Aber ich bin laut


«And all life’s fears could invade my ears.
I can handle it.»
The Chameleons



«Schiri, wir wissen wo dein Auto steht.»
Unbekannt



1

«Geh! Das bist du», schreit ein Typ neben mir, obwohl wir uns nicht kennen.
Ich will ihn fragen, ob das mein Name war. Aber ich habe Angst vor der Antwort. Ich hoffe, ich habe mir meinen Namen falsch gemerkt.

Jetzt ist er wieder da. Mein Name. Laut und schief klammert er sich an mich, mit der Stimme meines Lehrers. Herr Schmandra erklärt mich schon wieder zum Sieger.

«Geh‘, Lu», höre ich immer lauter neben mir. «Geh!»
Jetzt gehe ich. Ich geh‘ ja schon.

Meine Mitschüler machen mir Platz. Es ist, als würde ich ihnen Muskeln zeigen, von denen ich selbst noch nichts weiß. Vorhin, beim 1000-Meter-Lauf, sind mir alle davongerannt. Jetzt bin ich der Einzige, der sich noch bewegen darf. Das ist falsch, denke ich. Die können mich nicht einfach aufs Podest lassen. Da gibt es doch sicher ein Naturgesetz dagegen.

Trotzdem steige ich mühelos aufs Treppchen. Von dort oben sehe ich sie. Da stehen alle, die besser waren als ich. Es müssen Hunderte sein.

«Der?», höre ich jetzt. «Wieso der?»
Ich kann die Frage nicht beantworten. Ich kann sie nur hören. Immer wieder.
«Wieso der?»

Ich sehe meinen besten Freund Kneter in der Menge. Wir sehen uns an. Ich warte auf ein geheimes Signal von ihm. Er sieht von dort doch viel besser, was ich machen soll, aber ich merke, dass auch er es denkt: «Wieso der?»

Jetzt bricht Jubel aus. Diesmal hört er sich echt an. Mit dem Gesicht eines Spielverderbers beobachte ich, wie der Zweit- und der Drittplatzierte auf mich zukommen. Sie steigen das Treppchen hoch und stellen sich links und rechts neben mich. Sie winken. Sie lachen. Sie tun so, als könnte man sich hier oben bewegen. Entsetzt bemerke ich jetzt, was sie mit ihrer Fuchtelei anrichten: Sie locken Schmandra an. In seiner Hand baumeln Medaillen. Ich will keine davon. Ich will, dass Schmandra diese Show endlich beendet. Aber er macht weiter. Als wäre ich eine Hausaufgabe, die er vergessen hat. Und weil er der Lehrer ist, weiß er, dass ihn niemand dabei erwischt. Ehrfürchtig hängt mir Schmandra die Medaille um. Wie schwer die ist. Fast kippe ich um, weil mich das Gewicht so überrascht. Vielleicht sollte ich jetzt jubeln. Vielleicht macht das alles leichter. Aber meine Lippen zittern. Sie fühlen sich an wie meine Arme, als ich mal den Kühlschrank tragen musste. Ich glaube, die Medaille wiegt genauso viel. Ich glaube, gleich knackst etwas. Wie damals beim Kühlschrank. Ich versuche zu hören, ob mein Körper noch da ist. Aber die Medaille sperrt mich aus. Sie hängt an mir wie ein nasser Fleck aus Pisse. Und ich kann sie da nicht wegheben. Wenn ich jetzt nach ihr greife, ist das, als würde ich mir vor allen Leuten an den Schwanz fassen. Ich glaube, es dauert Stunden, bis Schmandra die Veranstaltung beendet. Das ist also ein Sieg, denke ich. Ich will nie wieder irgendwas gewinnen.



2

«Die haben dir also 1000 Punkte zu viel gegeben.» Kneter sieht mich vorwurfsvoll an. Vielleicht glaubt er, ich habe mir das alles ausgedacht. Seit meiner Gefangenschaft auf dem Podest frage ich mich, ob andere sehen können, was ich denke. Kneter verstärkt diesen Verdacht: «Ich hab‘ dir zugeschaut, als du da oben warst…» Er sagt das, als wüsste ich es nicht. «… du hast ausgesehen, als hättest du das Denken verlernt.»
«Hat man gesehen, dass ich da nicht rauf gehöre?», frage ich. Ich spüre die Antwort, bevor Kneter was sagt. Und Kneter sagt sofort etwas: «Jeder hat gesehen, dass du da nicht raufgehörst.»
Ich würde jetzt gerne gehen. Aber wir sind immerhin an unserem Lieblingsort: dem Boden in einer Seitengasse der Altstadt. Also bleibe ich. Kneter setzt sein Bier an und trinkt. Als er die Flasche wieder abstellt, erinnere ich mich, wie ich vom Podest heruntergestiegen bin. Es waren nur zwei Schritte, aber die waren anstrengender als das ganze blöde Sportfest.
«Was hat Schmandra dir eigentlich im Büro gesagt?», fragt Kneter.
«Er hat gesagt: ‚Das hätte nie passieren dürfen.‘ Das war wohl ein IT-Fehler.»
«Mich wundert das nicht», giftet Kneter. «Da hat einfach ein krankes System versagt. Selbst wenn du wirklich gewonnen hättest. Was ist das schon? 1000 Punkte bei einem Sportfest. Glaubst du, irgendjemand interessiert sich für Punkte?»
«Jetzt interessiere ich mich dafür», gebe ich zu.
«Das ist aber jetzt nicht wichtig! Wir sind wegen einer Aktion hier. Sind wir doch, oder?»
«Von mir aus.»
«Also. Da helfen uns deine Punkte nicht.»
«Was willst du machen?», frage ich.
«Ich würde sagen: Auf Kommando stehen wir auf. Faust ballen. In die Luft strecken. Dann die Parole und dann durch die Altstadt.»
«Welche Parole?»
«Es muss was sein, was jeder kennt.»
«Wieso brauchen wir überhaupt ne Parole?»
«Weil wir damit Druck erzeugen wollen. Also denk‘ dir mal was aus.»
«Was wollen wir eigentlich?»
«Wir wollen hier raus», sagt Kneter.
«Ok, ich will wirklich hier raus.»
«So wörtlich meinen wir das nicht. Eigentlich wollen wir es hier nur besser haben als vorher. Verstehst du?»
«Ich will trotzdem hier weg.»
«Wo willst du denn hin?», fragt Kneter.
«Weiß nicht. Alles ist besser als hier zu bleiben. Aber keine Angst, ich helf‘ dir schon beim Schreien.»
«Ich will nicht hier weg …» Kneter sieht mich erhaben an. «… hier gibt’s Bier und wir sind ungestört. Wie lange sitzen wir jetzt schon hier, hm? Und hast du da schon einen Menschen vorbeikommen sehen?»
«Eben. Wann sieht man hier schon mal Menschen?»
«Wenn wir schreiend durch die Straße laufen, sehen wir Menschen.»
«Aber die will ich nicht sehen! Und ich will nicht, dass die mich sehen! Dann schrei‘ ich lieber nicht.»
«Du schreist!», ordnet Kneter an.
«Dazu müsste ich erstmal wissen, was…»
«Schrei einfach.»
«Keine Parole?»
«Stimmbänder ölen!»
Diese Stimme. Wie laut der ist.
«Und jetzt raus!»



3

Das war mal meine Welt. Jetzt klopf‘ ich mit dem Hammer drauf rum. Immer auf die gleiche Stelle. Mein Baumhaus ist morsch geworden. Bald wird es einstürzen, hat mein Vater gesagt. Deshalb bauen wir es jetzt selber ab. Ich glaube nicht, dass es einstürzt. Aber ich kann nicht erklären, wieso ich das glaube. Meistens glaubt mir mein Vater nur, wenn ich gute Erklärungen habe. Und mein Gefühl ist keine Erklärung. Jetzt sitzen wir hier zu dritt und klopfen, so laut wir können. Die Musik hilft uns beim Zerstören. Mein Vater hat sie aufgedreht. Die Bässe hämmern stärker ins Holz als ich. Kneter zieht jetzt Nägel aus der Decke. Er sieht aus, als würde ihm das Spaß machen. Er zieht einen Nagel nach dem anderen ab. Ich will, dass mein Baumhaus stehen bleibt. Ich will einen Weg finden, den Verfall zu stoppen. Mir fällt etwas ein: Ich zerstöre nur die kleine Stelle, auf die ich jetzt klopfe. Den Rest lass‘ ich ganz. Ich klopfe einfach gegen die Zerstörung an. Ich halte den Hammer ganz fest, als könnte ich meinen Vater und Kneter damit beeindrucken, wie vertraut mir das Werkzeug ist. Aber ich merke, dass mir der Hammer nicht gehorcht. Ich haue neben die Stelle, auf die ich gezielt habe. Mein Handballen schlägt auf dem Boden auf. Ein Splitter bohrt sich in meine Hand. Das ist ein Teil von meinem Baumhaus. Es schlüpft in mich rein. Der Splitter sticht wie ein Insekt, das sich in mich eingräbt. Wie warm sich der Schmerz anfühlt. Ich beschütze ihn. Er darf da jetzt für immer bleiben. So wie ich damals in meinem Baumhaus. Ich sehe, wie mein Vater die Balken hoch drückt. Jetzt ist die Decke geknackt. Mein Vater dreht sich. Das Brett dreht sich mit ihm. Es ist so leicht. Es klatscht auf die Wiese wie ein nasses Stück Stoff.

Jetzt sitze ich auf den Trümmern im Gras. Die Reste meines Baumhauses verteilen sich um mich. Ich habe den Hammer gegen eine Säge getauscht. Meinen Griff ändere ich nicht. Ich drücke fest auf die Säge. Ich will diesen Schmerz behalten. Während ich säge, schaue ich auf die Ruine. Die Wand ist jetzt offen. Das Dach ist weg. Die Musik dröhnt ungebremst ins Freie. Kneter wütet da oben einfach weiter herum. Wieviel Energie der hat. Ich hätte das verhindern müssen. Aber wann? Und wie?

«Hey Lu, träumst du?»
Ich schrecke auf. Bea. Meine große Schwester steht neben mir. Sie dreht die Musik leiser.
«Sorry, dass ich’s nicht eher geschafft habe. Ihr seid ja schon ziemlich weit», sagt sie.
«Geht.»
«Kann ich noch was helfen?»
«Nein, die kriegen’s hin.»
«Was machst du denn?»
«Klopfen und sägen.»
«Haben sie dich rausgeschmissen?»
«Wie kommst du denn da drauf?»
«Du wirkst so, als wärst du rausgeschmissen worden.»
«Ich bin freiwillig hier», versuche ich mich rauszureden.
«So wie bei der Siegerehrung? Oh mein Gott! Ich hab dich da oben auf dem Podest gesehen!»
Ich will das jetzt nicht hören, also schaue ich weg.
«Dass die nicht vorher gemerkt haben, dass das nicht stimmen kann», sagt Bea.
«Du hast mich nicht werfen sehen», protze ich. «So groß sind die Unterschiede da nicht.»
«Lu, pass einfach auf, dass du dir nicht weh tust beim Sport.»
«Ich passe immer auf, dass ich mir nicht weh tue!»
«Dann muss dir die Schule ja ziemlich weh tun.»
«Das weißt du doch.»
«Ich wusste nicht, dass du sie schmeißen willst.»
«Wissen das jetzt schon alle?»
«Mama hat erzählt, dass du nach diesem Jahr abbrechen willst.»
«Ich will einfach arbeiten! Das liegt mir viel mehr als die ganze Theorie», gebe ich an. Ich spreche das entschlossen aus, als könnte ich Bea damit zeigen, wie durchdacht alles ist, was ich mache.

Jetzt sehe ich, dass auch die Wände meines Baumhauses weg sind. Wenn ich es weiter aus den Augen lasse, verschwindet es vielleicht, ohne dass ich mir merken kann, wie das alles zerstört wurde. Kneter und mein Vater arbeiten so gut zusammen, als wären sie seit Jahren ein Team, das meine Welt vor meinen Augen auseinander nimmt.

«Du und arbeiten», stichelt Bea weiter.
«Was soll das denn heißen?»
«Ich hab dich noch nie arbeiten sehen.»
«Eben. Dann wird’s Zeit.»
Ich fühle mich überrumpelt. Wirklich eilig habe ich es eigentlich gar nicht, mit der Arbeit. Aber ich will endlich frei sein. Ich weiß, dass ich es nie auf die Uni schaffen werde. Trotzdem sehe ich eine Chance, hier raus zu kommen: Supermärkte. Die gibt es überall. Ich muss nur die Ausbildung überstehen, dann kann ich mir die Stadt aussuchen, in der ich lebe und arbeite. Per Edeka ad astra. Oder so. So gut habe ich in Latein aufgepasst, um zu wissen, was das heißt. Ich sehe Bea gnädig an. Ich gebe ihr noch eine Chance, mich zu verstehen. Dieser Blick muss dafür vorerst reichen.



4

Ich sitze auf der Fensterbank und sehe in die Nacht. Ich höre alte Musik. Sonic Youth. Als «Schizophrenia» zu Ende ist, schiebe ich das Youtube-Video zum Anfang zurück. Ich wüsste jetzt gern, ob ich traurig bin, aber da ist niemand, den ich fragen kann. Alle sind woanders. Alle liegen verstreut herum: meine Eltern und Bea in ihren Betten, die Einzelteile meines Baumhauses im Gras. Ich bin das einzige Teil in dieser Konstruktion, das noch nicht an seinem Platz ist. Jetzt bleibe ich einfach wach, bis ich die Konstruktion verstehe. Ich bleibe wach, bis ich weiß, wie ich mich fühle.

Mein Handy vibriert. Ohne aufs Display zu sehen, weiß ich, wer das ist. Ich schaue zum Haus auf der anderen Straßenseite. Dort, im zweiten Stock, sitzt Kneter im Fensterrahmen. Im Licht der Straßenlaterne ist nur ein Umriss von ihm zu erkennen. Aber ich weiß genau, dass er mich jetzt anschaut. Ich will wegsehen, aber ich schaue aufs Display.

Kneter schreibt: Was los bei dir?
Ich schreibe: Nichts. Bisschen Musik. Bei dir?
K: Nur Musik?
Ja
K: Wie bist du denn drauf? Komm mal rüber. Bei mir is keiner da.
Heute nicht. Ich geh gleich pennen
K: Immer pennen
Ich bin echt platt von der Arbeit
K: Du hast doch kaum was gemacht
Ja, bin das einfach nicht gewöhnt
K: Komm auf ein Bier vorbei und lass drüber quatschen.
Bin echt müde, Sorry
K: Schon klar. Wie geht das?
Wie geht was?
K: Müde sein

Ich habe keine Lust mehr zu antworten. Ich überlege, wie ich jetzt sensibel und bestimmt das Gespräch beenden kann, aber ich weiß, dass Kneter einfach immer weiterschreiben wird. Ich bewundere ihn für seine Entschlossenheit. Ich will ihm das erklären, aber ich merke, dass ich keine Energie mehr zum Tippen habe. Ich stelle den Chat stumm und gehe ins Bett.

Liegen fühlt sich anders an, seit der Siegerehrung. Ich denke, ich bin so untalentiert, dass ich sogar hier auf meiner Matratze etwas falsch mache. So seitlich wie ich jetzt liege, kann das nicht gesund sein. Wahrscheinlich hole ich mir ein krummes Kreuz, wenn ich so bleibe. Ich dreh‘ mich lieber auf den Rücken. Mist. Jetzt sind meine Gelenke zu angespannt. Das war doch schon mal anders. Ich hab‘ doch irgendwann mal gedacht, dass ich was richtig mache. Aber das einzige, was mir einfällt, ist das Quiz im Musikunterricht. «Smalltown Boy». Seitdem nennen die mich so. Nur, weil ich ein Lied richtig erraten habe. Das hat sie wirklich erstaunt, dass ich das weiß. Dabei war die Antwort so leicht. Ich hab‘ mich fast geschämt, dass ich der einzige war, der das wusste. Die wissen einfach nicht, wie oft ich hier liege und Musik aus der Vergangenheit höre. Als könnten die Toten mich trösten. Ok. Zum Glück leben die noch. Und ihre Musik erst. Wie machen Musiker das? Die gehen auf Bühnen und lassen sich feiern. Das Podest bei diesem Scheiß Sportfest war meine Bühne. Vielleicht die einzige, auf die ich es jemals schaffe. Und selbst da hab ich mich raufgeschlichen. Weil mein Lehrer meinen Namen gesagt hat. Mein Gesicht. Wie starr das noch immer ist. Ich will aus dieser Visage raus.

Immerhin funktioniert mein Handy noch. Ich mach‘ die Playlist an.

«There is no end to this». New Order. Ich bin bei «Procession» hängen geblieben. «Alone, alone, alone». Dieses Wort. Es liegt vor mir, wie ein Selbstporträt. Ich mag das Gesicht darauf viel lieber als das von vorhin. Mein Gesicht. Eigentlich sollten da irgendwelche klugen Antworten rauskommen. Oder zumindest Zeichen, dass ich am Leben bin. Aber mein Gesicht ist wie ein nutzloser Vorhang. Und jeden Tag wickele ich mich wieder darin ein. Jetzt ist das Teil weg. Als käme da, wenn ich Play drücke, ein Hausmeister, der mich befreit und den Stoff einfach zur Seite schiebt. Jetzt sehe ich das, was ich wissen will. Die einzigen Fragen, die mich wirklich interessieren: Wie berühre ich jemanden? Wie berühre ich jemanden wirklich? Wie halte ich jemanden, ohne ihn festzuhalten? Wie lasse ich mich fallen, ohne jemand anderen fallen zu lassen? «It’s a problem, you know», sagt der Song. Ich weiß! Ich weiß das doch, denke ich. Dann starte ich das Lied von vorn.



5

Als seriöser Kaufmann habe ich die Beine übereinandergeschlagen. Die Bügelfalte meiner Hose ist akkurat. Mein Jackett sitzt locker, genau wie die Krawatte, die ich mir selbst gebunden habe. Mir gegenüber sitzt Herr Woigl. Er ist Marktleiter. Ich habe ihm eine unwiderstehliche Bewerbung geschrieben. Ich will Verkäufer werden. Jetzt sofort.
«Also, deine Noten sind schon ein bisschen problematisch», sagt er.
Deswegen sitze ich hier und nicht in der Schule, denke ich. Und sage nichts.
«Aber dein Anschreiben hat mir gefallen. Du bist motiviert. Das mögen wir hier.»
Stundenlang habe ich an dem Anschreiben herumgedoktert. Konzipiert war das als Manifest, in dem alles steht, was ich in meiner Lehrzeit zu sagen beabsichtige. Ich merke, dass mein Vorsprung jetzt schon dünn wird.
«Was reizt dich denn am Berufsbild des Verkäufers?» fragt Herr Woigl.
«Die Arbeit mit Menschen», wiederhole ich die Worthülse, die ich auch in meinem Anschreiben großzügig verwendet habe.
«Ja, das ist ein angenehmer Teil unseres Berufs.»
‚Unser‘ Beruf. Wie schön das klingt. Das zu hören freut mich mehr, als ich mir eingestehen will.

«Ich denke, der Beruf könnte dir Spaß machen. Du kannst bei uns ein bisschen Selbstbewusstsein aufbauen.»
Woher weiß der, dass ich Selbstbewusstsein brauche? Bevor ich los bin, habe ich extra nochmal in den Spiegel geschaut. Heute habe ich keine einzige Schwachstelle finden können. Ich rücke mich zurecht. Ich halte für eine Sekunde Blickkontakt, dann schiele ich auf den Kugelschreiber neben dem Laptop.
«Wo soll ich unterschreiben?» frage ich energisch.
«Du kannst auch erst mal einen Probetag hier arbeiten, wenn du magst.»
«Einen Probetag?»
«Da bekommst du nochmal einen genaueren Einblick in das Berufsbild.»
Ich mag das Berufsbild auch so, denke ich. Ich mag alles, was ich darüber gelesen habe. Ich dachte, er kann das spüren. Aber er sieht mich an und erwartet offenbar eine Antwort.
«Ich schaue mal, wann ich Zeit habe», biete ich ihm großzügig an.
«Jetzt gleich würde auch gehen.»
«Jetzt gleich?» Dieser Druck hier. Mir wird heiß. «Äh, ein Freund wartet draußen auf mich.»
«Tja, daran wird er sich gewöhnen müssen, wenn du hier anfängst», sagt Herr Woigl und zuckt die Schultern.
«Also, was meinst du?»
«Klar», antworte ich so sicher, wie ich kann. «Ich will alles über unseren Beruf wissen. Am liebsten jetzt gleich.»

Unser Beruf. Er macht mir Spaß. Dauernd passiert etwas. Überall gibt’s was Neues zu sehen. Ganz schön spannend, so ein Becher. Was da alles drauf steht: Calcium unterstützt die Muskelfunktion und trägt zur Erhaltung von Knochen und Zähnen bei. Und hier! Noch besser: Enthält biologisch aktive Biogarde-Markenkulturen mit Lactobacillus acidophilus und Bifidobakterien. Wie flüssig sich das liest. Das sind Worte, die alles erklären können. Mal schauen, was da noch alles steht.
«Willst du das auswendig lernen?» Herr Woigl kniet neben mir und schaut mich von der Seite halb streng, halb schmunzelnd an. Ich sehe, dass er gleichzeitig sprechen und im Zeitraffer Joghurt ins Kühlregal räumen kann. Ich will ihm zeigen, wie lernfähig ich bin und stelle sorgfältig die Buttermilch ins Regal.
«Erst die alte Ware raus, dann die Neue rein», erklärt Herr Woigl. Ich habe gar nicht gesehen, dass er die alten Sachen ausgeräumt hat. Ist das Schikane oder hab‘ ich nicht aufgepasst? Ich konzentriere mich jetzt. Ich nehme den Becher wieder raus. Eigentlich interessiert es mich wirklich, was da noch drauf steht.
«Wichtig ist, dass wir bei den Molkereiprodukten schnell sind, da müssen wir auf die Kühlkette achten, verstehst du?»
Ich bin schnell, denke ich. Die Zeit auf dem Siegertreppchen soll nicht umsonst gewesen sein. Irgendwas Gutes muss ich von da oben doch mitgenommen haben. Jetzt sehe ich die Gläser in dem Karton. Eingepfercht stehen sie da. Diese Enge da drin. Die erinnert mich an die ganzen Leute, die beim Sportfest um mich herum standen. Vorsichtig pflücke ich die Gläser da raus. Als könnte ich so für mehr Luft für uns alle sorgen. Sanft stelle ich sie ins Regal. Ganz Sanft. Das Zeug ist zerbrechlich.

Auf einmal sehe ich Kneter. Er irrt durch den Gang. Er sieht aus, als hätte er etwas verloren. Irgendwas Großes. Ich frage mich, ob er mich erkennt. Ich habe mein Sakko gegen einen weißen Kittel getauscht. Ich bin jemand anderes geworden, seit ich hier am Kühlregal stehe. Jetzt treffen sich unsere Blicke. Kneter zögert einen Moment. Dann kommt er entschlossen auf mich zu.
«Was‘ mit deinem Handy los?» fährt er mich an.
«Lautlos», sage ich gedämpft. «Ich muss mich hier konzentrieren.»
«Du hättest Bescheid sagen können, dass du länger brauchst.»
«Ging alles ziemlich schnell», sage ich. Ich merke, dass sich Herr Woigl neben uns aufrichtet. «Für einen ersten Eindruck reicht das jetzt auch. Kommst du nochmal kurz mit ins Büro?», fragt er. Kneter und ich sehen uns an. Mir wird mulmig. Ich habe mich schon wieder unterbrechen lassen. Das hätte nicht passieren dürfen. Ich brauche den Job. Sonst komme ich nie aus diesem Sumpf raus, in den ich mich in der Schule manövriert habe.

30 Minuten später bin ich wieder im Sakko. Es ist zum Sakko eines Arbeiters geworden. Ich habe unterschrieben. Der Vertrag ist sicher in meinem Rucksack verstaut. Der Rucksack fühlt sich so leicht an, als wäre darin jetzt alles, was ich jemals brauchen werde. Ich fühle mich frei. Diesmal habe ich wirklich alle abgehängt. Und ich musste nicht mal Rennen dafür. Für meinen Triumph war nur nötig: ein Supermarkt, ein paar Gläser und ein weißer Kittel, der mir gar nicht so schlecht steht. Ich bewege mich endlich wieder aus eigener Kraft. Das spüre ich.
«Was hat er gesagt?» fragt Kneter, der vor dem Laden auf mich gewartet hat. Jetzt schlendern wir die Straße hinunter.
«Wir kriegen das schon hin.»
«Sonst nichts?»
«Sonst kaum was», untertreibe ich. «Du musst noch sehr viel lernen», hat er noch gesagt. Und: «Wir müssen noch ein bisschen arbeiten, wenn das was werden soll, aber zum Arbeiten sind wir ja hier.» Und: «Ein bisschen skeptisch bin ich schon. Aber wir brauchen dringend Leute, das sag‘ ich dir ganz ehrlich.» Ich habe genickt. Zu allem. Dann habe ich unterschrieben. Jetzt weiß ich endlich, wer ich bin: Ich bin ein Arbeiter. Einer von denen, die zupacken und auch ein Sakko ausfüllen können. Ich flöße mir fast schon selbst Respekt ein.
«Hast du dir mal überlegt, was ich den ganzen Tag machen soll, wenn du bis acht im Supermarkt rumhängst?», fragt Kneter.
«Ich hänge nicht rum. Ich arbeite. Du kannst ja auch dort anfangen.»
«Danke, ich mach‘ Abi.»
«Guter Plan. Du packst das auf jeden Fall.»
«Natürlich pack‘ ich das. Kein Plan, wieso du dich so angestellt hast.»
«Zum Glück ist das jetzt vorbei.»
«Und ich dachte, du willst weg von hier», sagt Kneter.
«Das geht ja auch ohne Abi.»
«Bin ich gespannt.»
«Und was willst du mit Abi, wenn du sowieso bleiben willst?», frage ich.
«Ich will den Idioten hier beweisen, dass ich was kann», sagt Kneter.
«Das will ich auch», sage ich. «Ich will beweisen, dass ich was kann. Ich will beweisen, dass ich arbeiten kann.»
«Wir müssen jetzt erstmal an uns selbst arbeiten, und nicht dauernd für andere», sagt Kneter.
«Das gehört doch alles zusammen», gebe ich undurchsichtig zurück, weil ich hoffe, dass diese Aussage Kneter zum Nachdenken anregt. Ich merke, dass sie das tut, aber anders, als ich mir vorgestellt habe.
«Lass‘ mal die Aktion von letztens zu Ende bringen», sagt Kneter.
«Jetzt?»
«Natürlich jetzt! Wir sind eh schon spät dran.»
«Ich kann nicht. Ich bin platt von der Arbeit.»
«Nicht dein Ernst. Du hast gerade mal 20 Minuten Probe gearbeitet!»
«Die Zeit fühlt sich da ganz anders an», prahle ich, aber Kneter zeigt sich unbeeindruckt: «Wenn du als Arbeiter keine Energie mehr zum Protestieren hast, wirst du ausgebeutet», rattert er staatstragend herunter.
«Morgen hab‘ ich wieder Energie dafür.»
«Morgen», schnaubt er verächtlich.
Kneter ist viel zu alarmiert. Ich will die Situation neutralisieren. Versöhnlich halte ich ihm die Flasche hin. Ein Friedensangebot, das er nie ausschlägt. Wir stoßen an und trinken. Wir sehen uns um, als könnten wir hier etwas finden, das wir noch nicht kennen. Ich nehme gleich noch einen Schluck, weil ich so während des Gehens in den Himmel schauen kann. Da sieht es immer so aus, als wäre mehr los als hier. Ich trinke, bis das Bier leer ist. Die Flasche stelle ich auf einem Stromkasten ab. Irgendjemand geht an uns vorbei. Ich habe nicht auf ihn geachtet, aber ich habe eine Idee: «Krass!», flüstere ich aufgeregt. «Hast du den gesehen?»
«Wen?», fragt Kneter.
«Das war Bernard Sumner», erfinde ich.
«Wer?»
«Der Sänger von New Order.» Ich weiß, dass Kneter sich nicht für Musik interessiert. Aber weil er immer so alarmiert ist, will er auch immer wissen, was hier passiert, also habe ich seine Aufmerksamkeit sicher. «Da läuft er», sage ich und deute zu dem Mann, der jetzt um die nächste Ecke biegt.
«Keine Ahnung, wer das war», sagt Kneter.
Ich will mit meinem Gefühl von der Arbeit alleine sein. Ich will es richtig einordnen, dazu brauche ich einen Moment für mich. Jetzt spüre ich, dass ich da ran kommen kann:
«Komm, wir finden’s raus!»
Bevor Kneter antworten kann, sprinte ich los. Nach ein paar Metern weiß ich: Ich habe ihn abgehängt. Kneter war einer der wenigen, die bei den Bundesjugendspielen noch langsamer waren als ich. Obwohl der Abstand jetzt schon groß ist, renne ich einfach weiter. Jetzt laufe ich ganz anders als im Wettkampf. Ich fühle mich, als würde ich zum ersten Mal laufen. Als hätte ich endlich gelernt, worum es da geht. Ich keuche das Geheimnis meiner neuen Geschwindigkeit raus, wie eine Vokabel, die ich mir gemerkt habe und stolz präsentiere. Jetzt höre ich die Lautstärke um mich herum. Mechanischer Krach begleitet mich. Ich merke, dass ich ihn selbst erzeuge. Ich schnaufe so laut, dass es in mir ganz still wird. Jetzt habe ich alle Geräusche aus meinen Körper gekeucht. Ich erinnere mich, dass der Gleichgewichtssinn in den Ohren ist. Aber ich glaube, ich habe keine Ohren mehr. Also auch kein Gleichgewicht. Ich verknote mich. Ich bin zu schnell für meinen Körper geworden. Ich kann nicht mehr. Ok. Bremsen. Stehenbleiben. Zum Glück sieht niemand, dass ich aufgebe. Ich gehe in die Hocke und schnaufe durch. Leicht überfordert blicke ich mich um. Wo bin ich? Mist. Da drüben am Brunnen sitzen welche. Die sehen mich an. Schnell weg. Ich gehe weiter. Ich weiß ganz genau, wer da sitzt. Es sind Milena und Rike, zwei Mädchen aus meiner Parallelklasse. Sie haben mich nie beachtet, also gehe ich einfach vorbei, als wäre nichts. Obwohl ich noch immer viel zu laut schnaufe, fühle ich mich sicher. Sie nehmen mich nicht wahr. Ich bin ein Geist. Ich muss mich nicht mal verstecken. Ich kann sie einfach unbemerkt anschauen. Milena mit ihrer Jungsfrisur und der hellen Jeansjacke, die so gut zu ihrer blassen Haut passt. Rike, die in ihrem schlabbrigen Sommerparka fast verschwindet.
«Übst du schon für die nächsten Spiele?», höre ich. Irritiert bleibe ich stehen und drehe mich zu ihnen um.
«Irgendwie schon», sage ich zu Milena, weil sie so schräg grinst.
«Gratulation zum Sieg», sagt Rike. Ich kann keine Ironie hören. Sie scheint das ernst zu meinen.
«Was sind schon Siege?», winke ich ab und versuche, cool auszusehen.
«Wir haben gefeiert, dass du dich da einfach raufgestellt hast», sagt Milena.
Das war ein Irrtum, will ich sagen. Das war nicht mein Sieg, will ich sagen. Aber ich sage nichts. Das kranke Schweigen, das nun entsteht, wird von einem Keuchen unterbrochen, das langsam näher kommt. Ich drehe mich um. Kneter. Schwer atmend stellt er sich neben mich und stützt die Hände in die Hüften. Er ist zu platt, um was zu sagen.
«Haben wir jetzt die halbe Stadt aufgescheucht?», fragt Milena.
«Hey, wir sind die ganze Stadt!» ringt sich Kneter laut schnaufend ab.
Rike vergräbt sich tiefer in ihren Parka. «Das befürchte ich auch.»
«Habt ihr Bernard Sumner gesehen?» frage ich.
«Wen?»
Die beiden sehen sich an. Sie grinsen. Ich sehe, dass sie nicht antworten werden. Ich sehe, dass das keine Frage war, die uns jemand in unserer Welt beantworten kann. Jetzt sehen sie uns an wie zwei Außerirdische. Aber irgendwas in mir sagt mir, dass sie Außerirdischen nicht feindlich gestimmt sind.



6

Ich bin euphorisch. Heute war mein letzter Schultag. Neun Jahre lang habe ich gelernt. Jetzt sitze ich schlau geworden im Wohnzimmer von Kneters Eltern. Ich hocke mit einer Flasche Wein auf dem Teppich und lehne mich an die Couch. Endlich frei, denke ich. Alle Fesseln sind weg. Stark waren die. Aber ich bin stärker. Ein befreiter Entfesselungskünstler bin ich. Und jetzt hab‘ ich Zeit für alles. Endlich Zeit. Kneter sitzt mir gegenüber. Er ist abwesend. Vertieft spielt er auf seinem Handy rum. Dann schaut er mich plötzlich an.
«Wieso bist du gestern einfach so davon gelaufen?», fragt er.
Meine Flucht gestern. Die hatte ich schon ganz vergessen. Kneter offensichtlich nicht. «Weißt du, wie sich das anfühlt, wenn einfach jemand davon rennt?» Kneter sieht mich streng an. Verletzt sieht er aus. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich weiß, dass es keine gute Idee war, einfach wegzurennen. Weit sind wir beide nicht gekommen.
«Sorry, das war einfach ein Impuls», sage ich.
«Ok», sagt er milde. Ich bin erstaunt, dass das so schnell für ihn erledigt ist, dann sagt er: «Jetzt schuldest du mir einen.»
«Was?»
«Das war dein Impuls. Und jetzt kommt meiner.»
«So rechnet man das doch nicht.»
«Was verstehst du schon vom Rechnen?»
«Nicht viel», gebe ich zu, obwohl ich weiß, dass das alles jetzt nichts damit zu tun hat.
«Dieser Typ gestern. Wie hieß der?»
«Bernard Sumner.»
«Wir werden nie rausfinden, ob der das wirklich war», sagt Kneter.
«Ja, wahrscheinlich.»
«Stört dich das nicht?
«Was?»
«Dass wir nie wissen, was hier alles passiert.»
«Hier passiert doch nix.»
«Hier passiert was!», beharrt Kneter.
«Was denn?»
Er tippt auf seinem Handy herum und richtet die Kamera auf mich. Ich sehe woanders hin. Das fühlt sich an, als würde mich etwas an die Wand drücken. Mir bleibt die Luft weg.
«Weißt du, warum hier nichts passiert?», fragt Kneter.
«Mach‘ mal die Kamera aus», sage ich genervt.
«Weil wir nichts machen.»
Kneter drückt auf dem Handy rum. Ich glaube, er zoomt.
«Wir sind da.»
«Na und? Wen interessiert das!?», sage ich lauter, als ich will. Er hat mich. Ich schaue aufgewühlt zurück. Mitten in die Kamera. Dorthin, wo er mich haben will. Ich fühle mich noch immer zu gefesselt, um aus dem Bild zu gehen.
«Dir ist das wirklich unangenehm», sagt er überrascht und nimmt die Kamera runter.
«Ja», sage ich.
Ich lösche das gleich, denke ich. Ich stehe jetzt auf und lösche das alles. Und ich stehe wirklich auf, aber nur um aufs Klo zu gehen, ohne zu müssen.

Schmal sehe ich aus. Die Augen eingefallen. Der Blick glasig vom Wein. Die Lippen verkniffen, als würden sie torkeln, sobald ich sie bewege. Wenn ich jetzt sterbe, wird Kneters Video mein letztes Lebenszeichen sein. Das muss ich unbedingt verhindern. Aber wieso steigere ich mich da so rein? Ich war da nicht ich selbst. Das hat alles nichts mit mir zu tun. Das trifft mich nicht. Oder hat er mich erwischt, wie ich wirklich bin? Der Spiegel hilft mir nicht weiter. Ich schaue mich einfach nur an, als würde ich jetzt selbst eine Kamera auf mich richten. Der Spiegel nervt. Ich klappe ihn zur Seite und öffne das, was dahinter ist: den Arzneimittelschrank. Ich sehe ein Blutdruckmessgerät. Ein paar Packungen Tabletten. Ein Fieberthermometer. Das sieht vertrauenswürdig aus. Ich glaube, das kann mir was geben. Irgendeinen Wert. Ich stecke mir das Thermometer in den Mund und warte bis es piepst. 37,8 steht auf dem Display. Ich tippe die Zahl in die Suchleiste meines Handys und erschrecke: Subfebrile Temperatur. Irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich glaube, Kneter hat ein Fieber in mich reingefilmt. Am liebsten würde ich jetzt nach Hause gehen und mich gesund schlafen, aber heute beginnt mein freies Leben, also muss ich durchhalten. Ich stecke das Thermometer in meine Hosentasche. Das beruhigt mich. Es ist wie ein Attest, das mich von allem befreien kann. Vielleicht hilft es sogar gegen Kneters Kamera. Gleich wollen wir in den «Abstieg», den einzigen Club hier in der Gegend. Wir sind noch nie reingekommen. Entweder waren wir zu jung, oder zu betrunken. Heute sind wir beides nicht. Ich klappe den Spiegelschrank zu und sehe mich an. Ich spüre jetzt, dass ich nüchtern bin und dass ich heute nichts mehr daran ändern kann, egal, was ich in mich reinschütten werde.



7

Es ist heiß. Alle um mich herum tanzen. Ich stehe daneben, als würde ich die Musik bewachen. Kneter hat uns in den Abstieg geschleust. Ganz ohne Ausweis. Seine Selbstsicherheit hat gereicht. Er ist einfach am Türsteher vorbei. In seinem Schatten hat er mich mitgeschmuggelt. Jetzt stehe ich im Schatten der Tänzer. Zwischen uns ist etwas. Eine Verbindung. Wir ergänzen uns gut: Die Tänzer befreien sich. Ich lehne erstarrt an der Wand. Wir nutzen alle die Musik dafür. Das ist das einzige, was noch zu mir durchdringt. Ich erinnere mich an eine Zeile, die ich gestern gehört habe: «Your heart beats you day and night». Mein Herz. Eigentlich würde es mir reichen, wenn es nur ein paar Stunden am Tag schlägt. Wenn ich mir den Rest aufheben könnte. Ich würde mir einen Herzvorrat anlegen. Für irgendwann, wenn ich ihn brauche. Jetzt benutze ich mein Herz überhaupt nicht. Trotzdem ist es hyperaktiv. Und ich weiß nicht, wieso. Mein Herz ist wie ein Handy, das dauernd vibriert. Aber ich drücke jeden Anruf weg. Hier drin würde ich sowieso nichts hören. Hier habe ich nicht mal Netz. Und überhaupt: wer sollte anrufen? Der einzige, zu dem ich wirklich Kontakt habe, ist Kneter und der ist hier irgendwo. Wahrscheinlich sieht er mich grade viel besser, als ich ihn. Ich glaube, mein Herz spinnt. Wenn es vibriert, obwohl ich nicht erreichbar bin, obwohl da niemand ist, der mich anrufen könnte, dann spinnt es. Ich muss es neu programmieren. Ich muss es vom Netz nehmen. Jetzt gleich. Einmal auf Pause stellen und dann die ganze Energie so nutzen, wie ich sie brauche. Ich muss meinen Puls an mein Tempo anpassen. Zum Glück habe ich das Thermometer. Ich muss jetzt dringend irgendwo sein, wo mich niemand stört.

Zwei Zeichen. Fuck. Eins davon ist für mich. Ich bin so schnell dran. Wenn ich jetzt bremse, sehen die, dass ich mich nicht auskenne. Wieso schreiben die nicht «Frauen» und «Männer» an die Türen? Wieso sind da keine Bilder? Wieso ist alles so kompliziert geworden? Ich wusste doch mal, was die Zeichen bedeuten. Ok. Ruhig. Nochmal genau hinschauen. Zwei Kreise. Bei einem hängt was runter. Das soll sicher ein Penis sein. Dann ist das die Männertoilette. Ja, das muss sie sein. Doch noch geknackt, das Rätsel. Kurz umdrehen. Passt. Hinter mir ist niemand. Tür auf. Rein. Thermometer raus. Fuck! Das ist Milena. Sie will da raus. Sie ist direkt vor mir. Sie sieht mich. Wie finster die schaut. Ist sie sauer oder erschrocken? Jetzt bemerkt sie auch noch das Ding in meiner Hand. Sie schaut genau auf meine wunde Stelle. Ich halte das Thermometer wie einen schlaffen Penis. Ich bin durch diese Tür gegangen und ein nacktes Monster geworden. Umdrehen. Schnell zurück zur Tanzfläche. Ich muss jetzt dringend irgendwo sein, wo mich niemand stört.

«Das ist der Money-Shot. Schau‘ dir das an.»
Kneter hält mir sein Handy hin. Ich schaue es mir an. Ich sehe, wie ich die Tür zur Frauentoilette öffne und Milena gegenüberstehe.
«Dich erkennt man kaum.» Kneter sagt das mehr enttäuscht als tröstend. «Immerhin sieht man, dass du einfach ins Frauenklo rennst. Hätt‘ ich nicht gedacht, dass du dich sowas traust.» Ich reiße ihm das Handy aus der Hand und tippe wild auf dem Display herum. Wütend und präzise eliminiere ich das Video. Dann reißt Kneter sein Handy wieder an sich.
«Was ist los mit dir?!», fragt er, so laut, dass ich die Musik für einen Moment nicht mehr höre.
«Das sollte ich dich fragen!»
«Ich hab‘ das sowieso in der Cloud gespeichert», erklärt Kneter. Ich drehe mich weg, um nach meiner endgültigen Verteidigung zu suchen. Dabei bemerke ich, dass Milena und Rike an der Bar stehen. Unsere kleine Handgreiflichkeit hat sie aufmerksam gemacht. Milena beugt sich zu Rike. Sie sagt ihr etwas, dann deutet sie auf mich. Rike lacht laut auf. Ich muss jetzt dringend irgendwo sein, wo mich niemand stört.

Kneter hat vorher schon genau hingeschaut. Seit er die Kamera benutzt, bemerkt er alles. Er hat sich multipliziert. Und ich bin ein Faktor geworden, den er für das Endergebnis braucht. Kneter hat uns in ein Gespräch mit Rike und Milena verwickelt. Ich glaube, Rike hat mich etwas gefragt. Ich habe es nicht genau mitbekommen, weil ich auf die Tanzfläche schaue. Noch bin ich nicht bereit für das Gespräch. Ich merke jetzt, dass sich das auch nicht bessert, wenn ich die Tanzenden anstarre. Ich kann mich hier einfach nicht konzentrieren. Kneter ist viel lauter als meine eigenen Gedanken. Ich weiß gar nicht genau, was er sagt. Aber ich glaube, das muss ich gar nicht. Seine Lautstärke ist auch ohne schlüssige Sätze vertrauenswürdig. Er passt hier rein, weil er mit seiner Stimme den Lärm der Musik unterdrücken kann. Kneter weiß das. Vielleicht hat er das gespürt, als er mir die Aufnahme gezeigt hat. Da ist er auf einmal mutig geworden. Er ist einfach zu Milena und Rike gegangen, noch während sie über uns gelacht haben. Jetzt stürzt einer seiner Sätze wie ein stiller Zauber in den Club: «Wir sind alle fremdbestimmt.» Kneter sagt das ergriffen. Als würde er jetzt gleich die Weltformel nachliefern. Rike denkt scheinbar an was ganz anderes. Und das hat mit mir zu tun: «Was hattest du da vorhin eigentlich in der Hand?», fragt sie mich. Ich weiß nicht, was sie meint. Ich benutze meine Hände nicht, will ich sagen. Ich weiß eigentlich gar nicht, wofür ich die habe, will ich sagen. Jetzt dreht sich auch noch Milena zu mir.
«War das ein Fieberthermometer?»
«Ja, was war das? Ich hab‘ das auch nicht erkannt, auf dem Video», mischt sich jetzt auch noch Kneter ein. Ich hole das Thermometer raus und drücke es ihm in die Hand.
«Das gehört dir», sage ich.
Fremdbestimmt. Vielleicht hat Kneter ja doch Recht. Ich muss aus diesem Zustand raus.
«Ich geh‘ dann mal», sage ich leise, weil ich hoffe, dass dann niemand widerspricht. Aber ich bin laut. Ich glaube, alle hier drin können mich hören. Milena, Rike und Kneter starren mich an. So verstört, als hätte ich geschrien.
«Was laberst du?» fragt Kneter. Er sieht erst das Thermometer, dann mich an. Ich muss einsehen, dass das Thermometer hier drin einfach nicht funktioniert.
«Ich muss mal los», antworte ich geheimnisvoll.
«Wieso musst du los?», hakt Kneter nach.
«Ich muss noch was vorbereiten.»
«Was denn?»
Mir fällt nichts mehr ein, was ich antworten kann, also gehe ich einfach. Innerhalb von zwei Schritten bin ich weg. Das ist so leicht, dass ich mir sogar merken kann, was ich denke, während ich durch die Menge drängle: Wenn ich mir selbst fremd bin, dann ist alles was ich entscheide fremdbestimmt. Das ist nicht die Weltformel, aber immerhin eine, die mich hier rausbringt.

Ich bin schon fast an der Tür, als ich einen Griff an der Schulter spüre. Ich drehe mich um. Kneter. Sanft schüttle ich ihn ab, dann bin ich draußen. Kneter kommt mir nach.
«Was los mit dir, Mann!?», poltert er. Ich bleibe stehen. Wir schauen uns an. Ich sehe Kneter an, wie enttäuscht er ist.
«Wir waren grade mitten in einem geilen Gespräch!»
«Ich weiß», muss ich ihm zustimmen.
«Ich check‘ dich wirklich nicht mehr.»
«Ach, nicht schlimm.»
«Das ist dir also egal, ob ich dich checke.»
Diese Dynamik. Da ist sie wieder. Egal was ich sage: gleich öffnet sich ein Strudel, gegen den ich nichts machen kann. Kneter holt sein Handy raus. Er aktiviert die Kamera. Er hält sie auf mich.
«Das ist einfach alles absurd geworden, findest du nicht?»
«Willst du jetzt alles filmen, was du nicht verstehst?»
«In letzter Zeit willst du dauernd abhauen vor mir.»
«Nicht vor dir. Vor allem», gebe ich zu, weil ich zu unruhig bin, um was zu erfinden.
«Das ist spannend», sagt Kneter. Mist. Wenn ich jetzt reagiere, stimme ich ihm zu, obwohl ich das nicht will und wenn ich ihm widerspreche, bestätige ich erst recht seinen Grund, mich zu filmen. Diese Dynamik. Wie schafft er das immer? Ich glaube, er schafft das, weil ich ihm helfe. Irgendwie helfe ich ihm dabei. Aber wie? Jetzt kann ich das unmöglich im Detail erkennen.
«Öffne dich doch einfach mal!» höre ich. Kneter filmt meinen Gesichtsausdruck. Das macht mir nichts. Jetzt bin ich mir selbst wieder so fremd, dass ich gar nicht weiß, wen er da aufnimmt. Im Gegensatz zu mir scheint Kneter aber genau zu wissen, wer ich bin. Jetzt merke ich es auch: Ich bin, was er im Club gesagt hat: Fremdbestimmt. Mir fällt mein Gedanke wieder ein. Es kommt mir vor, als wäre es der Erste, den ich jemals hatte und da ich vermutlich auch keinen weiteren mehr haben werde, schleudere ich ihn mit voller Wucht in die Kamera:
«Wenn ich mir selbst fremd bin, ist einfach alles was ich mache fremdbestimmt!»
«Weiter!» höre ich Kneter begeistert.
Aber da das mein einziger Gedanke war, schaue ich einfach nur stumpf zurück.



8

Kneter und ich sitzen auf einer Bank am Rand der Altstadt. Sie fühlt sich an wie ein Kraftfeld, das alle Ereignisse dieses Universums für immer ausklammern kann. Ruhe überwältigt uns. So radikal, dass wir uns wehren müssen. Kneter spielt mit seinem Feuerzeug rum. Ich sehe, dass er neben der Bank etwas bemerkt hat. Er macht Licht. Er beugt sich nach unten und hebt etwas auf. Grinsend präsentiert er mir, was er hat: Es ist ein toter Frosch. Er ist schon ganz starr. Vielleicht ist er auch einfach ins Kraftfeld dieser Bank geraten, denke ich. Vielleicht passiert uns das auch, wenn wir zu lange hier sitzen. Eigentlich wollen wir nur kurz nachdenken und dann zurück in den Abstieg. Aber jetzt sitzen wir hier. Kneter sucht nach der rettenden Idee, die er filmen kann und ich grüble, wie ich endlich an meine Körpertemperatur herankomme.
«Der ist scheiß trocken. Kein Plan, woran der verreckt ist», murmelt Kneter vor sich hin. Er hält das tote Tier genauso wie sein Handy vorhin. Kneter dreht sich zu mir. Ich schaue auf seine Hände und weiß: Er wird alles gegen mich richten, was da drin landet. Er hält mir die offene Hand mit dem Frosch hin.
«Ich will, dass du ihn frisst», sagt er.
«Bist du irre!?»
«Was stellst du dich so an?»
«Warum sollte ich das tun?»
«Warum nicht?»
«Leck mich.»
«So wird das nie was mit dir.»
«Als ob du so viel weiter bist.»
Kneter holt sein Handy aus der Tasche. Er gibt es mir.
«Ok, nimm auf», sagt er.
«Was denn?»
«Nimm einfach nur auf.»

Ich sehe alles, aber ich bin in Sicherheit, wie unbeteiligt. Ich zoome auf Kneter. Er kotzt noch immer. Kneter hat in den Frosch gebissen. Dann hatte er nichtmal mehr Zeit, sich wegzudrehen. Er hat einfach vor sich hingereiert. Kneter krümmt sich. Sein Würgen klingt seltsam. Als hätte er die Seele des Frosches freigebissen und einfach hinuntergeschluckt. Jetzt wütet diese Seele in Kneter. Vielleicht will der Frosch durch ihn zurück ins Leben. Er hat es schon fast in Kneters Stimme geschafft. Aber dieses Würgen tötet einfach alles ab. Ich glaube, wir sind alle verloren. Jetzt erst merke ich, dass die Kamera noch läuft. Ich will Kneter, mir selbst und der ganzen Welt diesen zerstörten Anblick ersparen. Ich drehe mich mitsamt der Kamera weg. Obwohl Kneter noch immer röchelnd neben mir kauert, bemerkt er, dass ich mich abwende.
«Nimm das weiter auf», keucht er. «Das ist genau der Content, den wir brauchen.» Kneter würgt konzentriert weiter. Es klingt wie die Klage des Frosches, weil er nichtmal tot seine Ruhe vor uns hat. Ich stoppe die Aufnahme.

«Wenn du im Club einfach stehen geblieben wärst, wär‘ das alles nicht passiert», sagt Kneter. Ich weiß, dass das nicht stimmt, aber ich widerspreche nicht, denn vorläufig sind wir uns einig: Wir fühlen uns beide besiegt und wissen nicht genau, wovon. Wir wissen nur, dass wir so nicht nach Hause können. Ich bin zu müde, um allein zu sein. Kneter ist zu unbefriedigt. Deshalb suchen wir jetzt auf dem menschenleeren Weg zwischen Kirche und Abstieg nach einem Erfolgserlebnis. Wie leicht es war, aus dem Kraftfeld der Bank zu entkommen, denke ich. Vielleicht sind wir stärker, als ich dachte. Vielleicht können wir wirklich was beeinflussen. Ich denke an den Wunsch, den ich jetzt spüre: Ich will Milena sehen. Ich will ihr zeigen, dass ich auch etwas anderes kann, als immer nur abzuhauen. Als der Gedanke zu Ende gedacht ist, erschrecke ich: Ich sehe Milena und Rike auf uns zukommen. Das kann nicht sein. Das. Ist. Magie! Und sie kommt von mir. Sie sind es. Milena und Rike. Wir gehen uns direkt entgegen. Jetzt sehe ich: Der Zauber war zweitklassig. Milena und Rike sind nicht allein. Cox ist mit ihnen unterwegs. Kneter und ich kennen ihn flüchtig. Cox ist der Sohn unseres Lehrers Schmandra und der einzige Punk der Stadt. Er ist ein paar Jahre älter als wir. In den vergangenen Monaten war er angeblich in Südostasien unterwegs. Jetzt ist er wieder da, ob durch meinen Zauber oder weil er einfach einer der wenigen Menschen ist, die es hier gibt. Ungebremst kommen die drei auf uns zu. Cox bemerkt uns. Ich sehe, dass er gleich etwas sagt. Und egal was das sein wird: Ich weiß, dass wir ihm zuhören werden.



9

Wir sitzen bei Kneter. Wir sind live gegangen. Mitten im Wohnzimmer. Kneter hat Milena, Rike und Cox eingeladen. Er hat sie einfach gefragt, ob sie mit uns kommen wollen. «Wir haben ein Haus für uns allein», hat er mit seiner Clubstimme gesagt. Als hätte es die Froschstimme nie gegeben. Jetzt sitze ich hier und schaue, als hätte ich die Froschstimme, wenn ich versuche, was zu sagen. Das kann man sich alles Live auf Twitch ansehen. Also eigentlich sieht man mich nur blöd rumsitzen. Kneter hat alle gefragt, ob es ok für sie ist, gefilmt zu werden. Cox und Milena haben «Nein» gesagt. Milena, weil sie nicht gefilmt werden will. Cox, weil er uns filmen will. In Asien hat er viel mit seiner GoPro aufgenommen. Jetzt fuchtelt er ganz profesionell mit der Kamera vor Rike, Kneter und mir herum. Das macht mich ein bisschen paranoid. Ich frage mich, ob er meine Gedanken mit seinen Bewegungen so kitzelt, dass sie für alle sichtbar werden. Oder ist meine Körpersprache einfach so offensichtlich, dass darin jeder sofort alles lesen kann? Jeder, außer ich selbst. Ich hätte «Nein» sagen können. Aber ich hatte das Gefühl, nicht gefragt worden zu sein. Obwohl Kneter mich gefragt hat. Das ist nur irgendwie nicht bei mir angekommen. Jetzt sitze ich da, starre in die Kerze, um die wir uns verteilen und versuche meine Körperhaltung in ein permanentes «Ja» zu drücken. Es kommt mir vor, als müsste ich tausende Kilos verschieben. Sogar meine Hände schwitzen, so echt fühlt sich der Kraftaufwand an. Sie haben nicht geschwitzt, als ich beim Sportfest gerannt bin. Jetzt sitze ich und sie triefen, als würde ich seit Stunden Sport machen. Ich will aus dem Bild, denke ich. Ich will jetzt gleich hier weg. Ich greife nach der Kerze und drücke die Flamme aus.
«Fuck! Was machst du?!» höre ich. Ich sehe, dass mich alle anschauen. Cox zoomt auf meine Finger. Ich glaube, er vermutet da jetzt eine Wunde. Aber da ist keine. Meine Finger schwitzen so stark, dass ich die Flamme einfach löschen kann, wenn ich sie anfasse. Kneter zündet die Kerze wieder an.
«Kannst du das nochmal machen?», sagt er. Ich sehe, dass er die Flamme auch gerne ausdrücken würde. Ich sehe, dass er das für einen guten Trick hält. Ich schwitze nur, will ich sagen. Ich weiß nicht, was mit mir los ist, will ich sagen. Aber ich nehme die Flamme einfach wieder zwischen Daumen und Zeigefinger und drücke zu.
«Irre», sagt Kneter.
«Ja, krass. Hast du dir Bier auf die Hände gekippt?», fragt Cox.
«Schwitzt du?», fragt Milena. Wir sehen uns an. Jetzt fange ich noch mehr an zu schwitzen. Aber meine Finger bewege ich lieber nicht mehr zum Feuer. Milena hat mein Geheimnis durchschaut. Sicher verbrenne ich mich, wenn ich’s nochmal versuche. Ich merke, dass auch Kneter mich jetzt anschaut. Anders als vorher. So, als hätte er mich grade persönlich entzaubert.
«Lu?», sagt er sanft.
«Hm?»
«Kannst du mir nen Gefallen tun?»
«Was denn?»
«Holst du mir ein Bier?»
«Wieso das denn?»
«Du sitzt grad‘ so günstig.»
«Hol’s dir doch einfach selber.»
«Ich kann grade nicht.»
«Wieso denn?»
«Ich kann grade nicht aufstehen.»
«Dann solltest du vielleicht auch kein Bier trinken.»
«Das würde mir jetzt helfen.»
«Dann hol dir eins.»
«Was ist denn jetzt dein Problem?»
«Was ist dein Problem?»
Ich merke, dass Rike und Milena uns betreten bei dieser Nonsens-Diskussion zusehen. Vielleicht fragen sie sich längst, wo sie da hingeraten sind. Cox filmt uns noch immer. Er hält die Kamera auf Kneter, der sich grade erst in Stimmung gebracht hat.
«Ich würd‘ das auch für dich machen», sagt er.
«Sowas würd ich nie von dir verlangen», antworte ich und sehe, dass Kneter nicht dran denkt, mich so einfach in Ruhe zu lassen.
«Dir ist echt alles egal», stichelt er.
«Mir ist alles egal, weil ich dir kein Bier holen will?»
«Ok, du musst mir keins holen.»
«Sehr gnädig von dir.»
«Ich fänd’s gut, wenn wir uns auf was einigen.»
«Auf was denn?»
«Auf ein Wort.»
«Ok?»
«Das steht für ein Gefühl. Dann weißt du genau, was ich meine.»
«Welches Wort denn?»
«Bee.»
«Hä?»
«Wenn ich ‚Bee‘ sage, meine ich damit: hol mir bitte ein Bier.»
«Leck‘ mich.»
«Ich mein‘ das nicht böse. Das ist einfach nur ein Code dafür, wie’s mir grade geht.»
«Das klingt krank», sagt Rike. Ich freue mich, dass sie dazwischengrätscht, aber Kneter ist nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen.
«Ok, wir machen abwechselnd. Erst tust du mir nen Gefallen, dann ich dir», bietet er mir an.
Schweigen. Ich sehe wie konzentriert Cox die Kamera auf Kneter richtet. Ich spüre, wie sie sich gegenseitig bestätigen. Sie sind sich einig: Sie spüren etwas ähnliches. Ich glaube, das ist ein uneinholbarer Vorsprung für die beiden. Gestärkt sieht sich Kneter im Raum um. «Wir wollen alle doch einfach nur sagen können, wie wir uns fühlen.»
«Ja», stimmt Cox ihm zu.
«Und wenn ich ‚Bee‘ sage, dann ist das mein pures Gefühl.»
«Und weiter?», fragt Rike.
«Dann ist es draußen. Kommt’s euch so vor, als könntet ihr oft zeigen, wie ihr wirklich seid?»
Kneter sieht mich eindringlich an. Er weiß, dass er meinen schwachen Punkt getroffen hat. «Nein», gebe ich zu.
«Na also, darum geht es: ich will ernst genommen werden. Wenn ich ‚Bee‘ sage, bin ich einfach ich selbst. Vielleicht ist das radikal, aber ich steh‘ dazu. Ich will meine Gefühle einfach nicht mehr einsperren, versteht ihr?» Kneter hat das zwar uns alle gefragt, aber er sieht mich an. Und er schaut nicht aus, als würde er seinen Blick in den nächsten Stunden woanders hin bewegen wollen.
«Ich versteh‘ dich», sagt Cox.
«Danke.»
Keiner rührt sich. Kneter nimmt einen Schluck Bier. Die Flasche ist leer. Er stellt sie ab. Kneter hat mich noch immer fest im Blick. Obwohl ich den Blick erwidere, sehe ich, wie sich seine Lippen bewegen. Sie formen nur ein einziges Wort: «Bee!» Jetzt verwandelt sich der Raum. Das Gefühl ist draußen. Es gehört nicht mehr nur Kneter. Jetzt gehört es uns allen.
«Mein Bier ist eigentlich auch leer», sagt Cox in die Stille. Kneter lächelt ihm zu. Dann höre ich eine Stimme hinter mir. Sie ist laut. Sie ist hart.
«Bee!», höre ich. Und dann gleich wieder: «Bee!»
Kneter und ich sehen uns an. «Bee!», stupst er mir grinsend zu.
«BEE!» dröhnt Cox hinter mir.
«BEE! BEE! BEE! BEE!», höre ich und sage:
«Mich stört es nicht, wenn ihr schreit!»
«BEE! BEE! BEE!», höre ich. Das Geschrei drückt sich an mich, wie mein schwitziger Finger vorhin an die Flamme. Ich stehe einer schmerzlosen und zielsicheren Macht gegenüber, die es auf mich abgesehen hat. «BEE! BEE! BEE! BEE!», höre ich. Ich höre es so oft, dass ich mir fremd werde. Als wäre «Bee» mein Name und ich hätte ihn so lange mantraartig vor mich hin gesagt, bis ich nicht mehr weiß, wer ich bin. Dann stoppt der Krach.
«Alter, dann geh‘ ich halt selbst», sagt Kneter. Er dreht sich zu Cox. «Willst du auch ein Bier?»
«Klar, gern», höre ich.
Kneter schleicht aus dem Zimmer.
Jetzt bin ich alleine mit den anderen. Alleine auf Twitch. Jetzt fühlt es sich an, als wäre Geschrei die einzig mögliche Lautstärke. Aber niemand benutzt es, weil es sich erst wieder aufladen muss. Ich sehe mich verlegen im Raum um, in der Hoffnung die Geräuschquelle zu finden und sie unbemerkt abzutöten. Doch es dröhnt einfach weiter. Es hilft mir jetzt nichtmal mehr, wenn ich auf die Kerze drücke. Kneter hat sie mit seinem Geschrei ausgepustet. Sie ist weg, obwohl sie noch brennt. Kneter hat einen Scheiß-Wettbewerb aus dem Bild gemacht, in dem wir sitzen. Wie schnell sich die Situation verwandelt hat.
Mit zwei Flaschen Bier kommt Kneter zurück.
«Hast du eigentlich auch was ohne Alkohol?» fragt Milena.
«Klar, hol‘ dir einfach was im Keller. Fühl‘ dich ganz wie zuhause», sagt Kneter gönnerhaft.
«Danke.» Milena steht auf. Sie geht an uns vorbei, dann dreht sie sich nochmal um: «…äh…wo genau?»
«Ich helf‘ dir suchen», sage ich und stehe auch auf. Milena sieht mich überrascht an, so als würde sie sich jetzt doch lieber wieder hinsetzen, aber irgendwie auch, als würde sie sich freuen, dass ich aufgestanden bin. Gemeinsam gehen wir in den Keller. Ich bin überrascht: Da war kein Widerstand, als ich aufgestanden bin. Ich habe einfach gesagt, was ich sagen wollte. Und niemand hat mich aufgehalten. Ich frage mich, ob ein seltenes kosmisches Zusammenspiel das begünstigt hat, oder ob das immer so leicht ist.

«Ganz schön groß für zwei Leute hier», sagt Milena, während wir die Treppen runter gehen.
«Soll ich dir zeigen, wo das Wasser ist?» frage ich, in der Hoffnung sie damit zu beeindrucken, dass ich mich hier auskenne. Milena knipst das Licht an. Der Wasserkasten ist sofort zu sehen. Er steht direkt neben uns in der Ecke. Meinen Wissensvorsprung hat sie schnell eingeholt. Sie zieht eine Flasche heraus.
«Ich hab’s schon.»
«Willst du schon wieder hoch?», frage ich.
«Ja?»
«Das ist ein ganzes Haus hier.»
«Das hab‘ ich auch schon bemerkt», sagt sie kühl.
«Wir könnten bisschen rumschauen.»
Sie zweifelt. Ich sehe, dass sie zweifelt. Ich stelle mir vor, was sie denkt: Der hat doch mehr Angst als ich, wenn wir zu zweit sind, denkt sie bestimmt. Ja, das stimmt, denke ich zurück und offensichtlich funktioniert es.
«Klar. Sehen wir uns mal bisschen um», sagt Milena. Sie öffnet die Tür neben sich. Ich sehe ihr zu, wie sie im Zimmer verschwindet. Als ich in den Raum trete, sehe ich eine Tischtennisplatte. Daneben steht ein Sofa. Milena setzt sich. Sie nimmt einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche. Das ist ein Zeichen, denke ich. Das bedeutet was. Irgend etwas tiefgründiges. Ich setze mich neben sie. Wie gut sich das anfühlt. Ich kann sogar hören, wie sie atmet, wie die Kohlensäure im Wasser prickelt. Fuck, macht mich das nervös.
«Schade, dass es hier so still ist», sage ich.
«Du kannst ja was sagen.»
Ich will nichts sagen, ich will dich einfach küssen, denke ich. Meine Hände. Sie schwitzen noch immer. Als wären sie für die Flamme von vorhin gemacht und nicht für menschliche Haut. Ich kann Milena diese Finger nicht zumuten. Selbst wenn ich sie jetzt bewegen könnte: sowas hat sie nicht verdient.
«Wieso hast du dich vorher eigentlich nicht gewehrt?», fragt Milena.
Sie hat das gesehen. Mist. Natürlich hat sie’s gesehen. Wieso fragt sie das jetzt? Sowas kann doch niemand spontan beantworten. Mir muss jetzt gleich was einfallen. Fuck. Das dauert schon zu lang. Ich sage einfach irgendwas: «Hm…kennst du das? Wenn dir ein guter Spruch einfällt, aber die Situation nicht passt?», frage ich.
«Ja, denke schon.»
«So ging es mir vorhin. Mein Spruch hat einfach nicht gepasst.»
«Dann sag‘ doch einfach, was du denkst», sagt sie.
«Ich glaub‘, ich hab‘ andere Talente.»
«Ich kann mir das bei dir auch gar nicht vorstellen.»
Das ist gut, denke ich. Wenn ich bei irgendwas unfähig bin, heißt das doch: ich habe viele Reserven. Ich muss das alles nur ordnen. Das ist leicht. Wie soll ich das nur machen?
«Denkst du oder träumst du vor dich hin?», fragt sie.
«Ich glaube, wir suchen uns das alles gar nicht aus», sage ich, weil ich ihr zeigen will, wie wichtig es ist, dass ich jetzt schweige, wie kompliziert die geistige Aufgabe ist, die ich grade lösen muss. Ich schweige nicht wegen dir, will ich sagen. Ich schweige, weil es mir so viel Wert ist, hier mit dir zu sein und weil ich dieses Gleichgewicht mit meinem Gewäsch nicht stören will.
«Was suchen wir uns nicht aus?», fragt Milena. Ich habe meinen Satz vergessen. Ich habe vergessen, worüber ich geredet habe. Ich muss mich retten. Zum Glück weiß ich wie: «Wir sind einfach so», sage ich bedeutsam. Wow, das klang jetzt gut. Das kann ja wirklich alles heißen.
«Aha.» Sie nimmt einen Schluck Wasser. «Weißt du, was ich mich gefragt habe?», sagt sie. Ich spüre die Energie, die hinter dieser Frage ist. Ich will mehr davon. Viel mehr.
«Nein?», sage ich und hoffe, dass ihre Frage etwas mit mir zu tun hat.
«Ich hab‘ mich gefragt, wo die Schläger sind.»
«Oh.» Ich sehe, was da vor uns ist. Ich sehe die Tischtennisplatte. Ich sehe die Schläger in der Zimmerecke. Und da ist niemand, der sie jetzt versteckt. Milena steht auf. Mit den Schlägern kommt sie zurück. Sie drückt mir einen in die Hand.
«Vielleicht finden wir ja jetzt dein Talent», sagt sie.



10

Ich habe eine Zwiebel in der Hand. Ich drücke das Messer hinein und teile sie in zwei Hälften. Keine Kamera der Welt sieht das jetzt. Nur Rike und Cox, die mit mir an der Arbeitsplatte in der Küche von Kneters Eltern stehen. Milena hat mich im Tischtennis besiegt. Jetzt spielt sie gegen Kneter. Ich dachte, Kneters Keller wäre ein Ort, an dem ich nichts mehr leisten muss. Ich dachte, Milena und ich alleine: das ist das Ziel. Aber sogar den Platz in Kneters Keller muss ich mir mit Leistung verdienen. Ich glaube, andere können ihren Erfolg einfach überall anpassen und ich verstehe nicht mal die Zwiebel, die vor mir liegt. Immerhin habe sie schonmal erfolgreich halbiert.
«Ich will hier einfach nur wieder weg», reißt mich Cox aus den Gedanken.
«Ja, ich auch», sage ich und freue mich, dass wir das ähnlich sehen.
«Ich hab‘ gehört, du fängst ne Ausbildung im Supermarkt an», steigt Rike auf mich ein.
«Ja.»
«Ehrliche Arbeit», sagt sie, ohne dass ich ein Gefühl dafür bekomme, ob sie das als Kompliment meint.
«Da kommst du nie wieder raus», sagt Cox.
«Wieso?»
«Weil das die Hölle ist.»
«Das Zeug, das du gleich isst, kommt auch aus dieser Hölle», sagt Rike.
«Es kommt von einem Feld», sagt Cox. «Wir sollten das lieber alles selbst anbauen.»
«Und wie soll das gehen?»
«Ich weiß schonmal, wie man Jackfrüchte erntet.»
«Was bringt dir das denn hier?»
«Nichts, deshalb will ich ja zurück. Das war alles erst der Anfang.»
«Wie lange warst du eigentlich unterwegs?» fragt Rike.
«Sieben Monate.»
«Wo überall?»
«Thailand, Myanmar, Laos.»
«Wow, ich will auch sofort los, wenn ich das höre.»
«Versteh‘ ich», sagt Cox. «Eigentlich bin ich nur hier, weil mir das Geld ausgegangen ist.»
«Fang im Supermarkt an», schlage ich ihm vor.
«Höchstens in ner Gärtnerei.» Cox schiebt mir die nächste Zwiebel zu. Ich bin bei der Ersten noch gar nicht weitergekommen. Immerhin weine ich nicht. Was haben die alle? Keiner wollte Zwiebeln schneiden. Jetzt weiß ich endlich, was ich kann: Ich kann Kerzen ausdrücken und ich kann Zwiebeln schälen, ohne zu weinen. Das ist viel mehr, als ich dachte. Wie ein Naturtalent drücke ich das Messer in die Zwiebelhälften.
«Wie schneidest du denn bitte?!», höre ich. Rike und Cox sehen mir zu, mit einer Mischung aus Spott und Entsetzen. «Hier, damit kannst du üben.» Cox schiebt mir noch eine Zwiebel zu. Ich sehe jetzt, wie unförmig die Stücke sind, die ich geschnitten habe. Alles ist krumm. Alles was ich anfasse, wird schief. Aber ich weiß, wie ich mich retten kann. Ich visiere die nächste Zwiebel an. Jetzt muss der Schnitt sitzen. Wenn ich die Zwiebel jetzt gut schneide, sehen Rike und Cox, dass sie sich vollkommen übertrieben in etwas reingesteigert haben. Sie haben einfach gedacht, ich könnte keine Zwiebeln schneiden. Die haben viel zu früh ein Urteil gefällt. Ich steche zu. Treffer. Jetzt fahre ich mit dem Messer durch die Zwiebel. Sie zerfällt in genau die Scheiben, die ich mir vorgestellt habe. Ich stochere weiter. Bis ich einen Schmerz in meinem Finger spüre. Mein Fingernagel. Ich hab ihn mit dem Messer erwischt. Ich stecke ihn in den Mund, um die Blutung zu stoppen. Und auch, um mein Missgeschick zu vertuschen. Dabei kommt der Saft der Zwiebel ganz nah an meine Augen. Sie zucken. Sie verkrampfen. Jetzt fühlt es sich an, als hätte mir jemand Glasscherben in die Pupillen geschleudert. Die Zwiebeln. Das haben die also gemeint.
«Komm‘ ich erlös‘ dich», höre ich Cox. Er nimmt sich das Messer und schneidet meine Reste klein. Ich kann nicht sehen, wie er das macht, aber es hört sich akkurat an, als wäre ein Gourmetkoch am Werk.
«Hast du das auch unterwegs gelernt?», wendet sich Rike bewundernd an ihn.
«Klar», sagt Cox. Er erzählt weiter von seiner Reise. Ich gehe weg. Ich kann meine Augen nicht mehr öffnen. Zum Glück kenne ich Kneters Haus so gut, dass ich mich auch halb blind zurecht finde. Ich steuere ins Wohnzimmer und will mir die Augen reiben, aber ich habe nur eine Hand zur Verfügung, weil ich an der anderen die Blutung stoppen muss. Vom Keller höre ich Kneter und Milena Tischtennisspielen. Sie lachen. In der Küche höre ich die Stimmen von Cox und Rike. Sie lachen. Ich presse die Augen fest zusammen. Mit der Zunge drücke ich die Blutung an meinem Finger ab. Das ist er also: Der Ort an dem mich keiner stört.



11

Cox sieht aus wie sein Vater. Obwohl ich die beiden vorher schon ein paarmal gesehen habe, fällt es mir heute erst so richtig auf. Cox versteckt diese Ähnlichkeit. Er versteckt sie unter seinem Bart und unter der Bräune, die er sich in Asien geholt hat. Er versteckt sie sogar unter seinem Iro. Aber Cox ist Schmandra. Daran ändert kein Iro was, auch nicht, wenn er ihn sich in Myanmar selbst rasiert. Schmandra sitzt in der Küche meiner Eltern. Schon wieder in einer Küche, mit jemandem aus Cox‘ Familie. Und auch wenn es jetzt meine eigene ist, fühle ich mich fremd, als wäre ich der Gast.
«Bald geht es ja bei dir los», sagt Schmandra. Seine Stimme klingt, als würde er noch immer meinen Stundenplan kontrollieren.
«Ja, am Montag», sage ich.
«Bist du schon aufgeregt?»
«Nein», lüge ich. Natürlich bin ich aufgeregt. Bald muss ich arbeiten. Härter als Schmandra jemals gearbeitet hat. Da bin ich mir sicher. So gemütlich wie er jetzt bei uns kann ich dort sicher nicht herumsitzen. Eigentlich ist Schmandra gar nicht wegen mir hier, sondern wegen meiner Schwester. Er hat mich einfach mit wach geklingelt. Schmandra will über Zeit reden. Beas Zeit. Sie war so verrückt, in den Sommerferien bei einem Sportprogramm mitzumachen. Da ist sie allen davon gerannt. Ihre Zeit über 400 Meter war die Schnellste, die jemals in unserem Landkreis gelaufen wurde. Wenn ihr die Zeit einen Vorsprung gebracht hat, ist er jetzt weg: Schmandra hat sie eingeholt. Jetzt ist ihm Bea so wichtig, dass er sogar in seiner Freizeit hier her kommt. Ihr Glanz färbt sogar ein bisschen auf mich ab.
«Gut siehst du aus», sagt Schmandra. «Erholt.»
«Echt?», frage ich überrascht. Er sieht das Pflaster offenbar nicht, mit dem ich seit Tagen die Wunde an meinem Finger verbinde. Sie ist längst verheilt, aber ich schütze die Stelle lieber noch.
«Ja, gesund siehst du aus», wiederholt Schmandra. Ich vermute, dass es die Situation ist, die ihn das sagen lässt. Er ist hier in meiner Welt. Er ist Gast und er will ein guter Gast sein, weil er in allem immer gut sein will, also macht er mir Komplimente. Aber mit Komplimenten kann ich nichts anfangen, schon gar nicht, wenn es nicht klar ist, wofür ich sie bekomme. Wenn er es gut findet, dass ich gesund aussehe, würde er mich dann dafür kritiseren, wenn ich krank aussehe? Ich will ihn das fragen, aber sage nichts.
«Ich hatte den Eindruck, dass bei dir bald der Knoten platzt», sagt Schmandra.
Ich will das nicht hören. Das klingt, als wäre jeder erstmal eingesperrt. Als wären wir Gefangene, solange der Knoten nicht platzt. Welchen Knoten auch immer er damit meint.
«Vielleicht wird’s ja mit dem zweiten Bildungsweg noch was bei dir», schiebt er nach. «Wenn du mit den Gedanken nicht immer woanders wärst, würde es dir leicht fallen.» Bevor ich widersprechen kann, öffnet sich die Tür. Meine Mutter und Bea kommen herein. Endlich. Sie setzen sich. Ich sehe, dass meine Mutter sich über den hohen Besuch freut. Es macht sie Stolz, dass ihre Tochter so gut rennen kann. Wenigstens ein Kind leistet hier etwas Außergewöhnliches. Bea sieht aus, als hätte sie genauso viel Bock auf Schmandra, wie ich. Hinter ihr kommt jetzt auch noch unser Vater. Ich bin da in irgend etwas offizielles hinein geraten. Sie setzen sich alle und rücken an den Tisch heran. Ich habe die Chance verpasst, da rauszukommen. Aber mich beachtet jetzt eh keiner mehr. Herr Schmandra erzählt von Beas Leistung. Wir hören ihm alle zu. Er hat große Pläne. Bea kann ein Sportstipendium bekommen. Sie muss dafür nur an einigen Wettkämpfen teilnehmen und trainieren. Mit Schmandra trainieren. Unsere Mutter strahlt. Bea sieht Schmandra an, wie ich Kneter angesehen habe, als er mir den Frosch hingehalten hat. Nächste Woche soll Beas Training losgehen. So früh wie möglich. Da sind sich alle einig. Eigentlich wollte ich Mitleid mit Bea empfinden, weil sie Schmandra jetzt auch in ihrer Freizeit aushalten muss. Aber ich spüre wie schön es klingt, wenn alle im Raum etwas gemeinsam wollen, wenn das, was jemand sagt, etwas bewirkt. Ich warte auf einen Moment, in dem ich ihnen sagen kann, dass ich zustimme. Aber sie reden so schnell und viel, dass ich ganz müde davon werde, auf den richtigen Moment zu warten.



12

«Wir haben Fans», sagt Kneter. Auf seinem Laptop öffnet er die Insights unseres Youtube-Kanals. Er hat ihn «Knetflix» genannt. Sein Video mit dem Frosch wurde 534 mal angeklickt. Es hat 22 Daumen nach oben bekommen und 2 nach unten. Als einzigen Kommentar hat jemand drei Kotzsmileys gepostet.

«Wie kommst du drauf, dass wir Fans haben?», frage ich Kneter.
«Haben dir vorher schonmal mehr als 500 Leute bei irgendwas zugesehen?», fragt er zurück.
Ich denke an das Sportfest. So will ich nie mehr angesehen werden, schon gar nicht durchs Internet.
«Das ist sowas wie eine offizielle Bestätigung», schwärmt Kneter.
«Wofür?»
«Dass wir auf dem richtigen Weg sind.»
«Abneigung ist das. Die geilen sich dran auf, dass es uns schlechter geht, als ihnen.»
«Ja, das ist pure Emotion.»
«Aber keine gute.»
«Jede Emotion ist gut.»
«Das glaube ich nicht.»
«Du weichst ihnen ja auch aus.»
«Das stimmt nicht. Ich weiche einfach aus, wenn mir was in die Quere kommt», sage ich.
«Wie willst du dich da mal durchsetzen, wenn du allem ausweichst, was dir in die Quere kommt?»
«Erst lerne ich, wie man ausweicht, dann, wie man da bleibt.»
«Auf dem Video machst du beides. Da weichst du aus und bist da. Das kann man schön sehen.»
«Schön ist das nicht.»
«Deutlich. Deshalb ist es schön.»
«Deutlich für irgendwelche Trolle auf Youtube.»
«Unterschätze die mal nicht. An jedem Kommentar ist was Wahres dran», sagt Kneter.
«Wieviel denn?»
«Mindestens 1 Prozent.»
«Und wie sollen wir die von den 99 anderen unterscheiden?»
«Ja, das müssen wir genau analysieren.»
Kneter startet das Video von vorne. Ich sehe mich auf YouTube. Wir stehen vor dem «Abstieg». Kneter redet auf mich ein. Seine Stimme. Wie schräg die klingt. So hab‘ ich da also ausgesehen. Man sieht mir überhaupt nicht an, wie ich mich gefühlt habe. Das sieht aus, als hätte ich einfach gehen können. Wenn ich das jetzt so sehe, denke ich, dass sich Kneter wie ein Idiot aufgeführt hat und noch schlimmer: ich habe ihn dabei gefördert, weil ich mich seinen Machtspielchen untergeordnet habe.
«Ich komme mir da drin falsch vor», sage ich.
«Weißt du, was ich gedacht habe, als ich dich auf dem Video gesehen habe?», fragt Kneter, ohne auf meinen Kommentar einzugehen.
«Nein.»
«Dass du echt voll telegen bist. Du siehst da viel besser aus als ich. Deshalb sollten wir die Rollen so lassen. Ich filme. Du spielst.»
«Ich spiele nicht.»
«Du weißt schon, wie ich meine.»
«Was sollen das überhaupt für Videos werden?»
«Ein Vlog über uns. Kein Assi-Content. Eher sowas wie ein Kammerspiel. Das passt zu deiner verklemmten Hysterie.»
«Verklemmte Hysterie?»
«Ich war echt bisschen sauer, dass du dich besser auf dem Bildschirm machst. Schau. Hier.»
Kneter spult. Ich sehe mich in der Mitte des Wohnzimmers auf dem Boden sitzen. Aus dem Off schallt es: «BEE! BEE! BEE!» Ich sitze da wie eine Puppe, die jemand vergessen hat. Meine Körperhaltung ist wie ein Witz, über den ich als einziger lache. Aber Kneter will mich nicht verarschen. Das höre ich. Der meint das ernst. Ich höre seine Stimme im Video. Obwohl mehrere Leute schreien, höre ich es deutlich. BEE! BEE! BEE! schreit Kneter. Und ich höre zu. Jetzt sehe ich, was er meint: ich höre ihm konzentriert beim Schreien zu, als wäre da noch mehr als die abgehackten Brocken, die er mir hinwirft. Ich glaube an ihn, das sehe ich. Egal, was er absondert, ich glaube, dass das alles einen Wert hat, auch wenn ich nichts von diesem Wert für mich beanspruche. Kneter und ich haben eine Grenze gemeinsam. Aber der einzige, der sich dort aufhält, ist er.
«Also hast du Bock auf das Projekt?», fragt er.
Das Video läuft jetzt wieder von vorne. Kneter beisst in den Frosch. Jetzt fällt mir ein, wie sie ihn früher in unserer Klasse genannt haben: Kröter. Das hat nichtmal gepasst. Das ist weder ein originelles Wortspiel, noch passt es irgendwie zu ihm. Aber sie haben ihn immer wieder so genannt, bis es sich rumgesprochen und verselbständigt hatte. Kröter. Ich war der einzige, der ihn nicht so genannt hat. Nicht, weil ich moralisch weiter gewesen wäre als andere. Ich habe einfach keinen Sinn darin gesehen. So haben wir uns angefreundet.
«Hey, hast du Bock auf das Projekt?» wiederholt Kneter.
«Wir brauchen einen guten Namen», sage ich, dann sehen wir uns an. Wir halten den Blick.
«Wir haben einen guten Namen», sagt Kneter «… und was noch viel wichtiger ist: ich hab‘ paar neue Ideen. Das reicht.»



13

Ich ziehe mir den Kittel über und schreite neben Herrn Woigl in den Laden. Das erste, was ich von meiner neuen Welt sehe, ist eine Konservendose mit Auberginen, die am Boden vor dem Regal liegt. «Da kannst du dich gleich um die Feinkost kümmern», sagt Herr Woigl und zeigt auf die Dose. Feinkost also. Ich hebe die Dose an wie einen Pokal und positioniere sie im Regal wie in einer Vitrine. Meine erste erfolgreiche Tat. «Wenn du sowas siehst: immer sofort erledigen», ordnet Herr Woigl an.

Bis zur Mittagspause lerne ich. Ich lerne den Beruf und ich lerne schnell. Die Feinkost habe ich in zehn Minuten abgefertigt. Jetzt bin ich zurück an einer vertrauten Stelle: bei den Bechern. Und jetzt weiß ich, wie ich sie berühren muss. Ich kann sogar dabei lesen. Ich kann alles lesen, was da drauf steht. Alle Werbeversprechen die so schön und wahr klingen. Als würden sie die Welt erklären. Die Welt. Beim Einräumen der Molkereiprodukte fällt mir auf, dass der Supermarkt der internationalste Ort hier in der Stadt ist. Butter aus Irland. Käse aus Italien. Kefir aus Russland. Ich habe es in die Welt geschafft. Genau da wollte ich doch hin.
«Das darf ruhig noch schneller gehen», höre ich hinter mir. Herr Woigl. Er hat mich kurz in die Regalpflege eingewiesen und mich dann mit dem vollen Rollcontainer alleine gelassen. Ich hatte gehofft, das würde die einzige Anweisung heute sein, aber mein Chef ist scheinbar hartnäckig. «Das ist wichtig, dass es schnell geht», erklärt er streng. «Die Lieferung darf nie zu lange draußen stehen.»
«Wegen der Kühlkette?»
«Weil wir sie verkaufen wollen. Aber gut, dass du auch an die Kühlkette denkst.»
«Natürlich», sage ich ernst. Ich schaue auf den vollgepackten Rollcontainer hinter mir. Das Zeug da drauf wird einfach nicht weniger. Als ich angefangen habe, das einzuräumen war das Regal schon erschlagend voll. Wieso muss da immer noch mehr Zeug rein? Und wieso muss das auch noch schnell da rein? Ich sehe hier jetzt keine Kunden. Ich sehe keine anstürmende Menge. Es ist doch schon längst alles da. Ich frage mich, wie Herr Woigl das meint, mit dem Verkaufen. Ich mache konzentriert weiter, weil ich hoffe, vielleicht selbst drauf zu kommen. Am meisten faszinieren mich aber noch immer die Verpackungen. Ich will neue Orte darauf entdecken. Ich will mir vorstellen, wo ich jetzt sein könnte. So nah bin ich der Freiheit in der Schule schon lange nicht mehr gekommen. Vielleicht hätten die mir da auch einfach mal einen Joghurtbecher in die Hand drücken sollen. Oder liegt es an meinen Bewegungen? Wie ein Roboter wiederhole ich alles, als wären meine Bewegungen ein Fluchtweg in die Welt da draußen, den mir eine geheime Kraft mechanisch einflüstert. Drehen. Greifen. Strecken. Drehen. Greifen. Strecken. Drehen. Drehen. Drehen. Als der Rollcontainer fertig verräumt ist, ist mir schwindelig. So groß ist die Welt hier gar nicht. Zumindest nicht bei den Molkereiprodukten. Das meiste Zeug, das ich eingeräumt habe, stammt hier aus der Gegend. Irgendwo hier muss mehr von allem sein. Viel mehr. Der Laden ist riesig.

In meiner allerersten Mittagspause sitze ich mit Cox und Kneter am Hintereingang auf dem Boden. Die beiden haben mich abgeholt. Auf einmal waren sie da. «Lebensmittelkontrolle», hat Kneter gescherzt, als er auf einmal hinter mir aufgetaucht ist. Ich hab‘ uns drei Ayran besorgt. Jetzt sitzen wir an der Wand neben dem Müllraum. Wir trinken, rauchen und schauen auf den Waldweg, über dem der Supermarkt wie ein Schloss thront, das ein uninspirierter Schüler entworfen hat.

«Wie viel von dem Zeug landet hier eigentlich auf dem Müll?», fragt Cox.
«Viel», sage ich. «Ich muss jetzt dann gleich noch was aussortieren»
«Diese Wichser. Kriegst du keinen Hass, wenn du siehst, was die verschwenden?»
«Ich seh‘ das doch erst heute Nachmittag», verteidige ich mich.
«Dann schau‘ dir mal die Schwachstellen an.»
«Die Schwachstellen?»
«Ja, darum geht es. Darum geht es überall», erklärt Cox. Kneter sagt nichts. Es läuft keine Kamera. Cox war von Anfang an begeistert von Kneters Filmplänen. Jetzt kennt er auch das Froschvideo. «Ein Meisterwerk», hat er gesagt und ist jetzt inspiriert, eigene Filme zu drehen. Die Videos seines Kanals «20th Century Cox» sollen zu denen von «Knetflix» passen, aber eigenständig sein. Jetzt sind sich beide noch nicht einig, in welche Richtung ihr Content gehen soll. Und so lange das so ist, wird nichts gefilmt. Ich genieße diese schöpferische Pause. Trotzdem sehe ich, dass sich um uns herum dauernd etwas bewegt. Zwei Leute laufen auf dem Waldweg, zu dem wir sehen können. Sie sind schnell. Ich erkenne sie: Es sind Schmandra und Bea. Seit ein paar Wochen sind sie gemeinsam im Training. Krass, wie Bea sprintet. Von hier sieht es so aus, als würde ihr Schmandra hinterher keuchen. Ich drehe mich zu Cox. Auch er hat seinen Vater erkannt. Düster starrt er ihn an.
«Deine Schwester», durchbricht Kneter die Stille.
«Das ist deine Schwester?», fragt Cox.
«Ja.»
«Ihr seht euch ja nicht sehr ähnlich.»
«Das wirkt nur so, durch die Entfernung», sage ich.
«Die sollte sich mal lieber von diesem Typen fern halten», murmelt Cox vor sich hin. Ich schaue auf die Uhr. Gleich ist meine Pause vorbei. Ich drücke die Kippe aus und frage mich, wie erholsam das jetzt war. Selbst in meiner Pause sind überall Wettkämpfe: Schmandra und Bea. Kneter und Cox. Alle wollen sich durchsetzen. Alle wollen dauernd ihren Willen behaupten. Zum Glück bin ich gleich wieder zurück im Laden. Da hab‘ ich wenigstens das Kühlregal im Griff.



14

Es gibt einen Grund zum Feiern. Also für unsere Eltern: Bea ist noch viel besser, als Schmandra erwartet hatte. Mit ihrer Rennerei spült sie eine neue Perspektive ins Haus. Und ich habe die ersten Wochen meiner Ausbildung überstanden. Bisher ist nichts eskaliert. Deshalb sitzen wir jetzt entspannt mit unseren Eltern im Wohnzimmer. Entspannt heißt: meine Eltern kiffen und wir sehen ihnen dabei zu. Sie bieten uns zwar immer an, auch mitzurauchen, aber wir verzichten beide freiwillig. Bea und ich können nichts mit dem Zeug anfangen. Ein paarmal haben wir es probiert. Zusammen mit meinen Eltern. Als sie jung waren, waren sie Grunger. Mein Vater hat mir mal erklärt, was das ist. Ich habe es mir so gemerkt, dass sie sich nicht entscheiden konnten, ob sie Hippies oder Punks sein wollten. Jetzt merkt man ihnen manchmal immer noch nicht an, was sie sein wollen. Einmal pro Woche sitzen sie mit Weed und Nirvana in der Playlist im Wohnzimmer. Und ich glaube, sie denken, dass es super wertvoll ist, wenn sie uns bei all dem dabei haben. Und ich glaube das auch. Ich mag es, einfach so mit meinen Eltern hier zu sitzen, Musik zu hören und passiv was von ihrem Gras abzubekommen. Aber ich weiß, das alles hält nicht lange. Ich weiß: Sobald wir über etwas reden, wird es geprüft und bewertet. Sogar wenn «I hate myself and want to die» aus den Boxen dröhnt. Ich bin nicht anfällig fürs Kiffen. Damit kriegen sie mich nicht. Aber ich bin anfällig für die Bands, die meine Eltern hören. Ich frage mich, was die härtere Droge ist. Wahrscheinlich die Musik, denn die knipst immer alles in mir an, so sehr, dass es weh tut. Das Weed dröhnt einfach ein bisschen. Es berührt mich nicht, es findet den Schmerz nicht, vor dem ich mich selbst verstecke. Ich sammle mich, weil ich die Playlist kenne, die jetzt läuft. Ich weiß, dass es weich wird, dass ich gleich getroffen werde. «Plush». Stone Temple Pilots. Warum ausgerechnet jetzt? Ich kann mich nicht gegen dieses Lied wehren. Nie. Ich höre immer zu. Ich lausche jeder Zeile. Jetzt: «And i see that these are lies to come / So would you even care?» Alle hier im Wohnzimmer sprechen einfach weiter, als wäre nichts, als würden sie nicht hören, dass jemand eine wichtige Frage gestellt hat. Ich sehe zu, wie sich meine Eltern und Bea unterhalten, aber ich kriege nicht mit, was sie sagen. Ich muss das Lied irgendwie ausblenden. «And i feel it / And i feel it.» Ach so. Jetzt. Wir spielen etwas. Ich wusste es. So enden diese Abende immer. Stadt. Land. Fluss. Das spielen wir also jetzt. Das kenn ich. Wir spielen das Spiel verrückt, aber trotzdem immer gleich: Es gibt nur unsere eigenen Kategorien. Jeder darf eine vorschlagen. Ich sage: «Krankheit». Mein Vater sagt: «Das habe ich gerade vorgeschlagen. Hörst du überhaupt zu?»
«Oh.» Ab jetzt höre ich wirklich zu. Die Kategorie meiner Mutter ist: «Jugendwort». Bea entscheidet sich für: «Ausrede». Ich greife nach dem ersten, was mir einfällt: «Ok: Band.»
«Das ist fies», beschwert sich Bea.
«Ist das schon deine Ausrede für D?», frage ich.
«Vielleicht fällt dir was Kreativeres ein», ermutigt mich meine Mutter.
«Stadt», sage ich.
«Langweiler.» Mein Vater pustet eine dicke Spur Rauch aus und sieht mich fragend an.
«Ok: Name für einen Planeten, den ihr entdeckt habt.»
«Da kann man ja jeden Scheiß hinschreiben», echauffiert sich Bea.
«Dieser Scheiß muss dir erstmal einfallen.»
«Wieso sollte mir Scheiß einfallen?»
«Eben. Damit sagst du doch, wie anspruchsvoll das ist. Das ist gar nicht so leicht, bis dir da was einfällt.»
«Das kann doch kein Mensch nachprüfen, was da stimmt.»
«Da hat Bea recht», sagt meine Mutter. «Wir müssen das schon vergleichen können.»
«Das kann man doch vergleichen!»
«Aber nicht bewerten!»
«Wieso müsst ihr denn krampfhaft alles bewerten?!»
«Planeten, die es wirklich gibt, könnten wir machen», schlägt mein Vater vor. Wir sehen ihn alle überfordert an.
«Ok: Titel eurer Autobiographie.»
Niemand bestürmt mich mit Widerspruch. Ich glaube, der Vorschlag war gut.
«Wir geben einfach wieder Kreativpunkte», schlägt mein Vater vor. «Das macht das alles ausgeglichener.»
Meine Mutter steuert dagegen: «Kreativpunkte? Gott, das ist furchtbar, wie Malen nach Zahlen.»
«Können wir jetzt einfach mal anfangen?», fragt Bea. Niemand widerspricht. Wir holen unsere Handys raus. Am Anfang haben wir das Spiel noch analog gespielt, aber jetzt wollen es sogar unsere Eltern immer auf dem Handy spielen. Beim Öffnen der Stadt-Land-Fluss-App sehe ich, dass eine Nachricht von Kneter aufploppt. Ich drücke sie weg und gebe die Kategorien ein. Dann starten wir. Der erste Buchstabe ist: E. Während wir Überlegen und Tippen bemerke ich wieder die Musik. Sie ist so gut, dass ich nicht weghören kann. Es läuft jetzt «Schizophrenia» von Sonic Youth. Hinterhältig und wunderschön schleicht sich der Song in mich rein. Ich kämpfe gegen diese Schönheit an und frage mich, welchen Buchstaben wir gerade suchen. Ich höre: «I was out of the line». Dann höre ich: «Stop!» Ganz laut: «Stop!»
Meine Mutter ist immer die Schnellste. Ich sehe auf meine Ergebnisse. Da steht kein einziges vollständiges Wort. Ich könnte einfach was erfinden. Das ginge schnell. Eigentlich ginge das schnell. So streng ist das doch alles nicht. Aber da wir digital spielen, sehen alle längst, was ich gemacht habe.

Jetzt höre ich «T!» Und gleich nochmal: «T!». Ich schreibe. Ich kritzle schneller, als ich hören kann. Trotzdem ist sie noch immer da, die Musik. Ich will mich jetzt einfach in sie reinlegen, wie in einen Sumpf aus Heilerde, der mich gleichzeitig wärmt und langsam erstickt, so sanft, dass ich keine Schmerzen habe, sondern euphorisch nach drüben drifte, in ein besseres drüben, in mich selbst. Ich kritzle, bis sich Lärm in die Musik mischt. Es ist eine echte Stimme. «Stop!», höre ich. «Stop!» Ich stoppe und schaue auf die Ergebnisse:

Ritter Rost (Mein Vater. Er gibt sich immer andere seltsame Pseudonyme.)
Krankheit: Sepsis
Jugendwort: Schnieke
Ausrede, die Hausaufgabe vergessen zu haben:
Sturm hat mich überrascht
Titel der Autobiographie: Stirb langsam 6

Barbara Andorra (Meine Mutter. Sie hat immer das selbe seltsame Pseudonym.)
Krankheit: Sepsis
Jugendwort: Swipen
Ausrede, die Hausaufgabe vergessen zu haben:
Saftlos gewesen
Titel der Autobiographie: Sie kam, sah und siegte

Mystress 3000 (Bea)
Krankheit: Senfallergie
Jugendwort: Smombie
Ausrede, die Hausaufgabe vergessen zu haben:
Sag‘ ich nicht
Titel der Autobiographie: Sagen wir Samstag

Lu
Krankheit: Senfallergie
Jugendwort: Sdfqf
Ausrede, die Hausaufgabe vergessen zu haben:
Sex
Titel der Autobiographie: Se jföjaö

Bea und ich sehen uns böse an. Die Senfallergie nehme ich ihr übel. Mit der habe ich mir vor Ewigkeiten mal den Sieg in einer Runde gesichert. Das hat sie sich gemerkt. Jetzt nimmt sie sie immer, wenn wir die Kategorie Krankheit haben und wenn der Buchstabe S dran ist. Beides passiert leider sehr häufig. So häufig, dass auch meine Eltern oft dasselbe nehmen. Ihre Senfallergie ist Sepsis. Ich denke mir jedes mal, irgendjemand muss das doch mal merken und dagegensteuern. Aber wir machen immer weiter. Obwohl wir das alle sehen, machen wir weiter. Das Programm bestraft uns gnadenlos mit Punktabzug.
«Welcher Jugendliche sagt ’schnieke‘?», mäkelt meine Mutter, die jetzt auch registriert hat, dass sie wieder in die Sepsis-Falle getappt ist.
«Das war ein Jugendwort. Das war es mal», verteidigt sich mein Vater.
«Da waren wir alle aber noch nicht geboren», sagt meine Mutter.
«Ich hab‘ das wirklich oft gesagt», beharrt Ritter Rost.
«Papa, du warst damals schon alt.»
Mein Vater lächelt Bea milde an. Aber nicht weil er ihr glaubt, sondern weil er jetzt weiß, wie er zurückschießen kann: «’Sag‘ ich nicht‘ ist keine Ausrede», behauptet er.
«Es ist die universelle Ausrede! Die passt einfach immer», behauptet Bea.
Auf dem Display ploppt wieder eine Nachricht von Kneter auf. Diesmal lese ich sie:
K: Hab‘ sturmfrei. Kommst du rum?
«Dann würde einfach alles zählen», sagt mein Vater. Ich merke, dass das Weed bei meinen Eltern jetzt richtig wirkt. Ich merke das an der Art, wie mein Vater etwas kritisiert. Wenn er stoned ist, klingt er, als könnte er jetzt alles viel besser erklären, wenn er nur grade nicht so müde wäre. Dann werden seine Sätze immer viel zu kurz für seine Betonung. Auch aus diesem Grund mag ich kein Weed. Ich fühle mich auch nüchtern schon so, als würde ich alles falsch betonen. Und jetzt merke ich, dass wir alle auf einem ähnlichen Level sind, was die Konzentrationsschwäche angeht. Bea sieht auch aus, als hätte sie schon mit dem Spiel abgeschlossen. Ich will sie wenigstens noch einmal besiegen. Rache für die Senfallergie. «Spielen wir noch eine Runde», sage ich gönnerhaft. «Danach muss ich eh‘ los. Ich hab‘ noch was mit Kneter ausgemacht.»
«Was habt ihr denn noch vor?», fragt meine Mutter.
«Sag‘ ich nicht.» Ich grinse sie an.
«Siehst du, das ist keine Ausrede», sagt mein Vater triumphierend. «Damit kann niemand irgendwas anfangen.»
«Kann ich trotzdem gehen?», frage ich.
«Ok, aber eine Runde noch», nimmt mein Vater meinen Vorschlag auf. Er lächelt mir zu. Er weiß etwas. Als hätte er mir beim Denken zugehört. Als wollte er mir zeigen, dass das alles doch gar nicht so kompliziert ist. Er lächelt weiter. Unbesiegbar sieht er jetzt aus.

Vierter Platz. Wie egal mir das ist. Das war doch sowieso kein wirklicher Wettbewerb. Das war keine objektiv messbare Leistung. Aber warum mussten die mich ‚Vierter Sieger‘ nennen? Ich weiß, meine Mutter meint das nicht böse. Sie hat das ermutigend gesagt, als wollte sie mir ein bisschen Trost in den Matsch nachschmeißen, in den mich meine Niederlage gestürzt hat. Meine Familie hat mich vernichtend besiegt. Einmal mehr. Sie hat mich geowned. Ownen. Sogar das ist meiner Mutter als Jugendwort mit O eingefallen. Bei mir stand da nichts. Ich spreche diese Sprache nicht. Ich habe überhaupt keine Sprache. Wir vierten Sieger hören einfach nur zu. Wir sagen: Ja. Wir sagen: Nein. Aber nicht weil wir wissen, wozu, sondern weil wir ab und zu zeigen müssen, dass wir auch anwesend sind. Es ändert nichts, ob wir Ja oder Nein sagen. Das ist, als könnten wir uns entscheiden, ob wir etwas mit der linken oder der rechten Zahnseite zerbeißen, aber am Ende schlucken wir doch einfach alles runter. Und ich weiß, dass ich jämmerlich selbstmitleidig bin, wenn ich so denke. Ich werde vom vierten zum fünften Sieger, wenn ich so denke. Auch wenn nur vier Leute im Wettbewerb sind. Wenn ich so denke, erzeuge ich Phantasiefiguren, die mich besiegen. Aber keine von diesen sichtbaren Figuren. Sie entstehen ganz ohne Phantasie. Sie sind Anti-Phantasie, gesichtslos, unbeweglich. Einfach dazu da, mir den Weg zu versperren. Und ich steh‘ da jetzt mitten drin. Alles ist voll von diesen Figuren. Sie sind so groß, dass ich gar nicht mehr sehe, wo wir eigentlich sind. Und heute ist eine neue Figur dazu gekommen. Wie alle anderen habe ich sie selbst geschaffen, kontaktlos erzeugt, als ich es gehört habe: Vierter Sieger. Irgendwann will ich eine Zahl erreichen, bei der man nicht mehr von Sieger sprechen kann. Aber ich weiß: das dauert. Länger, als ich je Zeit haben werde. Ich werde immer ein Sieger sein. Nicht, weil ich gewinne. Einfach, weil es genug Zahlen gibt, die man vor meine Leistung stellen kann. Einfach, weil mich jemand als Vierter Sieger bezeichnen kann und ich nicht weiß, wie ich aus dieser Behauptung rauskomme. Ich weiß, dass mich diese Gedanken vernichten werden, aber ich kann einfach nicht aufhören, so zu denken. Irgendwie muss ich sie endlich bekämpfen. Am besten mit ihren eigenen Waffen: mit Musik. Ich sitze jetzt alleine in Kneters Zimmer. Er duscht gerade. Ich tippe an seinem Laptop herum und aktiviere seine Bluetooth-Kopfhörer. Ich öffne Youtube und gebe ein: Fade into you. Ein Lied, zu dem meine Eltern geknutscht haben. Ich schäme mich, dass mich das so berührt. Als würde ich an ihrem Schlafzimmer vorbeigehen, während sie ficken. Aber ich will das Lied jetzt hören. Unbedingt. Für Mazzy Star würde ich mich sogar an meinen fickenden Eltern vorbeischleichen. Ich starte den Song. Während die ersten Takte laufen, lösche ich den Songtitel aus der Suchleiste. Ich will keine Spuren hinterlassen. Ich will jetzt einfach körperlos sein, besiegt und vollgepumpt mit Würde untergehen. «Some kind of night into your darkness / colours your eyes with what’s not there.» Wie schön der Schmerz mich jetzt begräbt. Ich drehe lauter. Ich gehe zum Fenster und sehe, was Kneter sonst sieht: unser Haus. Er sieht unser Wohnzimmer, in dem Licht brennt. Meine Eltern sitzen da noch immer. Auch in Beas Zimmer brennt Licht. Aber ich fühle mich sicher. Ich weiß, dass sie hier nicht rüberschauen werden. Das Licht hier im Zimmer ist aus. Außerdem ist Kneters Haus wie ausgeklammert. Ein Versteck, fast so sicher wie Musik. «A strangers light comes on slowly», höre ich und merke, dass sich etwas am Klang geändert hat. Plötzlich ist er viel zu laut. Und überall. Ich drehe mich um. Kneter steht an seinem Laptop. Ich erschrecke. Nicht, weil Kneter overdressed im Sakko da steht, sondern weil er jetzt da ist. Mitten in meinem Versteck, das ihm gehört.
«Was stehst du denn im Dunklen rum?», fragt er.
«Ich hör Musik.»
«Du stehst im Dunklen und hörst dieses Emozeug?»
Ich bin zu überrascht, um das präzise zu beantworten. Also sage ich: «Ok, mach aus.»
Kneter dreht sich zu seinem Laptop. Er tippt darauf rum. Das Lied wird lauter.
«Traust du dich nicht, das laut zu hören?»
Nein, denke ich. Nein.
Ich sehe, dass Kneter auf Repeat stellt.
«Dann mach ich’s halt selber aus», sage ich. Entschlossen gehe ich auf den Laptop zu.
«Du hast das im Kopfhörer voll aufgedreht. Wieso willst du das nicht laut hören?»
Kneter stellt sich vor mich.
«Ich bin nicht mehr in der Stimmung», sage ich.
«Ich will es hören», sagt Kneter. «Ich will das auch hören. Wieso willst du immer alles alleine machen, Mann?!»
«Ich bin doch da.»
«Du kannst einfach nicht teilen.»
«Mach das bitte jetzt aus.»
«Wieso hast du mir den Song nie gezeigt?»
Ich will mich an Kneter vorbeidrängeln. Er hält mich auf. Wir drücken uns durch den Raum. Wir stolpern und drücken, stolpern und drücken. Die Stoptaste ist jetzt in einer anderen Welt. Hier existiert nur noch Repeat. Und obwohl ich play gedrückt habe, will ich das alles nicht mehr hören. Wir stolpern und drücken, stolpern und drücken. Jetzt fängt das Lieder wieder an. «Fade into you / I think it’s strange, you never knew.» Ich höre alles, weil ich nicht weiß, wie sich meine Ohren schließen.



15

«Tust du schon wieder nix?»
Ich fühle mich ertappt, dabei bin ich gar nicht gemeint. Frau Stöhr sagt das zu Herrn Woigl. Er steht bei uns am Backshop und will einen Kaffee. Ich drücke aufs Knöpfchen des Automaten und sehe zu, wie der Pappbecher sich füllt. Störungsfrei überreiche ich ihm seine Bestellung. Ich fühle mich dem gewachsen, was da jetzt kommt: Ich soll bedienen. Das heißt: Menschenkontakt aufnehmen. Das heißt: mit Fremden sprechen und ihnen eine Tüte mit Backwaren in die Hand drücken. Frau Stöhr lernt mich an. Sie ist eine geduldige Lehrerin und ich bin ein aufmerksamer Schüler. Ich schaue mir an, wie sie das macht. Ich schaue, wie sie nach den Brötchen greift, wie sie das Brot aus dem Regal holt, wie liebevoll sie Kuchen ins Papier einwickelt. Ich schaue mir an, wie sie mit den Leuten spricht. Sie hat eine Zauberformel. Bei Herrn Woigl hat sie sie benutzt und jetzt wieder: «Tust du schon wieder nix?» Sie sagt das fast immer, wenn sie einen Kaffee verkauft. Sie sagt das zu Kollegen und zu Leuten, die sie scheinbar kennt. Sie sagt das, wenn jemand alleine vor ihr steht oder zu ganzen Gruppen: «Tut ihr schon wieder nix?» Als wäre das Nix-tun ein unerträglicher Zustand, aus dem sie Eingeweihten mit ihrem speziellen Kaffee heraushelfen kann. Zu mir sagt sie das zum Glück nicht, aber ich merke, dass ich es geschafft habe, wenn sie das mal so zu mir sagt. Dann habe ich ihr Vertrauen, ihren Respekt, dann weiß ich, dass ich keine Attacke von ihr erwarten muss. «Tust du schon wieder nix?» Wenn sie das jetzt sagen würde, wäre es ernst gemeint. Irgendwo dazwischen ist Erfolg, glaube ich. Vielleicht liegt das alles immer an der Betonung. Alles was jemand sagt, hat eine Temperatur. Genau wie das Zeug, das ich hier aus der Theke hole. Was das für eine Arbeit ist, bis das knusprig und genießbar ist. Und wenn die Temperatur nicht stimmt, wird das alles nichts. Dann landet das einfach auf dem Müll. Aber so ist das doch nicht. Es gibt doch nicht nur die Entscheidung, ob ich auf dem Müll oder in einer Glasvitrine lande. Oder? Wenn ich mich mit diesem Gebäck vergleiche, dann bin ich eine Schüssel mit losem Mehl, die jemand auf den Balkon gestellt hat. Und ich frage mich, was eher kommt. Die Hand, die mich in die Küche bringt, oder der Wind. Frau Stöhr ist irgendwie beides. Jetzt kommt sie direkt auf mich zu. «Ich muss kurz in die Backstube», sagt sie. «Kümmerst du dich bitte um die Kundschaft?» Sie hat es so eilig, dass sie nur kurz mein Nicken abwartet. Dann verschwindet sie im Hinterzimmer. Meine Lehrmeisterin lässt mich alleine. Sie vertraut mir alles hier an. Ich stehe herum, bis es mich langweilt, herumzustehen, also so 10 Sekunden. Dann spüre ich mein Handy im Kittel. Frau Stöhr belegt Bleche mit Teiglingen. Ich höre, wie sie arbeitet. Jetzt habe ich Zeit. Ich habe alles im Griff. Ich stelle mich neben das Brotregal und hole mein Handy aus der Kitteltasche. Kneter hat vorhin geschrieben, dass er ein neues Video hochgeladen hat. Ich will es sehen. Nur ganz kurz. Nochmal ein vorsichtiger Blick zur Backstube und in den Kundenbereich. Alles still. Ich klicke das Video an, dann erstarre ich. Ich höre Mazzy Star. Ich sehe Kneter und mich, wie wir uns zu «Fade into you» durch den Raum schieben. Das Video hat mehr als tausend Klicks. Ich sehe, dass grade jemand einen Kommentar dazu schreibt. Dann höre ich das Geräusch eines Einkaufswagens. Ich blicke auf. Ein lächelnder Kunde kommt auf mich zu. Er ist in bester Einkaufslaune. Ich will ihn verscheuchen. So macht das alles keinen Sinn, will ich sagen, aber ich stecke das Handy zurück in den Kittel und baue mich vor ihm auf, wie zu einem Duell. Meine Beine zittern, als würden Kneter und ich in mir drin weiter kämpfen, als hätten wir uns da rein verirrt und wüssten nicht mehr, wo es raus geht. Ich stütze mich ab und versuche zu verstehen, was der Kunde sagt.

«Zwei Kaisersemmeln bitte.»
Ich fühle nichts. Wir kämpfen. Wenn ich das Zeug hier anfasse, fühle ich nichts.
«Können Sie das schneiden, bitte?»
Wir kämpfen. Vielleicht fühle ich nie etwas. Ich würde das jetzt gerne zerdrücken. Mich mit dieser knusprigen Rinde aufritzen, bis ich Blut sehe. Wir kämpfen. Aber ich funktioniere. Dafür muss ich gar nichts fühlen. Ich kann mir dabei zusehen, wie ich alles richtig mache. Wir kämpfen.
«Zehn Millimeter?» frage ich.
Der Kunde lächelt zustimmend. Wir kämpfen. Ich stecke das Brot in die Schneidemaschine und sehe dabei zu, wie es gehackt wird. Ich bin kein Fachmann, will ich dem Kunden gestehen. Ich bin ein Panscher. Wir kämpfen. Sobald ich das Zeug hier berühre, kontaminiere ich es. An mir klebt unsichtbarer Müll. Können sie das sehen, will ich fragen. Wir kämpfen zu Mazzy Star. Aber ich frage nur: «Außerdem?»

Pause. Also nicht offiziell. Aber Frau Stöhr ist endlich zurück am Platz und ich habe mich leer bedient. Als wäre meine Energie eine Vitrine voller Brot und jetzt sind da nur noch Krümel drin. Aber das kann man nicht sehen. Sehen kann man nur die echte Vitrine. Und da ist mehr Brot drin, als ich jemals verkaufen kann. Nichtmal Frau Stöhr, mit all ihren Tricks und ihrer Kraft schafft das. Ich muss mich von diesem Anblick kurz ausruhen, ich muss jetzt etwas anderes sehen, als Brot. Ich habe mich einfach aus dem Bild geschlichen. Wenn das bei Kneter doch auch so einfach wäre. Als ich durch den Laden steuere, frage ich mich, wo die Leute sind, die sich die Videos anschauen. Irgendwo da draußen sind sie, wie etwas, dem ich nicht ausweichen kann. Ich gehe schneller zum Lager, als ob ich so das Ausweichen üben könnte. In meinem Kittel spüre ich mein Handy. Die Kopfhörer sind auch drin. Jetzt fühlt es sich wieder tröstend an, nicht mehr wie ein Unheilsbote. Zum Glück ist das Handy da. Da kann ich meine Gefühle viel schneller updaten, als in mir drin. Nur ein schneller Song. Dann alles auf Reset. Ich betrete das Lager und erstarre: Milena! Sie trägt einen Kittel. Sie steht einfach neben Woigl und hält eine Schachtel Trauben in der Hand. Ich bleibe stehen. Ich stehe blöd rum, bis sie mich erkennt. Wir grinsen uns an. Mein Körper kommt zurück. Wie gut sich das anfühlt. Ich bleibe jetzt einfach hier, denke ich. Ich bewege mich nie wieder.
«Was schaust denn so, bist narrisch?», fragt Woigl.
«Ja, äh. Kann ich euch was helfen?»
«Was bist denn überhaupt schon wieder raus aus der Backstube?»
«Ist grade nichts los», flunkere ich.
«Das schaut aber nicht so aus.»
«Sagt Bescheid, wenn ich euch helfen kann.»
«Mach einfach, was man dir sagt, damit hilfst uns am meisten», blafft Woigl. Ich lächle gnädig zurück. Milena und ich tauschen einen Blick aus, dann verschwinde ich auf die Personaltoilette und sperre mich in eine der Kabinen ein. Ich klappe den Klodeckel herunter und setzte mich. Ich schließe die Augen. Sie. Ist. Da. Ist das wahr? Oder bin ich jetzt auch noch paranoid? Wahrscheinlich steht da jemand anderes. Irgendein fremdes Mädchen, das ich einfach angestarrt habe. Ich brauche jetzt unbedingt Musik. Ich hole mein Handy aus dem Kittel. Ich setze die Kopfhörer auf und starte den Track. New Order. 1963. Nur diese eine Stelle. Genau jetzt. Ich scrolle zu Minute 4:43. Nicht mal Zeit für ein ganzes Lied hab ich hier. Aber ich brauche ja nur den einen Satz. «I will always feel afraid.» Da ist er. Genau da ist er. Und genau da bin ich. Wenn ich den Leuten doch sagen könnte, dass sie mich einfach in dem Lied abholen sollen. Ich würd‘ mitgehen. Wenn ich wüsste, wie das geht, würd‘ ich mitgehen. Jetzt ist die Stelle schon wieder weg. Die ist viel zu kurz. Nochmal. Ich scrolle. Ich drücke auf Play. «I will always feel afraid.»



16

«Was soll diese Scheiße?!» schreie ich Kneter an. Ich bin direkt nach der Arbeit zu ihm. Jetzt brülle ich, bis so viel Stimme aus mir draußen ist, dass ich sie sehen kann. Zum ersten Mal ist sie vor mir, wie ein Insekt in einem Glas, das an die Scheibe donnert. «Fuck!» werfe ich hinterher, als könnte ich damit das Glas zerbrechen. Ich höre, wie es kracht. Aber alles passiert immer nur innerhalb des Glases. Kneter ist trotzdem überrascht. Damit hätte er jetzt nicht gerechnet. Wir sehen uns an. Ich hab‘ noch mehr Stimme, sagt mein Blick. Da wo die herkommt, gibt’s noch viel mehr, sagt mein Blick.
«Du hast doch gesagt, dass du mir vertraust!» Kneter spielt den Unschuldigen. Das macht mich noch wütender.
«Ja, eben! Warum postest du die Scheiße, ohne dass ich was davon weiß!?», kratze ich in mir zusammen, mit einer anderen Stimme, die ich noch nicht kenne. Ich hätte jetzt gerne die Schreistimme wieder, aber ich finde sie nicht. Vielleicht war das der einzige Schrei, der in mir war. Ein seltsames Naturschauspiel, das nur alle paar Jahrhunderte vorkommt.
«Wir haben das doch ausgemacht, oder?», sagt Kneter unbeeindruckt.
«Du hast mich vorgeführt, Mann.»
«Ich finde das Video wunderschön.»
«Schön?!»
«Du bist da so wie du wirklich bist.»
«Es gab nen Grund, warum ich da nicht unter Menschen sein wollte.»
«Welchen denn?»
«Das weiß ich jetzt nicht mehr. Irgendwas war da an dem Abend, aber das war mir wichtig, da alleine zu sein.»
«Wieso warst du dann bei mir?»
«Ich wollte nur einen Moment unbeobachtet sein, nicht den ganzen Abend.»
«Fühlst du dich von mir beobachtet?»
«Wenn du mich heimlich filmst dann schon.»
«Wenn du mir einmal sagst, dass ich aufhören soll, höre ich auf. Das weißt du, oder?»
«Wieso muss ich dir sowas sagen.»
«Woher soll ich da sonst wissen?»
«Du könntest versuchen, mich schon vorher zu verstehen.»
«Wenn du nichts sagst, checkt niemand, was du meinst.»
«Dann warte einfach, bis ich dir was sagen kann.»
«Wir haben keine Zeit zu Warten.»
«Was bist du denn so ungeduldig?»
«Ich war schon immer so. Das weißt du.»
«Das macht es nicht besser.»
«Das hat dich noch nie gestört.»
«Das ist einfach alles neu für mich. Alles, was grade passiert!»
«Dann friss das nicht in dich rein, sondern sprich mit mir!»
«Sorry, ich brauch‘ echt bisschen Abstand von dir.»
Kneter sieht mich finster an.
«Ich könnte dir auch sauer sein, dass du einfach nur noch halb da bist.»
«Ja, kannst du», sage ich und gehe. Ich fühle mich, als würde ich aus meinem Körper schlüpfen und etwas wichtiges vergessen. Ich lasse es liegen, ohne mich umzudrehen.



17

«Danke. Scheißen.» Seit dem Streit mit Kneter, denke ich, dass mir etwas rausrutscht. Ich denke es vor allem, wenn ich bediene, so wie jetzt. Dann passen meine Gedanken und meine Stimme nicht mehr zusammen. «Danke. Scheißen.» Andauernd denke ich das. Das sind nur zwei Wörter. Eins davon ist sogar gut. Aber immer wenn ich bediene, muss ich beide zusammen denken. «Danke. Scheißen.» Dieser Brocken steht in meinem Hirn, wie ein Geschenk, das niemand abholt. Ich weiß, dass es an mich adressiert ist, das Geschenk, und wenn ich nicht antworte, kommen neue Geschenke. Ich bewege mich vorsichtig, weil die Pakete hier irgendwo stehen und ich gleich wieder drüber stolpere.
«Danke.» Wenn ich da stoppen könnte. Aber ich kann es nicht. «Danke. Scheißen», denke ich. Nur so ist das vollständig. Wieso kann ich das nicht teilen? Ich muss jetzt von mir weg. «Danke. Scheißen.» Ich brauche Abstand. Jetzt sofort. Aber ich sehe einen Kunden. Er rollt mir entgegen, mit seinem Einkaufswagen, den er wie eine Rüstung vor sich her schiebt. Wie eine Uniform ist der Einkaufswagen, wie eine Autorität, der ich mich jetzt beugen werde, egal was ich denke. «Danke. Scheißen.» Der Kunde nimmt Blickkontakt auf.
«Schönen guten Tag», sage ich lauter als gewollt. Konzentriert höre ich zu, was der Kunde sagt.
«Ja, das ist Roggenmisch», antworte ich. Der Kunde und ich kommen ins Geschäft: Er kauft das Brot. Geschnitten. «Danke. Scheißen.» Verführerisch reibt sich der Gedanke an mir, während ich dem Brot dabei zusehe, wie es in der Maschine geschnitten wird. Ich würde meinen Gedanken da jetzt auch gern reinstecken. Einmal in der Mitte durch und «Danke», behalten. Oder doch «Scheißen?» Wieso müssen sogar diese dummen Scheiben Brot kompliziert werden, wenn ich sie anschaue? Ich drehe mich um. Der Kunde steht noch da. Ich glaube, ich sehe ihn an, als hätte ich ihn mir eingebildet. «Außerdem?», frage ich, um mir meine Kompetenz zurückzuholen.
«Das war’s, Danke.»
Ich nehme das Geld.
Ich gebe ihm die Ware und sein Wechselgeld.
«Vielen Dank. Schönen Tag noch», höre ich.
«Schönen Tag noch», sage ich freundlich und denke: «Danke. Scheißen.» Dann sehe ich den nächsten Kunden.

Pause. Ganz offiziell. Eigentlich will ich längst draußen sitzen und eine rauchen, aber vor mir auf dem Boden liegt ein Centstück. Ich weiß nicht, ob ich es aufheben soll. Wenn ich es nehme, bringt das vielleicht Pech, weil ich dann zeige, dass ich abergläubisch bin. Aber wenn ich es nicht aufhebe, zeige ich, dass mir Kleinigkeiten nichts Wert sind. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Wieso muss das jetzt da liegen? Ich kann mich bei sowas nie entscheiden. Grade habe ich mich befreit. Und jetzt geht das von vorne los. Es gibt wieder nur zwei Möglichkeiten. Heb ich das Scheißteil auf oder nicht. Wieso ist das alles so existentiell? Stop. Ich übertreibe. Ich bin einfach ein Idiot in einem weißen Kittel, der auf den Boden eines Supermarkts starrt. Erst mal schauen, ob da jemand kommt. Ok, wenigstens sieht mich keiner. Ich hebe das Centstück jetzt auf. Es ist meine Pflicht, den Laden sauber zu halten. Aber wenn ich es liegen lasse, findet das Geld vielleicht jemand, der es viel dringender braucht. Ein Centstück. Niemand braucht das wirklich. Aber es hat einen Wert. Jemand hat vielleicht seinen Glückstag, wenn ich das liegen lasse. Oder jemand ist damit genauso überfordert. Eine allgemeine Bedrohung ist dieses Centstück. Ich heb‘ das jetzt auf. Fuck. Ich kann mich nicht mehr rühren. «Danke. Scheißen.» Da ist es wieder. Es hat sich in eine Münze verwandelt. Ich habe es verwandelt. Scheiße zu Geld. Wie einfach das war. Wie einfach ich mir alles mache. Während ich jetzt da überfordert drauf starre, passiert in dieser Welt etwas, was wirklich wichtig ist. Ich krieg nichts davon mit, weil ich einfach an mir selbst runter schaue und über alles stolpere, was da liegt, auch wenn ich es sehe, auch wenn ich mir stundenlang ansehe, was da liegt. Und jetzt mache ich mich auch noch runter dafür. Das ist mein Fehler. Selbstmitleid. Ich nehme mich viel zu wichtig. Ich denke, dass es irgendwelche Auswirkungen hätte, wenn ich was mache. Als könnte ich irgend etwas ändern. Stop. Das kann ich doch. Aber was? Wenn ich denke, dass ich nichts bewirken kann, bin ich einfach nur ignorant. Ich ignoriere alle Möglichkeiten. Es geht doch um etwas. Vorher war es ein Gedanke. Jetzt eine Münze. Das geht so weiter. Und wenn ich das bemerke, wird es nicht besser. Ich muss da jetzt eingreifen. Verdammt. Ich versuche es. Ok, ich nehme die Münze. Nein, ich gehe jetzt. Ich gehe. Nein, ich kann nicht. Fuck.
«Lu?»
Ich schrecke auf. Ich drehe mich um. Milena. Sie steht direkt vor mir. Sie lächelt.
«Na, schwer am arbeiten?», fragt sie.
«Äh, ich hab Pause.»
«Schläfst du deshalb hier im Stehen?» Milena lächelt.
«Da liegt ein Centstück auf dem Boden», sage ich und zeige vor meine Füße, als würde das alles erklären.
«Wieso hebst du es nicht auf?»
Ohne zu zögern hebe ich die Münze auf. Als ich sie in die Tasche stecke, ist jeder Gedanke weg.
«Machst du auch Pause?», frage ich.
«Ich pack’s für heute.»
«Du machst keine Ausbildung hier, oder?», frage ich Milena, als wir zum Pausenraum gehen.
«Ne, ich mach‘ das neben der Schule», sagt sie.
Ach ja, Mist, das wäre auch gegangen, denke ich. Als ich nach meinen Kippen im Kittel greife, spüre ich einen Fremdkörper. Was ist das?, denke ich, während Milena in den Umkleideraum geht. Ich ziehe die Münze aus dem Kittel. Dann fällt es mir wieder ein. Ich muss lächeln.



18

Ich stecke im Busch. Ich habe mich da ganz tief rein gegraben und drücke auf Record. Cox hat mich engagiert. Ich bin jetzt sein Kameramann. Wir drehen sein Manifest für 20th Century Cox. Er wollte unbedingt mich für die Kamera. Er hat gesagt, aus künstlerischen Gründen, aber ich glaube, er wusste, dass sich niemand sonst hier einfach so für ihn in den Busch zwängt und ihn dabei filmt, wie er sich auszieht. Ich filme, wie Cox seine Kleidung hinter sich wirft. Dann dreht er sich zur Kamera. «Ich bin ein verwöhntes Arschloch», tönt Cox. «Ich wurde panisch vor Gefahren gewarnt, dier hier überall sein sollen. Sogar hier draußen.» Er macht eine Kunstpause, dann raunt er: «Zecken.»
Cox zeigt auf den Waldboden unter sich. «Angeblich sind die so krass hier. Aber ich zeig euch, dass sie harmlos sind. Ihr könnt hier alles tun, was ihr wollt.» Cox legt sich ins Gras der Lichtung und fängt an, sich wild darin herumzuwälzen. Mit ausgestreckten Armen bleibt er auf dem Rücken liegen. Er atmet tief ein- und aus. Ich habe jede Bewegung in Nahaufnahme drauf. Ich zoome auf Cox. Schwitzend und rot liegt er da. Verletzlich sieht er jetzt aus. Als hätte ihn eine epische Tragik in diese Situation gebracht und nicht nur ein dummer Gedanke. Jetzt höre ich Schritte auf dem Gehweg. Ich schwenke instinktiv mit der Kamera dort hin. Dann erschrecke ich: Ich sehe Bea. Sie rennt. Gott ist sie schnell. Sie rennt einfach an Cox vorbei. Ich glaube, sie sieht ihn gar nicht. Und mich sowieso nicht, so eingepackt, wie ich hier bin. Bea ist wirklich hochkonzentriert. Ach ja, sie ist im Training, wie immer um diese Zeit. Schmandra müsste da auch dabei sein, aber ich sehe ihn nicht. Wahrscheinlich hat sie ihn abgehängt. Sie bremst einfach für überhaupt nichts. Jetzt sehe ich, dass Bea stehen bleibt. Sie stemmt die Arme in die Hüften. Sie atmet durch. Sie dreht sich zu Cox. Sie hat ihn also doch bemerkt. Durch den Zoom kann ich ihren Gesichtsausdruck sehen. Bea sieht nicht aus, als wäre sie gestört worden. Sie sieht aus, als wäre das ein ganz natürlicher Grund, ihre Rennerei zu stoppen. Sie geht zu Cox. Oh Gott! Sie. Geht. Zu. Cox! Er bemerkt sie jetzt auch. Und im Gegensatz zu Bea sieht er nervös aus. Er richtet sich auf. Hektisch sieht er sich nach seinen Klamotten um. Aber es liegt nichts in Reichweite. Also steht er auf, wie er ist. Jetzt stehen er und Bea sich gegenüber. Bea atmet noch immer laut und schnell. Der Schweiß rinnt ihr von der Stirn. Sie streicht ihn sich mit der Handfläche ab. Cox schaut zu ihren straffen Oberarmen. Auch darauf glänzt der Schweiß. Er sieht Beas zarte Brüste, die nur von einem nassen Stück Stoff bedeckt sind. Dann sehen sich die beiden in die Augen. Ganz fest. Ich bewege mich nicht, um keinen Milimeter dieser kranken Magie zu verwackeln.

Jetzt höre ich einen Fahrradreifen, der eine Bremsspur in den Kies hinlegt. Cox und Bea drehen sich um. Sie schauen zu jemandem außerhalb des Bilds. Ich höre eine Stimme. Ich kenne sie. «Respekt Bea, du warst ja sauber schnell weg.» Herr Schmandra kommt ins Bild. Er lehnt sich keuchend auf den Lenker. Jetzt erkennt er seinen nackten Sohn.
«Ja mei. Wie rennst du denn rum!?»
«So wie du mich geschaffen hast», blafft Cox.
Herr Schmandra dreht sich zu Bea. Seine Stimme klingt anders als sonst, als würde sie jetzt hier nackt rumstehen und nicht Cox.
«Das ist gut, dass das passiert», sagt Schmandra. «Sowas ist wichtig. Lass dich einfach nicht aufhalten, Bea. Von gar nichts.» Er klingelt, um seine Aussage zu untermauern.
«Ja, lasst euch nicht aufhalten», sagt Cox.
«Wir sprechen da später noch drüber», droht Schmandra.
«Ich sprech‘ kein Wort mit dir da drüber. Kein Wort!»
Cox geht zurück zur Wiese und setzt sich. Er sieht die beiden grimmig an. Herr Schmandra sieht aus, als würde er überlegen, ob er sich mit seinem Sohn jetzt ernsthaft anlegen soll. Aber Bea trabt wieder los, also schwingt sich Schmandra aufs Rad und fährt ihr hinterher.

Jetzt merke ich, dass ich mitten im Busch hänge und das alles aufgenommen habe. Bevor ich etwas tippen kann, stürmt Cox auf mich zu.



19

Der Eistee. Er wirkt nicht. Das waren fast zwei Liter. Gezielt dazu eingesetzt, mir aus der Kasse zu helfen. Aber ich muss einfach nicht pinkeln. Alle Kassen sind offen. Und überall stehen Leute. Vor allem bei mir. Auf was warten die denn alle? Ach ja, die wollen, dass ich sie abkassiere. Die haben mich umzingelt. Alle Kassen sind besetzt und vor mir stehen so viele Menschen, dass ich das Ende der Schlange nicht sehe. Fuck. Der Kunde! Hat der viel Zeug. Auch noch Obst und Gemüse. Da hätt‘ ich die Nummern lernen sollen. Hoffentlich weiß ich noch welche. Kohlrabi: 1933. Wer hat sich das ausgedacht? Da muss ich gleich an die Machtergreifung denken. Was hat Kohlrabi damit zu tun? Birnen: 1503. Warum 1503? Ich glaube, da hat die Pest gewütet. Wie kann man der Birne diese Seuche anhängen wollen? Das ist doch eklig. Die müssen doch sehen, was das auslöst. Herr Woigl hat mir nicht gesagt, wie ich mit sowas umgehen soll. Da hat mich niemand gewarnt. Der Kunde. Sieht der mir beim Denken zu? Der schaut ziemlich seltsam. Ah. Jetzt kommen Äpfel. Sind das die aus dem Angebot? Ist das 1834 oder 2047? 2047 klingt besser. Das klingt nach Zukunft. Ah! Jetzt weiß ich, wie ich hier wegkomme. Ich nehme die Äpfel. Und jetzt frag‘ ich ihn was, kraft meiner Autorität: «Haben sie die schon korrekt abgewogen?» Aha. Da war eine Andeutung von Zweifel in seiner Stimme. Meine Chance.
«Ich frag eben noch mal nach für sie. Bei diesen Nummern kann man schnell mal durcheinander kommen.» Zack. Weg. Bevor er was sagen kann. Und jetzt schnell zum Obst. Wie gut sich das jetzt anfühlt, hier durch die Gänge zu laufen. Wie in einem Wald. Wie in ganz frischer Luft nach einem Sommerregen.

Milena. Da ist sie wieder. Sie stapelt Äpfel aus einer Kiste ins Obstregal. Ich stelle mich neben sie, als hätte ich den Mut dazu.
«Hey», sage ich.
«Hey.»
«Weißt du die Nummer von diesem Apfel?»
«Nummer?»
«Wir geben da immer Nummern ein in der Kasse. Sind wie so Codes für die Produkte.»
«Ich war noch nie in der Kasse», sagt Milena.
«Also sind das die aus dem Angebot? Das wollte ich eigentlich wissen.»
Milena sieht sich den Apfel in meiner Hand genauer an.
«Ja, das müssten sie sein.»
«Ok, danke.» Ich kann jetzt nicht gehen. Ich kann jetzt nicht einfach gehen. Das war ein flüssiges Gespräch. Ich will noch viel mehr wissen.
«Ich mache jetzt gleich Pause», denke ich laut vor mich hin. «Wir könnten eine rauchen, wenn du magst.»
«Pause klingt gut», sagt Milena. «Ich mach‘ das noch schnell zu Ende, dann komm‘ ich nach, ok?»
«Ok», sage ich und stecke den Apfel zu den anderen.

Wir sitzen auf einer Holzpalette und lehnen an der Wand. Milena holt einen von den Äpfeln aus dem Angebot aus der Tasche. Ich zünde mir eine Zigarette an. Mein Kittel ist aufgeknöpft. Ich blase den Rauch weg, als könnte ich uns so einen zeitlosen Raum freipusten.
«Hier bist du also jeden Tag», sagt Milena.
«Fünfmal die Woche. Unter der Woche hab ich einen Tag frei. Dafür arbeite ich meistens am Samstag.»
«Samstags bin ich auch ab und zu da.»
«Cool.»
«Ist dir nicht langweilig. Also wenn du nur das hier machst?», fragt Milena.
«Nein. Langweilig nicht. Ich hab nur Angst.»
«Wovor denn?»
«Dass ich das alles nicht checke. Ich glaube, ich funktioniere hier nicht.»
«Wo funktionierst du denn?»
«Meine Liste ist noch unvollständig.»
«Steht denn schon was drauf?»
«Ja.»
«Und was?»
«Ich funktioniere zum Beispiel in Songs. Ich kann darin verschwinden.»
«Das ist ein hervorragendes Talent.»
«Finde ich auch.»
«In welchen Songs verschwindest du denn so?»
«Momentan immer im selben. An einer ganz bestimmten Stelle.»
«Zeigst du sie mir?»
Ich krame mein Handy aus dem Kittel und stöpsle die Kopfhörer ein. Einen Ohrstöpsel gebe ich Milena. Den anderen stecke ich mir selbst ins Ohr. Ich suche 1963. Ich scrolle zu Minute 4:43. Dann drücke ich auf Play. Als der Song vorbei ist, spule ich wieder zurück.
«’I will always feel afraid‘. Das trifft mich jedes Mal», sage ich.
«Du verstehst: ‚I will always feel afraid?’», fragt Milena.
«Klar, was sonst?»
«’I will always feel free.’»
«Moment. Ich mach‘ nochmal zurück.»

«Free. Eindeutig», sagt sie.
«Afraid.»
«Free!»
«Afraid!»
«Ok. Ich google den Text.»

«Da steht: ‚I will always feel for you.’»

«Lass‘ uns nochmal nachhören.»

«Free. Eindeutig.»
«Afraid!»
«Free!»
«Afraid!»

«Vielleicht ist es ja etwas ganz anderes.»
«Nein, ich glaube, es gibt nur diese drei Möglichkeiten», sagt Milena.
«Das macht mir Angst.»
«Aha. Deshalb hörst du: ‚I will always feel afraid.’»
«Wenn ich ‚I will always feel for you‘ höre, bin ich dann geheilt?»
«Nur wenn wir es beide hören.»

«Ich mach‘ Repeat, ok?»
«Ok.»


20

Kneter und ich ignorieren uns. Es ist das erste Mal, dass wir uns seit unserem Streit sehen. Ich merke, dass auch er mir gegenüber kühler geworden ist. Und er hat allen Grund dazu. Ich habe ihm vorgeworfen, dass er mich heimlich gefilmt hat und jetzt habe ich selbst das gleiche gemacht. Aber ist das wirklich das gleiche? Überfordert sitze ich bei Cox. Er zeigt Kneter und mir grade das Video im Wald in der Finalversion. «Das ist der Money-Shot», sagt Cox. Kneter nickt anerkennend. Das Video steht auf Pause. Ich kenne es. Ich schaue auf das Bild, als hätte ich es gemalt und für viel Falschgeld weiterverkauft. Meine verschwitzte Schwester und Cox. Sie sehen sich so zärtlich an. Sein Penis ist nichtmal das Auffäligste an dem Bild. «Das ist der Money-Shot», wiederholt Cox stolz.
«Wie lange hast du das nachbearbeitet?», fragt Kneter.
«Ich hab‘ nichts dran gemacht. Keine Filter. Kein Schnitt», sagt Cox.
«Wow», sagt Kneter.
«Das ist alles echt», sagt Cox. «Aber das passiert doch nicht einfach so?»
«Sowas passiert dauernd», sagt Kneter. «Es schaut halt sonst niemand dabei zu.»
«Deswegen müssen wir das jetzt allen zeigen.»
«Wegen deinem Schwanz?», fragt Kneter.
«Der ist vollkommen unwichtig. Siehst du das nicht?», fragt Cox.
«Bisschen geil warst du aber schon, oder?», fragt Kneter.
«Ich war alles. Ich hab‘ sowas noch nie erlebt.»
Ich will das alles nicht hören. Ich frage mich, ob Bea das auch alles so magisch findet. Wenn ich mir ihren Blick auf dem Bild ansehe, glaube ich: Ja. Jetzt frage ich mich, ob Bea auch magisch findet, dass das alles aufgenommen wurde. Ich glaube: Nein. Wieder ist alles auf zwei Möglichkeiten geschrumpft. Diesmal sind es nicht meine Möglichkeiten, aber trotzdem komme ich nicht an ihnen vorbei. Ich muss das endlich mal durchbrechen. Ich muss irgendwo sein. Ich muss mich entscheiden. Ich muss. Ich muss. Wie soll ich etwas wollen, wenn ich alles muss? Ich muss gar nichts. In Wahrheit muss ich gar nichts. Aber ich muss jetzt was sagen. Ich muss.
«Was würdet ihr machen, wenn ihr eine Person fragt, ob sie gefilmt werden will und diese Person sagt Nein?», frage ich.
«Ich würde sie natürlich nicht filmen», sagt Kneter «… also wenn die Person das laut und deutlich sagt.» Wir sehen uns an. ‚Hättest du das gemacht, hätten wir jetzt keinen Streß‘, sagt sein Blick.
«Natürlich filmen wir keine Leute, die das nicht wollen», bekräftigt Cox.
«Aber was ist, wenn die Person das nicht weiß?»
«Dann muss das Video geil sein», sagt Cox. «Es muss von allgemeinem Interesse sein.»
«Wer bestimmt denn, ob das Video von allgemeinem Interesse ist?»
«Die Leute, die es schauen», sagt Kneter.
«Seh‘ ich auch so», stimmt Cox zu. «Hier ist ja wohl gar nichts kritisch. Gar nichts.»
«Was ist mit deinem Schwanz?»
«Eben. Wenn dann ist das peinlich für mich.»
Wenn etwas für dich peinlich ist, was ist es dann für die Leute, die auch im Bild sind, denke ich. Ich sehe, wie Cox sich zu seinem Laptop dreht. Er drückt auf Play. Wir schauen die Szene zu Ende. Sie dauert eine knappe Minute.
«Posten?», fragt Cox.
«Klar», sagt Kneter.
Ich sehe Cox tippen. Dann wird es still.
«Stop!» sage ich.
«Zu spät» Cox dreht sich zu mir um. Er lächelt friedlich. Dann dreht er sich zu seinem neuesten Beitrag. «Erst mal checken, ob er auch sauber läuft.» Cox stellt das Video auf Repeat.



21

Ich sitze im Tiefkühllager und habe eine Daunenjacke über meinen Kittel gestreift. In der Hand habe ich ein Etikettiergerät. Ich drücke neue Preise auf tiefgekühlten Spinat. Meine Finger schmerzen. Wie kalt das hier ist. Trotzdem besser als vorhin in der Backstube. Da war ich dauernd am Backofen. Das kann doch nicht gesund sein, wenn die mich gleich danach in den Tiefkühlraum schicken. Ich muss mir dringend ein neues Fieberthermometer besorgen. Ich kenne meine Körpertemperatur noch immer nicht. Aber ich kann am Thermometer hier drin ablesen, wieviel Grad es hier hat: -19 °C. Wenn ich mir das jetzt in den Mund stecke, hilft es mir auch nicht weiter. Das passt alles nicht mehr zusammen. Ich drehe am Etikettiergerät, als könnte ich damit meine innere Temperatur regulieren. Vorhin habe ich Milena gesehen. Wir haben fast die gleiche Aufgabe. Nur zeichnet sie im Lager Non-Food-Artikel aus und ich hocke hier in der Kälte. Vielleicht wird mir warm, wenn ich den Song höre, über den wir uns unterhalten haben. Zum Glück funktioniert meine Playlist auf dem Handy. Und die Kopfhörer. ‚I will always feel for you‘ Irgendwie muss ich ja warm werden. Welchen Preis hab ich da eigentlich jetzt eingestellt? Oh. Kann man die nochmal abziehen? Ok, mit bisschen Kratzen geht das schon. Und jetzt neu. Nochmal Preisvergleich. Oh. Ok. Kratzen. Und jetzt nochmal neu.

Das war höhere Gewalt. Ist klar, dass ich da raus muss, wenn keine Aufkleber mehr im Etikettiergerät sind. Milena hat das Zweite. Ich frage sie gleich mal, ob sie es mir leiht. Endlich, ein Grund zu ihr zu gehen. Ich sehe Milena gleich, als ich aus dem Tiefkühlraum gehe. Ich gehe zu ihr. Sie lächelt. Ich lächle zurück, so gut ich kann. Ich hoffe, mein Lächeln ist natürlich.
«Hey», sage ich, so sanft und neutral wie möglich.
«Hey.»
«Ich glaube, meine Etiketten sind aus», sage ich und zeige ihr das leere Gerät.
«Oh. Ich kann dir das hier gleich geben.»
«Ok, super.»
«Alles ok bei dir?»
«Ja, wieso fragst du?»
«Du siehst geknickt aus.»
«Ach, ich bin nur bisschen geschrumpft in der Kälte.»
«Wir können auch tauschen. Du machst hier weiter. Ich im Tiefkühlraum», bietet sie mir an. Ich schlage ihr meinen Plan vor:
«Wir können auch beide hier weitermachen. Und dann dort. Niemand sollte alleine in dieser Kälte sein.»
«Ok.»

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich sitze neben Milena. Sie zeichnet Plastikschrott aus und ich sehe ihr dabei zu. Ich spüre, dass ich sie nicht störe. Ich spüre, dass es sich jetzt besser für sie anfühlt, wenn wir zu zweit hier sitzen. Ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen. Ich denke an Bea und Cox. Das war wirklich ein magischer Moment zwischen den beiden und ich habe geholfen, ihn zu zerstören. Ich habe ihn nicht verteidigt. Ich habe meine Schwester nicht verteidigt. Und ich habe ihr nichtmal was davon gesagt.
«Was denkst du?» fragt Milena. «Du wirkst so abwesend.»
«Hast du dir schonmal die Videos von Kneter und Cox angesehen?»
«Ja.»
«Kneters bestes Video hat jetzt 16.000 Aufrufe.»
«Wow.»
«Gefallen dir die Videos?»
«Ehrlich gesagt finde ich sie ziemlich hohl.»
«Ja, ich auch.»
«Ich dachte, du wärst da voll mit drin.»
«Ja, irgendwie schon.»
«Wie passt das denn zusammen?»
«Keine Ahnung. Ich merke oft erst später, wenn ich irgendwo voll mit drin bin.»
«So wie im Tiefkühlraum, hm?»
«So ungefähr.»
Schweigen.
«Ich glaube, ich hab‘ Scheiße gebaut.»
«Was denn?»
«Ich hab‘ jemanden gefilmt.»
«Aha.»
«Cox und meine Schwester.»
«Ok?»
«Cox hat sich nackt im Wald gewälzt und Bea hat ihn gesehen, als sie vorbeigejoggt ist.»
«Oh, Wow.»
«Ich hab‘ gefilmt, wie sie sich angesehen haben.»
«Jetzt machst du mich neugierig.»
«Das war so ein Moment, den ich mir eigentlich für mich selbst gewünscht habe, aber ich habe ihn aufgenommen wie so ein Spanner.»
«Schön, was du dir für Momente wünschst.»
«Dann kam dann auch noch Cox‘ Vater dazu.»
«Ok, zeig‘ mir das Video mal bitte.»
«Ich wollte das eigentlich nie wieder sehen.»
«Zeig’s mir trotzdem.»
Ich hole mein Handy raus. Ich suche 20th Century Cox und scrolle. Kein Ergebnis. Das Video ist weg.
«Seltsam.»
«Was?»
«Ich finde es nicht mehr.»
Das Video ist weg. Wurde es gestriked, weil Cox nackt war, oder hat er er es selbst gelöscht? Ich wische über das Display, als könnte ich mich so zur Antwort scrollen, aber das Bild bleibt einfach stehen. Das macht etwas seltsames in mir: Mein Schuldgefühl wird größer. Vielleicht hat Cox‘ eingesehen, dass es ein Fehler war, das zu posten. Dann hat er seinen Fehler wieder gut gemacht. Aber mein Fehler bleibt. Ich hatte nie Kontrolle über diese Situation und jetzt arbeitet sie in mir weiter, obwohl es sie nicht mehr gibt. Die Situation ist ein Gefühl, das ich mit niemandem mehr teilen kann. Aber da ist doch Milena. Sie ist direkt neben mir. Ich kann das jetzt nicht so stehen lassen. Ich sage ihr das alles. Wie fange ich an? Womit fange ich nur an? Ich höre ein Knallen hinter mir. Ich drehe mich um. Herr Woigl stürmt aus dem Kühlraum.
«Wer hat die Tür zum TK-Raum aufgelassen?!», schimpft er. Ich stehe auf und sehe ihm dabei zu, wie er näher kommt.
«Und was sitzt ihr überhaupt zu zweit hier rum?!»
«Meine Etiketten sind aus», sage ich.
«Dann hol‘ dir Neue!», blafft er mich an.
Ich sage nichts, halte ihm nur das leere Gerät vors Gesicht, als wäre seine Stimmung ein Preis, den ich mir selbst ausdenken darf.



22

Wochenende. Ich bin raus aus allem. Jetzt hab‘ ich endlich Zeit für mich selbst. Ich muss das alles kurz ordnen. Nur kurz. Mein Handy vibriert. Ich schaue nicht, wer es ist. Jetzt habe ich alles ausgesperrt. Die Vorhänge sind zugezogen. Die Tür ist verschlossen. Ich bin am Boden. Im Badezimmer bei uns zuhause. Bea habe ich seit Tagen nicht gesehen. Entweder sie trainiert, oder sie trifft sich mit jemandem. Ich weiß nicht, ob sie etwas von dem Video weiß. Ich habe nichts, was mich das alles jetzt klar sehen lässt. Nur dieses Blutdruckgerät hier. Ich hab das noch nie vorher bedient. Meine Eltern wissen, wie das geht. Aber die will ich jetzt nicht stören. Ich höre «Space Oddity» aus dem Wohnzimmer. Ich glaube, sie sitzen da jetzt, spielen Scrabble und knabbern Haschkekse. Hoffentlich hören sie nicht, wie ich den Blutdruckmesser aktiviere. Ganz schön kompliziert, das Ding. Ich setz mich einfach auf den Boden und leg meine Hand auf den Badewannenrand. Ja, so geht’s. Jetzt auf Start drücken. Puh, bläst sich das laut auf. Die Wohnzimmertür! Hört man das Gerät bis nach draußen? Ich will wirklich nicht darüber diskutieren, warum ich mir hier jetzt den Blutdruck messe. Also lieber schnell wieder das Ding ausmachen. Mist, das piepst. Jetzt ist es aus. Ich hocke hier genau so blöd rum wie vorher. Das kann nicht sein. Ich will endlich wissen, was mit mir nicht stimmt. Also nochmal: Fest zubinden. Drücken. Warten. War da wieder die Tür? Mist. Jetzt hab‘ ich mich aufgeregt, während sich das aufgepumpt hat. So zählt das nicht. Das treibt sicher künstlich das Ergebnis in die Höhe. Ich fang nochmal an. So: Stop. Es fährt wieder runter. Locker machen. Arme ausschütteln. Und gleich nochmal. Es bläst sich wieder auf. Jetzt fühlt sich das richtig an. Das wird richtig fest am Arm. Hoffentlich drückt das nicht meine Adern ab. Nochmal schnell nachlesen, ob das normal so ist. Mist. Dazu muss ich mich wegbewegen. Das verfälscht das Ergebnis. Also nochmal stoppen. So. Jetzt geht’s. Was steht da? Ok, man muss mindestens 30 Sekunden so bleiben. Dann kommt das Ergebnis. Das kann doch nicht sein. In 30 Sekunden kann sich doch alles ändern. In 30 Sekunden kann ich mich komplett reinsteigern. Das treibt doch den Blutdruck künstlich in die Höhe. Ok. Ich versuche es nochmal. Aber ich kann mir das Ergebnis schon vorstellen. Das hat keinerlei Aussagekraft mehr. Ich denke zu viel. Da sind zu viele Gedanken in meinem Blutdruck. So wird das nichts. Ok. Ich schließe jetzt die Augen und bringe mich runter. Das Band sitzt noch fest. Ich will mir meinen Arm nicht umsonst abgebunden haben. Also: nochmal Start. Jetzt bläst es sich wieder auf. Wie laut das ist. Das wird jedes mal lauter. Augen geschlossen halten. Einfach warten und zählen. Vergiss das alles einfach. Vergiss alles. Was ist das!? Was piepst da so? Ist es fertig? Nein, das ist mein Handy. Fuck! Ich war wieder draußen. Jetzt ist das Ergebnis wieder verfälscht. Oh. Jetzt piepst es. Ich hab’s geschafft. Mal einen Blick aufs Display wagen. Aha, da blinkt was. Was steht denn da? 142! Oh. 142 / 82. Ich wusste es! 142 ist viel zu hoch. Deshalb blinkt das. Ich muss also jetzt wirklich dringend runterkommen. Ich muss. Ich muss mich entspannen und dann gleich nochmal messen. Vorher kann ich hier nicht raus. Vorher kann ich gar nichts. Jede Bewegung würde das jetzt weiter verfälschen. Da ist wieder eine Tür. Wie oft rennen meine Eltern denn bitte rum? Und was soll das überhaupt? Die sitzen wie Teenager im Wohnzimmer und kiffen, während ich mir wie ein Greis den Blutdruck messe. Jaja, Greis. Schön wär’s. Erstmal volljährig werden. Erstmal die nächsten Minuten überstehen. Ich hol‘ mir am besten noch das Fieberthermometer aus dem Regal, bevor ich weitermache. Ja, das ist gut. Das beruhigt mich. Nochmal kurz aufstehen. Da ist das Thermometer. Ok, und jetzt setz ich mich und versuch’s nochmal. Thermometer in den Mund. Das Band noch ein bisschen fester ziehen. Den Arm nochmal richtig ausstrecken. Und jetzt endlich: Start.

Kommst du heute in den Abstieg? Seit fünf Minuten schaue ich auf diesen Satz. Milena hat ihn geschrieben. Ich liege im Bett. Vorhin habe ich nochmal Fieber gemessen. 37,4. Geht eigentlich. Der Blutdruck fühlt sich jetzt auch anders an. Ich glaube, er ist runtergegangen, seit ich an Milena denke. Ich messe ihn einfach nochmal. Und wenn er gut ist, dann gehe ich. Ich schnalle mir das Band wieder um und binde mir damit den Arm ab. Ich bin schon wie ein Junkie. Wie oft habe ich heute eigentlich schon gemessen? Wenn Milena diese Stelle berühren würde, dann geht mein Blutdruck sicher rauf und runter gleichzeitig. Alles fühlt sich besser an, wenn sie da ist. Aber ich kann unmöglich so klapprig im Abstieg auftauchen. Also doch nochmal messen. Es geht nicht anders. Ich drücke auf Start.

«Kommst du heute noch?» Ich sehe die Nachricht, bevor das Gerät piepsen kann. Diesmal ist sie von Kneter. Ich spüre, wie der Text in meinem Blutdruck tobt. Ich reiße mir das Messgerät runter und lasse es auf den Boden plumpsen. «Was würdest du machen, wenn dein Körper spinnt?» schreibe ich Kneter. Dann schalte ich mein Handy aus und ziehe mir die Decke über den Kopf.



23

Rollen. Drehen. Fuck. Wieso muss ich das jetzt selber machen? Wir haben doch auch tiefgekühlte Teiglinge. Wer hat sich diese Scheiß Form ausgedacht? Wieso kann ich nicht einfach einen Kreis formen? Wer sagt, dass eine Breze genau so aussehen muss? Frau Stöhr schaut zu mir in die Backstube. «Klappt’s?» fragt sie. «Alles gut», murmele ich vertieft vor mich hin. Vorhin hab ich eine Breze perfekt hinbekommen. Perfekt war die. Zum Glück liegt die jetzt so da, dass die Stöhr sie sieht. Dann lässt sie mich hoffentlich in Ruhe. Wie hab ich das vorher gemacht? Ich kann das echt nicht wiederholen. Ah, jetzt sieht sich Frau Stöhr meinen Köder an.
«Das üben wir aber nochmal. So kann man die nicht verkaufen», mäkelt sie rum. Das kann nicht ihr ernst sein. Wie soll ich das denn noch besser hinkriegen? Sie haben’s mir schon dreimal erklärt. Mit jedem Mal Erklären wird’s schlechter. Bloß nicht nochmal erklären. Bloß nicht.
«Ich hab‘ die Bewegung jetzt raus», sage ich und schnappe mir ein neues Stück Teig. Hoffentlich kann ich sie abwimmeln, wenn sie meinen Elan sieht. Hoffentlich geht die gleich wieder.
«Probier’s noch eine Viertelstunde und dann komm bitte raus. Wir brauchen dich dann wieder beim Bedienen.»
«Alles klar», sage ich und atme durch. Frau Stöhr geht. Ich lege den Teig ab und schaue meine perfekte Breze nochmal an. Was hat sie denn? Ein Kunstwerk ist das. Fast schon zu schade zum Essen. Mit neuem Mut greife ich zum Teig. Ich drehe ihn, bis ich spüre, dass er an meinen Fingern klebt. Ich drücke, bis sich das, was ich mache, inspiriert anfühlt. Aber ich kriege den Teig nicht von den Fingern. Das wird einfach nicht rund. Fuck. Ich klatsche die Masse zurück aufs Blech. Ok. So schwer kann das doch nicht sein. Also nochmal. Augen zu. Finger ganz sanft an den Teig. Und jetzt: der supersofte Move.

Ja. So. Genau so. Ich betrachte den Teig genauer. Vor mir: eine platte, unförmig zerlaufende Masse. Ich habe ein Monster erschaffen. Vielleicht einen neuen Golem. Aber es sieht nicht aus, als würde da gleich was aufstehen. Nicht mal was Untotes. Ich habe also ein noch viel bedrohlicheres Monster erschaffen: Nichts. Niemand wird jemals was damit anfangen können. Und ich bin der Schöpfer. Ich hab‘ das gemacht. Ich fühle mich, als hätte ich etwas Lebendiges zerstört. Jetzt kommt auch noch Herr Woigl in den Raum. Er stellt sich neben mich. Er blickt prüfend auf das Blech.
«Ja, mei!», spricht er wie paralysiert vor sich hin.
Woigl sieht konzentriert auf meine Schöpfung. Ich habe ihn noch nie so vertieft gesehen. «Eine solche Batzlerei», murmelt er. Dann verlässt er den Raum. Gemeinsam mit Frau Stöhr kommt er zurück. Nun sehen beide auf das Blech. Sie rühren sich nicht mehr. Als wäre der Teig ein klebriges Netz, in das sich jeder verfängt, der sich ihm nähert. Frau Stöhr habe ich auch noch nie so vertieft erlebt. Sie bemerken nichtmal den Köder, mit dem ich sie ablenken wollte. Meine perfekte Breze. Immerhin die hat’s geschafft. «Hol jetzt bitte unsere tiefgekühlten Teiglinge», ordnet Herr Woigl an. «…und dann bringst sie zum Backofen und backst sie auf. Schaffst du das?»
«Klar», sage ich.
«Hoffen wir’s», murmelt Woigl. Kopfschüttelnd verlässt er die Backstube.

Mit einem dampfenden Blech komme ich aus der Backstube in den Verkaufsraum. Frau Stöhr hält mich an. Sie lässt ihren Blick über die Brezen streifen.
«Das hast du ordentlich gemacht», sagt sie. «Die können wir alle verkaufen.» Als ich die Brezen ins Fach schütte, denke ich, dass sie mich wirklich für einen Idioten halten muss. Jetzt ist es offiziell. Ich musste nichts weiter machen, als ein Blech in den Ofen schieben und auf Start drücken. Das ist, als würde sie mich dafür loben, eine Tiefkühlpizza aufbacken zu können. Aber ich hab ja noch was. Etwas anderes als Tiefkühlpizza. Etwas Echtes. Ich hole meine perfekte Breze aus dem Kittel. Ich habe sie mit aufs Blech geschmuggelt und jetzt mische ich sie kross gebacken unter die anderen. Ich beweise denen schon noch, dass die genauso gut ist.

Jetzt helfe ich Frau Stöhr beim Bedienen. Und dann ist da diese Kundin:
«Ein Pusztabrot.»
«Darf’s noch was sein?»
«Ein Zwiebelbrot»
«Außerdem?“
«Ein halbes Finnenbrot»
Wieviel Brot will die denn noch?
«Außerdem?»
«Zwei Croissants»
«Außerdem?»
«Haben sie Krapfen?»
«Ja.»
«Zwei bitte.»
«Mit welcher Füllung?»
«Welche haben sie denn?»
«Hibiskus und Marille.»
«Jeweils einen davon bitte.»
«Außerdem?»
«Zwei Brezen.»
Na endlich. Ich greife gezielt ins Fach. Zwei bekomme ich in die Hände. Die Perfekte ist eine davon. Ich hebe sie über die Theke. Ich öffne die Papiertüte, wie mich selbst. Und die Welt da draußen nimmt mich auf.
«Die nicht, bitte», höre ich.
«Was?»
«Geben sie mir bitte eine andere Breze.»
«Was passt ihnen denn an der nicht?» Ich halte sie der Dame vors Gesicht. Schräg und zerbrechlich ist sie da jetzt, in der künstlichen Beleuchtung. Jetzt erkenne ich, wie die Breze wirklich aussieht: Wie ein krankes EKG. Ich darf nicht zulassen, dass sie das durcheinanderbringt.
«Ich habe keine Andere», sage ich.
«Geben sie mir bitte eine Andere!»
«Sagen sie das zu Menschen auch, wenn ihnen jemand nicht gefällt. Die nicht! Sagen sie das?»
«Wie reden sie denn mit mir!?»
«Es geht jetzt nicht um sie! Es geht um was viel Größeres!», sage ich und wundere mich wieder über die Kraft in meiner Stimme. Ich sehe die Breze an. Was viel Größeres. Alles auf dieser Welt ist plötzlich größer als das, was ich in den Händen habe. Jetzt sehe ich Frau Stöhr. Sie ist direkt neben mir.
«Was ist denn hier los?» fragt sie düster.



24

«Mit einer Abmahnung bist noch gut dabei. Ist dir klar, oder?» sagt Herr Woigl. Wir sitzen im Büro des Supermarkts. «Wir hätten dich auch gleich rausschmeißen können. Aber wir wollen dir noch eine Chance geben», sagt Herr Woigl.
«Danke.»
«Du musst einfach noch ein bisschen lernen, wie du deine Energie einteilst, glaub ich.»
«Ja, das glaube ich auch.»
«Also, dann vergessen wir das für heute. Und nach dem Wochenende kommst du in alter Frische wieder. Oder besser: in neuer Frische.»
«In neuer Frische. Auf jeden Fall.»
«Na dann: schönes Wochenende.»
«Danke, Ihnen auch.»

Ich schließe mein Fahrrad auf. Die ersten paar Meter schiebe ich. Neue Frische. Wo soll ich die denn hernehmen? Ich setze mich aufs Rad und fahre los. Vielleicht kann ich die Frische ja jetzt zusammen strampeln. Ich beweg mich einfach ein bisschen und das bleibt dann. Ich verinnerliche das. Und dann pack ich zu! Zupacken. Was meint Woigl damit? Ich packe doch schon zu. Ich berühre alles, was er mir zeigt. Das ist alles in meinen Händen. Was kann ich dafür, dass ich die nicht unter Kontrolle habe. Also manchmal. Jetzt machen meine Hände auch, was ich will. Vielleicht sind meine Finger für alles verantwortlich. Alles was ich damit berühre, ist wie ein Code zu meinem Hirn. Und zu meinem Herz. Alles was ich in der Arbeit berühre, aktiviert eine Kombination, die ins Leere geht. Oder ist mir der Code nur zu kompliziert? Wenn ich das wüsste. Wenn ich wüsste, was ich kann. Meint er das mit Zupacken? Er meint Entschlossenheit. Aber wo führt das hin, wenn ich in der Arbeit entschlossen bin? Tut es mir gut, oder zeigt es mir nur, dass ich da nicht hingehöre? Ich glaube, wenn ich weiter Preise auf Spinatpackungen klebe, werd‘ ich nicht rausfinden, wer ich bin. Aber wenn ich die Preise nicht da drauf klebe, wer macht es dann? Gibt es jemanden, der seine Identität durch Preise auf Spinatpackungen finden kann? Woigl würde sagen: «Ja, freilich.» Aber das was Woigl sagt, oder überhaupt: das was andere sagen, ist doch immer nur ein Teil der Wahrheit. Wo ist mein Teil davon? Vielleicht bin ich ja doch für die Arbeit im Supermarkt gemacht. Wenn ich traurig bin, fühl ich mich bei mir selbst. Und die Arbeit macht mich traurig. Aber nicht auf diese Art, bei der ich mich bei mir selbst fühle. Meint Woigl mit Entschlossenheit, dass ich männlich sein soll? Männlich. Was heißt das schon? Milena kommt mir entschlossen vor. Und die ist nicht männlich. Und ihre Art von Entschlossenheit ist mir viel lieber als die von Woigl. Vielleicht würde er mich ernster nehmen, wenn ich mit dem Mofa in die Arbeit fahren würde. Mit einem, an dem ich selbst rumgeschraubt habe. Aber das ist sicher noch schwieriger, als Brezen zu formen. Wie sich das wohl anfühlt, auf so einem Ding? Ich stelle mir einfach vor, ich würde da jetzt draufsitzen. Früher konnte ich mir auf dem Rad auch immer immer vorstellen, dass ich auf einem Motorrad sitze. Lächerlich war das. Aber schön. Ich hab meine Hand ganz fest um den Griff gedreht und Motorengeräusche gemacht. Und dann hat sich alles viel schneller und besser angefühlt. Ich probier das jetzt einfach nochmal. Rechte Hand ganz fest an den Lenker. Jetzt spüre ich die Faust. Ich spüre das Metall darin. Runterdrücken. Ja. Schnell fühlt sich das an. Und jetzt das Geräusch: „VRRM..VRRRRRRRRMMMMMMM!“

Ich höre etwas. Es ist in meinem Motorengeräusch. Es kommt von außen und ich kann es nicht übertönen. Sogar wenn ich einen Motor simuliere. Es ist mein Name. «Lu!», höre ich. Ich stoppe. Ich drehe mich um. Bea. Sie sitzt neben Cox auf dem Boden. Sie lehnen an der Kanalbrücke. Ich glaube, sie haben sich gerade geküsst. «Übst du wieder für ein Wettrennen?» fragt Bea. Sie lächelt. Ich sehe, dass sie sich wohl fühlt. Auch Cox sieht sanft aus. Denen geht es grade verdammt gut, denke ich. Ich glaube, zwischen ihnen war nie etwas negatives. Trotzdem sehe ich noch das Video. Ich sehe mich jetzt im Busch stehen wie einen Stalker. Wie ein verdammter Voyeur habe ich meine Schwester und Cox gefilmt und jetzt sehen sie glücklich aus, weil sie sich von meinem Übergriff befreit haben. Ein Auftragsstalker bin ich. Einer der leise arbeitet und umsonst. Ich nehme die Kosten auf mich. Obwohl ich jetzt Verkaufsprofi im Supermarkt bin, weiß ich immer noch nicht, wie das geht: Gewinn machen. Ich sehe nur, wie es aussehen kann: wie Cox und Bea. «Sorry, ich muss weiter», sage ich und trete schnell. So schnell, dass ich keine Puste mehr für ein Motorengeräusch habe.



25

Die wissen das ganz genau. Die wissen, dass ich sie anschaue. Ich sollte auf das Zeug schauen, dass da auf dem Kassenband liegt, aber das kann ich drüber ziehen, ohne es zu sehen. Ich hab‘ das perfektioniert. Ich kann kassieren und mir dabei die Leute ansehen, die darauf warten, dass ich sie abkassiere. Ich sehe sie so genau, dass ich gar nicht mehr einschätzen kann, wie lange die Schlange ist. Das ist gut, weil ich nicht mehr so nervös bin, wenn viele Kunden warten. Aber das ist auch schwierig, weil ich jetzt einfach dauernd nervös bin. Weil ich alles noch viel näher sehe, als vorher. Ich kann nicht mehr von den Menschen hier wegschauen. Ich sehe nichts anderes mehr. Entweder ich starre auf das Fließband oder auf die Gesichter. Ich weiß nicht, was anstrengender ist. Ich kann mir nichtmal mehr was vorstellen, wenn ich die Nummern der Äpfel eingebe. 2047. Da sind sie wieder. Das ist einfach nur eine Zahl. Das hat nichts mit Zukunft zu tun. Nichts mit Phantasie. Ich gebe sie ein und bitte um Geld. Dann mache ich weiter. Jetzt sehe ich ihn. Er legt sein Zeug auf das Band. Zwei alkoholfreie Bier und eine Packung Chips. Markenchips. Teures Bier. Ich kassiere weiter. Es sind noch Leute vor ihm, aber ich spüre wie das alles näher kommt. Die Chips. Das Bier. Aber vor allem er. Ich schiele ab und zu zu ihm, um zu erkennen, ob ich mich irre, aber es wird immer deutlicher. Ich sehe sein Gesicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es je gelächelt hat. Aber ich kann mir vorstellen, wie sein Leben aussieht, nachdem ich ihn abkassiert habe. Wieso kauft er alkoholfreies Bier? Ein inkonsequenter Mann ist das. Jemand, der gerne ein Genießer wäre und denkt, er müsste dafür Markenwaren kaufen. Jemand, der gerne wild wäre, dem aber seltsam schwindlig wird, wenn er mehr als ein halbes Bier trinkt. Jemand der exzessiv sein will, aber das hemmungsloseste, was er in seinem Leben bisher geschafft hat, war, eine Packung Chips in fünf Minuten zu verschlingen. Er ist in all dem Experte geworden, ohne dass es jemand bemerkt hat. Ich habe ihn hier noch nie gesehen. Vielleicht ist er jeden Abend in einem anderen Supermarkt. Vielleicht kann er seine Einsamkeit so gut verheimlichen, dass sie ihn selbst nicht mehr stört. Oder ich täusche mich. Vielleicht bringt er die Bier und die Chips ja seiner Freundin mit. Ein Abend zu zweit, weil die Kinder heute Abend im Kino sind. Das ändert nichts. Jetzt merke ich, dass es nicht daran liegt, was er kauft. Er könnte den Inhalt eines halben Einkaufswagens hier rauf legen und es wäre das gleiche. Er könnte hier umringt von einer Großfamilie stehen und sein Blick wäre der gleiche. Ich weiß das. Ich denke hier nicht über einen Fremden nach. Jetzt greife ich nach seinem Bier und ich weiß, dass ich ihn kenne. Ich ziehe das zweite über die Kasse. Dann die Chips. Wir sehen uns an. Wir erkennen uns. 2047. Ich bin es selbst. Die Zahl hat doch in die Zukunft geführt. Direkt. Innerhalb von Sekunden. Ich schaue 26 Jahre voraus. Ich sehe mein zukünftiges Ich. Am Display meiner Kasse steht ein Preis, aber ich weiß, dass er jetzt keinen von uns beiden interessiert. Für ihn muss es genauso magisch sein wie für mich, dass wir uns jetzt hier einfach so gegenüberstehen.
«Wie fühlen sie sich?», frage ich.
Mein zukünftiges Ich sieht mich stumm an. Überfordert sieht es aus. Natürlich. Ich habe das nie gelernt. Ich habe nie gelernt, zu sagen, wie ich mich fühle. Mein zukünftiges Ich ist offenbar darauf vorbereitet. Es sieht den Preis, der auf dem Display der Kasse steht. Mein zukünftiges Ich hält mir einen Zehner hin. Aber das hier hat nichts mit Geld zu tun.
«Passt schon», sage ich.
«Was?»
«Kassieren sie den Mann doch endlich ab!», höre ich hinter mir. Die Schlange. Jetzt ist sie unbedeutend. Wie unwichtig äußere Einflüsse doch sind, wenn etwas magisches passiert.
«Passt schon», sage ich wieder. «Ich schenke es ihnen.»
Meinem zukünftigen Ich ist das peinlich. Es will zahlen. Es hält mir noch immer den Zehner hin und sieht aus, als wollte es einfach nur weg. Das verstehe ich. Wir sind so. Ich nehme sein Geld und gebe ihm raus. Dann verabschiede ich mich. Ich schaue ihm nicht nach, weil ich weiß, dass wir uns wieder sehen.



26

Cox ist bei Bea im Zimmer. Ich habe ihn nicht kommen hören, aber jetzt weiß ich, dass er da ist. Die Tür steht einen Spalt offen. Meine auch. Ich bin so still, dass ich hören kann, was sie sagen. Ich schnappe einen Fetzen mitten im Gespräch auf:
«Hast du sonst noch versucht, dir was vorzustellen?», fragt Bea.
«Ja.»
«Was denn?»
«Das kann ich jetzt nicht sagen.»
«Ach komm.»
«Ich trau mich nicht. Wirklich.»
«Hast du dir eigentlich Zecken im Wald geholt?» fragt Bea.
«Weiß ich nicht.»
«Du hast nicht geschaut?»
«Wieso sollte ich?»
«Weil die gefährlich sind.»
«Nur paar von ihnen.»
«Du fühlst dich ja so hart, hm?»
«Manchmal. Dann merk ich, dass ich’s nicht bin. Aber dann denke ich, dass ich es doch bin. Und so geht das die ganze Zeit.»
«Wie ist es jetzt gerade?»
«Jetzt fühl ich mich super hart», sagt Cox.
«Zieh dein Shirt aus», sagt Bea.
«Hm?»
«Ich will sehen, ob du Zecken hast.»
Stille. Ich stelle mir vor, was jetzt passiert. Ich sehe Cox, wie er aus seinem Shirt schlüpft. Er legt es neben sich. Bea rutscht näher an ihn heran. Sie berührt ihn sanft am Oberarm. Cox dreht sich zu ihr. Sie umarmen sich.
«Ich mein’s ernst», sagt Bea leise.
«Ich auch», sagt Cox.
Ich hänge an ihren Worten wie eine Zecke. Ich hab genug davon. Vorsichtig schleiche ich zu meiner Tür und schließe sie. Ich will jetzt wissen, wie nahe das alles an meiner Welt ist. Cox ist Schmandra. Und wenn ein Schmandra meinem Zimmer so nahe kommt, beunruhigt mich das. Wie kann Bea das so einfach zulassen? Sie ist so viel schneller als ich. Wenn ich das wäre, würde ich mich sowas vielleicht auch trauen. Jetzt erst fällt mir auf, dass ich vom Busch aus gefilmt habe. Ich war auch in den Zecken. Ich war ihnen vielleicht noch näher als Cox. Ich schleiche mich zurück in mein Zimmer. Ich suche mich ab. Ich schaue an jede Stelle, an die ich rankomme. Für später nehme ich mir vor, auch mit dem Spiegel meinen Rücken zu prüfen. Aber ich weiß, ich schaffe das nicht alleine. Ich brauche jemanden, der mich nach Zecken absucht. Jetzt gleich. Kneter. Er würde das machen. Ich bin mir sicher, er würde sofort hier her kommen. Vorher hat er sogar geschrieben. Ich weiß gar nicht, wann ich ihm das letzte Mal geantwortet habe. Warum bin ich ihm eigentlich sauer? Ich weiß es nicht, aber ich fühle mich noch sauer, also bleibe ich es. Auch wenn ich allein bin. Auch, wenn mich keiner jetzt sehen kann. Ich glaube, ich will einfach nur, dass jemand meine verborgenen Stellen erkennt. Milena. Wenn sie jetzt da wäre. Dann gäbe es nichts mehr, wonach ich suchen will. Außer ein paar Zecken. Milena. So viel bin ich nicht für sie. Ich weiß das. Ich darf ihr nicht meinen Müll andrehen. Ich darf das nicht so drehen, dass sie meine Probleme für mich lösen muss. Das muss ich selbst. Aber ich bin schon wieder weg. Ich habe mich vor allem versteckt. Ich glaube, ich habe das irgendwann gemacht, als ich es selbst nicht gemerkt habe und jetzt bin ich überrascht, dass mich niemand wirklich sieht.



27

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir Milena hier sehen. Ich bin mit Kneter und Cox im Café Hemingway. Sie sitzt an einem der Tische und lernt. Wir sitzen an einem anderen und trinken. Ich habe erfahren, worüber Cox und Bea noch so geredet haben, als er bei uns war. Cox will weg. So schnell wie möglich. Er will Bea die Welt zeigen. Aber Bea will lieber die Welt sehen, die ihr sein Vater zeigen kann. Ich hoffe, wenigstens einer von uns schafft mal den Absprung von all den Schmandras dieser Welt. Nur für eine Weile. Eigentlich mag ich sie ja. Wenn sie mich nicht dauernd überrennen würde, würde ich sie ja mögen. Aber das macht mich jetzt nicht nervös. Was mich nervös macht, ist Milena. Wir haben uns kurz zugelächelt, aber sie ist eine andere, hier drin. Sie lernt einfach in diesem Café. Ich bekomme das nichtmal in einem schallisolierten Raum hin, in Ruhe zu arbeiten und sie ist hier konzentriert über ihr Buch gebeugt. Ich stehe auf und gehe auf die Toilette, um mich zu sammeln. Ich soll jetzt hier Konversation mit Kneter und Cox treiben und gleichzeitig kann ich nur an Milena denken. Sie ist sogar da, aber sie ist nicht zugänglich für mich. Ok, noch ein Blick in den Spiegel und dann raus. Fuck. So seh ich aus. Fast schon wie mein zukünftiges Ich. Aber wenn ich hier vor dem Spiegel stehen bleibe, sehe ich mir auch nur beim verzweifelt sein zu. Dann mal zurück zu Kneter und Cox.

Beim Weg zurück kommt mir Cox entgegen. Als ich mich setze, steht Kneter auf. Sein Bier ist leer.
«Puh, das treibt», murmelt er vor sich hin. Dann verschwindet er auch aufs Klo. Ich bleibe sitzen. Ich hole mein Handy raus. Bevor ich abtauche, sehe ich nochmal zu Milena. Ich glaube, sie spürt sofort, dass sie aufdringlich angeschaut wird. Sie sieht von ihrem Schulbuch auf. Unsere Blicke treffen sich. Dann werden sie von der Kellnerin durchkreuzt, die eine Schüssel balanciert. Vor Milenas Tisch bleibt sie stehen. Sie stellt die Schüssel ab. Sie deutet zu mir.
«Das ist von den Herrn da drüben», höre ich durch das Gebrabbel im Cafe. Die Kellnerin stellt eine Zwiebelsuppe auf den Tisch. Milena schaut sich die dampfende Schüssel an. Ich sehe mich nach meinen Freunden um. Ich will wissen, ob sie sehen, was ich sehe, aber sie sind nicht da.
Milena ist jetzt ganz bei mir mit ihrer Aufmerksamkeit. Das sehe ich und fühle mich ein bisschen schuldig dabei, aber ich freue mich auch. Sie bedeutet mir, sich zu ihr zu setzen. Überrumpelt stehe ich auf. Ich schlurfe zu ihr. Ich setze mich. Milena sieht wieder in die Zwiebelsuppe, dann sieht sie mich an.
«Das ist aber nett von dir», sagt sie.
«Keine Ahnung, was das soll.»
«Willst du sie wieder mitnehmen?»
«Nein…ich..»
Milena schiebt mir den Löffel zu.
«Wir können sie teilen.»
«Was?»
«Ekelst du dich?»
«Hm…»
«Sag ehrlich: wovor ekelst du dich mehr: Vor mir oder vor der Suppe?»
«Ich weiß nicht, wie sie schmeckt…» Ich sehe Milena an. «..und bei dir weiß ich das auch nicht.»

Jetzt passiert etwas: Milena beugt sich zu mir. Sie zieht mich sanft zu sich heran. Dann drückt sie mir einen Kuss auf die Lippen. Ich verliere das Gleichgewicht. Die Zeit wird weich. Alles rutscht weg. Jetzt balanciere ich über ihren kleinen Finger, denke ich. Und der hat mehr Kraft als alles, was ich jemals berührt habe. Das ist viel zu viel Kraft auf einmal.
Panisch rutsche ich zurück. Ich reiße die Augen auf. Überfordert starre ich Milena an. Ich sehe ihr beim Aufstehen zu.
«Bald weißt du beides. Guten Appetit», sagt sie. Sie verlässt das Lokal. Ich bemerke, wie weit ich vom Tisch weg bin. Ich frage mich, wie ich zu dem Löffel zurückfinden soll. Aber ich muss die Frage nicht beantworten: Mein Stuhl schiebt sich von alleine an den Tisch. Dann sitzen Cox und Kneter neben mir. Kneter schnappt sich den Löffel.
«Keine Angst, wir haben das alles drauf», sagt Cox sanft, wie um mich zu beruhigen.



28

«2047 bitte.»
«Das kann nicht sein. Da steht 9,93.»
«Der Preis nützt uns nichts. Wir haben da eigene Zahlen. 2047 bitte.»
«Das kostet keine 20 Euro. Das sehe ich doch an ihrer Kasse.»
«Wir schalten den Preis der Äpfel durch die Zahl frei.»
«Welche Äpfel?»
«Die aus dem Angebot.»
«Ich habe keine Äpfel!»
Ich wache auf. Leider nicht aus einem Traum, sondern aus einer Situation, aus der ich jetzt nicht mehr rauskomme. Ich hab da was durcheinandergebracht. Jetzt sehe ich es. Die Zahl, die ich mir für die Äpfel gemerkt habe, hat sich zwischen mich und den Preis geschlichen. Meine Zukunftszahl. Wie konnte ich die da reinbringen? Zum Glück bin ich als einziger in der Kasse. Es sehen mich nur die Kunden. Die kassiere ich jetzt schnell ab und den nächsten Schwung mach ich dann konzentriert. Ok. Ich gebe dem Herrn auf seinen Zehner raus.
«Danke. Scheißen.»
«Was?!» höre ich und zucke zusammen. Aber ich höre es nur in mir.
«Auf Wiedersehen», sagt der Herr höflich. Er lässt mich damit allein. «Danke. Scheißen» Jetzt sehe ich die Schlange vor mir und jedes Gesicht ist ein maßgeschneidertes Ziel für den Gedanken. Er schleicht sich an, wie die Zahl vorher. «Danke. Scheißen.» Ich muss mich ablenken. Milena. Wir haben uns wirklich geküsst. Ich schreibe ihr. In der Pause schreibe ich ihr und frage, was das war. Solange ziehe ich das hier weiter über den Scanner. Das merkt gar niemand, wie’s mir geht. Mein «Hallo» ist einfach eine Ware und sie ist im Angebot. Ich will nichts dafür. Ich warte auf den Moment, bis die Ware einfach ausverkauft ist. Das versteht dann jeder. Aber da ist so viel Reserve. Mein Herz. Wie sich das jetzt anfühlt. Mein Fuß am Pedal. Vor mir das Band. Und die Sachen drauf. Der Scanner. Als käme der Strom dafür aus meinem Herzmuskel. Dieses Piepsen die ganze Zeit. So unregelmäßig. Wie ein krankes EKG, als wären es die letzten Töne meiner perfekten Breze. Alle Menschen sind hier zwei Köpfe größer als ich. Und alle bewegen sich. Sogar dieses Kassenband. Andauernd. Alles bewegt sich an mir vorbei. Alles bewegt sich durch mich durch. Als hätte ich einen Tunnel durch meinen Körper gebohrt und alles was da vorher drin war, wild um mich geschmissen. Das Band vor mir. Da ist meine Zunge. Als hätte sie jemand mit Gummi überzogen und vor mir ausgedehnt. Und jedes Mal wenn ich nach dem Zeug greife, fühlt es sich an, als würde ich auf der Zunge herumtatschen, als würde ich meinen Finger bis zum Würgereiz in mich hineinstopfen. Ich kann nicht mehr. Dieser Krach. Dieses Licht. Ich. Das funktioniert nicht mehr zusammen. Von manchen ist so viel Ich übrig. Und ich muss graben, bis ich was davon finde und wenn ich es dann mit aller Kraft aus mir raushole, rutscht es mir aus den Händen und fällt mir auf die Füße. Oder es fällt dem auf die Füße, der neben mir steht. Ich. Das fühlt sich gut an, wenn ich das denke: Ich. Ich. Ich. Jetzt könnte ich es zu Kneter sagen. Oder zu einem Spiegel, wenn einer da wäre. Jetzt kann ich es üben. Ich muss Ich in Gedanken betonen können. Dann ist es auch klar, was ich meine, wenn ich es sage. Aber wie betone ich einen Gedanken korrekt? Wie denke ich richtig? Wie viel soll ich davon sagen? Am besten alles. Was ich denke, vergesse ich sowieso immer sofort wieder. Und dann kommt es zurück als Gefühl, das ich nicht verstehe.

Als ich am Abend die Kasse abrechne, fehlen 100 Euro.
«Vielleicht falsch gerundet», sage ich und frage mich, ob ich Geld geklaut habe. Aber das einzige Geld an das ich mich erinnere, war der Cent, den ich letztens vom Boden aufgehoben habe. Ich habe ihn immer noch in meinem Kittel. Weiter hilft er mir jetzt trotzdem nicht.
«Es sind genau hundert Euro», sagt Herr Woigl.
«Ich zähl nochmal», biete ich an, aber ich merke, dass er mir nicht traut.
«Lu?», fragt Herr Woigl ernst. Ich sehe, dass er etwas fragen wird, was ich nicht beantworten kann. Nicht, weil ich nicht kann, sondern weil ich in der Antwort meine Welt in einem Satz erklären müsste. Und mir fällt nicht mal das erste Wort davon ein.
«Nimmst du Drogen?»
«Ja», sage ich, weil ich mir wünsche, dass die Antwort so klar ist. «Ja.»
«Das haben wir gemerkt. Wir haben uns schon gefragt, was mit dir los ist.»
«Bin ich jetzt entlassen?»
«Das kann ich nicht an Ort und Stelle entscheiden.»
«Ich hab den Hunderter.»
Herr Woigl sieht mich überrascht an, aber auch so, als würde er mir nicht glauben.
«Ich hab den Hunderter», wiederhole ich.
«Geh jetzt nach Hause. Du siehst geschafft aus», sagt er.
Ich stehe auf und schlurfe aus dem Kassenbüro. Als ich den Laden verlasse, weiß ich, dass ich da nie wieder rein gehen werde.



29

Ich bin da, wo mich niemand findet, will ich sagen, aber ich bin einfach nur da. Selbst wenn ich mich verstecke, fühle ich mich, als würde ich warten. Ich habe mein Handy auf das Existenzminimum heruntergedimmt. Ich brauche W-lan. Ich brauche meine Playlists. Ich kann auch nicht aufhören, die Messenger im Blick zu behalten. Immerhin sind sie stumm. Immerhin macht mein Handy nur noch die Geräusche, die ich ihm erlaube. Kneter schreibt andauernd. Ich sehe Nachrichten von ihm aufploppen. Reflexhaft klicke ich sie weg. Er schreibt alle paar Minuten, aber ich glaube, das hat er immer gemacht. Ich kann jetzt nicht antworten. Außerdem höre ich Cox und Bea im Nebenzimmer. Ich höre sie, obwohl die Tür zu ist. Cox will Bea wieder dazu überreden, mit ihm nach Myanmar abzuhauen. «Geh mit», sage ich in Gedanken zu Bea. Nicht weil ich will, dass sie hier weggeht, sondern weil ich mir wünsche, dass mich das jemand fragt. Ich höre nicht, was sie antwortet, aber Cox wird laut. Jetzt geht es um seinen Vater. Bea hat ihm also wieder abgesagt. Eigentlich hat sie auch keinen Grund, hier wegzugehen. Sie hat hier Erfolg in allem was sie macht. Bea weiß, was sie sich zumuten kann. Sie weiß, wer sie ist. Wie macht sie das? Ich weiß nichtmal, ob ich ein Ladendieb bin. Ich habe noch gar nicht in meinen Taschen nachgesehen, ob der Hunderter da drin ist. Und selbst wenn, kann ich nichts damit anfangen. Ich will ihn nicht. Trotzdem habe ich ihn an mich gerissen, als ihn Herr Woigl erwähnt hat, auch wenn es nur eine Vorstellung davon war. Das war wieder ein Beweis, dass meine Vorstellungen nicht echt sind. Der Cent, den ich gefunden habe, war echt. Den hab ich auch vergessen. Aber nicht, dass ich mit Milena in der Pause war, als ich ihn gefunden habe. Ich will ihr das jetzt gleich schreiben. Ich will es so schreiben, dass es klingt, als hätten wir eine gemeinsame schöne Erinnerung. Wir haben uns zu kurz geküsst, will ich schreiben. Ich frage mich, ob Cox und Bea sich auch grade küssen. Es ist still geworden im Zimmer nebenan. Ich nehme mein Handy. Da sind wieder Nachrichten von Kneter. Ich drücke sie weg, dann höre ich etwas an der Tür. Es klopft. Ich schrecke auf. «Hm?» sage ich und übe einen bösen Blick, der sagen soll, dass mit mir grade nichts los ist. Dann sehe ich Kneter. Er kommt in mein Zimmer. Er spaziert so selbstverständlich rein, dass ich ganz wach davon werde.
«Was machst du hier?», frage ich.
«Wieso gehst du nicht an dein Handy, Mann?» Kneter sagt das sanft. Er sagt das mit irgendeiner inneren Freude, die mich verwirrt.
«Wie kommst du hier rein»?, frage ich.
«Ich wusste, dass Cox hier ist, also hab ich ihn gefragt, ob er mich reinlassen kann.»
«Du hast was?»
«Wieso schaust du so genervt?»
«Ich will meine Ruhe!», schreie ich.
Kneter sieht mich getroffen an. Ich glaube, er merkt, dass er zu weit gegangen ist. Jetzt höre ich, dass sich die Tür öffnet. Bea und Cox kommen ins Zimmer.
«Lasst Lu doch mal in Ruhe», sagt sie.
Jetzt höre ich auch noch meine Eltern. Sie kommen die Treppen hoch. Plötzlich stehen alle in meinem Zimmer.
«Was ist hier denn los?», fragt mein Vater.
Ich komme mir vor, als würde ich immer mehr Menschen anlocken, je öfter ich das sage.
«Ich muss was mit Kneter besprechen», sage ich. Und als alle stehenbleiben, sage ich: «Unter vier Augen.»

«Du hast mir echt Angst gemacht mit deinem Blick», sagt Kneter.
«Ich wollte einfach niemanden sehen.»
«Sorry, das muss ich dir dringend sagen.»
«Was denn?»
«Am Wochenende ist doch diese Sportveranstaltung.»
«Die Bezirksmeisterschaften?»
«Genau.»
«Bea macht da mit.«
«Ich weiß. Und ich mach auch mit.»
«Du? Und Sport?»
«Schaust du manchmal auf unsere Lokalzeitung?»
«Ab und zu.»
«Da gab’s einen Aufruf an Schüler. Die haben jemanden gesucht, der das Sportfest dokumentiert. Da hab ich mich beworben und wurde ausgewählt.»
«Wow, ist das deinen Fans nicht zu kommerziell?»
«Die anderen Videos mache ich trotzdem weiter. Ohne die wäre ich da jetzt auch nicht reingekommen.»
«Hast du dich mit denen beworben?»
«Mit einem Best-of.»
«Mit dem Frosch?»
«Ich habe ihnen die Szene vor dem Abstieg gezeigt. Mit dir.»
«Ok?»
«Du hast da was gesagt.»
«Was denn?»
«Wenn ich mir selbst fremd bin, ist alles was ich entscheide fremdbestimmt.»
«Oh.»
«Der Redakteur fand die Szene gut.»
«Gratulation.»
«Das war dein Gedanke, Mann.»
«Ich wollte ihn mir eigentlich längst merken.»
«Ja, mach das mal.»
«Danke, dass du mich erinnert hast.»



30

Wir sind Fans. Meine Eltern und ich sitzen auf den Steinstufen des Stadions und sehen dem Sportfest zu. Es ist ein Event. Ausverkauft. Laut. Wahrscheinlich ist jeder da, den es hier gibt. Wir warten auf Bea. Bevor wir gefahren sind, habe ich meinen Eltern gestanden, dass ich aus dem Job geflogen bin. Herr Woigl hat den Hunderter wieder gefunden. Aber er meinte, dass unser Vertrauensverhältnis beschädigt ist, weil ich den Diebstahl zugegeben habe, ohne was geklaut zu haben. Meine Eltern hatten keine Zeit für lange Diskussionen. Jetzt merke ich, dass sie angespannt sind. Wegen mir. Oder wegen Bea. Das kann ich nicht genau sagen. Hier vor allen Leuten können wir das jetzt auch nicht ausdiskutieren. Ich weiß, dass wir das nach dem Sportfest machen werden. Kneter filmt die Veranstaltung so sicher, wie er mich gefilmt hat. Ich sehe, wie geschmeidig er ist, wenn er eine Kamera in der Hand hat, wie er sich Perspektiven sucht und ich weiß, dass er sie findet, ohne das Video schon gesehen zu haben. Ich höre eine Fahrradklingel hinter mir und drehe mich um. Oben am Zaun steht Milena. Ich gehe zu ihr.
«Hey», sage ich.
«Hey», sagt sie.
«Kommst du auch als Fan?»
«Ich fahr‘ in die Arbeit. Dachte, du bist vielleicht auch dort.»
«Ne..»
«Hast du frei?»
«Ich… bin rausgeflogen. Probezeit nicht bestanden.»
«Wirklich?»
«Ja.»
«Das tut mir Leid.»
«Naja, geht. Jetzt such ich mir was anderes.»
«Kannst ja zurück in die Schule.»
«Da bin ich doch längst abgehängt.»
«Noch nicht zu spät, um aufzuholen.»
Ich erinnere mich an das Podest. Genau hier war das. Ein paar Monate ist das erst her. Aber jetzt stehe ich höher als damals. Ich stehe auf einer Steinstufe. Auf Augenhöhe mit Milena. Uns trennt zwar noch ein kleiner Zaun, aber wir sehen uns an. Fast so, als würden wir uns beide grade daran erinnern, dass wir uns geküsst haben. Vielleicht ist es wirklich nicht zu spät, denke ich.
«Bis dann», sagt Milena. Ich sehe ihr nach, wie sie in die Arbeit fährt. Dann drehe ich mich zum Platz. Bea steht am Startblock. Ich sehe, dass sie mit Schmandra spricht. Cox sitzt im Schneidersitz auf einer der Stufen und beobachtet sie. Ich weiß, dass er auf sie warten wird. Egal, wie lange sie läuft. Cox wird da noch sitzen. Und egal wie schnell Bea rennt, sie wird nicht so schnell sein, um an Cox vorbei zu kommen, obwohl oder vielleicht weil sein Vater ihr erklärt, wie sie laufen soll. Jemand stupst mich an. Ich drehe mich um. Kneter.
«Was stehst du hier so rum? Deine Schwester läuft.»
«Ja, ich weiß.»
«Ja dann. Lass mal hinschauen.»
«Solltest du nicht filmen?»
«Das mach ich schon noch. Jetzt bin ich einfach nur Fan.»

«Die laufen nur so 20 Sekunden», sage ich, als wir ganz unten an der Bahn sitzen.
«Krass, oder?»
«20 Sekunden. Danach ist alles anders.»
«Wie feuern wir sie an?»
«Ich würde sagen: Schreien.»
«Klingt gut.»
Wir hören einen Schuss. Es wird laut um uns herum. Ich höre die Schritte der Läuferinnen. Ich sehe Bea. Sie ist dritte, aber sie holt auf.
«Jetzt», sage ich zu Kneter. «Jetzt.»
Wir schreien.




















Vielen Dank an Sarah@wordcase und Dirk Bernemann für den Input





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