Stell dir vor

„Wie lange war das?“
„Paar Minuten höchstens.“
„Das hat sich angefühlt wie ne halbe Stunde.“
„Wieso hast du weggeschaut?“
„Ich dachte, da war was am Fenster.“

„Nochmal?“
„Ok.“

„Darf ich eigentlich sprechen?“
„Wenn es dir hilft.“
„Schielen ist nicht Wegschauen, oder?“
„Wie, schielen?“

„So.“

„Das ist Wegschauen.“
„Aber das passiert einfach. Das ist wie Blinzeln, nur seitlich.“
„Probieren wir’s nochmal. Ohne Schielen.“
„Ok.“

„Was war die längste Zeit, die du ausgehalten hast?“
„Stunden.“
„Das stimmt nicht. Ich sehe, dass das nicht stimmt.“
„Jetzt siehst du mich wirklich an.“
„Was war die längste Zeit, die du ausgehalten hast?“
„Stunden.“
„Wow, das stimmt wirklich.“
„Ja, das stimmt.“
„So einfach ist das nicht, oder?“
„Nein.“
„Ich meine, so einfach ist es nicht: wenn jemand wegschaut ist er nicht gleich schwächer.“
„Irgendwie schon.“
„Ich will mir einen Blick nicht als Gegner merken. Deshalb verlier‘ ich. Deshalb schau‘ ich so schnell weg.“
„Wer sagt, dass du ihn dir als Gegner merken sollst?“
„Ich bin einfach nicht gemacht für Blickkontakt.“
„Deshalb üben wir.“
„Man kann nicht üben.“
„Hm?“
„Üben ist anders. Alles ist immer anders, wenn es wirklich um was geht.“
„Stell dir vor, dass es um was geht.“
„Ich kann mir nichts anderes vorstellen, wenn ich dir in die Augen schaue.“
„Deshalb siehst du lieber weg.“
„Nein. Ich sehe nicht lieber weg. Das siehst du. Jetzt siehst du’s.“
„Ich sehe, dass du dich leicht ablenken lässt. Alles andere wird interessanter, wenn du dich auf was konzentrieren sollst.“
„Ist da wieder was am Fenster?“
„Ja.“
„Es könnte wichtig sein. Da könnte was passieren.“
„Das ist einfach nur ein Fenster.“
„Jetzt ist es in meinem Augenwinkel, genau dort, wo am meisten passiert.“
„Dann schau‘ hin.“
„Dann verlier‘ ich.“

„Wieso passiert in deinem Augenwinkel am meisten?“
„Weil sich da alles zusammenbrauct. Ich glaube, ich kann dann dabei zusehen, wie alles entsteht.“
„Wenn du mich direkt anschaust, kannst du dabei zusehen, was jetzt ist.“
„Aber so bleibt es nicht.“
„Das hängst davon ab, wie lange du schaust.“

„Was passiert denn in deinen Augenwinkeln?“
„Nichts was mich stört. Das gehört alles zusammen.“
„Wenn das alles zusammengehört, dann darf ich auch schielen.“
„Wenn du magst.“

„Da ist nichts am Fenster.“
„Nein.“
„Wie lange war das?“
„Paar Minuten höchstens.“
„Das nächste Mal gewinnen ich. Jetzt weiß ich, wie man gewinnt.“
„Das denkst du, weil du wieder geschielt hast.“
„Beim nächsten Mal hilft es mir.“
„Probieren wir’s nochmal. Ohne Schielen.“
„Ok.“

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