Das ist so offensiv

„Das ist echt kompliziert.“
„Hm?“
„Ich muss diese Mail beenden.“
„Was ist daran denn kompliziert?“
„Ich weiß nicht, welche Grußformel ich verwenden soll. Die kann alles zum Einsturz bringen. Die ganze Mail ist Müll, wenn die Grußformel falsch ist.“
„Du hast drei Absätze frei geschrieben und jetzt machst du dir Gedanken wegen einer vorgefertigten Formel?“
„Frei schreiben ist so leicht.“
„‚Liebe Grüße‘ geht immer.“
„Das ist so offensiv.“
„Das ist einfach nur nett. Findest du nett sein offensiv?“
„‚Liebe Grüße‘ passt nicht zur Mail.“
„Dann ist deine Mail zu trocken.“
„Die ist ja auch beruflich.“
„Dann sollte da erst recht ein bisschen Emotion rein.“
„Ich könnte die Signatur ganz weglassen. Ich verabschiede mich einfach gar nicht. Damit signalisiere ich, dass das Gespräch von mir aus immer weitergehen kann.“
„Damit würgst du das Gespräch ab.“
„So meine ich das aber nicht.“
„Dann schreib‘ ‚Liebe Grüße‘ oder ‚Alles Liebe‘.“
„Ich schreib‘ ‚Viele Grüße‘. Das ist neutral.“
„Damit nimmst du deiner Mail die Kraft. Du machst sie beliebig. Du machst dich beliebig.“
„Streng genommen habe ich nur zwei Formeln zur Auswahl: ‚Liebe Grüße‘ und ‚Viele Grüße‘. Das ist, als hätte ich die Wahl zwischen Himmel und Hölle.“
„Ja, und ‚Viele Grüße‘ kommt direkt aus der Hölle.“
„Ich vermisse da einfach die Zwischentöne.“
„Brauchst du wirklich in allem Zwischentöne?“
„Nur, wenn ich unsicher bin.“
„Ich weiß nicht, ob du sicherer wirst, wenn du allen Zwischentönen nachspürst.“
„Wenn es die Entscheidenden sind, dann schon.“
„‚Viele Grüße‘ klingt einfach nach Quantität. Als würdest du die Empfänger mit Grüßen bombardieren, bis sie endlich verschwinden.“
„‚Liebe Grüße‘ klingt indiskret. Ich glaube, bei mir klingt das indiskret.“
„Wie fandest du das in der Mail, die du bekommen hast?“
„Authentisch.“
„Das ist einfach wie ein Satzzeichen.“
„Aha.“
„…und welches Satzzeichen wäre ‚Viele Grüße‘ in deinem Text?“
„Hm. Eins, das mitten im Satz steht.“
„Dann nimm‘ es raus und setzte es so, dass es authentisch ist.“
„‚Viele Grüße‘ klingt überall, als würde es mitten im Satz stehen.“
„Eben.“

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