Basics

„Was ist dir denn am Wichtigsten?“
„Das ist alles gleich wichtig.“
„Ist es so wichtig, den ‚Raben‘ auswendig zu können?“
„Natürlich. ‚Der Rabe‘ ist eh schon ein Kompromiss. Ich hab‘ immer noch nicht verarbeitet, dass ich nie den ganzen Poe schaffen werde.“
„Wann nimmst du dir denn die Zeit zum Lernen?“
„Meistens während der Arbeit.“
„Ich dachte, da hast du ein neues Projekt übernommen.“
„Ja, hab‘ ich. Aber der ‚Rabe‘ erdet mich. Ich will mich nicht von der Hektik des Jobs anstecken lassen.“
„Dann hör‘ auf, dauernd Zusatzprojekte zu übernehmen.“
„Dann stagniere ich aber.“
„Vorhin hast du noch gesagt, dass du Karrierepläne verachtest.“
„Das ist ein Unterschied: die Zusatzprojekte mache ich aus fachlichem Interesse. Ich würde nie einen persönlichen Nutzen daraus ziehen.“
„Kein Wunder, dass dir da die Energie ausgeht.“
„Ach. Im Privatleben hol‘ ich sie mir zurück.“
„Mit deinen Kontakten?“
„Zum Beispiel.“
„Ich frage mich, wie du die alle pflegen willst.“
„Ja, das erfordert Feingefühl.“
„Wie oft kommt es vor, dass du mehr Leute treffen willst, als die Woche Tage hat?“
„Ok: oft.“
„Wahrscheinlich hast du nach unserem Treffen auch schon wieder was ausgemacht.“
„Nichts ausgemacht. Eher was geplant.“
„Was denn?“
„Ich lerne jetzt Spanisch.“
„Aha.“
„Ich will endlich Neruda im Original lesen. Ich glaube, er weiß, wie man die richtigen Zeichen setzt. Gerade jetzt. Außerdem spreche ich keine einzige romanische Sprache. Ich komme mir total ignorant dabei vor.“
„Legst du das Wörterbuch dann zu den anderen Büchern, die du gleichzeitig liest?“
„Nein. Spanisch klaut mir keine Lesezeit. Ich lern‘ das beim Marathontraining. Da hab‘ ich den Kopf frei. Da bin ich aufnahmefähig.“
„Ich dachte, beim Marathontraining arbeitest du an deinen Schreibideen.“
„Das geht beides. Ich hab‘ da ja mehr als drei Stunden Zeit. Ich könnte sogar noch zusätzlich was reinpacken, vielleicht Teile des ‚Raben‘.“
„Was machen deine Schreibideen so?“
„Die wachsen.“
„Inhaltlich oder zahlenmäßig?“
„Ok: zahlenmäßig.“
„Ich frag‘ mich, wann du überhaupt zum Schreiben kommst.“
„Oft. In der Bahn. Im Ehrenamt. Beim Essen.“
„Ok, dann isst du immerhin nicht mehr im Gehen.“
„Nur Junk Food. Alles andere esse ich im Sitzen. Also meistens.“
„Was ist mit Schlaf?“
„Der ist top. Den verteidige ich gegen alles.“
„Das klingt, als wäre dein Schlaf ein stundenlanger Kampf.“
„Genau. Es ist ein guter Kampf, bei dem ich am Ende triumphiere.“
„Du brennst aus, wenn du so weiter machst.“
„Quatsch. Ich schaffe doch nur einen Bruchteil von dem, was ich mir vornehme!“
„Du kannst einfach nicht alles haben.“
„Alles? Das sind doch nur Basics!“
„Das ist nichts! Wenn du das so machst, ist das alles einfach nur leer.“
„Leer war ich vorher. Jetzt sauge ich alles auf. Alles was man heute so braucht, um sich orientieren zu können. Außerdem fehlt eh noch die Hälfte.“
„Was fehlt denn noch?“
„Ich sollte endlich gegen die Lebensmittelindustrie angärtnern. Ich sollte mich von der Kleidungsindustrie frei schneidern. Ich sollte Krisen erklären können. Das kann doch alles nicht so weiter gehen!“
„Nein, kann es nicht. Aber wenn du so weiter machst, bist du ein leichtes Opfer. Dann zeigst du: alles was du machst, ist halbherzig.“
„Da steckt viel mehr als nur halbherzige Kraft drin!“
„Ja, und die lässt du ungenutzt.“
„Ich verteile sie klug!“
„Du hackst sie klein!“
„Das gehört so. Dann kann ich sie überall mitnehmen.“
„Deine Kraft bringt doch nur was, wenn sie da ist!“
„Ist sie doch. Sie ist überall, wo ich bin.“
„Und hast du das Gefühl, da zu sein?“
„Jetzt schon.“
„Gut.“
„Aber ich muss jetzt dann mal wieder.“

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