Ich hör‘ nichts davon

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Wir sind zu zweit. Wir kennen uns kaum. Wir sind ein Tinder-Match mit zwei Fahrrädern. Und jetzt bin ich mit ihr in der überfüllten S-Bahn und halte mich an meinem Rad fest. Wir stehen uns gegenüber. Wir sehen aus dem Fenster und ergänzen uns dabei: Jeder schaut in eine andere Richtung. Zwei Tage wollen wir unterwegs sein. Zwei Stunden haben wir bisher gesprochen. Auf der Zugfahrt kommen zwei Minuten dazu.

Am Bahnhof schieben wir die Räder. Dann sehen wir einen Wegweiser und fahren los. Als der Weg schmal wird, fahre ich voraus. Ich fahre schnell, weil ich denke: je schneller ich bin, desto eher können wir wieder nebeneinander fahren. Ich trete, bis ich ihre Stimme weit hinter mir höre. Es sind 100 Meter zwischen uns.

Dann sind die Autos auf einmal weg. Die Smartphones sind weg. Die Burgerbuden. Der Lärm. Da sind nur noch wir, so erschöpft schon nach 10 Kilometern, dass wir uns auf eine Wiese setzen und Wasser trinken und auf das Feld vor uns starren, als hätte Wes Anderson die Grashalme für uns gefärbt. Das Beste am gemeinsamen Schauen von Filmen ist, an den gleichen Stellen zu lachen, denke ich. Dann lache ich vorsichtig, fast unsichtbar, weil ich wissen will, ob das hier auch so eine Stelle ist. Und dann sehe ich, dass sie mir zulächelt. Vielleicht weil sie froh ist, dass ich irgendeine Regung zeige, oder weil sie das selbe denkt, über das Gras und Wes Anderson, das Lachen und den Moment. Ich will das alles sofort ausformulieren, aber das einzige was ich sagen kann, ist:

»Schön hier, oder?«

»Ja, schon«, stimmt sie zu.

Sie versucht, freihändig zu fahren. Es klappt immer für ein paar Meter, dann kommt sie ins Schlingern. Ich gebe an. Mit verschränkten Armen fahre ich voraus, um ihr zu zeigen, wie leicht mir das fällt.

»Wie machst du das?« fragt sie.

»Ist ganz einfach.«

»Dann erklär’s mir.«

»Ok.«

Ich fahre neben sie, nehme die Hände vom Lenker, setze mich aufrecht und verschränke die Arme wieder.

»Das hast du vorhin auch schon getan.«

»Ja, so geht das.«

»Ich dachte, du willst es mir lernen.«

»Ich kann das unmöglich erklären. Ich kann’s dir nur zeigen.«

»Soweit war ich vorher auch schon«, sagt sie, nimmt die Arme vom Lenker und fährt freihändig um die nächste Kurve.

Ich sehe dabei zu, wie sie immer sicherer wird und frage mich, ob ich ihr geholfen habe. Oder denkt sie: Wenn der das hinkriegt, kann das doch nicht so schwer sein. Aber wieso frage ich mich, was sie denkt, wieso frage ich nicht sie selbst, denke ich und wundere mich, wieso ich schon wieder so schnell bin. Und dann kommt eine Kurve und ich verliere das Gleichgewicht und fuchtele wild herum, um nicht zu stürzen. Sie fährt sicher und freihändig vorbei, als wüsste sie längst, dass nichts passieren wird.

Jetzt steht sie am Wasser und testet die Temperatur eines Flusses mit der Zehenspitze. Dann dreht sie sich um. Sie lächelt mir zu. Ich bleibe im Schneidersitz auf den Steinen sitzen. In Klamotten. In Schuhen.

»Willst du wirklich nicht rein?«

»Nein.«

Sie kommt und setzt sich neben mich.

»Es ist nicht kalt«, sagt sie.

»Glaub ich dir.«

»Na dann. Komm!«

»Nein, ich hab keine Lust.«

Ich spüre die Hitze in meinen Socken und schiele auf meine Schuhe.

»Schämst du dich?«

»Nein«, sage ich und höre das »Ja«, das ich eigentlich sagen will. Und sie hört das auch.

»Du schämst dich für deine Füße!«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Du siehst deine Schuhe so merkwürdig an.«

»Na schön.« Ich beuge mich zu meinen Sneakers. Dann knöpfe ich die Schnürsenkel auf und schlüpfe aus den Schuhen. Der dumpfe Geruch meiner Socken hüllt uns sofort ein. Das schlägt sie nicht in die Flucht. Wir rücken sogar enger zusammen. Vielleicht weil der Gestank wie eine Schutzschicht ist, oder wie eine Fessel. Ich ziehe die schweißschweren Socken ab und werfe sie auf die Steine vor uns. Jetzt liegen sie da wie zwei Fische, die jemand in der Sonne vergessen hat.

»Ich will die nie wieder anziehen«, sage ich.

»Oh«, sagt sie.

Eine Fliege landet auf meinem Fuß. Ich schüttle sie ab, aber sie kommt gleich zurück. Ich spüre, wie sie auf der durchweichten Haut meines Fußrückens herumkrabbelt und schüttle sie wieder ab.

»Was hast du?« fragt sie.

»Nichts. Da ist nur ne Fliege.«

»Wo?«

Ich strecke meinen Fuß nach vorne. Die Fliege wird aufgewirbelt, dann landet sie sicher auf der neuen Position meines großen Zehs.

»Die mag dich«, sagt sie. »Vielleicht mag sie mich auch.«

Sie streckt ihre Füße aus und stellt sie dicht an meine. Ich kann ihre Haut spüren. Sie ist zart. Sie ist warm. Ich vergleiche unsere Füße. Ihre sehen aus wie ein feines Musikinstrument, meine wie zerbeultes Spielzeug, das jemand mit Schnaps übergossen hat. Die Fliege krabbelt jetzt zwischen meine Zehen. Ich zucke weg.

»Stell dich tot«, sagt sie.

»Dann holt sie ihre Freunde.«

»Dann versteck dich.«

»Wo denn?«

»Schau dich doch um.«

Ich schaue mich um. Dabei treffen sich unsere Blicke. Sie neigt sich ganz leicht zu mir. Ich rücke zögerlich an sie heran und streichle ihren Rücken. Sie legt ihren Kopf auf meine Schulter. Ich spüre ihren Atem an meiner Brust und pause die Wärme ihrer Nähe ab. So sitzen wir da. Ich will keinen Millimeter davon verlieren, denke ich. Dann spüre ich die Fliege an meiner Achillessehne. Ich lasse sie herumirren, bis sie wegfliegt.

Dann ist alles Wald. Wir haben uns nicht verfahren. Wir haben uns verlaufen. Fahren kann man auf diesem Weg nicht mehr. Also schieben wir unsere Fixies über Wurzeln und Sand und tragen die Räder manchmal einfach ganz, um die schmalen Reifen zu schützen.

»Weißt du, wie es klingt, wenn ein Reifen platzt?« fragt sie.

»Nicht so schön.«

»Ich glaube, ich würde das Geräusch mögen.«

»Manchmal geht einfach nur die Luft raus. Du würdest vielleicht gar nichts hören.«

»Ich würd schon so fahren, dass er richtig platzt.«

»Ok, wir suchen nach ner Stelle, wo du deinen Reifen platzen lassen kannst«, schlage ich vor.

»Schon gut. Manchmal denk ich einfach was und mach es dann doch nicht.«

»Fällt dir noch was ein?«

Schweigen.

»Seltsam, dass mir gerade das einfällt«, sagt sie.

»Was denn?«

»Weiß nicht, ob ich das sagen will.«

»Das ist fies. Etwas ankündigen und dann nicht sagen.«

»Ich hab’s doch nicht angekündigt«, sagt sie.

»Irgendwie schon.«

»Jetzt machst du’s dramatischer als es ist.«

»Dann kannst du’s ja sagen.«

Schweigen.

»Ich würd’s wirklich gern hören«, sage ich.

»Ok…«, sagt sie. »…hast du auch manchmal das Bedürfnis, jemanden zu beißen?«

»Selten.«

»Ich meine, zärtlich. Manchmal sehe ich Menschen, die ich gern beißen würde. Ich kann mir nicht vorstellen, sie zu küssen, aber ich will sie ganz sanft in die Wange beißen oder in die Nase. Findest du das seltsam?«

»Würdest du mich lieber küssen oder beißen?«

»Weiß ich noch nicht«, sagt sie und wir merken beide, dass das nicht stimmt.

Es ist dunkel geworden. Aber das Zelt steht. Die Stelle im Wald ist zufällig. Wir haben einfach angehalten, als wir die Dämmerung bemerkt haben, dann haben wir uns ein Plätzchen gesucht. In der Nähe unseres Zeltplatzes ist ein Tümpel. Mit Hilfe ihres Handylichts schleichen wir hin. Am Ufer setzen wir uns. Ich nehme einen von den Softdrinks, die ich bei einem Abstecher im Supermarkt gekauft habe und knacke die Dose. Sie hat sich denselben Drink geholt und öffnet ihn. Wir trinken.

»Hattest du heute eigentlich einen Plan wo wir hin müssen?«

»Um ehrlich zu sein: Nein.«

»Das hab ich gemerkt.«

Schweigen.

»Ich fänd’s gut, wenn du immer vorher ankündigst, wenn du mal ehrlich bist«, sagt sie.

»Ich hoffe du merkst es auch so.«

»Mal schauen. Mach einfach noch ein bisschen weiter damit«, sagt sie.

»Weiß nicht, ob mir gleich noch was einfällt.«

»Ach. Du kannst auch was erfinden.«

»Ok. Aber erst mal mach ich was anderes.« Ich stehe auf, gehe ans Ufer und pinkle an einen Baum neben den Tümpel. Dann gehe ich zurück und setze mich wieder.

»Ich glaub, mir ist was eingefallen.«

»Schön«, sagt sie.

»Das ist mir aber ein bisschen peinlich.«

»Gut so.«

Schweigen.

»Also eigentlich wollte ich unser erstes Treffen absagen«, sage ich.

»Aha. Wieso denn?«

»Weil ich dachte, ich hätte nur Gesprächsstoff für eine Minute«

»Hab schon schlimmeres erlebt..«, sagt sie. »..du solltest dir Gedanken machen, wenn du zuviel Gesprächsstoff hast. Letzte Woche habe ich mich bei einem Date sechs Stunden unterhalten. Aber es war sofort klar, dass wir uns nie wieder sehen.«

»Meinst du, er hat das gemerkt?«

»Wir haben es beide gemerkt. Dann haben wir noch mehr geredet, als müssten wir jetzt erst recht beweisen, dass wir gute Menschen sind. Anstrengend war das.«

»Ich glaube, in sechs Stunden würde alles passen, was ich je gesagt habe.«

»Das ist viel«, sagt sie.

»Mir kommt’s vor, als könnte ich mich nur an ein paar Minuten davon erinnern.«

»Vielleicht gibt’s grade keinen Grund dich zu erinnern. Sag einfach, was du jetzt denkst.«

»Würd ich gern. Ich würd’s dir wirklich gern sagen.«

»Aber?«

»Ich krieg das nicht in einem Satz hin.«

»Wer sagt, dass das ein Satz sein muss?«

Niemand, denke ich und sage nichts. Dann ist der Gedanke weg. Ich warte auf einen Neuen, auf einen, der besser ist. Einen, der ihr zeigt, wie gut das hier alles für mich ist. Einen, der besser ist als sechs Stunden reden. Doch es ist wie nach einem Traum: Ich erinnere mich, aber sobald ich drüber sprechen will, sind die Bilder weg. Als hätte ich sie vor allem anderen in Sicherheit gebracht. Auch vor mir selbst. Vielleicht sollte ich ihr das alles einfach jetzt sagen. Sie hört doch zu. Dann merke ich, dass ich die Chance verpasst habe:

Sie hält mir ihr Getränk hin.

»Willst du?«

»Schmeckt’s dir nicht?«

»Ich find’s widerlich.«

»Ok.«

Ich nehme es und trinke. Es schmeckt anders als das Vorherige. Besser. Ich bilde mir ein, einen Teil von ihr zu schmecken. Etwas Natürliches in dem künstlichen Gemisch. Ich sauge gierig an dem Drink.

»Ich hab dir vorhin beim Pinkeln zugesehen«, sagt sie.

»Aha.«

»Du hast dabei in die Sterne geschaut.«

»Hab ich gar nicht gemerkt.«

»Willst du weg?«

»Nein.«

»Aber du merkst öfter mal nicht, wo du hinsiehst, hm?«

»Manchmal merk ich’s erst, wenn’s passiert ist.«

»Vorhin haben wir uns angesehen«, sagt sie.

»Das hab ich gemerkt.«

»Deine Augen haben ausgesehen, als würdest du gleichzeitig hin- und wegschauen.«

»Ich hab hingesehen.«

»Schon gut«, sagt sie.

Schweigen.

»Seltsame Frage, aber…hast du was erkannt in meinen Augen?«

»Sie sind schön«, sagt sie.

»Danke. Aber war da noch was?«

»Was willst du denn noch?«

»Hm…manchmal kommt’s mir vor, als wär was in meinen Augen. Als hätte da jemand Musik aufgedreht. Liebeslieder. Irgendwelche Schnulzen. Und ich hab keine Ahnung, wie man sie leiser macht.«

Wir sehen uns an. Anders als vorher. Kurz. Gezielt. »Ich hör nichts davon«, sagt sie und lässt mir Zeit, das auch zu hören. Es klingt wundervoll.

»Jetzt warst du ja ganz schön ehrlich«, sagt sie.

»Ok, dann bist du jetzt dran.«

»Soso.«

Schweigen.

»Willst du mich küssen oder beißen?«

»Beißen«, sagt sie.

Wir küssen uns.

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