Was dauert länger



„Manchmal muss ich dreimal hinschauen. Dann erkenne ich erst, was beim ersten Blick schon simpel zu sehen gewesen wäre.“

„Freust du dich, wenn du’s dann erkennst?“

„Nein, ich mache mir Vorwürfe, dass ich so lange gebraucht habe.“

„Was dauert länger: Freude oder Vorwürfe?“

„Immer die Vorwürfe.“

„Dann freu‘ dich. Dann hast du auch mehr Zeit für alles andere.“

Einiges



„Was wäre denn gewesen, wenn wir uns nicht wieder zufällig begegnet wären?“

„Wir begegnen uns doch immer, irgendwie.“

„Ja. Irgendwie.“

„Ich mag das, irgendwie.“

„Ich nicht.“

„Außerdem hab‘ ich mich gemeldet.“

„Wie denn?“

„Ich hab‘ dir Gedichte geschrieben.“

„Du hast mir mitten in der Nacht betrunkenes Gewäsch geschickt! Du hast keine einzige Frage gestellt. Du hast nur dein Dada-Zeug runtergeleiert!“

„Das war kein Dada-Zeug. Das war meine Seele!“

„Hast ja’n ganz schönes Chaos in deiner Seele.“

„Korrekt. Das entschuldigt ja wohl einiges.“

„Ja, das tut es wohl.“

Hase und Igel



„Hase und Igel“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Für mich zählt das nicht zu den desillusionierenden Märchen.“
„Für mich schon. Ich bin der Hase. Ich hab‘ das sofort gemerkt.“
„Der Hase ist aber ein Idiot. Er beleidigt den Igel, weil er so kleine Beine hat.“
„Das macht es für mich nicht besser.“
„Immerhin haben dich die Igel platt gemacht.“
„Ja, ich glaube, das Gefühl wirkt immer noch nach.“
„Wie denn?“
„Ich idealisiere Menschen, die wie Igel sind.“
„Klingt, als würde das schmerzhaft für dich enden.“
„Ein bisschen.“
„Wir ändern das: Wir denken uns ein anderes Ende aus.“
„Ok?“
„Wir schaffen neue Fakten: Ich glaube, die Igel haben nur Stacheln, um dir damit die Beine zerschneiden zu können. Das haben sie in der Nacht vor dem Rennen getan. Sonst hättest du gewonnen, selbst wenn sie sich versteckt hätten.“
„Das ist eine schräge Theorie.“
„Es ist ein Ausweg aus deiner Niederlage.“
„Das funktioniert so nicht.“
„Stell’s dir einfach vor.“
„Igel machen sowas nicht. Die greifen nicht an.“
„Die sind schlauer als du, vergiss das nicht.“
„Deshalb bilde ich mich ja andauernd weiter, um auzuholen.“
„Wo bildest du dich weiter?“
„In der Bib.“
„Da stehen doch auch nur Märchen. Ich habe einen echten toten Igel auf der Straße gesehen. Wer ist ihm näher, hm?“
„Du, aber was bringt dir das?“
„Ich sehe, wie es in echt ist.“
„Du siehst höchstens ein Auto auf dich zurasen, wenn du da nicht weg gehst.“
„Ja, die wollen mir die Freiheit klauen.“
„Geh da weg, dann klaut dir niemand die Freiheit.“
„Als ob du dich bewegen würdest. Du sitzt in der Bib rum und fühlst dich überlegen.“
„Ich lese einfach.“
„Du frisst Faketheorien in dich rein!“
„Das dauert eben ne Weile, gute Quellen zu finden!“
„Nichts davon ist echt. Nur der tote Igel ist echt.“
„Geh‘ von der Straße weg!“
„Ich lass‘ mir doch von dir nicht auch noch die Freiheit einschränken.“
„Bald wird’s dunkel. Das schränkt dich ein.“
„Ich fresse den toten Igel.“
„Was?!“
„Du zwingst mich dazu, den toten Igel zu fressen.“
„Lass‘ die Scheiße.“
„Du warnst mich doch nur, weil du als Gutmensch dastehen willst. Ich fresse den Igel und wenn ich mich verletze, bist du Schuld. Du hast mich in die Enge getrieben.“
„Stop. Igel sterben nicht! Nicht in dieser Geschichte. Deine Theorie macht nichts besser.“
„Hm. Vielleicht hast du Recht.“
„Ich bin noch immer der Hase. Daran hat sich nichts geändert.“
„Wie ist der Hase denn so?“
„Er verliert. Er verliert einfach alles. In echt wird er dauernd gejagt und in der Geschichte verliert er gegen ein Tier, das eigentlich nicht sein Feind ist. Und er hat nichts von seiner Niederlage. Nichtmal Sympathie, weil er die Lektion wirklich verdient.“
„Wieso musst du auch der Hase sein?“
„Sowas sucht man sich doch nicht aus.“
„Doch, das tut man. Man sucht sich was aus und dann bewegt man sich.“
„Aha.“
„Ich glaube, du bist teilweise sogar schlauer als ein Hase. Du könntest dich in kleinen Evolutionsschritten aus der Geschichte raus entwickeln. Vielleicht solltest du die Nahrungskette hochklettern und dich für einen Hund halten. Nur für den Anfang.“
„Ich glaube nicht, dass Evolution sowas kann.“
„Die kann das. Die hat dich ja auch in einen Hasen verwandelt, also streng‘ dich mal an!“

„Soll ich jetzt bellen?“
„Wäre ein guter Start.“

„Ok, danke, das reicht!“
„Das klang schräng, oder?“
„Du könntest diese Evolutionsstufe auch einfach überspringen.“
„Ich bin nicht schnell genug.“
„Benutz‘ dein Hasentempo.“

Stell dir vor

„Wie lange war das?“
„Paar Minuten höchstens.“
„Das hat sich angefühlt wie ne halbe Stunde.“
„Wieso hast du weggeschaut?“
„Ich dachte, da war was am Fenster.“

„Nochmal?“
„Ok.“

„Darf ich eigentlich sprechen?“
„Wenn es dir hilft.“
„Schielen ist nicht Wegschauen, oder?“
„Wie, schielen?“

„So.“

„Das ist Wegschauen.“
„Aber das passiert einfach. Das ist wie Blinzeln, nur seitlich.“
„Probieren wir’s nochmal. Ohne Schielen.“
„Ok.“

„Was war die längste Zeit, die du ausgehalten hast?“
„Stunden.“
„Das stimmt nicht. Ich sehe, dass das nicht stimmt.“
„Jetzt siehst du mich wirklich an.“
„Was war die längste Zeit, die du ausgehalten hast?“
„Stunden.“
„Wow, das stimmt wirklich.“
„Ja, das stimmt.“
„So einfach ist das nicht, oder?“
„Nein.“
„Ich meine, so einfach ist es nicht: wenn jemand wegschaut ist er nicht gleich schwächer.“
„Irgendwie schon.“
„Ich will mir einen Blick nicht als Gegner merken. Deshalb verlier‘ ich. Deshalb schau‘ ich so schnell weg.“
„Wer sagt, dass du ihn dir als Gegner merken sollst?“
„Ich bin einfach nicht gemacht für Blickkontakt.“
„Deshalb üben wir.“
„Man kann nicht üben.“
„Hm?“
„Üben ist anders. Alles ist immer anders, wenn es wirklich um was geht.“
„Stell dir vor, dass es um was geht.“
„Ich kann mir nichts anderes vorstellen, wenn ich dir in die Augen schaue.“
„Deshalb siehst du lieber weg.“
„Nein. Ich sehe nicht lieber weg. Das siehst du. Jetzt siehst du’s.“
„Ich sehe, dass du dich leicht ablenken lässt. Alles andere wird interessanter, wenn du dich auf was konzentrieren sollst.“
„Ist da wieder was am Fenster?“
„Ja.“
„Es könnte wichtig sein. Da könnte was passieren.“
„Das ist einfach nur ein Fenster.“
„Jetzt ist es in meinem Augenwinkel, genau dort, wo am meisten passiert.“
„Dann schau‘ hin.“
„Dann verlier‘ ich.“

„Wieso passiert in deinem Augenwinkel am meisten?“
„Weil sich da alles zusammenbrauct. Ich glaube, ich kann dann dabei zusehen, wie alles entsteht.“
„Wenn du mich direkt anschaust, kannst du dabei zusehen, was jetzt ist.“
„Aber so bleibt es nicht.“
„Das hängst davon ab, wie lange du schaust.“

„Was passiert denn in deinen Augenwinkeln?“
„Nichts was mich stört. Das gehört alles zusammen.“
„Wenn das alles zusammengehört, dann darf ich auch schielen.“
„Wenn du magst.“

„Da ist nichts am Fenster.“
„Nein.“
„Wie lange war das?“
„Paar Minuten höchstens.“
„Das nächste Mal gewinnen ich. Jetzt weiß ich, wie man gewinnt.“
„Das denkst du, weil du wieder geschielt hast.“
„Beim nächsten Mal hilft es mir.“
„Probieren wir’s nochmal. Ohne Schielen.“
„Ok.“

Für dann

„Du merkst dir viel.“
„Als ob ich das kontrollieren könnte.“
„Hast du keine Filter?“
„Merken ist mein Filter.“
„Damit lässt du alles in dich rein.“
„Nur einen Teil. Ich merk‘ mir das nur. Ganz neutral.“
„Merkst du dir auch, was du spürst?“
„Das sind komplett unterschiedliche Welten.“
„Was ist der Unterschied?“
„Spüren ist. Merken bleibt.“
„Bei dir klingt es eher nach: Merken ist. Spüren bleibt.“
„Das geht einfach selten gleichzeitig.“
„Du hebst dir das Spüren für später auf.“
„Hm.“
„Für dann, wenn dich niemand dabei stört.“
„Kann sein.“
„Du merkst dir den ganzen Nonsens, damit du ein Gefühl darin aufheben kannst, das nicht dazu passt.“
„Hauptsache es ist drin.“
„Wie kriegst du es da wieder raus?“
„Ich kenn‘ mich da schon aus.“
„Du lebst in der Vergangenheit.“
„Nein, ich merk‘ mir doch dauernd was Neues.“
„Das was du spürst muss irgendwann mal raus aus deiner Erinnerung.“
„Klar, wenn’s passt.“
„Das klingt, als würdest du auf ein Déjà-vu warten.“
„Eher auf nen Traum.“
„Da bist du also: zwischen Traum und Déjà-vu.“
„Wenn man’s so sieht.“
„So kannst du’s dir merken.“
„Ja, für später.“

Das ist so offensiv

„Das ist echt kompliziert.“
„Hm?“
„Ich muss diese Mail beenden.“
„Was ist daran denn kompliziert?“
„Ich weiß nicht, welche Grußformel ich verwenden soll. Die kann alles zum Einsturz bringen. Die ganze Mail ist Müll, wenn die Grußformel falsch ist.“
„Du hast drei Absätze frei geschrieben und jetzt machst du dir Gedanken wegen einer vorgefertigten Formel?“
„Frei schreiben ist so leicht.“
„‚Liebe Grüße‘ geht immer.“
„Das ist so offensiv.“
„Das ist einfach nur nett. Findest du nett sein offensiv?“
„‚Liebe Grüße‘ passt nicht zur Mail.“
„Dann ist deine Mail zu trocken.“
„Die ist ja auch beruflich.“
„Dann sollte da erst recht ein bisschen Emotion rein.“
„Ich könnte die Signatur ganz weglassen. Ich verabschiede mich einfach gar nicht. Damit signalisiere ich, dass das Gespräch von mir aus immer weitergehen kann.“
„Damit würgst du das Gespräch ab.“
„So meine ich das aber nicht.“
„Dann schreib‘ ‚Liebe Grüße‘ oder ‚Alles Liebe‘.“
„Ich schreib‘ ‚Viele Grüße‘. Das ist neutral.“
„Damit nimmst du deiner Mail die Kraft. Du machst sie beliebig. Du machst dich beliebig.“
„Streng genommen habe ich nur zwei Formeln zur Auswahl: ‚Liebe Grüße‘ und ‚Viele Grüße‘. Das ist, als hätte ich die Wahl zwischen Himmel und Hölle.“
„Ja, und ‚Viele Grüße‘ kommt direkt aus der Hölle.“
„Ich vermisse da einfach die Zwischentöne.“
„Brauchst du wirklich in allem Zwischentöne?“
„Nur, wenn ich unsicher bin.“
„Ich weiß nicht, ob du sicherer wirst, wenn du allen Zwischentönen nachspürst.“
„Wenn es die Entscheidenden sind, dann schon.“
„‚Viele Grüße‘ klingt einfach nach Quantität. Als würdest du die Empfänger mit Grüßen bombardieren, bis sie endlich verschwinden.“
„‚Liebe Grüße‘ klingt indiskret. Ich glaube, bei mir klingt das indiskret.“
„Wie fandest du das in der Mail, die du bekommen hast?“
„Authentisch.“
„Das ist einfach wie ein Satzzeichen.“
„Aha.“
„…und welches Satzzeichen wäre ‚Viele Grüße‘ in deinem Text?“
„Hm. Eins, das mitten im Satz steht.“
„Dann nimm‘ es raus und setzte es so, dass es authentisch ist.“
„‚Viele Grüße‘ klingt überall, als würde es mitten im Satz stehen.“
„Eben.“

Wie reagiert man denn auf sowas?

„Du?“
„Hm.“
„Ich glaube, das ist echt.“
„Was?“
„Ich bin grade so euphorisch.“
„Schön.“
„Wie reagiert man denn auf sowas?“
„Freu‘ dich.“
„Vielleicht freu‘ ich mich falsch.“
„Das klappt schon.“
„Das fühlt sich an, als hätte jemand seine Euphorie in mir vergessen.“
„Jetzt gehört sie dir.“
„Ich muss sie zurück geben.“
„Die gehört niemandem.“
„Ja, auch nicht mir.“
„Aber die hat sich dich ausgesucht.“
„Hilfe.“
„Die hat schon nen Grund.“
„Ich will sie nicht enttäuschen.“
„Dann freu‘ dich.“
„Die kommt nie wieder, wenn ich jetzt was falsch mache.“
„Die kommt wieder.“
„Dann ist das ja jetzt nicht entscheidend, oder?“
„Nimm sie einfach an.“
„Ich könnte warten, bis ich ihr gewachsen bin.“
„Du kannst auch was von ihr lernen.“
„Was denn?“
„Dass sie da sein kann, ohne einen Grund zu haben.“
„Manchmal seh‘ ich auch keinen Grund, warum ich da bin.“
„Deshalb hat sie dich ausgesucht.“
„Ich hab‘ doch gar nichts gemacht.“
„Ja, sie hatte den viel schwereren Part.“
„Sie ist trotzdem noch da.“
„Du auch?“
„Ja.“
„Bleib so. Dann bleibt sie auch.“

Frage für einen Freund

„Denkst du, man kann alles falsch machen? Frage für einen Freund.“
„Sag ihm: ja, wenn er sich anstrengt.“
„Es kann doch nie alles falsch sein.“
„Nein, aber es gibt Situationen, die stehen für alles. Es reicht, wenn er die falsch macht.“
„Das ist zu verallgemeinernd.“
„Genau wie die Frage, ob man alles falsch machen kann.“
„Es kann sich so anfühlen, sagt der Freund. Dann ist die Frage doch legitim.“
„Kennst du das Gefühl, wenn du denkst, du könntest etwas ewig weitermachen, als gäbe es keine Zeit mehr?“
„Klar.“
„Sowas gibt es auch mit Richtig oder Falsch. Du kannst etwas so falsch machen, dass du denkst, es gibt kein Richtig mehr.“
„Solche Gefühle vergehen schnell.“
„Dieses Gefühl ist aber nicht von Zeit abhängig, nur von dir.“
„Das wird den Freund nicht freuen.“
„Sag ihm: die Frage war gut.“
„Ok: doch alles richtig gemacht.“
„Etwas.“
„Immerhin.“

Da war dieses Kribbeln

„War das knapp.“
„Das war nicht mal nah‘ dran.“
„Ich dachte, ich war dran.“
„Da haben Lichtjahre gefehlt.“
„Da war dieses Kribbeln.“
„Welches Kribbeln?“
„Eine Ahnung.“
„Aha.“
„Als wär‘ da jetzt ein Geheimnis übersetzt. Direkt in mich rein übersetzt.“
„Welches Geheimnis?“
„Das Geheimnis des Erfolgs.“
„Das passt zu dir, das Geheimnis.“
„Das ist das Kribbeln.“
„Bei dir ist es sicher, das Geheimnis.“
„Eine Ahnung ist das. Eine Ausstrahlung.“
„Weil du es nicht direkt ansiehst. Deshalb ist es bei dir so sicher.“
„Jetzt ist es endlich übersetzt.“
„Da hilft nichtmal Blickkontakt.“
„Direkt in mich rein übersetzt.“