Hase und Igel



„Hase und Igel“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Für mich zählt das nicht zu den desillusionierenden Märchen.“
„Für mich schon. Ich bin der Hase. Ich hab‘ das sofort gemerkt.“
„Der Hase ist aber ein Idiot. Er beleidigt den Igel, weil er so kleine Beine hat.“
„Das macht es für mich nicht besser.“
„Immerhin haben dich die Igel platt gemacht.“
„Ja, ich glaube, das Gefühl wirkt immer noch nach.“
„Wie denn?“
„Ich idealisiere Menschen, die wie Igel sind.“
„Klingt, als würde das schmerzhaft für dich enden.“
„Ein bisschen.“
„Wir ändern das: Wir denken uns ein anderes Ende aus.“
„Ok?“
„Wir schaffen neue Fakten: Ich glaube, die Igel haben nur Stacheln, um dir damit die Beine zerschneiden zu können. Das haben sie in der Nacht vor dem Rennen getan. Sonst hättest du gewonnen, selbst wenn sie sich versteckt hätten.“
„Das ist eine schräge Theorie.“
„Es ist ein Ausweg aus deiner Niederlage.“
„Das funktioniert so nicht.“
„Stell’s dir einfach vor.“
„Igel machen sowas nicht. Die greifen nicht an.“
„Die sind schlauer als du, vergiss das nicht.“
„Deshalb bilde ich mich ja andauernd weiter, um auzuholen.“
„Wo bildest du dich weiter?“
„In der Bib.“
„Da stehen doch auch nur Märchen. Ich habe einen echten toten Igel auf der Straße gesehen. Wer ist ihm näher, hm?“
„Du, aber was bringt dir das?“
„Ich sehe, wie es in echt ist.“
„Du siehst höchstens ein Auto auf dich zurasen, wenn du da nicht weg gehst.“
„Ja, die wollen mir die Freiheit klauen.“
„Geh da weg, dann klaut dir niemand die Freiheit.“
„Als ob du dich bewegen würdest. Du sitzt in der Bib rum und fühlst dich überlegen.“
„Ich lese einfach.“
„Du frisst Faketheorien in dich rein!“
„Das dauert eben ne Weile, gute Quellen zu finden!“
„Nichts davon ist echt. Nur der tote Igel ist echt.“
„Geh‘ von der Straße weg!“
„Ich lass‘ mir doch von dir nicht auch noch die Freiheit einschränken.“
„Bald wird’s dunkel. Das schränkt dich ein.“
„Ich fresse den toten Igel.“
„Was?!“
„Du zwingst mich dazu, den toten Igel zu fressen.“
„Lass‘ die Scheiße.“
„Du warnst mich doch nur, weil du als Gutmensch dastehen willst. Ich fresse den Igel und wenn ich mich verletze, bist du Schuld. Du hast mich in die Enge getrieben.“
„Stop. Igel sterben nicht! Nicht in dieser Geschichte. Deine Theorie macht nichts besser.“
„Hm. Vielleicht hast du Recht.“
„Ich bin noch immer der Hase. Daran hat sich nichts geändert.“
„Wie ist der Hase denn so?“
„Er verliert. Er verliert einfach alles. In echt wird er dauernd gejagt und in der Geschichte verliert er gegen ein Tier, das eigentlich nicht sein Feind ist. Und er hat nichts von seiner Niederlage. Nichtmal Sympathie, weil er die Lektion wirklich verdient.“
„Wieso musst du auch der Hase sein?“
„Sowas sucht man sich doch nicht aus.“
„Doch, das tut man. Man sucht sich was aus und dann bewegt man sich.“
„Aha.“
„Ich glaube, du bist teilweise sogar schlauer als ein Hase. Du könntest dich in kleinen Evolutionsschritten aus der Geschichte raus entwickeln. Vielleicht solltest du die Nahrungskette hochklettern und dich für einen Hund halten. Nur für den Anfang.“
„Ich glaube nicht, dass Evolution sowas kann.“
„Die kann das. Die hat dich ja auch in einen Hasen verwandelt, also streng‘ dich mal an!“

„Soll ich jetzt bellen?“
„Wäre ein guter Start.“

„Ok, danke, das reicht!“
„Das klang schräng, oder?“
„Du könntest diese Evolutionsstufe auch einfach überspringen.“
„Ich bin nicht schnell genug.“
„Benutz‘ dein Hasentempo.“

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