350

„Ach so meinst du das.“
„Genau.“
„Dann kommt das aber nicht rüber.“
„Ja, ist vielleicht ein bisschen subtil.“
„Das ist einfach zu wenig. So wie du ihn zeichnest, ist das ein Trottel.“
„Das ist kein Trottel. Das ist einer, der sich bei allem so sehr anstellt, dass der Leser weiß: aha, der scheitert überall kläglich. Der muss irgendeine verborgene Genialität haben.“
„Ich merk‘ da nichts von verborgener Genialität.“
„Die wird ja auch subtil aufgebaut.“
„Über wie viele Seiten?“
„So 100.“
„Ich kann mich aber nicht für eine Andeutung durch 100 Seiten quälen!“
„Es wird ja viel mehr angedeutet.“
„Wieso wird das alles nur angedeutet?“
„Weil ich dann viel sagen kann, ohne viel schreiben zu müssen.“
„Wieso schreibst du denn dann, wenn du gar nicht schreiben willst?“
„Ich will doch, aber eben nicht so viel.“
„Ja, genau das merke ich beim Lesen. Manchmal frag‘ ich mich, wieso du dir das antust.“
„Vielleicht ist das der Konflikt der Figur, der auf dich übergesprungen ist.“
„Hast du dir deine Figur mal außerhalb deiner Geschichte vorgestellt?“
„Klar.“
„Und denkst du, sie ist genial?“
„Eher nicht.“
„Eben. Ich auch nicht. Ich würde es gerne, aber du gibst mir keinerlei Möglichkeit dafür.“
„Ich will dir die Genialität der Figur auch nicht aufzwingen.“
„Aha.“
„Ich will dir einfach nur eine Ahnung davon geben, dass sie unter gewissen Umständen das Potenzial hätte, anders zu reagieren, als sie es tut.“
„Das klingt, als wolltest du einen Roman darüber schreiben, was deine Figur nicht macht.“
„Um ehrlich zu sein: ich hab‘ ihn schon geschrieben.“
„Ganz?“
„Ich war inspiriert. Das kam einfach so raus.“
„So kann ich das auf jeden Fall nicht rausbringen.“
„Ich kann noch ein bisschen am Schluss feilen, falls das was hilft.“
„Wenn du willst, dass ich das bis zum Schluss lese, musst du auch den Anfang ändern. Und den Mittelteil.“
„Das sind 350 Seiten!“
„Wieso schreibst du auch 350 Seiten ohne Plan?“
„Ich dachte, ein Plan würde mich bremsen.“
„Nimm dir einfach die Zeit, die du brauchst und schick mir die Geschichte, wenn sie gut ist.“
„Sie ist gut. Wenn ich sie mir vorstelle, ist sie gut.“
„Wenn du sie liest, ist sie dann so, wie du sie dir vorgestellt hast?“
„Nein.“
„Eben.“

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