. Die meisten ziehst du doch eh nie an.»

Nirv zeigte sich unbeeindruckt. Er steckte die Kabel des Synthesizers aus. Drako schaute verzweifelt auf Nirvs entschlossene Bewegungen. «Ok, nimm einen Plattenspieler und das Mischpult. Ich war eh der Einzige, der hier jemals aufgelegt hat. Wir brauchen keine zwei Plattenspieler, einer reicht vollkommen.»

Nirv blickte auf.

«Ok, dann nimm den Plattenspieler und das Mischpult. Aber du trägst sie, Mann.» Nirv stellte den Synthesizer wieder auf den Tisch. Drako zog hektisch an den Kabeln und packte Plattenspieler und Mischpult vorsichtig in zwei Plastiktüten. Ich schnappte mir die Tüte mit dem Mischpult. Nirv stand am Schrank. Er besah seine Jacken.

«Da kannst du locker zwei entbehren, Mann», meinte Drako.

«Ich überlege, welche ich anziehen soll, nicht welche ich verkaufen will. Dass ihr mir bloß die Finger von meinen Klamotten lasst, klar Jungs?»

«Schon gut, du Ästhet. Beeil dich.» Nirv schlüpfte in seine Daunenjacke und zog nach sich die Wohnungstür zu. Wir eilten durchs Treppenhaus und stapften durch den pulvrigen Neuschnee in Richtung Pfandleihhaus.


Nirvs Plan war gewesen, 600 Mark für die Sachen zu bekommen, aber letztendlich musste er sich mit 100 zufrieden geben. Der Ladenbesitzer hatte sicher auf den ersten Blick gesehen, dass wir nicht in der Lage waren, lange zu verhandeln. Draußen steckte Nirv sich das Geld in die Socken.

«Du musst allein‘ was holen, Mann. Jona und ich können uns im Moment nicht in der Szene blicken lassen», sagte Drako.

«Schon klar, Jungs. Wartet solange bei mir. Ich bin in spätestens einer Stunde wieder da.» Nirv verabschiedete sich flüchtig und lief der nahen U-Bahn-Station entgegen. Drako und ich machten uns zitternd und schweigend auf den Weg zurück in die Wohnung. Wir drehten die Musik auf, wickelten uns in Decken und sehnten mit warmen Gedanken der Vorfreude Nirv herbei, oder vielmehr seine bräunliche Errungenschaft.

Um drei Uhr morgens kam er zurück. Drako und ich hatten uns die letzten Stunden verzweifelt über die Couch gewälzt, waren ziellos durch die Wohnung geirrt, hatten die letzte Flasche Wein in zwei Zügen geleert und waren mit jeder Minute näher an die Zerrissenheit geschlittert. Nirv wankte mit steifen Schritten in die Wohnung. Verwirrt sah er sich im Raum um, schaute mir in die Augen, als hätte er mich noch nie gesehen. «Wo warst du? Was ist los mit dir, Mann?», fragte ich. Er bewegte sich nicht. Seine weit aufgerissenen Augen zuckten wirr herum. «Ich hab immer gewusst, dass die Bullen hier Wanzen deponiert haben. Aber ich bin schlauer als die Scheißbullen. Ich bin schlauer.»

Nirv driftete in die Diele, brach die Kleiderstange aus dem Schrank und drosch damit auf die Regale und den Raumteiler ein. «Das war keine Möbelfirma, die mir die Bude eingerichtet hat, das war der Geheimdienst, um mich abhorchen zu können. Die Schweine! Elende Verräter!» Er schlug auf den Schrank ein, bis er über die zersplitterten Holztrümmer stolperte und zu Boden fiel. Drako warf mir einen eiligen Blick zu, stürzte sich auf Nirv und drückte ihm die Hände auf den Boden. «Was ist los mit dir, Mann!? Was hast du dir für einen Dreck eingepfiffen!? Du bist ja völlig im Arsch! Mit dem Krach hetzt du uns noch die Bullen auf den Hals.»

Nirv schlug den Kopf gegen den Boden, strampelte mit den Füßen und versuchte vergeblich, Drako von sich abzuwerfen.

«Ihr gehört auch dazu», keuchte er. «Ihr beide seid Bullen. Ich hab’s immer gewusst. Bullenschweine! Bullenschweine!!» Er schrie so entfesselt, dass ihm der Speichel aus dem Mundwinkel floss. Sein Kopf lief rot an. «Jona, ich kann ihn nicht mehr lange halten. Schau schnell in seine Taschen, ob er was dabeihat.»

Ich war wie gelähmt, konnte meinen schmerzenden Körper kaum erheben, doch ich wusste, dass bald die Bullen vor der Tür stehen würden und wir so schnell wie möglich von hier verschwinden mussten, am besten mit ein bisschen H. Ich kämpfte mich hoch, stolperte auf meine am Boden liegenden Mitbewohner zu und tastete mich durch Nirvs Taschen. Ich fand darin ein Papierbriefchen mit ein paar Bröseln Koks, eine Plombe mit einem Rest Heroin und ein Päckchen Crystal, in dem ebenfalls nur noch wenige Brocken lagen. Unter den Drogen war ein zerknüllter Zwanzigmarkschein. Ich steckte die Päckchen und das Geld ein. In Nirvs Jackentasche fand ich seine Pumpe. In der Kanüle glitzerten Spuren der Amphetaminkristalle. Vermutlich hatte er sich zuerst ein bisschen Heroin gegen den Affen gespritzt und sich gleich darauf einen Cocktail aus Crystal und Koks in die Venen gedrückt. Dieser Cocktail war wohl zu viel für ihn gewesen. Er lag sabbernd am Boden. Seine Augen starrten ins Leere. Er schrie an uns vorbei.

Drako drehte sich zu mir um. «Jona, schnapp dir den Synthesizer und ein paar Klamotten. Wir müssen uns von hier verpissen, und beeil dich bitte.» Ich sprang auf, stöpselte den Synthesizer aus, griff mir ein paar Jacken vom Boden und wickelte das Instrument darin ein. Dann schlüpfte ich in einen Anorak und warf auch Drako einen zu. Er deutete mit dem Kopf zur Tür. Ich stolperte zur Wohnung raus und steckte den Schlüssel von außen ins Schloss. Drako stürzte durch den Flur. Krachend landete er auf dem Gang der Etage. Ich knallte die Tür zu, drehte den Schlüssel um und ließ ihn stecken. Nirv hämmerte mit den Fäusten ein paarmal gegen die Tür, dann verliefen sich seine Schritte im Raum. Während sich Drako hochrappelte, eine Jacke überzog und den Synthesizer unter den Arm klemmte, drang aus der Wohnung ein schrilles Klirren. Wir spurteten durch den Gang. Als wir ins Treppenhaus stürzten, hörten wir einen dumpfen Aufprall im Gang, dann lauschten wir nur noch unseren Schritten, die uns immer weiter fort von diesem düsteren Haus trugen. In der nächsten Telefonzelle wählte ich den Notruf. Ich sagte, dass ein Freund von mir einen Nervenzusammenbruch hätte und dabei war seine Wohnung auseinanderzunehmen. Ich gab ihnen Nirvs Adresse. Als sie nach meinem Namen fragten, legte ich auf. Dabei fiel mir auf, dass ich noch nicht einmal wusste, wie Nirv wirklich hieß.


17


Es war vier Uhr morgens. In einem Park in Haidhausen kauerten wir uns auf eine abgelegene Bank. Jeder von uns trug drei Jacken. Trotzdem zitterten wir am ganzen Leib. Ich holte die zwei Päckchen und die Plombe aus der Tasche und zeigte sie Drako. Seine blauen Lippen formten sich zu einem flüchtigen Lächeln. Ich fand einen Flyer in einer der Jacken, verteilte das Heroin und das Koks darauf und vermischte beide Pulver zu einem weißlich-braunen Häuflein. Es reichte bei Weitem nicht, um zwei Leute abzudichten, doch es war genug, um wenigstens für ein oder zwei Stunden die Krämpfe und die Übelkeit zu vergessen. Da wir keinen Schein hatten, leckte ich mir über die Spitze meines Zeigefingers und hielt ihn auf das winzige Häuflein. Ich senkte meinen Kopf, steckte mir vorsichtig den Finger in die Nase und saugte mir das Pulver in die Blutbahn. Ich zog es immer tiefer in mich rein, so als könnte ich das ersehnte Gefühl für immer bei mir behalten, wenn ich die Droge nur tief genug in mir vergrub. Ich gab den Flyer an Drako weiter. Er nahm ihn, hob ihn an den Mund und leckte jedes kleine Körnchen von dem verjährten Szene-Zeugnis. Hinter uns knirschten vereinzelte Schritte über den nahen Gehsteig. Von den kahlen Bäumen rieselte der Frost. Der Boden hauchte uns seinen vereisten Atem an die Fersen. Ich setzte mich in den Schneidersitz, verschränkte die Arme und kauerte mich zusammen. Drako hatte die Beine übereinandergeschlagen. Seine Hände steckten in den Jackentaschen.

«Mann Jona, wo sind wir nur gelandet?“, fragte er.

«Keine Ahnung. Ich glaube, ich kenn‘ mich nicht mehr aus.»

«Wir sind einfach zu gierig, Mann.»

«Ich will mich einfach nur gut fühlen.»

«Ich glaub‘ das schaffst du.»

«Ja, ich weiß auch wie.»

«Das meine ich nicht», sagte Drako «… ich glaub‘ du schaffst es da wirklich raus, Jona.»

«Wenn dann schaffen wir es beide.»

«Nein. Ich will nicht mehr.»

«Sag‘ sowas nicht.»

«Ich sag‘ dir das, weil ich dich mag.»

Jetzt dachte ich an Nirv. Wie schnell das alles gegangen war.

«Hoffentlich fängt sich Nirv wieder», sagte ich.

«Ja, das sah krass aus.»

«Das kam echt plötzlich.»

«Ich glaube, ich bin auch ein bisschen psychotisch, Jona.»

«Wieso glaubst du das?»

«Ich höre Sophies Stimme. Aber ich höre sie nur, wenn ich nüchtern bin. Wenn ich breit bin, höre ich gar nichts mehr. Und ich will sie hören. Ich will diese Stimme andauernd hören. Aber solange ich dicht bin, hör‘ ich sie nicht. Und ich bin immer dicht. Einfach immer.»

«Glaubst du, wir wären auch hier, wenn Sophie noch da wäre?»

«Sie ist da. So wollen wir über sie reden, erinnerst du dich?»

«Ja.»

«Sonst würd‘ ich sie nicht hören, oder?»

«Ja.»

«Ich höre noch was. Andauernd höre ich es.»

«Was denn?»

«Kriegsopfer.»

Schweigen.

«In der Grundschule haben sie das geschrien», sagte Drako.

«Ja, ich erinnere mich.»

«Sie haben recht, Jona.»

«Quatsch.»

«Ich hab‘ das aber erst gemerkt, als ich hier war. Ich hab das erst gemerkt, als die das geschrien haben. Als Kind hab‘ ich nichts vom Krieg in Kroatien mitbekommen. Wir sind weg, bevor er ausgebrochen ist. Ich hab‘ hier das erste mal gemerkt, dass er Wirklichkeit ist. Und während mein Vater gekämpft hat, hab‘ ich hier das gleiche gemacht. Ich hab‘ einfach zugeschlagen.»

«Du hattest ein Recht dazu.»

«Nein, Mann. Ich hätte einfach abhauen sollen. Wenn es Krisen gibt, sollte man in Sicherheit. Man sollte in Ruhe überlegen können, was jetzt richtig ist. Ich glaube, das habe ich nie gemacht.»

«Das geht noch», sagte ich.

«Hier!? Jetzt?!»

«Wir können jetzt abhauen. Wir können immer wieder abhauen.»

«Ich nicht mehr, Mann. Ich hab‘ meine Reserven verbraucht.»

«Sag‘ sowas nicht.»

Drako schnippte seine Kippe gegen einen Baum. «Lass uns aufbrechen, Mann», murmelte er «…inzwischen fahren die U-Bahnen sicher schon wieder. Setzen wir uns in irgendein Fastfood-Lokal und hauen uns den Wanst voll.» Drako stand auf. Motivierend klopfte er mir auf die Schulter.


Aus der Ferne schimmerte uns das Licht der U-Bahn-Station entgegen wie das Banner eines Luxushotels. Als wir am Bahnsteig auf eine Bank sackten, schälte die Wärme sich durch meine brüchigen Hautschichten. Nach ein paar Minuten kam die U-Bahn. Wir stapften mechanisch in den Waggon. Erleichtert fielen wir in das weiche Sitzpolster. Ich schloss die Augen. Die Rückenlehne des Sitzes war so angenehm, dass ich im Halbschlaf an die Seite griff und vergeblich versuchte, das Polster wie eine Decke um mich zu wickeln. Wir fuhren stundenlang die Linie ab, bis wir wieder einigermaßen wach waren. Am Stachus stiegen wir aus. Es war halb zehn und noch immer scheißkalt. Ich zitterte und schwitzte wie ein Schwein. Ich hatte Hunger, doch beim Gedanken an Essen wurde mir schlecht. Orientierungslos irrten wir durch die Altstadt. In der Nähe des Sendlinger Tors ließen wir uns auf eine Parkbank fallen. Ich war so geil auf einen Schuss, dass ich dem nächsten Passanten ohne zu zögern ein Messer an die Kehle gehalten hätte, nur um ein paar Mark näher am erlösenden Hit zu sein. Drako stupste mich an.

«Hey, siehst du den Laden da?»

«Den Buchladen? Klar, was ist mit dem?»

«Na, schau dir das alte Teil mal an. Die haben sicher ’ne uralte Kasse. Da ist ’ne einzige Person im Laden und kein Kunde weit und breit.»

«Du kannst da aber nicht einfach so reinmarschieren und die Kasse mitnehmen, Mann.»

«Nein, so einfach ist es natürlich nicht.»

Es könnte klappen. Scheiße, es muss klappen, dachte ich, als ich die Buchhandlung betrat. Es roch wie im Laden meiner Eltern, das beruhigte mich ein wenig. Die Frau an der Kasse grüßte mich freundlich. Sie war jung, keine dreißig. Sie sah gut aus, schlank, alternativ, ein bisschen blass, aber sympathisch.

«Suchst du was Bestimmtes?», fragte sie mit einem Lächeln.

«Ja, äh, haben Sie was von Dylan Thomas?»

«Dylan Thomas? Ist ja interessant. Nach dem wird hier nicht oft gefragt.»

Schweiß verschmierte meine Achseln. Mein Puls hämmerte bis in den Hals.

«Ich zeig dir, wo er steht.» Sie führte mich durch den Laden in ein kleines abgelegenes Zimmer. Ich wusste, weshalb ich mich nach einem Lyriker erkundigt hatte.

«Hier hätte ich ’nen Sammelband. Deutsch-Englisch. Du kannst gern mal reinlesen.» Sie hielt mir das Buch entgegen. Ich nahm den Band und schielte zur Tür. Drako schlich in den Laden. Sie war dabei, sich umzudrehen und wieder zur Kasse zurückzugehen.

«Äh, entschuldigen Sie?»

«Ja?» Sie lächelte.

«Vielleicht hätte ich doch lieber was von Gottfried Benn.»

Ihr Lächeln wurde breiter. «Na, du weißt ja ganz genau, was du willst.»

«Es soll ein Geschenk für meine Mutter sein. Wissen Sie, sie ist auch Buchhändlerin.»

Ich spürte Schweißtropfen auf der Stirn. Meine Beine fühlten sich wacklig an. Mein Mund war ausgetrocknet. Sie kam einen Schritt näher. Ich sah, wie Drako um den Tresen huschte, sah seine Finger an der Kasse herumtasten.

«Gar nicht so einfach, was für jemanden zu finden, der vom Fach ist, was?», meinte sie und schenkte mir einen warmen Blick.

«Ach, was heißt das schon? Sie hat keine Ahnung von Büchern. Sie verkauft sie nur.»

Mein Puls stolperte durch jedes Wort. Meine Ohren dröhnten.

«Ich bewundere jeden, der es heute noch wagt, eine Buchhandlung

zu eröffnen», sagte sie, jetzt ernster.

«Wieso das denn?»

Sie sah mich entwaffnend an.

«Weil sich immer weniger Leute für Literatur interessieren. Wenn ich was verkaufe, dann sind das Thriller oder abgedroschene Liebesromane.»

Ich musste lächeln. Ich musste pissen. Ich begann, diese Frau zu mögen.

«Naja, meinen Eltern geht’s finanziell viel zu gut. Die stehn drauf, abgedroschenes Zeug zu verkaufen.»

Sie grinste, dann sah sie mir aufrichtig in die Augen. «Mal im Ernst, sei froh, dass es deinen Eltern finanziell gut geht. Ich bin schon zufrieden, wenn ich hier die Miete zahlen kann.»

Fuck, jetzt bloß nicht schwach werden, Mann. Ach, was machte diese Scheiße für einen Sinn? Ich senkte den Kopf.

«Hey, was hast du?»

Sie kam einen Schritt auf mich zu. Im Laden klimperte es. Sie drehte sich um. Drako stürmte zum Ausgang. Die Tür öffnete sich. Ein Kunde trat ein. Drako stieß den Mann um. Dabei stolperte er. Beide fielen zu Boden. Die Buchhändlerin sah mich entgeistert an. Dann rannte sie in den anderen Raum. Ich lief ihr hinterher. Der Mann hielt Drako am Bein fest. Drako kickte ihm seinen Fuß ans Kinn. Ich war einen Schritt hinter der Ladenbesitzerin. Sie war so aufgewühlt, dass sie mich nicht mehr wahrnahm. Ich stellte ihr ein Bein. Sie stürzte und knallte in ein Bücherregal, das sie unter dicken Wälzern begrub. Ich hastete zur Tür. Der Mann am Boden hielt sich den Unterkiefer. Blut rann ihm aus dem Mund. Ich drehte mich noch mal um. Die Buchhändlerin wälzte sich über den Teppich. Keuchend rieb sie sich die Schläfe. Ich half Drako auf. Wir rannten so schnell wir konnten, sprinteten durch die Gassen der Altstadt und hasteten weiter, bis wir in eine ruhige Wohnsiedlung kamen. Dort setzten wir uns auf den Boden eines Basketballfelds und keuchten uns die Erschöpfung aus der Brust.

«Scheiße Mann, wenn das so weitergeht, können wir uns bald nirgendwo in München mehr blicken lassen. Sie suchen uns ja jetzt schon an allen Ecken.»

«Egal. Wenn wir H und ein Hotelzimmer haben, passt das schon. Wie viel Geld haben wir?»

Drako griff in seine Hosentasche, holte ein Bündel Scheine raus und zählte es.

«550 Mark. Nicht die Welt, aber es reicht, wenn wir es gut anlegen.»


Wir schlenderten durchs Westend bis nach Laim. Dort quartierten wir uns in einer schäbigen Absteige ein, in ein billiges Doppelzimmer mit löchriger Matratze, Etagen-WC und Blick auf eine verfallene Industrieruine. Ich hatte zwei Nächte im Voraus gezahlt. Bis dahin würde alles ganz anders aussehen, viel besser natürlich, wie wir uns ausmalten. Drako brach mit dem restlichen Geld zur Giselastraße auf. Er versprach, in spätestens drei Stunden zurück zu sein. Ich vertraute ihm. Mein Affe war inzwischen wieder so heftig, dass ich auch keine andere Wahl gehabt hätte. Ich legte mich ins Bett, zog mir die Decke über den Kopf und versuchte, ein bisschen zu schlafen. Es gelang mir nicht. Ich drehte mich von einer Seite zur anderen, stieß schwitzend die Decke von mir fort, um mich zwei Sekunden später wieder fröstelnd in sie einzuwickeln. Das Zimmer hatte weder einen Fernseher noch ein Radio. Über den Teppich schlängelten sich vergilbte Spuren undefinierbarer Lebensmittelreste. In dem klapprigen Schrank hingen weder Kleiderbügel, noch waren Flächen vorhanden, auf die man die Kleidung hätte legen können. Die Jacken und der Synthesizer lagen am mit Asche und getrocknetem Bier bedeckten Schrankboden. Wenigstens hatte das Zimmer ein halbwegs ordentliches Waschbecken. Der Spiegel war zwar zersplittert, doch das Wasser lief und wurde nach einer halben Minute sogar richtig heiß. Ich zog mir die Hose runter und schwenkte meine Eichel durch den heißen Strahl. Der Schmerz strahlte bis unter die Leiste aus und trieb wieder ein Gefühl von Leben in meinen Kreislauf. Zum Glück kam Drako auch noch schneller zurück, als erwartet.

«Und?», fragte ich.

«Ich hab‘ das schnellstmöglich investiert. Hoffe das Zeug ist gut.» Er legte einen Beutel Heroin auf den Tisch. Wir machten uns gleich einen Schuss. Das Zeug war nicht gut, aber es half gegen den Entzug. Wir quetschten uns auf die enge Matratze. Drako legte seinen Arm um mich. Sanft strich er über meine Schultern. Ich rutschte näher an ihn heran. Sein Bauch hob sich langsam gegen meine Wirbelsäule. Ich spürte Drakos Finger an meinem Brustkorb. Mein Herz schlug, als wäre es ihm gleichgültig, was ich mir einpfiff, wovor ich floh oder was ich aus meinem Leben machte. Drako und ich waren auf dem Gipfel unserer Jugend und doch lagen wir todkrank im Bett. Und selbst das todkrank Rumliegen mussten wir uns jetzt hart erkämpfen. Die Tage in dem Hotel dauerten ewig. In den schlimmsten Momenten fühlte es sich an, als würden sie nie aufhören. Aber in den besten Momenten fühlte es sich an, als wäre alles erreichbare Glück hier im Raum. Einfach so. Es war da ohne angeklopft zu haben. Aber egal, welcher dieser Momente gerade da war. Wir reagierten immer gleich darauf: Wir rührten uns nicht und schliefen einfach weiter.

«Hey Mann, willst du etwa den ganzen Tag verpennen?», rüttelte mich Drako irgendwann wach.

«Warum nicht?», fragte ich.

«Ich hab‘ nen Plan.»

«Welchen denn?»

«Warst du schonmal in Kroatien? Wir fahren zu meinem Opa. Was hältst du davon?»

«Klingt super.»

«Ja, Mann. Wir bauen Gemüse und Gras an und leben dort zufrieden und clean; nur ab und zu ein feines Ganja und dahinter das Meer und die absolute Stille, und es ist warm und keiner geht dir auf den Sack. Wir brauchen nur ein bisschen Kohle für den Bus.»

«Wir haben noch Zeug», sagte ich.

«Ja, wir müssen was verkaufen. Dann geht das.»

«Ok. Jetzt?»

«Eigentlich schon», sagte Drako.

«Bisschen was würd ich mir noch abzwacken.»

«Für gleich?»

«Ja, für gleich.»

«Für später brauchen wir aber auch noch was.»

«Stimmt.»

«Dann lass mal morgen überlegen, wie wir das machen.»

«Ja, morgen ist besser. Da fällt uns schon was ein.»

«Kroatien, Jona. Kroatien.»



18

Irgendwann in diesen Tagen waren wir uns abhanden gekommen. Drako spielte die meiste Zeit am Synthesizer rum oder starrte aus dem offenen Fenster. Ich merkte nicht, wie schlecht es ihm ging. Ich war zu sehr damit beschäftigt, die Wärme wiederzufinden, die vor ein paar Monaten noch überall war. Doch es gab sie nicht mehr. Je öfter ich versuchte, die vertrauten Gefühle wieder hervorzurufen, desto deprimierter wurde ich, als ich merkte, dass mein Vorhaben so aussichtslos war, wie ein Gedicht mit einem Knochen in die Wolken zu ritzen. Berauscht hatte mich nur der erste Schuss nach dem Affen. Das Einzige, was ich von den Hits jetzt noch spürte, war, dass sie mich für knappe drei Stunden vor den Schmerzen bewahrten. Am sechsten Tag hatten wir noch 20 Mark übrig und mussten drei Tage fürs Zimmer nachzahlen. Ein Tag kostete 15 Mark. Wir nahmen nur noch den Synthesizer mit und die Wäsche, die wir am Körper trugen. Wir kletterten aus dem Fenster auf die kleine Brüstung vor unserem Zimmer. Zwei Meter unter uns lag die Straße. Ich schwang mich vom Fenstersims, hing mich an die Brüstung und ließ mich fallen. Drako wickelte den Synthesizer in eine Jacke ein und hielt ihn mir entgegen. Dann sprang er hinterher. Gemütlich gingen wir zur nächsten U-Bahn-Station. Der Pförtner des Hotels hatte seine Räume auf der anderen Seite. Meistens war er ohnehin zu betrunken, um noch geradeaus gehen, geschweige denn laufen zu können. Beim Einchecken hatte Drako seinen gefälschten Schülerausweis vorgezeigt, der ihn als Roy de Dracul auswies. Wir fühlten uns sicher, zumindest solange wir uns ein diffuses Ziel vor Augen hielten. Wir hatten sogar noch etwas von dem Dope übrig. Ich wusste zwar nicht, wie es weitergehen sollte, doch die letzten Tage hatten mir gezeigt, dass man sich leicht aus seiner eigenen Not befreien konnte, wenn man andere bestahl, ihnen etwas vortäuschte oder einfach davonlief. Von dieser Überzeugung umschmeichelt, schlenderten wir ziellos durch den Münchener Westen, stapften so lange blindlings unseren Impulsen nach, wie uns die Wirkung eines Schusses trug. Dann verkrochen wir uns in einen dunklen Hinterhof, setzten uns einen Hit und taumelten weiter durch die Straßen. Die Umgebung hätte ein leerer Raum, die Wüste oder eben diese Stadt sein können, es wäre kein Unterschied gewesen. Wir irrten an den Wohnblocks vorbei wie Roboter, die zwar nicht wussten, weshalb sie sich bewegten und wohin sie sich bewegten, sich nur im Klaren darüber waren, dass sie sich bewegen mussten. Nach ein paar rastlosen Stunden ließen wir uns an der Hackerbrücke auf eine Bank fallen. Vor uns lag die Silhouette des Hauptbahnhofs. Die Dunkelheit hielt unsere Blicke unter ihrem engen Trapez gefangen. Der Lärm der Straße wurde immer dumpfer, weicher, leiser. Ich weiß nicht, wie lange ich weg war. Drako saß jetzt nicht mehr neben mir. Ich sah mich um, schaute zum Bushäuschen, dann zur Treppe, die zur S-Bahn führte, doch ich fand ihn nirgends. Als ich mich zur anderen Seite der Brücke wandte, sah ich ihn. Er war gerade dabei, auf das Geländer zu klettern. Ich rannte zu ihm. Drako stand breitbeinig auf dem Gestänge. Von der Bushaltestelle sahen einige Passanten neugierig herüber. Ich ging ihm langsam entgegen. Ich sah jetzt sein Gesicht. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er in den Nachthimmel. In der Hand hielt er eine aufgezogene Spritze. Er drehte den Kopf zu mir. Er blickte mir starr in die Augen.

«Weißt du, was heute für ein Tag ist, Jona?»

Ich schüttelte den Kopf.

«Heute ist Sophies Geburtstag.» Drako taumelte. «Was schenkt man einem Mädchen, das alles hat? Hmm? Was schenkt man ihr, wenn sie alles hat außer ein verficktes Leben!?» Drako senkte den Kopf. «Man schenkt ihr Leben.»

«Mach kein‘ Scheiß, Drako. Bitte, mach kein‘ Scheiß. Wir wollten doch nach Kroatien, ans Meer, weißt du noch?»

«Da geh ich jetzt auch hin, Jona. Sophie wartet schon auf mich.» Drako zwinkerte mir lächelnd zu. Er setzte sich die Nadel auf seinen Handrücken und drückte ab. Ich lief ihm entgegen. Er tänzelte einige Schritte über das Geländer, breitete die Arme aus, dann rutschte er ab. Zuerst sah es so aus, als würde er auf den Gehsteig stürzen, doch dann prallte er mit der rechten Schulter aufs Geländer und fiel mit dem Kopf voran den Gleisen entgegen. Ich rannte an die Seite der Brücke, stolperte die Böschung hinab und hüpfte von einem Gleis zum anderen. Drako war auf einem S-Bahn-Gleis gelandet. Er versuchte, sich aufzurichten. Dann hörte ich ein schrilles Bremsgeräusch und sah, wie ihn ein Zug erwischte. Das Quietschen machte mich taub. Ich brach neben dem Gleis zusammen und kotzte auf die Schienen. Dann richtete ich mich auf und stürmte zum Zug. Drako lag verrenkt neben dem Gleis. Ich beugte mich über ihn. Ich zog seinen Körper neben die Schienen, drückte mein Gesicht fest auf Drakos blutverschmierte Brust. Irgendwann trafen Notarzt und Polizei ein. Auf der Hackerbrücke verteilte sich ein Heer Schaulustiger. Als ich Drako losließ, um noch mal auf die Schienen zu kotzen, spürte ich einen festen Griff unter meinem Arm. Ein Bulle zerrte mich fort. Ich riss mich los und lief zu Drako, der nun von drei Sanitätern umgeben war. Ein zweiter schnitt mir den Weg ab und hielt mich fest. Ich sackte zusammen und blieb regungslos am Boden liegen. Ich sah die Köpfe der Polizisten über mir kreisen. Sie warfen sich Sätze zu, von denen ich nur ein Kreischen wahrnahm. Das Adrenalin rührte in meinem Magen wie ein hyperaktives Kind in einem Kuchenteig. Ich spürte, dass ich kein Blut mehr hatte.



19

Ich wachte in der Psychiatrie auf. Die Buchhändlerin hatte uns angezeigt. Eigentlich wollten die Bullen mich nach Stadelheim bringen, aber da sie mich für psychotisch hielten, steckten sie mich bis auf Weiteres in die Geschlossene. Sie warfen mir schweren Raub und Körperverletzung vor. Die Verhandlung würde in drei Monaten sein. Die nächste Verhandlung. Und diesmal würde ich nicht dran vorbeikommen. Ich wusste, dass sie mich in den Knast stecken würden. Aber das schockte mich nicht. Ich war leer. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich noch drei Monate leben würde. Es sieht doch jeder, dass ich gleich tot zusammenklappe, dachte ich. Auch egal. Alles besser als Knast. Alles besser als hier sein, dachte ich. Was soll ich hier ohne Drako und Sophie? Alles ist jetzt weg. Mein Gefühl ist weg. Ohne die beiden fühle ich nichts mehr. Macht mit mir, was ihr wollt. Ihr schubst nur ein leeres Gefäß herum. Ihr habt keine Konsequenz, keinen Einfluss. Ich bin gestorben, bevor ihr bei mir seid. Heult lieber um jemand anderen. Jemand, wegen dem es sich noch lohnt. Ich vagabundierte in der Station auf und ab. Ich schaute finster. Ich hatte die Mimik einer Leiche. Ich fühlte mich wie im Sarg und ich verbarrikadierte mich darin. Zur Methadonausgabe kam ich trotzdem immer raus. Sie gaben es mir dreimal am Tag. Das half. Ich konnte schlafen und wurde klarer. Am liebsten saß ich jetzt im Raucherzimmer, zählte Schneeflocken und zerkratzte mit den Resten meiner Fingernägel die Holzlehnen der Sessel. Mit den anderen Patienten sprach ich nicht. Ich zerfledderte lieber irgendwelche alten Illustrierten. Dabei stieß ich auf ein halbausgefülltes Kreuzworträtsel. Es wurde nach einem Trennstrich der Nacht mit drei Buchstaben gefragt. In den Kästchen stand: Sue. Ich riss das Blatt raus, lief in mein Zimmer und wichste mir einen. Dann fing ich an zu heulen, streichelte das Blatt und küsste die Stelle, auf der Sues Name stand. Ich ging zu einer der Schwestern und erkundigte mich nach Sue. Sie durfte mir keine Auskunft geben. Von den anderen Patienten kannte sie keiner mehr. Ich hätte hier gemeinsam mit Sue sein können. Ich hätte überall mit Sue sein können. Und jetzt war sie irgendwo da draußen. Sie hatte es da raus geschafft. Sue. Wenn es irgendeine Chance gab, sie wieder zu sehen, musste ich sie nutzen. Das ich sie hier drin wiedersehen würde, war ausgeschlossen. Also musste ich hier raus.


In den Gesprächen mit den Therapeuten erfuhr ich, dass ich möglicherweise auf Therapie, statt ins Gefängnis kommen könnte. Diese Möglichkeit ermutigte mich. Ich hängte mich jetzt rein, machte die Dienste auf Station, ging zu den Gruppen- und Einzelgesprächen. Mit der Dosis ging ich alle paar Tage runter. Erst fiel es mir leicht, aber irgendwann merkte ich wieder den Affen. Er würde kommen. Das war klar. Aber vielleicht war er hier drin ja erträglicher. Nach zwei Wochen durfte ich für ein paar Stunden aufs Klinikgelände. Ich ging ins Café und bestellte mir einen dreifachen Espresso. Als ich mich an einen der Tische setzte, sah ich, wie sich neben mir ein übergewichtiger Typ mechanisch eine Portion Pommes reinstopfte. Scheiße, das konnte nicht sein, oder doch? Verdammt, er war es. Ich setzte mich zu Nirv an den Tisch.

«Hey Mann, lange nicht gesehen», begrüßte ich ihn.

Nirv hob seinen Kopf. In seinen Augen lag eine stählerne Schläfrigkeit. Apathisch griff er nach den Pommes.

«Hey, alles klar?», fragte er müde.

«Geht so.» Ich ersparte ihm Drakos Geschichte. Ich bot ihm eine Kippe an. Er steckte sie sich in den Mund, zündete sie an und rauchte sie, während er weiter Pommes in sich reinschaufelte.

«Bald bin ich wieder daheim, Jona», murmelte er schlaff grinsend. «Die halten mich nicht auf. Irgendwas hat immer offen.» Er verharrte einen Moment. Plötzlich zuckten seine Augen. Seine Kiefer klafften auseinander. Die Zunge streckte sich starr aus seiner Mundhöhle. Er begann zu nuscheln: «Das sind die Scheißmedikamente. Das wird besser mit der Zeit, sagen sie. Vollidioten.»

Seine Worte waren kaum zu verstehen.

«Ich muss‘ zum Doc. Ich brauch‘ das Gegenmittel. Wir sehen uns später.» Mühsam stand Nirv auf. Mit herausgestreckter Zunge humpelte er auf den Ausgang zu. Seine Arme hingen reglos an den Schultern herab.



20

«Und jetzt?»

Ich saß mit meinen Eltern im Café. In den vergangenen beiden Nächten hatte ich nicht geschlafen. Ich war fast auf 0 mit der Dosis. Der Entzug war jetzt anders. Genauso quälend, aber da war noch was anderes: ich konnte mich ablenken. Ich rannte stundenlang auf dem Laufband. Das vertrieb den Affen, zumindest für die Zeit, in der ich mich bewegte. Außerdem wichste ich so oft es ging. In dem Viererzimmer hier war das leider kaum möglich. Also stellte ich mich mehrmals täglich unter die Dusche. Und ich schrieb. Sinnloses Zeug, aber ich war abgelenkt, wenn ich mit einem Stift einfach so vor mich hin dachte. Und ich aß. Mein Appetit kehrte zurück. Das alles zusammen fing mich irgendwie auf, in dem Moment.

«Und jetzt?» hatte mein Vater gefragt.

«Ich glaube, ich pack‘ das.» Ich dachte wieder an Drako. Er hatte das auch gesagt. Jetzt wünschte ich mir, es wären seine Worte gewesen, die ich grade gehört hätte. Aber es waren meine. Drako hatte sie mir geglaubt. Er hat sie mir wirklich geglaubt und ich habe sie mir selbst nicht geglaubt. Ich hatte ihn getäuscht. Ich Idiot war nicht ehrlich zu ihm, dachte ich. Aber ich kann es noch. Ich kann ihm zeigen, dass er Recht hatte. Ich kann ihm zeigen, dass wir beide Recht hatten.

«Wir glauben auch, dass du das schaffst», sagte meine Mutter, als hätte sie das gerade mitgehört.

«Danke, das hilft mir.»

Wir schwiegen.

«Was ist eigentlich bei dem Prozess rausgekommen?», fragte ich.

«Es wurde niemand verurteilt. Alle wurden freigesprochen. Es war wohl ein Unfall», sagte mein Vater.

Sophie. Ich weiß nicht, was passiert ist. Aber ich weiß, was du kurz davor gesagt hast: «Wie leicht jetzt alles ist.» Ich erinnere mich, als würdest du es mir jetzt nochmal sagen. Als wären es nicht deine letzten Worte, sondern die, die wir alle gemeinsam haben. Die Worte, die uns immer verbinden werden, dich, Drako und mich.

«Willst du uns erzählen, was so passiert ist in der letzten Zeit?», fragte meine Mutter.

«Ich glaube, das kann ich jetzt nicht.»

«Das verstehe ich. Erzählst du’s uns irgendwann?»

«Ja, das tue ich. Versprochen.»



Hase und Igel



„Hase und Igel“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Für mich zählt das nicht zu den desillusionierenden Märchen.“
„Für mich schon. Ich bin der Hase. Ich hab‘ das sofort gemerkt.“
„Der Hase ist aber ein Idiot. Er beleidigt den Igel, weil er so kleine Beine hat.“
„Das macht es für mich nicht besser.“
„Immerhin haben dich die Igel platt gemacht.“
„Ja, ich glaube, das Gefühl wirkt immer noch nach.“
„Wie denn?“
„Ich idealisiere Menschen, die wie Igel sind.“
„Klingt, als würde das schmerzhaft für dich enden.“
„Ein bisschen.“
„Wir ändern das: Wir denken uns ein anderes Ende aus.“
„Ok?“
„Wir schaffen neue Fakten: Ich glaube, die Igel haben nur Stacheln, um dir damit die Beine zerschneiden zu können. Das haben sie in der Nacht vor dem Rennen getan. Sonst hättest du gewonnen, selbst wenn sie sich versteckt hätten.“
„Das ist eine schräge Theorie.“
„Es ist ein Ausweg aus deiner Niederlage.“
„Das funktioniert so nicht.“
„Stell’s dir einfach vor.“
„Igel machen sowas nicht. Die greifen nicht an.“
„Die sind schlauer als du, vergiss das nicht.“
„Deshalb bilde ich mich ja andauernd weiter, um auzuholen.“
„Wo bildest du dich weiter?“
„In der Bib.“
„Da stehen doch auch nur Märchen. Ich habe einen echten toten Igel auf der Straße gesehen. Wer ist ihm näher, hm?“
„Du, aber was bringt dir das?“
„Ich sehe, wie es in echt ist.“
„Du siehst höchstens ein Auto auf dich zurasen, wenn du da nicht weg gehst.“
„Ja, die wollen mir die Freiheit klauen.“
„Geh da weg, dann klaut dir niemand die Freiheit.“
„Als ob du dich bewegen würdest. Du sitzt in der Bib rum und fühlst dich überlegen.“
„Ich lese einfach.“
„Du frisst Faketheorien in dich rein!“
„Das dauert eben ne Weile, gute Quellen zu finden!“
„Nichts davon ist echt. Nur der tote Igel ist echt.“
„Geh‘ von der Straße weg!“
„Ich lass‘ mir doch von dir nicht auch noch die Freiheit einschränken.“
„Bald wird’s dunkel. Das schränkt dich ein.“
„Ich fresse den toten Igel.“
„Was?!“
„Du zwingst mich dazu, den toten Igel zu fressen.“
„Lass‘ die Scheiße.“
„Du warnst mich doch nur, weil du als Gutmensch dastehen willst. Ich fresse den Igel und wenn ich mich verletze, bist du Schuld. Du hast mich in die Enge getrieben.“
„Stop. Igel sterben nicht! Nicht in dieser Geschichte. Deine Theorie macht nichts besser.“
„Hm. Vielleicht hast du Recht.“
„Ich bin noch immer der Hase. Daran hat sich nichts geändert.“
„Wie ist der Hase denn so?“
„Er verliert. Er verliert einfach alles. In echt wird er dauernd gejagt und in der Geschichte verliert er gegen ein Tier, das eigentlich nicht sein Feind ist. Und er hat nichts von seiner Niederlage. Nichtmal Sympathie, weil er die Lektion wirklich verdient.“
„Wieso musst du auch der Hase sein?“
„Sowas sucht man sich doch nicht aus.“
„Doch, das tut man. Man sucht sich was aus und dann bewegt man sich.“
„Aha.“
„Ich glaube, du bist teilweise sogar schlauer als ein Hase. Du könntest dich in kleinen Evolutionsschritten aus der Geschichte raus entwickeln. Vielleicht solltest du die Nahrungskette hochklettern und dich für einen Hund halten. Nur für den Anfang.“
„Ich glaube nicht, dass Evolution sowas kann.“
„Die kann das. Die hat dich ja auch in einen Hasen verwandelt, also streng‘ dich mal an!“

„Soll ich jetzt bellen?“
„Wäre ein guter Start.“

„Ok, danke, das reicht!“
„Das klang schräng, oder?“
„Du könntest diese Evolutionsstufe auch einfach überspringen.“
„Ich bin nicht schnell genug.“
„Benutz‘ dein Hasentempo.“

Stell dir vor

„Wie lange war das?“
„Paar Minuten höchstens.“
„Das hat sich angefühlt wie ne halbe Stunde.“
„Wieso hast du weggeschaut?“
„Ich dachte, da war was am Fenster.“

„Nochmal?“
„Ok.“

„Darf ich eigentlich sprechen?“
„Wenn es dir hilft.“
„Schielen ist nicht Wegschauen, oder?“
„Wie, schielen?“

„So.“

„Das ist Wegschauen.“
„Aber das passiert einfach. Das ist wie Blinzeln, nur seitlich.“
„Probieren wir’s nochmal. Ohne Schielen.“
„Ok.“

„Was war die längste Zeit, die du ausgehalten hast?“
„Stunden.“
„Das stimmt nicht. Ich sehe, dass das nicht stimmt.“
„Jetzt siehst du mich wirklich an.“
„Was war die längste Zeit, die du ausgehalten hast?“
„Stunden.“
„Wow, das stimmt wirklich.“
„Ja, das stimmt.“
„So einfach ist das nicht, oder?“
„Nein.“
„Ich meine, so einfach ist es nicht: wenn jemand wegschaut ist er nicht gleich schwächer.“
„Irgendwie schon.“
„Ich will mir einen Blick nicht als Gegner merken. Deshalb verlier‘ ich. Deshalb schau‘ ich so schnell weg.“
„Wer sagt, dass du ihn dir als Gegner merken sollst?“
„Ich bin einfach nicht gemacht für Blickkontakt.“
„Deshalb üben wir.“
„Man kann nicht üben.“
„Hm?“
„Üben ist anders. Alles ist immer anders, wenn es wirklich um was geht.“
„Stell dir vor, dass es um was geht.“
„Ich kann mir nichts anderes vorstellen, wenn ich dir in die Augen schaue.“
„Deshalb siehst du lieber weg.“
„Nein. Ich sehe nicht lieber weg. Das siehst du. Jetzt siehst du’s.“
„Ich sehe, dass du dich leicht ablenken lässt. Alles andere wird interessanter, wenn du dich auf was konzentrieren sollst.“
„Ist da wieder was am Fenster?“
„Ja.“
„Es könnte wichtig sein. Da könnte was passieren.“
„Das ist einfach nur ein Fenster.“
„Jetzt ist es in meinem Augenwinkel, genau dort, wo am meisten passiert.“
„Dann schau‘ hin.“
„Dann verlier‘ ich.“

„Wieso passiert in deinem Augenwinkel am meisten?“
„Weil sich da alles zusammenbrauct. Ich glaube, ich kann dann dabei zusehen, wie alles entsteht.“
„Wenn du mich direkt anschaust, kannst du dabei zusehen, was jetzt ist.“
„Aber so bleibt es nicht.“
„Das hängst davon ab, wie lange du schaust.“

„Was passiert denn in deinen Augenwinkeln?“
„Nichts was mich stört. Das gehört alles zusammen.“
„Wenn das alles zusammengehört, dann darf ich auch schielen.“
„Wenn du magst.“

„Da ist nichts am Fenster.“
„Nein.“
„Wie lange war das?“
„Paar Minuten höchstens.“
„Das nächste Mal gewinnen ich. Jetzt weiß ich, wie man gewinnt.“
„Das denkst du, weil du wieder geschielt hast.“
„Beim nächsten Mal hilft es mir.“
„Probieren wir’s nochmal. Ohne Schielen.“
„Ok.“

Für dann

„Du merkst dir viel.“
„Als ob ich das kontrollieren könnte.“
„Hast du keine Filter?“
„Merken ist mein Filter.“
„Damit lässt du alles in dich rein.“
„Nur einen Teil. Ich merk‘ mir das nur. Ganz neutral.“
„Merkst du dir auch, was du spürst?“
„Das sind komplett unterschiedliche Welten.“
„Was ist der Unterschied?“
„Spüren ist. Merken bleibt.“
„Bei dir klingt es eher nach: Merken ist. Spüren bleibt.“
„Das geht einfach selten gleichzeitig.“
„Du hebst dir das Spüren für später auf.“
„Hm.“
„Für dann, wenn dich niemand dabei stört.“
„Kann sein.“
„Du merkst dir den ganzen Nonsens, damit du ein Gefühl darin aufheben kannst, das nicht dazu passt.“
„Hauptsache es ist drin.“
„Wie kriegst du es da wieder raus?“
„Ich kenn‘ mich da schon aus.“
„Du lebst in der Vergangenheit.“
„Nein, ich merk‘ mir doch dauernd was Neues.“
„Das was du spürst muss irgendwann mal raus aus deiner Erinnerung.“
„Klar, wenn’s passt.“
„Das klingt, als würdest du auf ein Déjà-vu warten.“
„Eher auf nen Traum.“
„Da bist du also: zwischen Traum und Déjà-vu.“
„Wenn man’s so sieht.“
„So kannst du’s dir merken.“
„Ja, für später.“

Das ist so offensiv

„Das ist echt kompliziert.“
„Hm?“
„Ich muss diese Mail beenden.“
„Was ist daran denn kompliziert?“
„Ich weiß nicht, welche Grußformel ich verwenden soll. Die kann alles zum Einsturz bringen. Die ganze Mail ist Müll, wenn die Grußformel falsch ist.“
„Du hast drei Absätze frei geschrieben und jetzt machst du dir Gedanken wegen einer vorgefertigten Formel?“
„Frei schreiben ist so leicht.“
„‚Liebe Grüße‘ geht immer.“
„Das ist so offensiv.“
„Das ist einfach nur nett. Findest du nett sein offensiv?“
„‚Liebe Grüße‘ passt nicht zur Mail.“
„Dann ist deine Mail zu trocken.“
„Die ist ja auch beruflich.“
„Dann sollte da erst recht ein bisschen Emotion rein.“
„Ich könnte die Signatur ganz weglassen. Ich verabschiede mich einfach gar nicht. Damit signalisiere ich, dass das Gespräch von mir aus immer weitergehen kann.“
„Damit würgst du das Gespräch ab.“
„So meine ich das aber nicht.“
„Dann schreib‘ ‚Liebe Grüße‘ oder ‚Alles Liebe‘.“
„Ich schreib‘ ‚Viele Grüße‘. Das ist neutral.“
„Damit nimmst du deiner Mail die Kraft. Du machst sie beliebig. Du machst dich beliebig.“
„Streng genommen habe ich nur zwei Formeln zur Auswahl: ‚Liebe Grüße‘ und ‚Viele Grüße‘. Das ist, als hätte ich die Wahl zwischen Himmel und Hölle.“
„Ja, und ‚Viele Grüße‘ kommt direkt aus der Hölle.“
„Ich vermisse da einfach die Zwischentöne.“
„Brauchst du wirklich in allem Zwischentöne?“
„Nur, wenn ich unsicher bin.“
„Ich weiß nicht, ob du sicherer wirst, wenn du allen Zwischentönen nachspürst.“
„Wenn es die Entscheidenden sind, dann schon.“
„‚Viele Grüße‘ klingt einfach nach Quantität. Als würdest du die Empfänger mit Grüßen bombardieren, bis sie endlich verschwinden.“
„‚Liebe Grüße‘ klingt indiskret. Ich glaube, bei mir klingt das indiskret.“
„Wie fandest du das in der Mail, die du bekommen hast?“
„Authentisch.“
„Das ist einfach wie ein Satzzeichen.“
„Aha.“
„…und welches Satzzeichen wäre ‚Viele Grüße‘ in deinem Text?“
„Hm. Eins, das mitten im Satz steht.“
„Dann nimm‘ es raus und setzte es so, dass es authentisch ist.“
„‚Viele Grüße‘ klingt überall, als würde es mitten im Satz stehen.“
„Eben.“

Wie reagiert man denn auf sowas?

„Du?“
„Hm.“
„Ich glaube, das ist echt.“
„Was?“
„Ich bin grade so euphorisch.“
„Schön.“
„Wie reagiert man denn auf sowas?“
„Freu‘ dich.“
„Vielleicht freu‘ ich mich falsch.“
„Das klappt schon.“
„Das fühlt sich an, als hätte jemand seine Euphorie in mir vergessen.“
„Jetzt gehört sie dir.“
„Ich muss sie zurück geben.“
„Die gehört niemandem.“
„Ja, auch nicht mir.“
„Aber die hat sich dich ausgesucht.“
„Hilfe.“
„Die hat schon nen Grund.“
„Ich will sie nicht enttäuschen.“
„Dann freu‘ dich.“
„Die kommt nie wieder, wenn ich jetzt was falsch mache.“
„Die kommt wieder.“
„Dann ist das ja jetzt nicht entscheidend, oder?“
„Nimm sie einfach an.“
„Ich könnte warten, bis ich ihr gewachsen bin.“
„Du kannst auch was von ihr lernen.“
„Was denn?“
„Dass sie da sein kann, ohne einen Grund zu haben.“
„Manchmal seh‘ ich auch keinen Grund, warum ich da bin.“
„Deshalb hat sie dich ausgesucht.“
„Ich hab‘ doch gar nichts gemacht.“
„Ja, sie hatte den viel schwereren Part.“
„Sie ist trotzdem noch da.“
„Du auch?“
„Ja.“
„Bleib so. Dann bleibt sie auch.“